Kommentierte Spiele

Glanzpartien unbekannter Spieler (I)

Vabanque - 08. Mär '14
Ich möchte meine Reihe 'Große Partien der
Schachgeschichte' zwar nicht aufgeben, aber
mittlerweile bin ich zu der Ansicht gelangt, dass es
vielleicht sogar verdienstvoller ist, unbekannte, aber
deswegen nicht minder brilliante Partien in das
Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Natürlich ist
die Aufgabe, alle versunkenen Schätze der
Schachliteratur zu bergen, eine schier unübersehbare.
Ich kann da nur einzelne Perlen an die Oberfläche holen
(aber jedesmal, wenn ich wieder so eine gefunden habe,
bin ich glücklich wie ein kleines Kind). Dabei werde
ich mich ganz frei und unsystematisch durch die
Schachgeschichte bewegen. Daten und Namen werden wenig
Bedeutung haben; das einzige Kriterium wird die
Schönheit der Spielzüge sein. Gleichzeitig wird man bei
den meisten dieser Partien ziemlich sicher sein können,
dass sie noch nie mit ausführlichen Kommentaren in
irgendeiner Publikation erschienen sind (zumindest
nicht in deutscher Sprache).

Ich beginne mit einer Partie aus dem Jahre 1946, die
der 7-fache spanische Meister Antonio Angel Medina
Garcia (was für ein klangvolller Name!) gegen den
zweifachen britischen und 5-fachen Londoner Meister
William Winter gewann. Während der Engländer mehr den
akademischen Zugang zum Schach hatte (er war auch ein
bedeutender Schachpublizist), scheint der Spanier ein
Naturtalent gewesen zu sein.

PGN anzeigen[Event "London B"]
[Site "London ENG"]
[Date

"1946.01.14"]
[EventDate "1946.01.14"]
[Round "1"]
[Result

"1-0"]
[White "A Medina Garcia"]
[Black "William

Winter"]


1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4

Nf6 5. Nc3 g6 6. Be2 Bg7 7. Be3 Nc6 8.
Nb3 O-O 9. g4!? {Außerhalb der Theorie, die an dieser

Stelle eigentlich nur f4 oder 0-0 kennt. Aber der

Textzug ist alles andere als ungefährlich, wie die

Folge zeigt. Überhaupt spielt Weiß die ganze Partie mit

herzerfrischender Unbekümmertheit. Leider kann man so

etwas nicht nachmachen; solche Partien gelingen

entweder, oder sie gelingen nicht. Die letzteren Fälle

dürften weitaus in der Überzahl sein, allerdings werden

die Partien dann meistens nicht veröffentlicht.} Be6

10. g5 Nd7 11. h4 Nb6 12. h5 d5 {An und für sich ist

dieser Gegenschlag im Zentrum genau die richtige

Reaktion auf den eigentlich verfrühten Flügelangriff

von Weiß. Nur führt Schwarz später seinen strategisch

richtigen Plan taktisch nicht korrekt durch.} 13. Nd4

Nxd4 {Die Möglichkeit Sxe6 war für Schwarz zu

unangenehm.} 14. Bxd4 dxe4
15. Bxg7 Kxg7 16. Qc1 {Weiß muss versuchen, den Angriff

aufrecht zu erhalten, denn in einem Endspiel würden

sich die vorgerückten Königsflügelbauern nur als

Schwäche erweisen.} Qd4 {Pragmatischer war wohl Dc7, um

den nächsten weißen Zug zu verhindern. Der Textzug ist

zwar ebenso gut, aber erfordert von Schwarz größere

Wachsamkeit.} 17. Qf4 f5? {Aber warum strebt Schwarz

denn jetzt nicht mit 17... Sd5 Vereinfachung an? Auch

Lf5 kam in Frage. Der Textzug verliert, allerdings war

das nicht leicht zu erkennen.} 18. Rd1! Qc5 {Schwarz

muss die Deckung des Feldes e5 aufrecht erhalten.} 19.

Nd5!! {Unterbrechung der 5. Reihe! Das Damenschach auf

e5 ist so stark, dass sich dafür ein Figurenopfer

lohnt.} Bxd5 {Noch schlimmer kommt es nach 19... Sxd5

20. De5+ Kf7 21. hxg6 hxg6 22. Rh7+ Ke8 23. Dxe6. Und

wenn Schwarz mit 19... Dd6 (die einzige Möglichkeit, e5

zu decken) den Übergang ins Endspiel anstrebt, so

könnte Weiß mit 20. Sc7!! (stärker als 21. Dxd6 cxd6

22. Sc7, was nur die Qualität gewinnt) Dxf4 21. Sxe6+

nebst Sxf4 eine Figur gewinnen. [Das ist übrigens ein

typisches Beispiel, wie Engines diese Kommentare

beeinflussen. Den Qualitätsgewinn nach dem Damentausch

hatte ich selber gesehen und den Kommentar auch schon

so geschrieben. Doch als ich die Beurteilung der Variante

nur noch einmal mit Stockfish prüfen wollte,

teilte mir mein elektronischer Freund die noch bessere

Idee 20. Sc7!! mit, wonach ich natürlich den Kommentar

noch einmal geändert habe.]}20. Qe5+ Kf7 {Kg8 21. hxg6

hxg6 (was sonst? Da5+ 22. Kf1 verschlimmert nur die

Lage, weil Schwarz die Deckung von e7 aufgibt) 22. Th8+

Kf7 23. Th7+ führt mit einem Zug Verzögerung in den

Text.}21.
hxg6+ hxg6 {Kxg6 führt nach 22. Lh5+ zu einem schnellen

Matt (Kxg5 23. Dg7+ nebst Dg3#); bei 21... Kg8 22.

gxh7+ nebst Lh5# geht es sogar noch schneller. Auch

21... Ke8 22. gxh7 ist hoffnungslos.} 22. Rh7+ Ke8

{Aber was nun? Im schwarzen Lager scheint alles

gedeckt. Hat Weiß die Figur umsonst verpulvert?} 23.

