Kommentierte Spiele
Locker, leicht und lehrreich (VI): Orang-Utan zum Zweiten
Vabanque - 22. Aug '18
Hier habe ich einen weiteren schönen Orang-Utan für euch. Der Anfang ist nahezu identisch mit Plachetka-Adamski, nur wurde die Partie über 50 Jahre früher gespielt, und zwar vom Meister der Flanken-Eröffnungen persönlich, Richard Réti. Wir sehen hier die Folgen, die sich ergeben können, wenn Schwarz die Mitte früh öffnet. Vor allem aber werden wir Zeuge eines vorbildlichen Damenflügel-Angriffs.
Über Rétis Gegner in dieser Partie (Amos Pokorny) zu recherchieren (von dem ich keine einzige weitere Partie kenne), habe ich mir erspart, denn das übernimmt ja sowieso SF Oli1970 :)































PGN anzeigen
Ich möchte diesmal nicht stereotyp schreiben 'was man aus dieser Partie eventuell lernen kann', sondern lieber: 'Schauen wir noch noch einmal ein paar wichtige Aspekte dieser Partie an':
1) In geschlossenen Aufbauten ist eine frühe Öffnung des Zentrums für Schwarz meist riskant (hier 5... d5). Im Gegensatz zu offenen Partien zeigen sich hier die Nachteile eines solchen Vorstoßes nicht unmittelbar in Form einer taktischen Widerlegung, sondern erst mit der Zeit.
2) Vorgeschobene Zentrumsbauern können leicht 'wackeln'. Hier sieht der schwarze Zentrumsbauer e5 optisch sehr schön aus, aber er kommt ständig unter Beschuss. Er geht zwar nicht verloren, aber einige weiße Manöver basieren auf einem Angriff auf diesen Bauern. Die Schwäche des Bauern wird benutzt, um anderweitige strategische Ziele durchzusetzen (siehe auch gleich Punkt 3).
3) Ein Läufer gewinnt an Stärke, wenn der gleichfarbige Läufer des Gegners getauscht ist. Hier erzwingt Weiß mit 16. h3 diesen Abtausch, wobei Punkt 2) ins Spiel kommt, weil der Läufer nicht weichen kann wegen der Schwäche des Bauern e5.
4) Bauerngewinne, die eine Figur abseits stellen (besonders die Dame), sind immer kritisch zu betrachten. Die abseits stehende Figur wirkt nicht mit, braucht Zeit um ins Spiel zurückgeführt zu werden, und kann leicht erobert werden. Solche Möglichkeiten müssen stets genau geprüft werden. Hier muss Weiß nach 22. Dxa7 ständig vor einem möglichen schwarzen Ta8 auf der Hut sein, nachdem Schwarz den weißen Läufer, der a8 kontrolliert, abgesperrt hat.
5) Es gibt aber auch Fälle, wo die scheinbar abseits stehende Figur in Wirklichkeit direkt aufs Geschehen einwirkt. Hier wirkt die weiße Dame auf a7 im Verein mit baldigem a4-a5 auf die Punkte c7 und b6 und indirekt auch auf c5, wie durch das spätere Qualitätsopfer deutlich wird. Wichtig ist, dass der weiße Läufer die hellen Felder beherrscht, die Dame sorgt dann im Team mit dem a-Bauern (und auch mit dem Turm auf der c-Linie) für die Beherrschung der dunklen Felder.
6) Wie auch schon die vorigen Partien gezeigt haben, muss man immer erwägen, ob stark stehende Verteidigungsfiguren des Gegner nicht durch Abtausch oder gar Opfer beseitigt werden können. Hier ist es der Sc5, der das ganze schwarze Spiel zusammenhält. Nachdem Weiß seinen Turm für diesen starken Springer gegeben hat, stürzt die schwarze Partie in wenigen Zügen zusammen wie ein Kartenhaus.
7) Weit vorgeschobene Freibauern kosten dem Gegner oft Material, falls sie nicht effizient blockiert werden können. Hier ist von vorneherein klar, dass Schwarz für den weißen a-Bauern die Qualität zurückgeben muss. Nur erweist es sich (gerade aufgrund der Schwäche c7), dass diese Rückgabe der Qualität Schwarz nicht retten kann: Weiß wird in jedem Fall zwei verbundene Freibauern erhalten, die leicht gewinnen.
Über Rétis Gegner in dieser Partie (Amos Pokorny) zu recherchieren (von dem ich keine einzige weitere Partie kenne), habe ich mir erspart, denn das übernimmt ja sowieso SF Oli1970 :)
Richard Reti Amos Pokorny Maehrisch-Ostrau | Ostrava CSR | 4 | 1923.07.05 | A15 | 1:0
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. Sf3 Sf6 2. c4 Also nicht im ersten und auch nicht im 2. Zug b4; zunächst bekundet Réti die Absicht, 'Englisch' spielen zu wollen. g6 Schwarz wird an dieser Stelle wohl kaum mit dem nächsten weißen Zug gerechnet haben. 3. b4 In späteren Jahren ersetzte Réti diesen kühnen Vorstoß allerdings durch das bescheidenere b3. Lg7 4. Lb2 O-O 5. g3 Die von Hasenrat erwähnte Empfehlung von Santasiere ist hier ja e3 oder sogar d4. Aber das ergäbe andere Stellungsbilder. Freilich kann durch die Flankierung des Lf1 der Bauer c4 tendenziell schwach werden (vielleicht der Grund, warum Réti später zu b3 statt b4 überging?), aber erstens wird dies schwer auszunutzen sein, und zweitens: so wie Schwarz gleich spielt, kann dies sowieso nicht mehr passieren. d5?! Durch diese vermutlich verfrühte Öffnung des Spiels spitzt sich die Lage schnell zu. Ähnlich wie in der vorigen Partie kommt es jetzt zum Abtausch des schwarzfeldrigen Schutzläufers, nur wird die Entscheidung in dieser Partie am Damenflügel fallen. Die Maßnahmen, die Schwarz in der Folge ergreifen muss, um seinen Königsflügel zu sichern, werden Weiß nämlich Zeit geben, erfolgreich am Damenflügel anzugreifen. - Wie aussagekräftig Statistiken auch sein mögen: Die Datenbank chesstempo.com gibt nur für 5... d6 (was Adamski spielte) eine (leicht) positive Bilanz für Schwarz an, bei allen anderen Zügen scheint Weiß (statistisch) doch ein leichtes Übergewicht zu haben. 