Kommentierte Spiele

Eröffnungsraritäten: Nimzowitsch-Eröffnung (II)

Colorado77 - 02. Aug '16
Kasparov, Sergey Schulze, Torben Open | Bad Zwischenahn | 2011 | B00 | 0:1
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
In der folgenden Partie geht es um die Unterscheidung objektiv und subjektiv, um die Frage, was ist Schach und um die Frage, wie erlegt man einen GM? Die beiden Protagonisten sind der russische GM (2500) Sergey Kasparov - u.a. für New in Chess als Buchautor tätig - und der deutsche "Amateurspieler" (auch wenn das eine deutliche Untertreibung ist angesichts einer heutigen Elo von über 2300) T. Schulze. Die Eröffnung ist Teil II meiner Eröffnungsvorstellung der Nimzowitsch-verteidigung 1.e4 Sc6. In Folge I sahen wir, wie Schwarz auf das raumgreifende 2.d4 reagieren kann - mit der Nimzowitschen Blockadestruktur 2...d5 (weissfeldrig) oder mit der schwarzfeldrigen Blockade nach 2...e5. Die meisten Weissspieler kennen 1.e4 Sc6 überhaupt nicht, und wenn, dann verfolgen sie den pragmatischen Ansatz, mit 2.Sf3 fortzusetzen. Dies wäre dann der Übergang zu den offenen Spielen/Spanisch/Italienisch, etc. In der Tat ist nach 2.Sf3 e5 der beste Zug. Schwarz verfolgt jedoch im Colorado Counter (zu Deutsch: Gegenschlag) einen sofortigen Angriff auf das weisse Zentrum, eben mittels f5. Dieser Zug zu kommentieren ist nicht ganz leicht. Objektiv ist er fragwürdig ("?!"), da er unwiderbringlich das Feld xe5 schwächt. Weiterhin schwächt er die Diagonale h5-e8. Positionell also eine Zitrone! Subjektiv hingegen ist er oft als interessant ("!?") beschrieben: Wegen der absoluten Seltenheit von 1...Sc6 wird der Weisse vermutlich in eine leichte "Schockstarre" verfallen. Vorausgesetzt man hat kein wandelndes Theorielexikon vor sich, werden die meisten Weissen nun in ein tiefes Brüten verfallen und sind "out of book". Damit kommen wir zu der Frage, was ist Schach? Ein Spiel, und jedes Spiel hat einen gewissen Anteil von Psychologie inhärent! Der GM wird die Eröffnung gut spielen, logisch sogar, dennoch wird er verlieren, in knapp 20 Zügen als Weisser! Er macht dabei einen winzigen Fehler, erlaubt ein wunderschönes Damenopfer, und von diesem Schock wird er sicht mehr erholen. Damit sind wir bei der Frage, wie man als normal begabter Schachspieler, als "mere mortal" einen GM-Skalp erlegt: Dies wird zu 99% NICHT mit Caro-Kann Abtausch oder mit orthodoxem Damengambit passieren, sondern eben mit etwas Extravagantem, Skurrilem und Risikoreichen! Hole den GM aus der Comfortzone und setze ihn ungewöhnlichen Stellungen, freilich mit erhöhter eigener Rutschgefahr, aus... Das Ende der Partie sah einen demolierten GM, der sichtlich derangiert sogar seinen Gegner der Enginezockerei bezichtigte (laut Augenzeigen). Nun, der Gegner räumte damit schnell auf und erklärte, dass er natürlich daheim in der Vorbereitung das Motiv mit Silicon Brain genau untersucht hatte... Und nun viel Spass! 1. e4 Sc6 2. Sf3 f5 Colorado-Defence! Benannt nach ihrem Urspungsort 1978. In der Folge analysierte auch der dort ansässige amerikanische Spieler Myers diese Eröffnung. Noch skurriler ist "El Columpio", die Schaukel, siehe
