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Große Partien ... (V): Ponomariov - Kramnik 2010
Vabanque - 27. Dez '13
Obwohl Ruslan Ponomariov bereits im Alter von 18 Jahren FIDE-Weltmeister wurde (das war im Jahre 2000), wird sein Name doch eher selten genannt, wenn von den großen Spielern der Gegenwart die Rede ist. Das mag daran liegen, dass sein Spielstil, ebenso wie sein Charakter, eher von der unauffälligen Art ist. Der Ukrainer ist ein ausgesprochener Positionsspieler, der gelegentlich allerdings auch mal eine recht dynamische Partie zu spielen versteht, wenn sich die Gelegenheit ergibt. In dem folgenden Spiel gegen Kramnik beweist er mit seinem positionellen Läuferopfer im 16. Zug ausgezeichnetes Stellungsverständnis. Nach einer kleinen Ungenauigkeit Kramniks lässt 'Pono' seinem großen Gegner keine Chance mehr.































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Ruslan Ponomariov Vladimir Kramnik Dortmund | Dortmund GER | 2 | 2010.07.16 | 1:0
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1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. g3 Lb4+ 4. Ld2 Le7 Dieses Manöver, den weißen Läufer nach d2 zu locken, wo er die harmonische Aufstellung der weißen Figuren stören soll, haben wir schon in der Partie Topalov-Ponomariov gesehen. 5. Lg2 d5 6. Sf3 O-O 7. O-O c6 8. Dc2 b6 9. Td1 La6 Sieht aktiver aus als Lb7, weil es den Bauern c4 angreift. 10. Se5 Aber jetzt ist der Bauer c4 gedeckt, und der Springer e5 steht schön. Schwarz kann nicht sofort Sbd7 spielen, weil dann c6 hängt. Dc8 Deswegen deckt Schwarz c6, um Sbd7 vorzubereiten. 11. Sc3 Ja richtig, jetzt hängt der Bauer c4. Also beinhaltet der Zug ein Bauernopfer. Sbd7 Schwarz lehnt mit Recht ab. Nach dxc4 12. Se4 hat Weiß positionellen Gegenwert für den Bauern in seiner besseren Figurenstellung; vor allem könnte er dann das Feld e4 für seine Figuren nutzen, weswegen der schwarze Bauer besser auf d5 bleibt. Mit dem Textzug 'befragt' Schwarz den weißen Springer, der natürlich nicht einfach so in seiner Herrlichkeit da stehen bleiben darf. 12. Tac1 Stellt den Turm auf die Linie, in der die schwarze Dame steht. Schon Tarrasch betonte seinerzeit, dass dies auch dann gefährlich ist, wenn noch so viele Steine dazwischen stehen. Den Abtausch auf e5 lässt Ponomariov einfach zu, denn wie wir sehen werden, verfolgt er einen Plan. Sxe5 13. xe5 Sd7 14. xd5 xd5 15. Lf4 Deckt zwar den Bauern e5, aber ist hier der Läufer nicht zu einem Großbauern degradiert? Schauen wir uns die Stellung an: Weiß steht bereit, mit e2-e4 das Zentrum vollständig zu öffnen, wonach alle weißen Figuren schlagartig zur idealen Entfaltung kämen. g5 Solchen Zügen steht man immer mit gemischten Gefühlen gegenüber, da sie die Königsflanke erheblich schwächen. Aber hier ist es die einzige Chance auf Gegenspiel. Schwarz hofft für seine schlechte Stellung wenigstens den Bauern e5 zu erobern, und damit gleichzeitig Raum für seine Figuren zu gewinnen. 16. Lxd5!! Weiß opfert gar nicht den Bauern e5, sondern den Läufer! Ist das nun Intuition oder Berechnung? Ich glaube: ersteres, denn die Folgen dieses Zuges sind dermaßen verzweigt und kompliziert, dass eine Vorausberechnung unwahrscheinlich erscheint. xd5 Immerhin geht hier nichts anderes, denn auf gxf4 Lxa8 kann Schwarz nicht mit der Dame auf a8 zurücknehmen, da dann der Springer d7 hinge. 17. Sxd5 Dd8?! Nach
Aber Schwarz hätte hier ganz cool mit Ld8! reagieren können, wie man nach der Partie herausfand. Nach der hochkomplizierten Folge 18. Dd2 Db8 Nicht gut ist 19. e6! xf4 20. e7! De5! 21. Dxf4 Dxf4
