Kommentierte Spiele
Glanzpartien unbekannter Spieler (II)
Vabanque - 09. Mär '14
Über den russischen Spieler Malinin ist sehr wenig
bekannt. Ursprünglich Polizeibeamter, studerte er
später Jura und lehrte dann sogar an der Universität.
Er spielte viel Fernschach und erlangte auch im
Nahschach im Jahre 2003 den Großmeistertitel, obwohl
seine Leistungen sehr schnell absanken und er
mittlerweile nur noch mit einer (anscheinend inaktiven)
Elo-Zahl von 2280 geführt wird. Die Durchsicht seiner
Partien enthüllt einen Spieler, der sich keinen Deut um
positionelle Aspekte kümmert, sondern dessen einzige
Devise Angriff um jeden Preis ist. Gelingt ihm der
Angriff, so führt er ihn außerordentlich ideenreich und
mit vielen funkelnden Opfern. Das Merkwürdigste ist
allerdings, dass die Schlusskombinationen und vor allem
die Mattstellungen einiger seiner Partien derart
unwahrscheinlich aussehen, dass sie einem Traum oder
zumindest einer komponierten Schachaufgabe entsprungen
scheinen.































PGN anzeigen
bekannt. Ursprünglich Polizeibeamter, studerte er
später Jura und lehrte dann sogar an der Universität.
Er spielte viel Fernschach und erlangte auch im
Nahschach im Jahre 2003 den Großmeistertitel, obwohl
seine Leistungen sehr schnell absanken und er
mittlerweile nur noch mit einer (anscheinend inaktiven)
Elo-Zahl von 2280 geführt wird. Die Durchsicht seiner
Partien enthüllt einen Spieler, der sich keinen Deut um
positionelle Aspekte kümmert, sondern dessen einzige
Devise Angriff um jeden Preis ist. Gelingt ihm der
Angriff, so führt er ihn außerordentlich ideenreich und
mit vielen funkelnden Opfern. Das Merkwürdigste ist
allerdings, dass die Schlusskombinationen und vor allem
die Mattstellungen einiger seiner Partien derart
unwahrscheinlich aussehen, dass sie einem Traum oder
zumindest einer komponierten Schachaufgabe entsprungen
scheinen.
V Malinin A Andreev Leningrad | Leningrad | 1989 | A58 | 1:0
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. xb5 a6 5. xa6 Lxa6 Das Wolga- bzw. Benkö-Gegengambit. Schwarz opfert einen Bauern, um Druck auf den entstehenden halboffenen Linien am Damenflügel ausüben zu können. 6. Sc3 d6 7. Sf3 g6 8. g3 Lg7 9. h4?! Weiß betrachtet den schwarzen Bauern auf g6 als Angriffsmarke. O-O Schwarz hat keine Angst, in den drohenden Angriff hineinzurochieren. Objektiv betrachtet, hat er wahrscheinlich Recht. Aber in der Praxis ... 10. h5 Sxh5 11. Txh5?! Das kann eigentlich unmöglich korrekt sein, ist aber zumindest konsequent. xh5 12. Dc2 Sd7 13. Lg5 Sf6 14. Lg2 Tb8 15. O-O-O?! Das auch noch! Weiß rochiert geradewegs in die von Schwarz auch schon besetzte halboffene b-Linie hinein! Da5 16. Th1 Provozierend. Aber die schwarze Übermacht am Damenflügel ist schon zu groß. Sxd5? Schwarz führt eine richtige Idee falsch aus. Mit 16... Txb2! 21. Dxb2 Sxd5 hätte er bereits gewinnen können. 17. Sxd5 Txb2 18. Sxe7+ Kh8 19. Dxh7+!! Aber das ist jetzt korrekt und führt zum Sieg, wenn auch kaum anzunehmen ist, dass Weiß an dieser Stelle alle künftigen Verwicklungen schon gesehen hat. Kxh7 20. Txh5+ Lh6 21. Txh6+ Kg7 22. Sf5+ Kg8 23. Lf6! Bis hierhin musste er es allerdings gesehen haben, was auch leicht zu berechnen war, da Schwarz immer nur Zwangszüge zur Verfügung hatte. Jetzt droht schlicht Th8 matt, und der Läufer deckt das Feld c3, auf dem die schwarze Dame andernfalls jetzt ein tödliches Schach geben könnte. Überhaupt sind alle potenziell für Schachs der schwarzen Dame in Frage kommenden Felder gedeckt! Tc2+ Die einzige Verteidigung. 