6. xd5 Sxd5 Die Dame wäre auf d5 nur Angriffen ausgesetzt. 7. Lxg7 Kxg7 8. Db3 Nun liebäugelt Weiß - ähnlich wie in der vorigen Partie - mit einem Damenschach auf der langen Diagonalen; gleichzeitig hätte er nach dem folgenden Zug Lg2 einen Abzug des Sf3 mit Angriff auf den Sd5 in petto. Daher zieht Schwarz seinen Zentralspringer vorsorglich auf einen zur Verteidigung seiner Königsstellung nützlichen Posten zurück. Sf6 9. Lg2 Sc6 10. O-O e5 In klassischer Weise besetzt Schwarz das Zentrum; er möchte nun gerne e4 nebst Sd4 spielen. In der Tat dreht sich der Kampf in den nächsten Zügen darum, dass Schwarz einen Springer nach d4 bringen will, ohne dass dieser dort abgetauscht werden kann. 11. d3 Da der 'imposante' Zentrumsbauer e5 nun nicht mehr gut vorrücken kann, wird er zur Schwäche neigen, wie man bald sehen wird. Lg4 Mit der Absicht Lxf3 nebst Sd4, was auch auf b5 geschähe. Deswegen richtet es Weiß so ein, dass er nach dem Abtausch auf f3 mit einem Springer wiedernehmen könnte, der dann wieder d4 kontrolliert. 12. Sbd2 De7 Bereitet auf das zu erwartende weiße b5 den nächsten schwarzen Zug vor. 13. b5 Sd8 14. Db2 Man erkennt jetzt die Schwäche des schwarzen e-Bauern (siehe auch die Variante zum 11. Zug von Schwarz). Sd7 15. Tac1 Mit diesem Angrif auf c7 verlagert Weiß bald sein Spiel völlig auf den Damenflügel, wozu die b4-Eröffnung ja prädestiniert ist. Tc8 16. h3 Der letzte Zug, den Weiß in dieser Partie am Königsflügel macht! Réti hat erkannt, dass er mit diesem Zug den Tausch des Lg4 erzwingen kann, wonach der Lg2 noch stärker wird, da er keinen 'Gegenspieler' mehr hat. Lxf3 Denn auf Le6 hinge ja der Bauer e5, und nach Lf5 würde Weiß mit g4 den Zug Le6 erzwingen. 17. Lxf3 f6 Damit sichert er seinen Königsflügel; vor allem blockiert er die berüchtigte lange Diagonale. Aber ab hier fällt sein Damenflügel der weißen Attacke schutzlos zum Opfer. 18. Tc3 Offensichtlich um die Türme auf der c-Linie gegen den Bauern c7 zu verdoppeln; aber auch noch mit der Absicht Da3 und Angriff auf den schwarzen a-Bauern. Da auf c7-c6 immer noch das Zurückschlagen mit dem Bauern erzwungen wäre, möchte Schwarz mit seinem nächsten Zug nun seinem Sd7 einen festen Sessel auf c5 bereiten. b6 19. Da3 Sc5 20. Sb3 Auf seinen nächsten Zug, der die Position dieses Springers festigt, hatte sich Schwarz verlassen. Sde6 21. Sxc5 Sxc5 22. Dxa7 Wie oft sind wir vor solchen Bauerngewinnen, welche die Dame völlig abseits stellen, gewarnt worden! Noch dazu wo Schwarz gleich mit einem Doppelangriff seinen Bauern zurückgewinnen kann! Aber Réti hat die Situation korrekt beurteilt: im Zusammenhang mit baldigem a4-a5 steht die weiße Dame stark, wobei aber wieder der Lf3 eine wichtige Rolle spielt (andernfalls würde ja Ta8 gleich die weiße Dame erobern!). Dd7 Der erwähnte Doppelangriff auf die weißen Bauern a4 und h3.
Der taktische Versuch e4?! , die Stellung der weißen Dame auszunutzen, funktioniert nicht wegen 23. Lxe4 Sxe4 24. xe4 Dd7 25. Tfc1 und Schwarz kann sich weder auf b5 noch auf h3 bedienen wegen Txc7+, sondern muss c7 noch einmal decken. Tf7 26. Tc6 mit Lahmlegung des schwarzen Damenflügels. Weiß spielt in der Folge Kg2, a4-a5, und nach dem erzwungenen Tausch auf a5 kommt b6.
23. a4 f5 Und nun spielt er doch nicht Dxh3? wegen 24. a5 De6 (wie wäre b6 sonst zu decken?) 25. Lc6 (vielleicht am einfachsten, weil Schwarz jetzt den Bauern b6 doch verliert und damit auch noch die Stütze des Springers c5). - Der Textzug droht aber nun tatsächlich e4 nebst Ta8 mit Eroberung der weißen Dame!
24. Lc6 Verhindert das Abschneiden des Läufers mit Tempo; der folgende Doppelangriff der schwarzen Dame ist nur ein scheinbarer, der wiederum mit Tempo abgewehrt werden kann. Dd4 25. Tc4 Dd8 26. a5 Droht axb6, da der c-Bauer gefesselt ist und nicht zurückschlagen kann. Selbstverständlich kann Schwarz nicht auf a5 nehmen, da dann der Sc5 fiele. Tf7 27. Txc5! Hübsch und schnell: die einzig gut postierte Figur des Schwarzen wird durch Qualitätsopfer entfernt, wonach der a-Bauer mit der freundlichen Unterstützung des monströsen Diagonalläufers Schwarz einen Turm kosten wird. Ja, tatsächlich, einen ganzen Turm, und nicht nur die Rückgabe der Qualität, wie wir sehen werden. xc5 28. Dxc5 Df6 29. a6 Tff8 30. a7 30. a7 Schwarz gab hier bereits auf. Nun droht Weiß nämlich Ta1, und die Blockade des Freibauern durch Ta8 ließe c7 im Stich:
Mit e4 kann Schwarz Ta1 zwar vorübergehend verhindern, aber nach 31. d4 steht er wieder vor dem gleichen Problem: Df7 (um c7 zu decken und zugleich dem Damentausch durch c5 zu entgehen) 32. Ta1 Ta8 33. Lxa8 Txa8 34. Dc6
31. Lxa8 Txa8 32. Dxc7+ Df7 33. Dxf7+ Kxf7 34. b6 Ich möchte diesmal nicht stereotyp schreiben 'was man aus dieser Partie eventuell lernen kann', sondern lieber: 'Schauen wir noch noch einmal ein paar wichtige Aspekte dieser Partie an':
1) In geschlossenen Aufbauten ist eine frühe Öffnung des Zentrums für Schwarz meist riskant (hier 5... d5). Im Gegensatz zu offenen Partien zeigen sich hier die Nachteile eines solchen Vorstoßes nicht unmittelbar in Form einer taktischen Widerlegung, sondern erst mit der Zeit.