Bb5+! {Nein! Allerdings musste er diesen Zug (und den

nächsten!) bei 19. Sd5 wohl schon einberechnet haben,

denn anders ginge es hier nicht weiter. Jetzt darf die

Dame die Deckung von e7 nicht im Stich lassen, aber

Schwarz kann auch nicht Lc6 spielen, weil dann seine

Dame hinge. Und Sd7 geht auch nicht wegen Txd5. Also

bleibt nur:} Kd8 {Damit aber ist der schwarze König in

die d-Linie gelockt, und es folgt als eigentliche

Pointe:} 24. Bc4!! {Wunderschön! Der freischwebende

Läufer! Der schwarze Läufer kann nicht schlagen, weil

er gefesselt ist, der Springer kann nicht schlagen

wegen Txd5+ mit Damengewinn (und Vernichtung), und die

Dame kann nicht schlagen wegen Dxe7+ nebst Dxf8#. Aber

zugleich ist nun der schwarze Läufer auf fatale Weise

bedroht. Das Damenschach auf b4 würde wegen c2-c3 nichts

an der Lage ändern. Schwarz meint jedoch, dass er d5 noch decken kann:} e6? {Ein Übersehen, das die Partie

abkürzt. Wäre Schwarz in der Lage gewesen, die Lage

kaltblütig zu prüfen, so hätte er sicher die beste

Antwort Dd6!? gefunden, wonach Weiß gezwungen ist, die

Damen zu tauschen, und zunächst 'nur' die Figur bei

allerdings überlegener Stellung zurückgewinnt: 24...

Dd6 25. Dxd6 exd6 26. Lxd5 Sxd5 (es gibt nichts

Besseres; es drohte ja auch Lxb7 nebst Txd6+) 27. Txd5

und Weiß gewinnt noch die Bauern d6 und g6, wonach sein

zum Freibauern avancierter Bauer g5 ein Siegfaktor

ist.} 25. Qxe6 {Wieder die Fesselung! Nun fällt der

Punkt d5, und damit ist alles aus.} Re8 {Der einzige

Zug, der den Weißen noch irgendwie beschäftigt.} 26.

Rxd5+! {Am einfachsten. Schwarz kann nicht mit dem

Springer zurückschlagen wegen Matt auf d7.} Qxd5 27.
Qf6+ {Schwarz gab auf. Es könnte noch folgen:} Kc8 28.

Bxd5 Nxd5 29. Qf7 {und die Verdopplung der

Schwerfiguren auf der 7. Reihe erzwingt durch die damit

verbundenen Mattdrohungen weiteren Materialgewinn:} Re7

30. Qf8+ {nebst Txe7+ und Dxa8.} 1-0
Error:
Expected "*", ".", "0-1", "0:1", "1-0", "1/2-1/2", "1:0", "O-O", "O-O-O", "x", "{", [ \t\r\n], [RNBQK], [a-h], end of input or integer but "}" found.
Bauernopfer - 08. Mär '14
das gefällt mir , endlich mal die randfiguren die geniale züge haben

das BO ;O)
cutter - 08. Mär '14
Hallo Vabanque,
eine schöne Partie! Und wieder lebhaft kommentiert.

Hab aber eine Frage: Ich sehe nicht, wie schwarz nach 24. .... Sc4: die Dame verliert. Sicher steht schwarz nach 25. Td5: - Ke8, 26. Tc5: Se5: und 27. Te5: deutlich besser, weil auch noch g6 fällt, aber so klar ist das trotzdem nicht in einem Doppelturm-Endspiel....
cutter - 08. Mär '14
Habs grad gesehen.
Weiß kann ja mit Td8+ seinen Turm geben und dafür die Dame "retten", indem er die schwarze Dame schlägt. Er hat dann Dame gegen T und S... Wäre wohl noch die beste Verteidigung gewesen, oder?
Grüße cutter
Vabanque - 08. Mär '14
Oh sorry, da war ich wieder zu flüchtig in meinem Kommentar, hatte auch glatt übersehen, dass nach 24... Sxc4 auch die weiße Dame hängt.
Da hätte ich noch ein paar Züge weiter rechnen müssen.
Aber Weiß kann nach 25. Txd5+ Ke8 seine Dame mit 26. De6! dem Angriff entziehen und selber Matt drohen (in 2 Zügen, beginnend mit Dxg6+). Danach kann Schwarz nicht mal mehr seine Dame gegen den Turm geben, weil 26... Dxd5 27. Dxe7# sofort Matt wäre, und auch nach 26... Dd6 27. Txd6 Schwarz nicht zurückschlagen könnte wegen Matt auf e7.