Sf6 3. e5 Sg4 4. d4 d6 5. h3 Sh6 6. Sc3 +/-, <a rel="ugc nofollow" href="http://nimzovinec.free.fr/spip.php?article37" target="_blank"><svg class="svg-inline--fa fa-arrow-up-right-from-square fa-fw text-body" aria-hidden="true" focusable="false" data-prefix="fas" data-icon="arrow-up-right-from-square" role="img" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg" viewBox="0 0 512 512" data-fa-i2svg=""><path fill="currentColor" d="M320 0c-17.7 0-32 14.3-32 32s14.3 32 32 32l82.7 0L201.4 265.4c-12.5 12.5-12.5 32.8 0 45.3s32.8 12.5 45.3 0L448 109.3l0 82.7c0 17.7 14.3 32 32 32s32-14.3 32-32l0:1 60c0:1 7.7-14.3-32-32-32L320 0zM80 32C35.8 32 0 67.8 0 112L0 432c0 44.2 35.8 80 80 80l320 0c44.2 0 80-35.8 80-80l0:1 12c0:1 7.7-14.3-32-32-32s-32 14.3-32 32l0 112c0 8.8-7.2 16-16 16L80 448c-8.8 0:1 6-7.2-16-16l0-320c0-8.8 7.2-16 16-16l112 0c17.7 0 32-14.3 32-32s-14.3-32-32-32L80 32z"></path></svg><!-- <i class="fas fa-fw fa-arrow-up-right-from-square text-body"></i> --> nimzovinec.free.fr/spip.php?article37</a>
3. xf5 d5 4. d4 Lange Zeit galt folgendes als das Beste. Statt dem Schablonenzug d4 wird sofort der Finger in die positionelle Wunde gelegt: xe5!
4. Lb5 Lxf5 5. Se5 a6
Dd6 Galt als "Mainline", jedoch punktete Schwarz auch hier miserabel, kein Wunder, Lf4 ist ein leicht zu sehender Zug. 6. d4 Sf6 7. O-O Sd7 8. Lf4
8. Lxc6 xc6 9. Lf4 Sxe5 10. Lxe5 Dd7 11. Sd2 += aber dauerhaftes weisses Plus, zB. e6 12. c4 Ld6 13. De2 O-O 14. c5 Lxe5 15. Dxe5 positionell "grotte"!
Sxe5
Sxe5 9. Lxe5 Db4 10. Lxd7+ Kxd7 11. Df3 e6 12. Sc3 +/- wegen der unsicheren schwarzen Königslage.
9. Lxe5 Dg6 10. c4 +/-
10. Lxc7 Tc8 11. Lg3 Lxc2 12. De2 e6 13. Sc3 Kf7!? ist nicht so klar!
xc4
O-O-O 11. Lxc6 Dxc6 12. xd5 Txd5 13. Sa3 nebst Tc1 und das macht Schwarz keinen Spass mehr.
11. Da4 ist positionell eine Katastrophe.
6. Lxc6+
6. Sxc6 Dd7 7. Sxe7 xb5 Kompensation!
xc6 7. d4
7. Sxc6 Wie schon bei 6.Sxc6 auch sollte Weiss sich hüten, zu schnell Material nachzujagen, der Fokus muss auf der positionellen Ausnutzung der Felderchwche e5 liegen. Dd6 8. Sd4 De5+ 9. Se2 De4 Initiative!
e6 8. Dh5+ g6 9. De2 +/- Auch hier dient das feine Manöver Dh5+-De2 einzig der Isolierung des Lf5, der nun wirklich mit g4 abgeholt zu werden droht.
Lxf5 5. Lb5 e6 6. Se5 Se7 7. Dh5+ Das folgende ist eine Idee von S.Bücker, aufgegriffen von L.Gutman.
7. La4 !! Dieser Zug deckt das eigentliche Problem auf: Schwarz hat keine guten Züge, Dd6 zur Deckung des Sc6 ermöglicht immer Lf4, mit diversen Abzugsdrohungen. Damit ist 4.d4 "rehabilitiert" in dem Sinne, das auch mit diesem Zug Weiss +/-, klaren Vorteil also, erreicht! a6 8. Sc3 b5? Das Beste ist noch:
Tb8 9. Lg5 Dd6 10. f4 b5 11. Lb3 +/- weisses a4 und der kaum zu entwickelnde Lf8 sind die Hauptprobleme.