2) Vorgeschobene Zentrumsbauern können leicht 'wackeln'. Hier sieht der schwarze Zentrumsbauer e5 optisch sehr schön aus, aber er kommt ständig unter Beschuss. Er geht zwar nicht verloren, aber einige weiße Manöver basieren auf einem Angriff auf diesen Bauern. Die Schwäche des Bauern wird benutzt, um anderweitige strategische Ziele durchzusetzen (siehe auch gleich Punkt 3).
3) Ein Läufer gewinnt an Stärke, wenn der gleichfarbige Läufer des Gegners getauscht ist. Hier erzwingt Weiß mit 16. h3 diesen Abtausch, wobei Punkt 2) ins Spiel kommt, weil der Läufer nicht weichen kann wegen der Schwäche des Bauern e5.
4) Bauerngewinne, die eine Figur abseits stellen (besonders die Dame), sind immer kritisch zu betrachten. Die abseits stehende Figur wirkt nicht mit, braucht Zeit um ins Spiel zurückgeführt zu werden, und kann leicht erobert werden. Solche Möglichkeiten müssen stets genau geprüft werden. Hier muss Weiß nach 22. Dxa7 ständig vor einem möglichen schwarzen Ta8 auf der Hut sein, nachdem Schwarz den weißen Läufer, der a8 kontrolliert, abgesperrt hat.
5) Es gibt aber auch Fälle, wo die scheinbar abseits stehende Figur in Wirklichkeit direkt aufs Geschehen einwirkt. Hier wirkt die weiße Dame auf a7 im Verein mit baldigem a4-a5 auf die Punkte c7 und b6 und indirekt auch auf c5, wie durch das spätere Qualitätsopfer deutlich wird. Wichtig ist, dass der weiße Läufer die hellen Felder beherrscht, die Dame sorgt dann im Team mit dem a-Bauern (und auch mit dem Turm auf der c-Linie) für die Beherrschung der dunklen Felder.
6) Wie auch schon die vorigen Partien gezeigt haben, muss man immer erwägen, ob stark stehende Verteidigungsfiguren des Gegner nicht durch Abtausch oder gar Opfer beseitigt werden können. Hier ist es der Sc5, der das ganze schwarze Spiel zusammenhält. Nachdem Weiß seinen Turm für diesen starken Springer gegeben hat, stürzt die schwarze Partie in wenigen Zügen zusammen wie ein Kartenhaus.
7) Weit vorgeschobene Freibauern kosten dem Gegner oft Material, falls sie nicht effizient blockiert werden können. Hier ist von vorneherein klar, dass Schwarz für den weißen a-Bauern die Qualität zurückgeben muss. Nur erweist es sich (gerade aufgrund der Schwäche c7), dass diese Rückgabe der Qualität Schwarz nicht retten kann: Weiß wird in jedem Fall zwei verbundene Freibauern erhalten, die leicht gewinnen.
Tschechov - 22. Aug '18
Zug 22 ist der Doppelangriff auf h3 und b5 nicht auf h3 und a4. Ich bemängele diesen Lapsus nicht aus Klugscheißerei, sondern um zu beweisen, daß ich der Partie wirklich gefolgt bin. Wir könnten ja mal ein Orang-Utan-Turnier anregen.
Vabanque - 22. Aug '18
Danke, da hast du selbstverständlich Recht! a4 habe ich wahrscheinlich geschrieben, weil Weiß mit a4 deckt ...
Hasenrat - 22. Aug '18
Vielen Dank! Hat wieder viel Spaß gemacht den Zügen und Kommentaren zu folgen.
Diesen Réti kannte ich tatsächlich nicht.
Ich kenne nur sein reiferes Entwicklungsstadium mit b3.
b4 taucht ja später in der Vorstoßvariante prominent wieder auf als Einkreisungsmotiv des Vorpostens, also wenn Schwarz nach 1. Sf3 d5, 2. c4 dann durch- und vorbeizieht mit d4. Wird heute wieder gern gespielt, hab ich das Gefühl, hatte es jdf. schon ein paar Mal auf dem Brett.
Diesen Réti kannte ich tatsächlich nicht.
Ich kenne nur sein reiferes Entwicklungsstadium mit b3.
b4 taucht ja später in der Vorstoßvariante prominent wieder auf als Einkreisungsmotiv des Vorpostens, also wenn Schwarz nach 1. Sf3 d5, 2. c4 dann durch- und vorbeizieht mit d4. Wird heute wieder gern gespielt, hab ich das Gefühl, hatte es jdf. schon ein paar Mal auf dem Brett.
pirc_ - 22. Aug '18
Es kam in meinem Schachleben immer wieder vor, dass ich auf diesen rothaarigen Primaten getroffen bin. Ich für meine Teil war zu faul auf alle Eröffnungen vieles zu lernen, so gewöhnte ich mir 1.b4 c6 an. Im Nahschach eine durchaus ausreichenden Waffe bis DWZ 1900/2000. Hier im Fernschach habe ich sogar leicht negative Bilanz gegen diesen Sokolski. Also Orang-Utan ist keineswegs eine schlechte Eröffnung in meinen Augen.
Oli1970 - 22. Aug '18
Guten Abend allerseits,
eine unterwöchentlich eingeschobene Partie bringt meinen ganzen Zeitplan durcheinander und dann kriege ich auch noch Hausaufgaben auf. ;-) Woher weiß der Mann, wie er mich in die Falle gelockt kriegt? So kommt es natürlich, dass ich, statt mich der Partie zu widmen, zunächst auf der Jagd nach Herrn Pokorný gegangen bin.
Es gibt tatsächlich auf den ersten Blick nicht viel zu finden; sein schachliches Wirken scheint sich hauptsächlich auf Tschechien bzw. die Tschechoslowakei beschränkt zu haben, darüber hinaus spielte er bei ein paar Schach-Olympiaden mit. Daneben war er, und hier muss man schon tschechische Seiten bemühen, Rechtswissenschaftler, später als Richter und kirchlich aktiv. Darüber hinaus, dass er ein tschechischer Meister war, ist nicht viel zu finden. In tschechischen Meisterschaften hatte er durchaus einige Erfolge, schrieb eine Schachkolumne, hielt Radiovorträge über Schach und schrieb sogar Schachbücher.
