Kommentierte Spiele
Große Partien ... (XII): Shirov - J. Polgar 1994
Vabanque - 05. Jan '14
Mit diesem Beitrag schließe ich das erste Dutzend meiner Serie ab. Es hat
sich komplett mit Siegen von Spielern beschäftigt, die das Schach der
Gegenwart geprägt haben, und die momentan alle noch aktiv sind.
Sollte es ein zweites Dutzend geben, so wird das
dem Schach der zweiten Hälfte des 20. Jh. gewidmet sein, während in einem
dritten Dutzend Partien aus der ersten Hälfte des 20. Jh. zu sehen sein
würden.
Ab nächste Woche werde ich aber vermutlich erstmal keine Zeit mehr haben,
solche Beiträge zu verfassen, und nachdem ja vielfach wieder das Problem
der Abschaffung der Foren angesprochen wurde, so werde ich überhaupt auch
mal abwarten, wie sich die Situation entwickelt, und ob es sich lohnt,
hier noch etwas zu posten.
Die positiven Kommentare zu meiner Serie haben mich natürlich sehr
gefreut; im Großen und Ganzen scheint es aber doch nur wenige (wenn auch
dann sehr begeisterte) Interessenten an diesen Partien zu geben.
Aber nun zum (vorläufig) letzten Teil der Serie selbst.
Judit Polgar ist im Schach die einzige Frau, die es jemals in die Top 10
der Herren-Rangliste geschafft hat, und damit die stärkste
Schachspielerin aller Zeiten. An Damen-Turnieren oder der Damen-
Weltmeisterschaft war die gebürtige Ungarin nie interessiert; sie wollte
immer nur gegen Männer spielen. (Ihre Schwester Zsuzsa Polgar dagegen war
von 1996 bis 1999 Damenweltmeisterin; aber auch Zsuzsa hat den GM-Titel
der Herren.) Auch wenn Judit aus familiären Gründen (Mutter von zwei
Kindern) ihre schachlichen Aktivitäten seit Jahren deutlich eingeschränkt
hat, führt sie die Weltrangliste der Frauen immer noch mit deutlichem
Abstand an. Polgar pflegt einen scharfen, angriffslustigen, risiko- und
opferfreudigen Stil, von dem die folgende Partie beredtes Zeugnis ablegt.































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sich komplett mit Siegen von Spielern beschäftigt, die das Schach der
Gegenwart geprägt haben, und die momentan alle noch aktiv sind.
Sollte es ein zweites Dutzend geben, so wird das
dem Schach der zweiten Hälfte des 20. Jh. gewidmet sein, während in einem
dritten Dutzend Partien aus der ersten Hälfte des 20. Jh. zu sehen sein
würden.
Ab nächste Woche werde ich aber vermutlich erstmal keine Zeit mehr haben,
solche Beiträge zu verfassen, und nachdem ja vielfach wieder das Problem
der Abschaffung der Foren angesprochen wurde, so werde ich überhaupt auch
mal abwarten, wie sich die Situation entwickelt, und ob es sich lohnt,
hier noch etwas zu posten.
Die positiven Kommentare zu meiner Serie haben mich natürlich sehr
gefreut; im Großen und Ganzen scheint es aber doch nur wenige (wenn auch
dann sehr begeisterte) Interessenten an diesen Partien zu geben.
Aber nun zum (vorläufig) letzten Teil der Serie selbst.
Judit Polgar ist im Schach die einzige Frau, die es jemals in die Top 10
der Herren-Rangliste geschafft hat, und damit die stärkste
Schachspielerin aller Zeiten. An Damen-Turnieren oder der Damen-
Weltmeisterschaft war die gebürtige Ungarin nie interessiert; sie wollte
immer nur gegen Männer spielen. (Ihre Schwester Zsuzsa Polgar dagegen war
von 1996 bis 1999 Damenweltmeisterin; aber auch Zsuzsa hat den GM-Titel
der Herren.) Auch wenn Judit aus familiären Gründen (Mutter von zwei
Kindern) ihre schachlichen Aktivitäten seit Jahren deutlich eingeschränkt
hat, führt sie die Weltrangliste der Frauen immer noch mit deutlichem
Abstand an. Polgar pflegt einen scharfen, angriffslustigen, risiko- und
opferfreudigen Stil, von dem die folgende Partie beredtes Zeugnis ablegt.