9. Sxb5! xb5 10. Lxb5 Dd6 11. c3! verhindert Db4+, engt die schwarze Dame ein und droht beides, Lf4 wie Lg5: h6
g6 12. Lf4 Lg7 13. O-O O-O 14. Sxc6 Dxf4 15. Sxe7+ +-
12. Lf4 +-
g6
Lg6 8. Lxc6+ xc6 9. Dh3 Dd6 dieses Mal ist die Schwäche des Be6 das Problem.
8. De2 Lg7 Hier muss Weiss sich schon am Ziel gewähnt haben: Bisher eine tadellose Vorstellung, jedoch gibt es ein Loch: Der an sich gute Damenzug Dh5+ zur Isolierung des Lf5 hat Schwarz einen Entwicklungszug geschenkt, g6 . Nun machen wir Menschen oft denselben Fehler wie die Engines: Wir übergewichten die Dame... 9. Lg5
9. g4 Lxe5 10. xe5 Le4 11. f3 O-O 12. xe4 Sd4 13. Dd3 xe4 14. Dxe4 Sf3+ 15. Ke2 Sd4+ 16. Ke1 Sxb5 -/+
O-O es ging auch das einfache
Dd6 10. Lxe7 Kxe7 11. Lxc6 xc6 spielt sich mit dem Läuferpaar und dem "Rollercoaster" c5 sehr gut!
10. Lxc6
10. c3 Sxe5 11. xe5 c5 12. Sd2 c4 -/+ Der Libero Bb5 macht eine miese Figur, es droht zudem Ld3....
Sxc6 !!
xc6 11. O-O De8 12. g4 ! so in etwa muss sich Kasparov das gedacht haben. c5 13. Lxe7 Dxe7 14. xf5 Txf5 15. f4 xd4 +/-
11. Lxd8 Sxd4 12. Dd2 Sxc2+ 13. Ke2 Lxe5 Schwarz hat infolge des traumhaften Damenopfers bald 2 Leichtfiguren und 2 Bauern. Mehr noch: Schwarz ohne Rochaderecht und mit völlig verlorener Koordination der "Eckfiguren" a1 und h1 ;-) 14. Sc3? Und da ist es, der letzte wirkliche Fehler, der psychologisch konsequent ist. Weiss kann sich nicht an die völlig veränderte Sachlage anpassen!
14. Lg5 Lxb2
Sxa1? 15. Sa3 +-
15. Le7! Lxa1
Tfe8 16. Sa3 Sd4+ 17. Ke3 Lxa3 18. Lxa3 Sc2+ 19. Kf3 Sxa3 20. Db2 Sc4 21. Dxb7 +/-
16. Lxf8 Nun kann Schwarz auf Sieg weiter spielen oder ein einfaches Remis durch Zugwiederholung anstreben. Sd4+
Txf8 17. Sa3 d4 18. Txa1 d3+ 19. Kf1 Sxa1 unklar
17. Ke3 Sc2+ Dauerschach!
14. Le7 Tf7 15. Sa3 Sd4+ 16. Kf1 Txe7 =+/-/+
Txd8 -/+ 15. Tac1 d4 16. Sd1 Le4 droht nicht nur Lxg2 sondern vor allem Lf4 und Dd2/Tc1 sind aufgespiesst... 17. Dg5 d3+ 18. Kf1 d2 Was ein Bild, neben den 5 (!) schwarzen Figuren, die alle besser stehen als die weissen Figuren, mischt sich nun auch noch ein gefährlicher schwarzer Bauer auf der 2. Reihe ein! 19. Tb1 Lf4 Weiss hatte hier bereits den Kaffee auf und streckte die Waffen. Aufgabe und 0:1! Es hätte noch folgen können: 20. Dg4
20. De7 Se3+ 21. Ke2
21. Kg1 Sxd1 22. Dxe6+ Kh8 23. Txd1 Lc2 -+
Ld3+ 22. Kf3 Lg5+ -+
Lf5 21. Df3 Ld3+ 22. Kg1 Se1 Ich hoffe, Euch gefiel diese Eröffnungsrarität. "Nachahmern" sei gesagt, dass die grösste Wucht dieser Eröffnung bei OTB (Nahschach) UND bei gelegentlicher Anwendung ist. "Schach für Tiger" eben ;-)
PGN anzeigen
[Event "Open"]
[Site "Bad Zwischenahn"]
[Date "2011"]
[Round "?"]
[White "Kasparov, Sergey"]
[Black "Schulze, Torben"]
[Result "0-1"]
[BlackElo "2250"]
[ECO "B00"]
[Opening "Nimzowitsch Verteidigung"]
[Variation "Colorado Counter"]
[WhiteElo "2550"]
[TimeControl "300"]
[Termination "normal"]
[PlyCount "44"]
[WhiteType "human"]
[BlackType "human"]