Auf Chessgames.com sind immerhin 85 seiner Partien verzeichnet, und hier wird der Mann geheimnisvoll! Er spielte seine letzte Partie 1968, was nicht schlecht ist für jemanden, der bereits 1949 verstorben ist!
So, meine Hausaufgaben habe ich erledigt, fragt sich nur, wann ich erledige, was ich heute Abend eigentlich erledige wollte und wann ich mir die Partie im Detail ansehe. Überflogen habe ich sie nur kurz, die Kommentare sind wieder sehr ausführlich. Ich bin schon sehr gespannt, wie ich mit ihr zurecht komme, der Auftakt ist ür mich ungewohnt.
Eine Frage hätte ich aber schon, und zwar: Ist das eigentlich ein Orang-Utan im engeren Sinne? Klassifiziert ist sie ja "Englisch", ursprünglich ist mir Orang-Utan lediglich als Synonym zur Sokolski-Eröffnung begegnet. Zugumstellung ist schon klar, mir geht es um die Frage, ob mit Orang-Utan landläufig alles bezeichnet wird, wo b2-b4 früh passiert. Denn dass der Namensgeber Tartakower 1924 gleich mehrmals b2-b4 als Eröffnungszug spielte, wie Wikipedia mindestens missverständlich behauptet, gehört wohl ins Reich der Fabel.
eine unterwöchentlich eingeschobene Partie bringt meinen ganzen Zeitplan durcheinander und dann kriege ich auch noch Hausaufgaben auf. ;-) Woher weiß der Mann, wie er mich in die Falle gelockt kriegt? So kommt es natürlich, dass ich, statt mich der Partie zu widmen, zunächst auf der Jagd nach Herrn Pokorný gegangen bin.
Es gibt tatsächlich auf den ersten Blick nicht viel zu finden; sein schachliches Wirken scheint sich hauptsächlich auf Tschechien bzw. die Tschechoslowakei beschränkt zu haben, darüber hinaus spielte er bei ein paar Schach-Olympiaden mit. Daneben war er, und hier muss man schon tschechische Seiten bemühen, Rechtswissenschaftler, später als Richter und kirchlich aktiv. Darüber hinaus, dass er ein tschechischer Meister war, ist nicht viel zu finden. In tschechischen Meisterschaften hatte er durchaus einige Erfolge, schrieb eine Schachkolumne, hielt Radiovorträge über Schach und schrieb sogar Schachbücher.
Auf Chessgames.com sind immerhin 85 seiner Partien verzeichnet, und hier wird der Mann geheimnisvoll! Er spielte seine letzte Partie 1968, was nicht schlecht ist für jemanden, der bereits 1949 verstorben ist!
So, meine Hausaufgaben habe ich erledigt, fragt sich nur, wann ich erledige, was ich heute Abend eigentlich erledige wollte und wann ich mir die Partie im Detail ansehe. Überflogen habe ich sie nur kurz, die Kommentare sind wieder sehr ausführlich. Ich bin schon sehr gespannt, wie ich mit ihr zurecht komme, der Auftakt ist ür mich ungewohnt.
Eine Frage hätte ich aber schon, und zwar: Ist das eigentlich ein Orang-Utan im engeren Sinne? Klassifiziert ist sie ja "Englisch", ursprünglich ist mir Orang-Utan lediglich als Synonym zur Sokolski-Eröffnung begegnet. Zugumstellung ist schon klar, mir geht es um die Frage, ob mit Orang-Utan landläufig alles bezeichnet wird, wo b2-b4 früh passiert. Denn dass der Namensgeber Tartakower 1924 gleich mehrmals b2-b4 als Eröffnungszug spielte, wie Wikipedia mindestens missverständlich behauptet, gehört wohl ins Reich der Fabel.
Hasenrat - 22. Aug '18
"Eine Frage hätte ich aber schon, und zwar: Ist das eigentlich ein Orang-Utan im engeren Sinne?"
Für mich gehört es eigentlich durch die Anfangszüge in das moderne Réti-System (hier als "the Anti-King's Indian Defence" nach Adrien Demuth: "The modernized Reti" 2018), das durch b4 statt b3 erstmals abweicht
Für mich gehört es eigentlich durch die Anfangszüge in das moderne Réti-System (hier als "the Anti-King's Indian Defence" nach Adrien Demuth: "The modernized Reti" 2018), das durch b4 statt b3 erstmals abweicht
Hasenrat - 22. Aug '18
"Die von Hasenrat erwähnte Empfehlung von Santasiere ist hier ja e3 oder sogar d4." [Kommentar Zug 5]
Santasiere erwähnt selber, dass er lange zu "hypermodern" daran festgehalten habe, den Zentrumsbauern prinzipiell zurückzuhalten - und erst später den rascheren d4-Vorstoß vorgezogen habe, wenn Schwarz ihn lässt.
Santasiere erwähnt selber, dass er lange zu "hypermodern" daran festgehalten habe, den Zentrumsbauern prinzipiell zurückzuhalten - und erst später den rascheren d4-Vorstoß vorgezogen habe, wenn Schwarz ihn lässt.
Oli1970 - 22. Aug '18
Danke für die Antwort, Hasenrat! Ich habe etwas danach gegooglet, bin aber ehrlich gesagt nicht viel schlauer geworden. :-)
Diese Eröffnungszüge scheinen auf nichts so richtig zu passen - nicht wirklich englisch, nicht wirklich königsindisch, aber irgendwie auch nicht richtig Reti, aber doch von allem etwas, oder? "The Anti-King's Indian Defence" ist sowas wie eine Kapitel-Überschrift, um das ganze plakativ zu beschreiben? Ich muss aber auch einräumen, dass ich nicht allzu viel Ahnung von diesen Dingen habe - man klaubt sich halt einiges zusammen und wenn man Glück hat, weiß man, wo man suchen kann. :-)
Diese Eröffnungszüge scheinen auf nichts so richtig zu passen - nicht wirklich englisch, nicht wirklich königsindisch, aber irgendwie auch nicht richtig Reti, aber doch von allem etwas, oder? "The Anti-King's Indian Defence" ist sowas wie eine Kapitel-Überschrift, um das ganze plakativ zu beschreiben? Ich muss aber auch einräumen, dass ich nicht allzu viel Ahnung von diesen Dingen habe - man klaubt sich halt einiges zusammen und wenn man Glück hat, weiß man, wo man suchen kann. :-)
KroMax - 22. Aug '18
Danke Vabanque für die Partie.
Ich kann da wieder recht wenig zu sagen, außer das es Spaß bringt sie durchzuklicken und ich durch deine Anmerkungen doch tatsächlich nochmal was vom königlichen Spiel lerne.