18. Sc7 Tc8 Auf diesen Zug hatte sich Kramnik offenbar verlassen, und er erscheint ja auch ganz plausibel. Der weiße Springer ist gefesselt, so dass Weiß nicht auf a6 nehmen kann, und der Lf4 bleibt angegriffen. Schwarz scheint ausreichend Gegendrohungen zu haben. Und doch ist der Zug ein weiterer Fehler, der nun endgültig verliert. Schwarz musste unbedingt 18. ... gxf4 probieren. 19. e6!! Diesen starken Zug hat Kramnik übersehen! Auf das sofortige Dc6 hätte er sich mit Sb8 aus der Fesselung befreien und dann ggf. auch seine Dame mit ausreichendem Gegenwert geben können. Jetzt droht Txd7 mit Damengewinn, so dass Schwarz auf e6 nehmen muss. xe6 20. Dc6 Nun wäre Sb8 komplett nutzlos wegen Dxe6+ De8 Ein letzter Trick. 21. Dxe6+ Df7 Sonst ist die Dame ja futsch. 22. Dxf7+ Kxf7 Txf7 wäre noch schlechter, weil nach Sxa6 der Tc8 hinge, Schwarz auf c1 tauschen müsste, wonach Weiß mit dem Läufer zurückschlagen könnte. 23. Sxa6 xf4 24. Txc8 Sonst bekommt Weiß seine Figur nicht zurück. Txc8 25. Txd7 Tc2 Diese Turmaktivität gibt noch einen Hoffnungsschimmer, aber wie wir gleich sehen werden, hat Pono gnadenlos alles bis zum Ende ausgerechnet. 26. Sb4! Dieses Springermanöver, basierend auf der Fesselung des Läufers e7, besiegelt endgültig das Schicksal von Schwarz. Die technische Phase der Partie ist hier genauso faszinierend wie die künstlerische! Txb2 27. Sc6 Txe2 28. Txa7 Ein typischer Gewinnplan in solchen Stellungen: Weiß tauscht im geeignesten Moment alle Figuren auf e7 und gewinnt das Bauernendspiel, wo der Schwarze dem weißen Mehrbauern nichts mehr entgegenzusetzen hat. Obwohl es auf der einen Seite verwunderlich ist, dass Kramnik hier nicht aufgibt, müssen wir weniger geübte Spieler froh um die Lehrstunde sein, die wir dadurch noch gratis bekommen. f3 Schwarz droht Te1 matt! 29. h4 Natürlich wird dies sofort verhindert. h5 Schwarz versucht den Vormarsch der weißen Bauern zu hemmen, aber wie man sehen wird, ohne Erfolg. 30. Txe7+ Jetzt ist der günstige Augenblick da. Txe7 31. Sxe7 Kxe7 32. g4! xg4 33. Kh2 Ke6 34. Kg3 Kf5 35. a4! Wegen Zugzwang muss Schwarz nun die Bauern g4 und f3 im Stich lassen, wonach Weiß mit seinen beiden Freibauern leicht gewinnt. Ke4 36. Kxg4 Lxe7 22. Sxe7+ Dxe7 23. Txd7 Dxd7 24. Dg5+ mit Remis durch Dauerschach! Weiß kann diese Variante aber verhindern, indem er die Züge 21 und 22 umstellt, also gleich auf f8 nimmt.
22. ef8=Q+ Sxf8 23. Sxf4 Sg6 entsteht ein Endspiel, in dem Schwarz 2 Läufer für Turm plus 2 Bauern besitzt. Materiell ist es also in etwa ausgeglichen, und es ist sehr schwer einzuschätzen, wer hier die besseren Chancen hat. Natürlich handelt es sich bei der angeführten Variante um eine Computeranalyse. Ich wäre wohl kaum in der Lage, so etwas selbst auszuarbeiten, es sei denn in tagelanger mühevoller Arbeit. Am Brett ist es vermutlich nicht einmal für einen Spitzenspieler möglich, diese Varianten zu sehen. Aber ich habe die Variante ausnahmsweise dennoch gepostet, weil sie belegt, dass sich in diesem Stadium die Partie wohl noch in einem dynamischen Gleichgewicht befand, und beide Spieler bis dahin ganz ausgezeichnet gespielt haben. Der erste Zug, der als Fehler bezeichnet werden kann, ist Kramniks plausible Antwort 17. ... Dd8.
Pixr - 27. Dez '13
Hallo Vabanque,
deine Analysen lese ich immer mit großem Genuss, auch wenn ich mich jetzt zum ersten Mal äußere. Danke für die aufwendigen und auch mir sehr gut verständlichen Kommentare zu Plänen und taktischen Manövern. Deine historischen Anmerkungen am Anfang sind das I-Tüpfelchen dabei.
Gruß
Heinz
deine Analysen lese ich immer mit großem Genuss, auch wenn ich mich jetzt zum ersten Mal äußere. Danke für die aufwendigen und auch mir sehr gut verständlichen Kommentare zu Plänen und taktischen Manövern. Deine historischen Anmerkungen am Anfang sind das I-Tüpfelchen dabei.
Gruß
Heinz
Vabanque - 27. Dez '13
Danke für dieses große Lob!
Dann werde ich mir auch in Zukunft wieder die Mühe machen, alles so ausführlich darzulegen, weil ich weiß, dass es sich lohnt!
Dann werde ich mir auch in Zukunft wieder die Mühe machen, alles so ausführlich darzulegen, weil ich weiß, dass es sich lohnt!
Vabanque - 01. Jan '14
Mir ist nachträglich noch aufgefallen: Ponomariov wurde nicht im Jahre 2000 FIDE-Weltmeister (da wurde es Anand), sondern das war erst 2002.