{In der folgenden Partie geht es um die Unterscheidung objektiv und
subjektiv, um die Frage, was ist Schach und um die Frage, wie erlegt man
einen GM? Die beiden Protagonisten sind der russische GM (2500) Sergey
Kasparov - u.a. für New in Chess als Buchautor tätig - und der deutsche
"Amateurspieler" (auch wenn das eine deutliche Untertreibung ist angesichts
einer heutigen Elo von über 2300) T. Schulze. Die Eröffnung ist Teil II
meiner Eröffnungsvorstellung der Nimzowitsch-verteidigung 1.e4 Sc6. In
Folge I sahen wir, wie Schwarz auf das raumgreifende 2.d4 reagieren kann -
mit der Nimzowitschen Blockadestruktur 2...d5 (weissfeldrig) oder mit der
schwarzfeldrigen Blockade nach 2...e5. Die meisten Weissspieler kennen 1.e4
Sc6 überhaupt nicht, und wenn, dann verfolgen sie den pragmatischen Ansatz,
mit 2.Sf3 fortzusetzen. Dies wäre dann der Übergang zu den offenen
Spielen/Spanisch/Italienisch, etc. In der Tat ist nach 2.Sf3 e5 der beste
Zug. Schwarz verfolgt jedoch im Colorado Counter (zu Deutsch: Gegenschlag)
einen sofortigen Angriff auf das weisse Zentrum, eben mittels f5. Dieser
Zug zu kommentieren ist nicht ganz leicht. Objektiv ist er fragwürdig
("?!"), da er unwiderbringlich das Feld xe5 schwächt. Weiterhin schwächt er
die Diagonale h5-e8. Positionell also eine Zitrone! Subjektiv hingegen ist
er oft als interessant ("!?") beschrieben: Wegen der absoluten Seltenheit
von 1...Sc6 wird der Weisse vermutlich in eine leichte "Schockstarre"
verfallen. Vorausgesetzt man hat kein wandelndes Theorielexikon vor sich,
werden die meisten Weissen nun in ein tiefes Brüten verfallen und sind "out
of book". Damit kommen wir zu der Frage, was ist Schach? Ein Spiel, und
jedes Spiel hat einen gewissen Anteil von Psychologie inhärent! Der GM wird
die Eröffnung gut spielen, logisch sogar, dennoch wird er verlieren, in
knapp 20 Zügen als Weisser! Er macht dabei einen winzigen Fehler, erlaubt
ein wunderschönes Damenopfer, und von diesem Schock wird er sicht mehr
erholen. Damit sind wir bei der Frage, wie man als normal begabter
Schachspieler, als "mere mortal" einen GM-Skalp erlegt: Dies wird zu 99%
NICHT mit Caro-Kann Abtausch oder mit orthodoxem Damengambit passieren,
sondern eben mit etwas Extravagantem, Skurrilem und Risikoreichen! Hole den
GM aus der Comfortzone und setze ihn ungewöhnlichen Stellungen, freilich
mit erhöhter eigener Rutschgefahr, aus... Das Ende der Partie sah einen
demolierten GM, der sichtlich derangiert sogar seinen Gegner der
Enginezockerei bezichtigte (laut Augenzeigen). Nun, der Gegner räumte damit
schnell auf und erklärte, dass er natürlich daheim in der Vorbereitung das
Motiv mit Silicon Brain genau untersucht hatte... Und nun viel Spass!} 1.
e4 Nc6 2. Nf3 f5 {Colorado-Defence! Benannt nach ihrem Urspungsort 1978. In