Wir haben ja mal ein TT Sokolski durchgeführt. Vor einer halben cm - Ewigkeit :-)
Damals haben wir nur 1.b4 vorgegeben. Sonst nichts.
Können wir gerne nochmal machen, wenn ihr wollt ?
Ihr müsstet mir nur sagen, wenn ihr vielleicht eine etwas speziellere Zugfolge haben wollt.
Ich empfehle allerdings sie nicht "zu speziell" zu machen.
Hier das damalige Turnier:
chessmail.info/cmwiki/index.php?title=Club:Chess_Connection/Th..
Beste Grüße
Max
Ich kann da wieder recht wenig zu sagen, außer das es Spaß bringt sie durchzuklicken und ich durch deine Anmerkungen doch tatsächlich nochmal was vom königlichen Spiel lerne.
Wir haben ja mal ein TT Sokolski durchgeführt. Vor einer halben cm - Ewigkeit :-)
Damals haben wir nur 1.b4 vorgegeben. Sonst nichts.
Können wir gerne nochmal machen, wenn ihr wollt ?
Ihr müsstet mir nur sagen, wenn ihr vielleicht eine etwas speziellere Zugfolge haben wollt.
Ich empfehle allerdings sie nicht "zu speziell" zu machen.
Hier das damalige Turnier:
chessmail.info/cmwiki/index.php?title=Club:Chess_Connection/Th..
Beste Grüße
Max
Vabanque - 22. Aug '18
Ja, der Zugumstellungsteufel ... natürlich kann diese Eröffnung aus Englisch, aber auch aus 1. b4 entstehen. Ist halt ein Hybrid aus Englisch und Orang-Utan.
Zum Rest (v.a. interessanter Gedanke zum 'anti-hypermodernen' d4 in dieser Eröffnung) antworte ich dann morgen noch, heute ist es zu spät ... nachdem ich gestern erst nach 2 Uhr ins Bett gekommen bin, kriege ich das heute nicht mehr so ganz auf die Reihe.
Aber schon mal Danke für all euer Interesse und eure Diskussionsbeiträge!
Nur ein kleiner Gedankengang am Schluss des heutigen Tages:
Warum ist die Klassifikation dieser Zugfolge so wichtig? Ist das nicht typisch deutsch, dass man alles in Schubladen ablegen muss? Wäre es nicht wichtiger und schöner, diese Zugfolge selber mal zu spielen und in einer richtigen Partie auszuprobieren, selbst wenn man selbst nicht so genau weiß, 'was' man da eigentlich spielt? ;)
Zum Rest (v.a. interessanter Gedanke zum 'anti-hypermodernen' d4 in dieser Eröffnung) antworte ich dann morgen noch, heute ist es zu spät ... nachdem ich gestern erst nach 2 Uhr ins Bett gekommen bin, kriege ich das heute nicht mehr so ganz auf die Reihe.
Aber schon mal Danke für all euer Interesse und eure Diskussionsbeiträge!
Nur ein kleiner Gedankengang am Schluss des heutigen Tages:
Warum ist die Klassifikation dieser Zugfolge so wichtig? Ist das nicht typisch deutsch, dass man alles in Schubladen ablegen muss? Wäre es nicht wichtiger und schöner, diese Zugfolge selber mal zu spielen und in einer richtigen Partie auszuprobieren, selbst wenn man selbst nicht so genau weiß, 'was' man da eigentlich spielt? ;)
Vabanque - 22. Aug '18
@KroMax: Vielleicht ein Thematurnier mit dieser Zugfolge der Partie: 1. Sf3 Sf6 2. c4 g6 3. b4. (Kann natürlich wie gesagt auch aus 1. b4 entstehen) Oder ist das zu einengend?
Vabanque - 22. Aug '18
>>und hier wird der Mann geheimnisvoll! Er spielte seine letzte Partie 1968, was nicht schlecht ist für jemanden, der bereits 1949 verstorben ist!<<
Typisches Datenbank-Namensvettern-Problem ;-)
Typisches Datenbank-Namensvettern-Problem ;-)
KroMax - 22. Aug '18
Das ist nicht zu einengend.
Letztlich ist das ja auch wurscht, aber Mindestanzahl an Teilnehmern ist immer 4.
Allerdings:
Wenn wir nicht mit b4 beginnen, befürchte ich, dass cm die Partie nicht als Orang-Utan auswirft.
Das könnte man zwar auch ignorieren, ist aber nicht so schön.
Aber die Zugfolge steht dann sowieso fest.
Insofern ist es wichtiger, dass wir wissen welches Stellungsbild wir denn haben wollen, wenn die Zugfolge beendet ist.
Die Sinnhaftigkeit der Zugfolge ist, bis zu ihrem Ende, für die Turnierdurchführung nachrangig.
Also besser gefragt: Welches Stellungsbild wollt ihr haben ?
Und wenn die Frage beantwortet ist: Mit welcher Zugfolge wollt ihr da hinkommen ?
Beste Grüße
Max
Letztlich ist das ja auch wurscht, aber Mindestanzahl an Teilnehmern ist immer 4.
Allerdings:
Wenn wir nicht mit b4 beginnen, befürchte ich, dass cm die Partie nicht als Orang-Utan auswirft.
Das könnte man zwar auch ignorieren, ist aber nicht so schön.
Aber die Zugfolge steht dann sowieso fest.
Insofern ist es wichtiger, dass wir wissen welches Stellungsbild wir denn haben wollen, wenn die Zugfolge beendet ist.
Die Sinnhaftigkeit der Zugfolge ist, bis zu ihrem Ende, für die Turnierdurchführung nachrangig.
Also besser gefragt: Welches Stellungsbild wollt ihr haben ?
Und wenn die Frage beantwortet ist: Mit welcher Zugfolge wollt ihr da hinkommen ?
Beste Grüße
Max
KroMax - 22. Aug '18
Wir können deine Zugfolge auch nehmen Vabanque und das TT nenne ich dann "Hybrid Orang - Utan / Englisch" :-) ?
Grüße
Grüße
KroMax - 23. Aug '18
Wir könnten auch es so machen:
1. Sf3 Sf6 2. c4 g6 3. b4 oder b3
1. Sf3 Sf6 2. c4 g6 3. b4 oder b3
Vabanque - 23. Aug '18
Es geht doch auch 1. b4 Sf6 2. Sf3 g6 3. c4
oder ähnlich ...
... ob die Stellungsbilder nach b3 (statt b4) einbezogen werden sollten, erscheint mir doch fraglich
oder ähnlich ...