24. Kxc2 Dxa2+ 25. Lb2 Sonst gibt die schwarze Dame ewiges Schach. Dc4+ Er versucht's trotzdem. Nach Da4+ 26. Kd2! Da5+ 27. Lc3 Da2+ 28. Kc1 Da3+ 29. Lb2 hat Schwarz kein sinnvolles Schach mehr. 26. Lc3 Jetzt haben die Damenschachs ebenfalls bald ein Ende: nach 26... Dxe2+ (oder De4+) 27. Kc1 ist es schon so weit; nach 26... Da4+ (oder Da2+) 27. Kc1 Da3+ 28. Lb2 kann Schwarz nur noch die Dame geben. Aber jetzt wo der weiße Läufer nicht mehr auf f6 steht, kann Schwarz das Matt ja decken: f6 27. Sg5! Sehr schön! Schon taucht eine neue Mattdrohung auf, nämlich Se7+ nebst Th7#. Und Schwarz kann den frechen Springer nicht gut schlagen, wegen 27... fxg5 28. Ld5+! (auch Th8+ nebst Sxd6+ reicht) Dxd5 29. Se7+ mit Damengewinn und schließlicher Mehrfigur für Weiß. Aber die Wendung mit 28. Ld5+ droht auch so. Te8 Deswegen deckt Schwarz das Feld e7, damit dort sicher kein Springer Schach bieten kann. Hätte er das Folgende gesehen, so hätte er wohl Tf7 gezogen, was noch die einzige Möglichkeit war, das Matt zu verhindern. Dagegen hätte 27... Dxe2+ 28. Kc1 nichts gebracht, weil dann erst recht Ld5+ gedroht hätte, z.B. fxg5 29. Ld5+ Tf7 30. Th8# oder 28... Lc4 29. Tg6+ Kh8 30. Txf6!, und nach Lxf6 31. Lxf6+ folgt Matt in 3 weiteren Zügen durch Springerschachs auf h6 und h7 (Springer am Rande?) und Läufermatt auf c6! (Sorry wegen der langen Variante, aber die war zu schön, um sie auszulassen!) Ähnlich, und nicht minder schön, kommt es auch in der Partie. 28. Ld5+!! Genau das glaubte Schwarz doch verhindert zu haben! Dxd5 Es geht jetzt kein Springerschach auf e7, aber ... 29. Th8+! Kxh8 30. Lxf6+ Kg8 31. Sh6+ Kf8 32. Sh7# Der eigene Turm blockiert das letzte Fluchtfeld! Das Matt der drei Leichtfiguren ist sicherlich ein seltenes, und hier handelt es sich auch noch um ein 'reines' Matt, d.h. jedes Fluchtfeld ist dem schwarzen König nur auf eine Weise verwehrt. Eine kuriose Schlussstellung zu einem ab dem 17. Zug grandios geführten Angriff (auch wenn die Züge davor sicherlich nicht nachahmenswert sind).
Kellerdrache - 11. Mär '14
Ob das wirklich ein Glanzpartie ist möchte ich bezweifeln. Natürlich ist der Schlußangriff ganz großes Kino und ich möchte bestimmt nicht behaupten, dass ich das auch gekonnt hätte.
Aber Eröffnung und frühes Mittelspiel sind doch ein bisschen haarsträubend. Wie du selber geschrieben hast hätte Schwarz bei korrektem Spiel schon in deutlichen Vorteil kommen können.
Trotzdem wieder eine sehr unterhaltsame Partie auch wenn die Puristen die Nase rümpfen werden ;-))
Viele Grüße
Kellerdrache
Aber Eröffnung und frühes Mittelspiel sind doch ein bisschen haarsträubend. Wie du selber geschrieben hast hätte Schwarz bei korrektem Spiel schon in deutlichen Vorteil kommen können.
Trotzdem wieder eine sehr unterhaltsame Partie auch wenn die Puristen die Nase rümpfen werden ;-))
Viele Grüße
Kellerdrache
pirc_ - 11. Mär '14
also mir gefallen diese "ich opfer einfach mal alles um matt zu setzen"-Partien sehr gut und viel besser als ellenlanges taktisches Geschiebe um dann irgendwann zu gewinnen...also jetzt so aus der zuschauerperspektive :-)
Vabanque - 11. Mär '14
Ja, meistens versuche ich schon halbwegs 'korrekte' Partien auszuwählen. Aber hier habe ich wegen des spektakulären Schlusses, der so ziemlich einzig in der Schachliteratur dazustehen scheint, mal eine Ausnahme gemacht ... der Magie der Schlusskombination habe ich mich nicht entziehen können :)
Am schönsten sind natürlich die Partien, wo der spektakuläre Schluss eine logische Folge des vorangegangenen starken Positionsspiels ist. So eine Partie befriedigt dann jeden. Aber Partien dieser Art gibt es dann meistens nur von den ganz großen Spielern.
Am schönsten sind natürlich die Partien, wo der spektakuläre Schluss eine logische Folge des vorangegangenen starken Positionsspiels ist. So eine Partie befriedigt dann jeden. Aber Partien dieser Art gibt es dann meistens nur von den ganz großen Spielern.
Vabanque - 11. Mär '14
Das ist richtig, hier bekommt man 'was geboten' :))