der Folge analysierte auch der dort ansässige amerikanische Spieler Myers
diese Eröffnung.
Noch skurriler ist "El Columpio", die Schaukel, siehe}
(2. .. Nf6 3. e5 Ng4 4. d4 d6 5. h3 Nh6 6. Nc3 {+/-,
nimzovinec.free.fr/spip.php?article37}) 3. exf5 d5 4. d4 {Lange Zeit
galt folgendes als das Beste. Statt dem Schablonenzug d4 wird sofort der
Finger in die positionelle Wunde gelegt: xe5!} (4. Bb5 Bxf5 5. Ne5 a6 (5.
.. Qd6 {Galt als "Mainline", jedoch punktete Schwarz auch hier miserabel,
kein Wunder, Lf4 ist ein leicht zu sehender Zug.} 6. d4 Nf6 7. O-O Nd7 8.
Bf4 (8. Bxc6 bxc6 9. Bf4 Nxe5 10. Bxe5 Qd7 11. Nd2 {+= aber dauerhaftes
weisses Plus, zB.} e6 12. c4 Bd6 13. Qe2 O-O 14. c5 Bxe5 15. Qxe5
{positionell "grotte"!}) 8. .. Ndxe5 (8. .. Ncxe5 9. Bxe5 Qb4 10. Bxd7+
Kxd7 11. Qf3 e6 12. Nc3 {+/- wegen der unsicheren schwarzen Königslage.})
9. Bxe5 Qg6 10. c4 {+/-} (10. Bxc7 Rc8 11. Bg3 Bxc2 12. Qe2 e6 13. Nc3
Kf7!? {ist nicht so klar!}) 10. .. dxc4 (10. .. O-O-O 11. Bxc6 Qxc6 12.
cxd5 Rxd5 13. Na3 {nebst Tc1 und das macht Schwarz keinen Spass mehr.}) 11.
Qa4 {ist positionell eine Katastrophe.}) 6. Bxc6+ (6. Nxc6 Qd7 7. Nxe7 axb5
{Kompensation!}) 6. .. bxc6 7. d4 (7. Nxc6 {Wie schon bei 6.Sxc6 auch
sollte Weiss sich hüten, zu schnell Material nachzujagen, der Fokus muss
auf der positionellen Ausnutzung der Felderchwche e5 liegen.} Qd6 8. Nd4
Qe5+ 9. Ne2 Qe4 {Initiative!}) 7. .. e6 8. Qh5+ g6 9. Qe2 {+/- Auch hier
dient das feine Manöver Dh5+-De2 einzig der Isolierung des Lf5, der nun
wirklich mit g4 abgeholt zu werden droht.}) 4. .. Bxf5 5. Bb5 e6 6. Ne5 Ne7
7. Qh5+ {Das folgende ist eine Idee von S.Bücker, aufgegriffen von
L.Gutman.} (7. Ba4 {!! Dieser Zug deckt das eigentliche Problem auf:
Schwarz hat keine guten Züge, Dd6 zur Deckung des Sc6 ermöglicht immer Lf4,
mit diversen Abzugsdrohungen. Damit ist 4.d4 "rehabilitiert" in dem Sinne,
das auch mit diesem Zug Weiss +/-, klaren Vorteil also, erreicht!} a6 8.
Nc3 b5? {Das Beste ist noch:} (8. .. Rb8 9. Bg5 Qd6 10. f4 b5 11. Bb3 {+/-
weisses a4 und der kaum zu entwickelnde Lf8 sind die Hauptprobleme.}) 9.
Nxb5! axb5 10. Bxb5 Qd6 11. c3! {verhindert Db4+, engt die schwarze Dame
ein und droht beides, Lf4 wie Lg5:} h6 (11. .. g6 12. Bf4 Bg7 13. O-O O-O
14. Nxc6 Qxf4 15. Nxe7+ {+-}) 12. Bf4 {+-}) 7. .. g6 (7. .. Bg6 8. Bxc6+
bxc6 9. Qh3 Qd6 {dieses Mal ist die Schwäche des Be6 das Problem.}) 8. Qe2
Bg7 {Hier muss Weiss sich schon am Ziel gewähnt haben: Bisher eine
tadellose Vorstellung, jedoch gibt es ein Loch: Der an sich gute Damenzug
Dh5+ zur Isolierung des Lf5 hat Schwarz einen Entwicklungszug geschenkt, g6
. Nun machen wir Menschen oft denselben Fehler wie die Engines: Wir
übergewichten die Dame...} 9. Bg5 (9. g4 Bxe5 10. dxe5 Be4 11. f3 O-O 12.