... ob die Stellungsbilder nach b3 (statt b4) einbezogen werden sollten, erscheint mir doch fraglich
Oli1970 - 23. Aug '18
@Vabanque: Hier geht es mir weniger um die Schublade, in die die Eröffnung passt - nennen wir es historisches Interesse. Sokolski und Orang-Utan ist mir immer nur als Synonym für einander begegnet, dann habe ich aber festgestellt, dass Tartakower mitnichten mehrmals mit b2-b4 seine Partien begonnen hat. Das legt wiederum nahe, dass manche Quellen die Namensgebung zu eng interpretiert haben und dass Wikipedia in diesem Fall mit Eröffnung mehr als den allerersten Zug der Partie meint.
Schublade ist aber insofern richtig, als dass ich versucht habe, die Eröffnungszüge im de Firmian zu finden, aber die richtige Schublade nicht finden konnte.
Schublade ist aber insofern richtig, als dass ich versucht habe, die Eröffnungszüge im de Firmian zu finden, aber die richtige Schublade nicht finden konnte.
Hasenrat - 23. Aug '18
Ich finde, den Orang-Utan i. e. S. kann man ganz gut - durch alle Zugumstellungen hindurch - an seinem namensgebenden Hauptmotiv festmachen: dass der "Affe" b-Bauer ziemlich rasch u. behende weiterklettert bis b5!
Überall dort wo er bei einem insgesamt weit aufgezogenen Damenflügel auf b4 verharrt, haben wir eher Misch-Flankensysteme.
Ich glaub, SF Joachim hier bei cm, ist ein Vertreter des superschnellen b5 schon im 2. Zug: 1. b4 e5, 2. b5 ...
Überall dort wo er bei einem insgesamt weit aufgezogenen Damenflügel auf b4 verharrt, haben wir eher Misch-Flankensysteme.
Ich glaub, SF Joachim hier bei cm, ist ein Vertreter des superschnellen b5 schon im 2. Zug: 1. b4 e5, 2. b5 ...
Vabanque - 23. Aug '18
Der gute alte Joachim! Habe mich schon öfters gegen seinen Affen arg gequält, teils sogar verloren. Er spielt es aber auch so seltsam, dass man aus allen gewohnten Bahnen gerissen wird ...
Ich sehe es aber auch so, dass es nur ein Orang-Utan ist, wenn der Affe (egal ob er jetzt bereits im 1. Zug auf der Bildfläche erscheint oder wenige Züge später) bis b5 klettert.
Es gibt ja auch Abspiele, in denen sich der frühe Vogel, äh Affe, dann gegen den schwarzen c5-Bauern tauscht. Dann ist das Tier plötzlich verschwunden, aber Weiß hat ein Bauernübergewicht im Zentrum und eine offene b-Linie - also wieder völlig andere Stellungsbilder. Bei dem viel gerühmten SF Akagi hatte ich solche Partien gesehen. Orang-Utan würde ich das dann nicht taufen, es ist eher eine spezielle Flanken-Eröffnung.
Ich sehe es aber auch so, dass es nur ein Orang-Utan ist, wenn der Affe (egal ob er jetzt bereits im 1. Zug auf der Bildfläche erscheint oder wenige Züge später) bis b5 klettert.
Es gibt ja auch Abspiele, in denen sich der frühe Vogel, äh Affe, dann gegen den schwarzen c5-Bauern tauscht. Dann ist das Tier plötzlich verschwunden, aber Weiß hat ein Bauernübergewicht im Zentrum und eine offene b-Linie - also wieder völlig andere Stellungsbilder. Bei dem viel gerühmten SF Akagi hatte ich solche Partien gesehen. Orang-Utan würde ich das dann nicht taufen, es ist eher eine spezielle Flanken-Eröffnung.
Vabanque - 23. Aug '18
>>Sokolski und Orang-Utan ist mir immer nur als Synonym für einander begegnet, dann habe ich aber festgestellt, dass Tartakower mitnichten mehrmals mit b2-b4 seine Partien begonnen hat.<<
Also nur einmal gegen Maroczy 1924 in New York? Dann kann diese Partie mitnichten als Stammpartie des Orang-Utans betrachtet werden, denn obige Partie von Réti geschah schon ein Jahr früher.
Der Name Sokolsky für die Eröffnung ist in diesem Fall aber wirklich angemessen, denn niemand hat so oft 1. b4 gespielt wie er, außerdem hat er auch als Erster ein Buch darüber veröffentlicht.
Also nur einmal gegen Maroczy 1924 in New York? Dann kann diese Partie mitnichten als Stammpartie des Orang-Utans betrachtet werden, denn obige Partie von Réti geschah schon ein Jahr früher.
Der Name Sokolsky für die Eröffnung ist in diesem Fall aber wirklich angemessen, denn niemand hat so oft 1. b4 gespielt wie er, außerdem hat er auch als Erster ein Buch darüber veröffentlicht.
Vabanque - 23. Aug '18
>>Hasenrat - vor 13 Std.
"Eine Frage hätte ich aber schon, und zwar: Ist das eigentlich ein Orang-Utan im engeren Sinne?"
Für mich gehört es eigentlich durch die Anfangszüge in das moderne Réti-System (hier als "the Anti-King's Indian Defence" nach Adrien Demuth: "The modernized Reti" 2018), das durch b4 statt b3 erstmals abweicht<<
Ich denke auch, es ist ein Réti-System mit b4 statt b3. Allerdings nur dann, wenn g3 und Lg2 folgen. So wie Santasiere es gespielt hat (mit e3 statt g3, damit der Königsläufer c4 im Blick hat), ist es wieder ein völlig anderes System.
"Eine Frage hätte ich aber schon, und zwar: Ist das eigentlich ein Orang-Utan im engeren Sinne?"
Für mich gehört es eigentlich durch die Anfangszüge in das moderne Réti-System (hier als "the Anti-King's Indian Defence" nach Adrien Demuth: "The modernized Reti" 2018), das durch b4 statt b3 erstmals abweicht<<
Ich denke auch, es ist ein Réti-System mit b4 statt b3. Allerdings nur dann, wenn g3 und Lg2 folgen. So wie Santasiere es gespielt hat (mit e3 statt g3, damit der Königsläufer c4 im Blick hat), ist es wieder ein völlig anderes System.
Vabanque - 23. Aug '18
>>Hasenrat - vor 12 Std.