Alexey Shirov Judit Polgar Buenos Aires ARG | Buenos Aires ARG | 8 | 1994 | 0:1
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. d4 xd4 4. Sxd4 Sc6 5. Sc3 d6 6. g4 Mit einem Springer auf f6 ist dieser Zug schon oft gesehen wurden. Hier, wo Schwarz seinen Königsspringer noch gar nicht entwickelt hat, wirkt der Aufzug des g-Bauern eher wie ein Stoß ins Leere. Schwarz stellt auch konsequenterweise seinen Springer nicht nach f6. a6 7. Le3 Sge7 Auf f6 würde der Springer jetzt natürlich sofort von dem g-Bauern angerempelt werden, aber verstellt Schwarz mit dieser eingeschränkten Entwicklung nicht seinen Lf8? 8. Sb3 Weiß möchte in der Tat die schwarze Springerstellung ausnutzen. Zieht der weiße Springer nicht weg, so könnte Schwarz auf d4 tauschen und den jetzt ungünstig stehenden Springer von e7 nach c6 nachziehen. b5 9. f4 Lb7 10. Df3 Beide Spieler machen aggressive Züge vor vollendeter Entwicklung. Das wäre im klassischen Schach undenkbar gewesen, heute ist es gang und gäbe. Aber jetzt stehen die weiße Dame und der Th1 beide in der Diagonalen des schwarzen Läufers b7. Kann man das nicht irgendwie ausnutzen? g5!! Mit diesem feinen Bauernopfer reißt die Ungarin die Initiative an sich, was in so einem frühen Stadium mit den schwarzen Steinen bemerkenswert ist. Noch dazu bricht sie alle Brücken hinter sich ab, denn ihr König wird jetzt an keinem Flügel mehr eine sichere Heimstatt finden, und muss den Rest seines Lebens in der Mitte verbringen. Um solche Züge zu spielen, braucht man ein sehr sicheres Schachgefühl, und eine gehörige Portion Mut noch dazu. Aber der Zweck des Bauernopfers ist ein ganz logischer: das Feld e5 soll für einen schwarzen Springer betretbar werden. 11. xg5 Nimmt Weiß nicht an, z.B. mit O-O- 0, dann spielt Schwarz gxf4 und Sg6, und kommt dann doch noch mit einem Springer unvertreibbar auf e5, ohne einen Bauern dafür geben zu müssen. Se5 Mit Tempo besetzt der Springer dieses wichtige Feld. Von einem Bauern kann er jedenfalls nicht mehr vertrieben werden. 12. Dg2 Die Dame kann sich leider nur auf dieses Feld zurückziehen, wo sie weiterhin auf der Diagonalen des Lb7 bleibt, da sie den e-Bauern gedeckt halten muss, der andernfalls durch b4 nebst Lxe4 verloren ginge. Auf den Versuch 12. Df6!? plante Polgar ihrem Stil gemäß das Qualitätsopfer Sxg4!? 13. Dxh8 Sxe3, aber das einfache 12. ... Tg8 mit den Drohungen Sxg4 und b4 nebst Lxe4 ist wahrscheinlich auch gut für Schwarz. b4 Mit jedem Zug droht Schwarz etwas. Judit hat das Heft fest in der Hand und lässt es auch nicht mehr los. 13. Se2 h5! 14. xh5 Schlägt Weiß gxh6 en passant, so kommt mit ähnlichen Motiven wie in der Partie f5! (gut sind auch die Züge Seg6 und Lxh6) 14. gxf5 (wie sonst soll Weiß den gleichzeitigen Angriff auf e4 und g4 abwehren?) Sxf5! 15. Lf2 Lxh6 und Schwarz beherrscht das ganze Brett. Sf5! Jetzt wird die Fesselung auf der langen Diagonalen ausgenutzt. Der Le3 ist angegriffen und gleichzeitig droht Sh4 mit nachfolgendem Sf3+ und Lxe4, d.h. mit vollständiger Zerlegung der weißen Stellung. 