fxe4 Nd4 13. Qd3 dxe4 14. Qxe4 Nf3+ 15. Ke2 Nd4+ 16. Ke1 Nxb5 {-/+}) 9. ..
O-O {es ging auch das einfache} (9. .. Qd6 10. Bxe7 Kxe7 11. Bxc6 bxc6
{spielt sich mit dem Läuferpaar und dem "Rollercoaster" c5 sehr gut!}) 10.
Bxc6 (10. c3 Nxe5 11. dxe5 c5 12. Nd2 c4 {-/+ Der Libero Bb5 macht eine
miese Figur, es droht zudem Ld3....}) 10. .. Nxc6 {!!} (10. .. bxc6 11. O-O
Qe8 12. g4 {! so in etwa muss sich Kasparov das gedacht haben.} c5 13. Bxe7
Qxe7 14. gxf5 Rxf5 15. f4 cxd4 {+/-}) 11. Bxd8 Nxd4 12. Qd2 Nxc2+ 13. Ke2
Bxe5 {Schwarz hat infolge des traumhaften Damenopfers bald 2 Leichtfiguren
und 2 Bauern. Mehr noch: Schwarz ohne Rochaderecht und mit völlig
verlorener Koordination der "Eckfiguren" a1 und h1 ;-)} 14. Nc3? {Und da
ist es, der letzte wirkliche Fehler, der psychologisch konsequent ist.
Weiss kann sich nicht an die völlig veränderte Sachlage anpassen!} (14. Bg5
14. .. Bxb2 (14. .. Nxa1? 15. Na3 {+-}) 15. Be7! Bxa1 (15. .. Rfe8 16. Na3
Nd4+ 17. Ke3 Bxa3 18. Bxa3 Nc2+ 19. Kf3 Nxa3 20. Qb2 Nc4 21. Qxb7 {+/-})
16. Bxf8 {Nun kann Schwarz auf Sieg weiter spielen oder ein einfaches Remis
durch Zugwiederholung anstreben.} Nd4+ (16. .. Rxf8 17. Na3 d4 18. Rxa1 d3+
19. Kf1 Nxa1 {unklar}) 17. Ke3 Nc2+ {Dauerschach!}) (14. Be7 Rf7 15. Na3
Nd4+ 16. Kf1 Rxe7 {=+/-/+}) 14. .. Raxd8 {-/+} 15. Rac1 d4 16. Nd1 Be4
{droht nicht nur Lxg2 sondern vor allem Lf4 und Dd2/Tc1 sind
aufgespiesst...} 17. Qg5 d3+ 18. Kf1 d2 {Was ein Bild, neben den 5 (!)
schwarzen Figuren, die alle besser stehen als die weissen Figuren, mischt
sich nun auch noch ein gefährlicher schwarzer Bauer auf der 2. Reihe ein!}
19. Rb1 Bf4 {Weiss hatte hier bereits den Kaffee auf und streckte die
Waffen. Aufgabe und 0:1! Es hätte noch folgen können:} 20. Qg4 (20. Qe7
Ne3+ 21. Ke2 (21. Kg1 Nxd1 22. Qxe6+ Kh8 23. Rxd1 Bc2 {-+}) 21. .. Bd3+ 22.
Kf3 Bg5+ {-+}) 20. .. Bf5 21. Qf3 Bd3+ 22. Kg1 Ne1 {Ich hoffe, Euch gefiel
diese Eröffnungsrarität. "Nachahmern" sei gesagt, dass die grösste Wucht
dieser Eröffnung bei OTB (Nahschach) UND bei gelegentlicher Anwendung ist.
"Schach für Tiger" eben ;-)}
Vabanque - 02. Aug '16
Eine verblüffende Partie. Dass Schwarz da so einfach mir nichts dir nichts die Dame geben kann, daran denkt man in der Tat nicht. Kaum ein menschlicher Spieler wird einen Zug wie 10... Sxc6!! in seine Vorausberechnungen auch nur einbeziehen.
pirc_ - 02. Aug '16
1. e4 Sc6 hatte ich auf dieser Seite insgesamt 7 mal auf dem Brett. Nachdem ich einmal Sf3 spielte und ich nach f5 deutlich unter die Räder kam, werde ich dies nie mehr machen und lieber gesittet mit 2. d4 weiterspielen ;-)
Jedenfalls sind "seltene" Eröffnungen es immer wert gespielt zu werden finde ich...der Gegner muss selbst "schlechte" Züge widerlegen können und die guten erst mal finden.
Sam0907 - 02. Aug '16
@C77 !!!