"Die von Hasenrat erwähnte Empfehlung von Santasiere ist hier ja e3 oder sogar d4." [Kommentar Zug 5]
Santasiere erwähnt selber, dass er lange zu "hypermodern" daran festgehalten habe, den Zentrumsbauern prinzipiell zurückzuhalten - und erst später den rascheren d4-Vorstoß vorgezogen habe, wenn Schwarz ihn lässt.<<
Dies erscheint mir ein ganz wichtiger Aspekt, den ich aus eigener Erfahrung so bestätigen kann.
Wenn ich in meiner schachlichen Frühzeit eine hypermoderne Eröffnung spielte, war es mir quasi Programm, die Mittelbauern nicht um 2 Schritte zu bewegen, auch dann nicht, wenn das an der betreffenden Stelle gut oder gar nötig gewesen wäre. So habe ich damals etliche Partien gespielt, in denen ich dem Gegner im Zentrum freie Hand ließ, wo er mich dann schließlich auch aufmischte.
Die hypermoderne Philosophie sagt ja, dass nicht die Bauern, sondern die Figuren Einfluss aufs Zentrum ausüben sollen, und dass dieser Einfluss ebenso gut bzw. sogar besser sei als derjenige der Bauern. Wenn Réti oder Nimzowitsch das so spielen, dann scheint das ihre Thesen ja auch zu rechtfertigen, aber wenn unsereins so spielt, passt es halt nicht immer. Da kann es schon mal nötig sein, von seinen Prinzipien abzuweichen und doch einen Bauern ins Zentrum zu stellen, will man nicht dort frühzeitig dem Gegner Konzessionen machen.
Flexibilität des Denkens ist halt wichtig. d4 kann in dieser Eröffnung an manchen Stellen durchaus gut sein, generell finde ich es aber nicht besonders schön, da es a) den Lb2 verstellt und b) gerade im Verein mit Lg2 die Stellung des Bauern c4 doch ganz schön auflockert (daher lieber d3 statt d4).
Santasiere hat insofern Recht, dass bei dem Aufbau mit e3 statt g3 der Zug d4 eher zu vertreten ist, weil der Lf1/e2/d3 ja dann immer noch den Bauern c4 deckt.
Ich würde trotzdem den Aufbau mit g3 und Lg2 weit bevorzugen, da in allen Affenpartien, in denen ich mit Weiß den Läufer nicht flankierte, er eine unterbelichtete Figur blieb.
Die beiden Partien von Réti und Plachetka machten dagegen den Lg2 zum Superstar.
"Die von Hasenrat erwähnte Empfehlung von Santasiere ist hier ja e3 oder sogar d4." [Kommentar Zug 5]
Santasiere erwähnt selber, dass er lange zu "hypermodern" daran festgehalten habe, den Zentrumsbauern prinzipiell zurückzuhalten - und erst später den rascheren d4-Vorstoß vorgezogen habe, wenn Schwarz ihn lässt.<<
Dies erscheint mir ein ganz wichtiger Aspekt, den ich aus eigener Erfahrung so bestätigen kann.
Wenn ich in meiner schachlichen Frühzeit eine hypermoderne Eröffnung spielte, war es mir quasi Programm, die Mittelbauern nicht um 2 Schritte zu bewegen, auch dann nicht, wenn das an der betreffenden Stelle gut oder gar nötig gewesen wäre. So habe ich damals etliche Partien gespielt, in denen ich dem Gegner im Zentrum freie Hand ließ, wo er mich dann schließlich auch aufmischte.
Die hypermoderne Philosophie sagt ja, dass nicht die Bauern, sondern die Figuren Einfluss aufs Zentrum ausüben sollen, und dass dieser Einfluss ebenso gut bzw. sogar besser sei als derjenige der Bauern. Wenn Réti oder Nimzowitsch das so spielen, dann scheint das ihre Thesen ja auch zu rechtfertigen, aber wenn unsereins so spielt, passt es halt nicht immer. Da kann es schon mal nötig sein, von seinen Prinzipien abzuweichen und doch einen Bauern ins Zentrum zu stellen, will man nicht dort frühzeitig dem Gegner Konzessionen machen.
Flexibilität des Denkens ist halt wichtig. d4 kann in dieser Eröffnung an manchen Stellen durchaus gut sein, generell finde ich es aber nicht besonders schön, da es a) den Lb2 verstellt und b) gerade im Verein mit Lg2 die Stellung des Bauern c4 doch ganz schön auflockert (daher lieber d3 statt d4).
Santasiere hat insofern Recht, dass bei dem Aufbau mit e3 statt g3 der Zug d4 eher zu vertreten ist, weil der Lf1/e2/d3 ja dann immer noch den Bauern c4 deckt.
Ich würde trotzdem den Aufbau mit g3 und Lg2 weit bevorzugen, da in allen Affenpartien, in denen ich mit Weiß den Läufer nicht flankierte, er eine unterbelichtete Figur blieb.
Die beiden Partien von Réti und Plachetka machten dagegen den Lg2 zum Superstar.
Kellerdrache - 23. Aug '18
Die Partie erinnert mich, was die Eröffnung angeht, an die Partie Reti-Capablanca die hier mal vor einer halben Ewigkeit vorgestellt wurde. Sicher kein klassischer Orang-Utan, aber sie teilt doch viele Motive mit der Eröffnung.
Der Teil der Reti-typisch ist, ist die Kontrolle des Zentrums ohne es mit Bauern zu besetzen. Dazu kommt dann der Kampf am Damenflügel mit dem früh vorgerückten b-Bauern.
Was mir bei den bisherigen Orang-Utan-Partien auffiel ist, dass der weißfeldrige Läufer auch immer fianchettiert wurde. Macht in Kombination mit a) offenem Zentrum und b) Angriff am Damenflügel ja auch durchaus Sinn.
Interessant wäre es ein Beispiel zu sehen bei dem es Schwarz gelingt das Zentrum geschlossen zu halten.
Der Teil der Reti-typisch ist, ist die Kontrolle des Zentrums ohne es mit Bauern zu besetzen. Dazu kommt dann der Kampf am Damenflügel mit dem früh vorgerückten b-Bauern.
Was mir bei den bisherigen Orang-Utan-Partien auffiel ist, dass der weißfeldrige Läufer auch immer fianchettiert wurde. Macht in Kombination mit a) offenem Zentrum und b) Angriff am Damenflügel ja auch durchaus Sinn.
Interessant wäre es ein Beispiel zu sehen bei dem es Schwarz gelingt das Zentrum geschlossen zu halten.
Vabanque - 23. Aug '18
Du hast Recht, in der Plachetka-Partie hat sein Gegner ja auch unvorsichtigerweise das Zentrum frühzeitig geöffnet ...