15. Lf2 Aber jetzt ist alles gedeckt. Oder? Dxg5!! Ein Bombeneinschlag! Nach 26. Dxg5 Sf3+ 27. Kd1 Sxg5 ist der weiße e-Bauer immer noch gefesselt, so dass exf5 die Qualität verlieren würde. Andernfalls aber geht im nächsten Zug der e-Bauer verloren. Schwarz erobert dann noch den Bauern h5 und hat einen Mehrbauern bei überlegener Stellung. Aber Judit musste nicht nur das alles berechnen, was ja ziemlich einfach war. Sie musste vor allem den folgenden Zug Shirovs, der ihre Kombination zunächst zu widerlegen scheint, in ihre Überlegungen einbeziehen. 16. Sa5 Darauf hatte sich Shirov anscheinend verlassen. Nun bedroht er den Lb7, die Schlüsselfigur des schwarzen Angriffs. Der Lb7 hat kein weiteres Feld auf der langen Diagonalen, von wo aus er die Fesselung aufrecht erhalten könnte. Verliert jetzt Schwarz eine Figur (entweder den Lb7 oder den Sf5)? Se3!! Die Pointe der Kombination! Schlägt jetzt Weiß die Dame, so erfolgt mit Sf3# ein herrliches Zweispringermatt, wie es einem sonst nur in Studien begegnet! Ohne diese Mattmöglichkeit wäre Se3 nicht spielbar, weil nach dem Rückgewinn der Dame der Springer auf e3 genauso hinge wie auf f5. 17. Dg3 Der einzige Zug, der nicht auf der Stelle verliert. Die weiße Dame war angegriffen, c2 hängt mit Schach und Turmverlust, und auf 17. Lxe3 Dxe3 droht vernichtend Sf3+ nebst Dd2# (außer Weiß gibt die Dame) und außerdem hängt dann e4 mit weiterem Materialverlust. Dxg3 18. Sxg3 Sxc2+ 19. Kd1 Sxa1 20. Sxb7 Schwarz hat nun den Ta1 für den Lb7 erobert, aber das würde ihr nichts nützen, wenn Weiß den im Eck eingesperrten Sa1 gewinnen könnte. Judit musste also in der Vorausberechnung - und zwar schon als sie 15. ... Dxg5!! zog - gesehen haben, dass der Springer wieder herauskommt. b3 Am einfachsten. Der Zug verschafft dem Springer einen Stützpunkt auf c2, falls Weiß nicht auf b3 schlägt. 21. xb3 21. a3 Sc2 22. Sa5 (um die Stütze des Sc2 zu unterminieren) fruchtet nichts nach Sg4! 23. Ke2 Lg7! Sxb3 22. Kc2 Sc5 23. Sxc5 xc5 Es ist natürlich schade, dass die Kombination von Schwarz nicht mit einem Mattangriff, sondern 'nur'mit einem Materialvorteil endet. Aber auf GM-Niveau ist das ein ebenso sicherer Gewinn. Schwarz hat eine glatte Mehrqualität, der Weiß keinerlei Kompensation entgegen zu setzen hat. Shirov könnte hier schon aufgeben. 24. Le1 Sf3 25. Lc3 Sd4+ 26. Kd3 Ld6! Schwarz kann es sich sogar erlauben, noch einen Bauern zurückzugeben. Aber je mehr Figuren sich tauschen, desto stärker zeigt sich die Kraft der schwarzen Mehrqualität. 27. Lg2 Deswegen verzichtet Weiß auf den Bauerngewinn, ohne sich dadurch irgendwelche besseren Schwindelchancen einzuhandeln. Denn die Drohung e4-e5 wird selbstverständlich sofort vorteilhaft pariert. Le5 28. Kc4 Ke7! Schwarz muss nicht mal den scheinbar angegriffenen Bauern c5 decken; auf Kxc5 Thc8+ geriete der weiße König in einen Mattangriff. 29. Ta1 Sc6 Polgar spielt konsequent auf Figurentausch. Den Bauern c5 mit dem weißen König zu schlagen, würde wiederum eine Turmlinie öffnen. Hier hatte Shirov jedenfalls genug von diesem Trauerspiel und gab auf.
Pixr - 05. Jan '14
Hallo Vabanque,
ich hoffe sehr, du machst weiter. Ich bezweifle, dass dieses Forum abgeschafft wird.
Ich denke übrigens weiterhin, dass deine Analysen weitaus mehr gelesen als kommentiert werden. Leider kann man die Anzahl der Klicks nicht sehen.
Gruß
Heinz
ich hoffe sehr, du machst weiter. Ich bezweifle, dass dieses Forum abgeschafft wird.
Ich denke übrigens weiterhin, dass deine Analysen weitaus mehr gelesen als kommentiert werden. Leider kann man die Anzahl der Klicks nicht sehen.