Klasse gemacht. Wo findest Du immer wieder solche Partien ?? :-)

OK - hast ja ne riesige DB.

Mach weiter so - super :-)
Vabanque - 02. Aug '16
'Weiter so' ist auf jeden Fall ein guter Vorschlag :)

@pirc_: Diese Variante konkret hatte ich zwar noch nicht auf dem Brett, aber generell kenne ich natürlich die Situation, eine zweifelhafte Variante vorgesetzt zu kriegen. Früher wollte ich das dann immer krampfhaft widerlegen, nach dem Motto: 'Der Zug kann doch gar nicht gut sein (hatte es auch häufig gelesen, dass er nicht gut sei), also muss es doch für mich jetzt was geben!' Meistens gingen solche Widerlegungsversuche dann nach hinten los. Später ging ich daher zu der Strategie über, zweifelhafte Fortsetzungen quasi zu ignorieren und ganz normal und solide weiterzuspielen. Aber das war dann häufig nicht kraftvoll genug, und der Gegner erreichte mühelos eine gute Stellung.

Fazit 1: Wie man auch gegen zweifelhafte Fortsetzungen spielt, immer ist es falsch!

Wenn ich aber dann (wegen des großen Erfolgs, den meine Gegner gegen mich damit gehabt hatte) selber die zweifelhafte Fortsetzung spielte, bekam ich die Partie meist um die Ohren gehauen.

Fazit 2: Andere dürfen sich die zweifelhaften Fortsetzungen sehr wohl erlauben, ich selber aber nicht!
Colorado77 - 02. Aug '16
Vabanque, mMn hängt bei dem was Du sagst, viel davon ab, wie riskant oder zweifelhaft die Variante ist und wie schwierig die "Widerlegung" am Brett zu finden ist.
Beim Colorado 2...f5 ist es schon anrüchig. Die "Widerlegung" zu finden ist nicht so einfach, da früher viele zu solch brachialen (Du sagst "krampfhaft") Methoden griffen wie:
3.exf5 d5
4.Sh4 ?! e5 ?! (besser ist Sh6 und auf Dh5+ Sf7 nebst Drohung g7-g6!)
5.Dh5+ g6
6.fxg6 Sf6
7.g7+ Sxh5
8.gxh8D Dxh4
9.Dxh7 Sd4
10.Sc3 Lf5
11.Dxc7 +/- wenn Weiss es taktisch ganz genau spielt (bei grossem Chaos auf dem Brett)

Move piece

Chessboard as table

hgfedcba
1Rook WhiteBishop WhiteKing WhiteBishop WhiteRook White
2Pawn WhitePawn WhitePawn WhitePawn WhitePawn WhitePawn WhitePawn White
3Knight White
4Queen BlackKnight Black
5Knight BlackBishop BlackPawn BlackPawn Black
6
7Queen WhitePawn BlackPawn Black
8Bishop BlackKing BlackRook Black

Pieces lists

Pieces White

  • King e1
  • Queen c7
  • Rook a1
  • Rook h1
  • Bishop c1
  • Bishop f1
  • Knight c3
  • Pawn a2
  • Pawn b2
  • Pawn c2
  • Pawn d2
  • Pawn f2
  • Pawn g2
  • Pawn h2

Pieces Black

  • King e8
  • Queen h4
  • Rook a8
  • Bishop f5
  • Bishop f8
  • Knight d4
  • Knight h5
  • Pawn d5
  • Pawn e5
  • Pawn a7
  • Pawn b7
Schwarz am Zug


Kasparov spielte es ja richtig, Lb5/Se5/Dh5+/De2: Nur ging es eben taktisch nicht, was - da hast Du recht - nur wenige am Brett finden würden (also das Damenopfer). Mit der angegebenen Zugfolge erreicht Weiss aber +/-: Da ist wohl nicht dran zu rütteln, es ist jedoch so schwer (ohne Engine-Vorbereitung), dass man es locker ab und zu (!) im Nahschach spielen kann.
Vabanque - 03. Aug '16
Im Nahschach kann man nahezu alles spielen, sogar das Englund-Gambit, Grobs Angriff oder das Elefanten-Gambit. All das würde ich mich im Fernschach nicht unbedingt trauen.
Kellerdrache - 04. Aug '16
Sehr schöne Partie. Ganz ungewohnte Stellungen und viele taktische Feinheiten (wenn man bei einem Damenopfer von Feinheit reden kann ;-)) ).
Solcher Eröffnungen haben für mich als der der dagegen spielt immer ein Problem. Sie kommen zu selten vor als das sich ein Studium der Theorie lohnen würde, sind aber zu gefährlich um sich ganz auf seine Intuition zu verlassen. Bisher habe ich 4 Partien (in 35 Jahren Schach) dagegen gespielt und 3 davon verloren (die gewonnene Partie hat mein Gegner in überlegener Stellung weggepatzt).
Colorado sei Dank für die Gelegenheit sich mal mit dem Exoten zu beschäftigen. Vielleicht probiere ich es ja nach meinem Urlaub mal an meinen Vereinskollegen aus.