Das Merkwürdige ist, dass Engines hier den Zug 5... d5 ebenfalls präferieren. Daran sieht man wieder einmal, dass man Engines für Eröffnungsprobleme besser nicht zu Rate ziehen sollte ... zumindest noch nicht (vielleicht in 10-20 Jahren?).
Datenbanken geben (bei aller gebotener Vorsicht) da schon einen besseren Einblick, welche Züge spielbar sind und wolche man eher vermeiden sollte.
In der chesstempo-Datenbank waren nur sehr wenige Partien mit 5... d5 verzeichnet (und auch nur im unteren Elo-Bereich), mit einem Ergebnis, das sehr deutlich für Weiß ausfiel. Starke Spieler ziehen wohl heute den Zug gar nicht mehr in Erwägung. Das spricht schon Bände.
Das Merkwürdige ist, dass Engines hier den Zug 5... d5 ebenfalls präferieren. Daran sieht man wieder einmal, dass man Engines für Eröffnungsprobleme besser nicht zu Rate ziehen sollte ... zumindest noch nicht (vielleicht in 10-20 Jahren?).
Datenbanken geben (bei aller gebotener Vorsicht) da schon einen besseren Einblick, welche Züge spielbar sind und wolche man eher vermeiden sollte.
In der chesstempo-Datenbank waren nur sehr wenige Partien mit 5... d5 verzeichnet (und auch nur im unteren Elo-Bereich), mit einem Ergebnis, das sehr deutlich für Weiß ausfiel. Starke Spieler ziehen wohl heute den Zug gar nicht mehr in Erwägung. Das spricht schon Bände.
Vabanque - 23. Aug '18
>>Die Partie erinnert mich, was die Eröffnung angeht, an die Partie Reti-Capablanca die hier mal vor einer halben Ewigkeit vorgestellt wurde.<<
Gegen Capablanca spielte Réti genau die gleichen Eröffnungszüge ein Jahr später. Capa spielte allerdings 5... b6, um dem Lg2 auf der langen Diagonalen zu opponieren. Sicherlich ein spielbares Verfahren.
Gegen Capablanca spielte Réti genau die gleichen Eröffnungszüge ein Jahr später. Capa spielte allerdings 5... b6, um dem Lg2 auf der langen Diagonalen zu opponieren. Sicherlich ein spielbares Verfahren.
Vabanque - 23. Aug '18
Habe deinen damaligen Kommentar zu Réti-Capa erstaunlich schnell wiedergefunden:
/forum/topic.html?key=29d2cead837c48e1&sv=25
Gab schon auch einige Diskussion damals.
/forum/topic.html?key=29d2cead837c48e1&sv=25
Gab schon auch einige Diskussion damals.
Vabanque - 23. Aug '18
Leider kann der damalige Beitrag nicht mehr kommentiert werden. Das habe ich auch nie verstanden, warum hier Thread nach einem halben Jahr (?) automatisch schließen. Ist doch in anderen Foren auch nicht so. Im Gegenteil heißt es dort immer, man solle lieber die Suchfunktion bemühen und einen alten Thread zum Thema hervorholen, statt den zigsten neuen über das gleiche Thema aufzumachen.
Interessant finde ich an den alten Kommentaren, dass dort auch schon behauptet wurde, die Eröffnung sei 'Santasiere'. Wie wir heute (da wir klüger geworden sind) wissen, stimmt dies nicht so ganz, da der gute S. das Ganze nicht mit g3 und Lg2 gespielt hätte :-)
Interessant finde ich an den alten Kommentaren, dass dort auch schon behauptet wurde, die Eröffnung sei 'Santasiere'. Wie wir heute (da wir klüger geworden sind) wissen, stimmt dies nicht so ganz, da der gute S. das Ganze nicht mit g3 und Lg2 gespielt hätte :-)
Vabanque - 23. Aug '18
>>Interessant wäre es ein Beispiel zu sehen bei dem es Schwarz gelingt das Zentrum geschlossen zu halten.<<
Die Réti-Capablanca-Partie ist ja so ein Beispiel :-)
Sehr schöner Kommentar von dir übrigens damals, den ich jetzt noch einmal mit Freude lese.
Die Réti-Capablanca-Partie ist ja so ein Beispiel :-)
Sehr schöner Kommentar von dir übrigens damals, den ich jetzt noch einmal mit Freude lese.
Oli1970 - 23. Aug '18
Es ist mal wieder spät geworden, dafür habe ich es nun geschafft, die Partie etwas langsamer durchzugehen. Die Kommentierung ist gewohnt gut, es bleiben vorerst keine Fragen. Ich finde es bemerkenswert, welche Macht der Lg2 / Lf3 über die Diagonale ausübt. Eine latente Gefahr, gegen die nichts unternommen werden kann, schon allein, weil der Baum immer mehr brennt.
Danke auch an alle für die vielen Gedanken zu meiner Orang-Utan-Frage. Vermutlich bezog sich Tartakowers Scherz tatsächlich eher auf den Vergleich des kletternden Bauern im Partieverlauf als auf einen speziellen Zug. Wegen der Anwendung in einem einzelnen Spiel 1924 wäre er wohl nicht so populär geworden. Wie dem auch sei, ich mag es, solchen Anekdoten nachzustöbern.
Für heute ist Schlafenszeit, ich hoffe, dass ich mich am Wochenende noch etwas vertiefter mit dem Spiel beschäftigen kann. War wieder mal großes Kino! :-)
Danke auch an alle für die vielen Gedanken zu meiner Orang-Utan-Frage. Vermutlich bezog sich Tartakowers Scherz tatsächlich eher auf den Vergleich des kletternden Bauern im Partieverlauf als auf einen speziellen Zug. Wegen der Anwendung in einem einzelnen Spiel 1924 wäre er wohl nicht so populär geworden. Wie dem auch sei, ich mag es, solchen Anekdoten nachzustöbern.
Für heute ist Schlafenszeit, ich hoffe, dass ich mich am Wochenende noch etwas vertiefter mit dem Spiel beschäftigen kann. War wieder mal großes Kino! :-)
Vabanque - 24. Aug '18
Der Flankenläufer auf g2 (bzw. nach dem Tausch auf f3) blickt vom Königsflügel direkt nach dem Damenflügel, das ist hier der Clou ... deswegen halte ich diese Flankierung im Zusammenhang mit dem nach b5 'kletternden Affen' auch für eine günstige Zusammenarbeit.
Danke an Oli und an alle anderen, die sich mit der Partie beschäftigt haben.
Gute Nacht :)
Danke an Oli und an alle anderen, die sich mit der Partie beschäftigt haben.
Gute Nacht :)