Gruß
Heinz
Vabanque - 05. Jan '14
Ja, das wäre in diesem Fall schon schön, die Anzahl der Klicks zu sehen, obwohl es natürlich auch nichts darüber aussagt, wie viel von meinen Kommentaren gelesen wird.
Mich hat ein wenig gewundert, dass Teil XI als erster und einziger bisher kein '+' bekommen hat, gerade so als sei diese Partie schlechter als die vorigen, oder als seien meine Kommentare diesmal nicht so lesenswert gewesen, oder als sei Shirov weniger beliebt als die anderen Spieler. Ich weiß es nicht.
Es ist natürlich wirklich möglich, das meine Begeisterung in den letzten Folgen nicht mehr so rüberkam, weil sie durch die Ereignisse im allgemeinen Forum getrübt wurde - oder weil nächste Woche bei mir wieder die Arbeit angeht :)
Mich hat ein wenig gewundert, dass Teil XI als erster und einziger bisher kein '+' bekommen hat, gerade so als sei diese Partie schlechter als die vorigen, oder als seien meine Kommentare diesmal nicht so lesenswert gewesen, oder als sei Shirov weniger beliebt als die anderen Spieler. Ich weiß es nicht.
Es ist natürlich wirklich möglich, das meine Begeisterung in den letzten Folgen nicht mehr so rüberkam, weil sie durch die Ereignisse im allgemeinen Forum getrübt wurde - oder weil nächste Woche bei mir wieder die Arbeit angeht :)
Dinopapa - 05. Jan '14
Auch ich bin ein begeisterter Leser deiner Kommentare, mangels größeren Schachwissens erlaube ich mir aber keine weiteren Anmerkungen.
Also bitte mach weiter!!
Gruß, Ralf
Also bitte mach weiter!!
Gruß, Ralf
Vabanque - 06. Jan '14
Danke für den Beitrag! Es interessiert mich durchaus, wer hier alles liest :)
Und übrigens darfst du dir ruhig Anmerkungen 'erlauben', egal welcher Art.
Und übrigens darfst du dir ruhig Anmerkungen 'erlauben', egal welcher Art.
Kellerdrache - 08. Jan '14
Eine Partie mit sehr hohem Unterhaltungswert und die Kommentare hab sogar ich verstanden !
Bitte die Serie fortsetzten !
Bitte die Serie fortsetzten !
Vabanque - 08. Jan '14
Danke, schön zu hören :)
Vielleicht schaffe ich es am Wochenende, eine weitere Folge vorzubereiten.
Vielleicht schaffe ich es am Wochenende, eine weitere Folge vorzubereiten.
Flixer - 09. Jan '14
Dann melde ich mich mal zu Wort, auch wenn ich eigentlich sonst immer der "stille" Leser bin. Ich denke, du erreichst hier mehr Leser, als du denkst, es schreibt halt nicht jeder ein Kommentar, das beudetet meiner Meinung nach nicht, dass der Beitrag nicht gefallen hat. Auch wenn ich öfter mal weniger Zeit habe und es deshalb nicht immer schaffe, sofort deine Schachreihe bei einen neuen Eintrag durchzuarbeiten, hole ich es dennoch immer früher oder später nach :)
Ich finde deine Kommentare und Anmerkungen sehr schön geschrieben und auch so, dass man ohne zusätzliches Analysebrett deine genannten Varianten im Kopf nachvollziehen kann - ich würde mir wünschen, dass du weiter so machst und ich noch viele interessante Episoden der Schachgeschichte lesen kann :)
Ich finde deine Kommentare und Anmerkungen sehr schön geschrieben und auch so, dass man ohne zusätzliches Analysebrett deine genannten Varianten im Kopf nachvollziehen kann - ich würde mir wünschen, dass du weiter so machst und ich noch viele interessante Episoden der Schachgeschichte lesen kann :)
CALIDA - 09. Jan '14
@Vabanque
Den Forenbeitrag von Flixer kann ich mich nur anschliessen und Dich ermuntern deine interessanten Schachaufgaben weiterhin einer großen Leserschaft zur Verfügung zu stellen.
LG CALIDA
Den Forenbeitrag von Flixer kann ich mich nur anschliessen und Dich ermuntern deine interessanten Schachaufgaben weiterhin einer großen Leserschaft zur Verfügung zu stellen.
LG CALIDA