Kommentierte Spiele

Locker, leicht und lehrreich (II): Topalov - Barejew 2002

Vabanque - 25. Jul '18
Hier kommt als 3. Folge der Reihe die von Kellerdrache und mir bereits versprochene GM-Partie, deren erste 15 Halbzüge (also die ersten 7 Züge und auch noch der 8. Zug von Weiß) mit Kellerdraches eigener Gewinnpartie übereinstimmen (so dass man hier vielleicht besser von Folge 3a und b sprechen sollte).
Die Partie wurde 2002 als Schnellpartie beim Dortmund Sparkassen Meeting zwischen Topalov und Barejew ausgetragen.
Obwohl es sich hier - im Gegensatz zu den beiden strategisch betonten Partien der ersten beiden Folgen - um eine Angriffs- und auch Kombinationspartie handelt, sind die Angriffszüge von Topalov immer einfach und logisch erklärbar (zumindest hinterher, denn wir hätten die meisten davon nicht gefunden), und die Kombinationen sind (wie für die gesamte Reihe versprochen) nie tiefer als 5 Züge. Die Angriffschancen in einer Stellung beurteilen zu können, ist hier weit wichtiger, als lange Berechnungen anzustellen.
Nach den zwei doch sehr alten Partien der ersten beiden Folgen ist dies nun die erste Partie der Gegenwart, die ich in dieser Reihe bringe. Obwohl ich generell durchaus die Meinung teile, dass 'alte' GM-Partien leichter verständlich sind als moderne, so gibt es doch auch genügend Gegenbeispiele.


Veselin Topalov Evgeny Ilgizovich Bareev Dortmund GER | 2 | 2002.07.17 | C11 | 1:0
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 'Klassisches' Französisch, wie es schon seit ca. 150 Jahren gespielt wird. xe4 Die Rubinstein-Variante. Ebenso gut spielbar sind hier Le7 und Lb4 (Mac Cutcheon), was aber jeweils zu gänzlich anderen Stellungsbildern führt. Mit dem Textzug möchte Schwarz vor allem e4-e5 vermeiden. 5. Sxe4 Sbd7 Vermeidet zunächst einen Doppelbauern auf f6. Das entfesselnde Le7 ist ebenso spielbar. 6. Sf3 Le7 7. Sxf6+ Lxf6 Schwarz muss sich hier entscheiden, mit welcher Figur er zurückschlagen will. Das Schlagen mit dem Läufer befragt sofort den weißen Lg5. 8. h4!? Eine sehr interessante Verschärfung der Lage. Schwarz kann die Läufer nun nur auf Kosten der Öffnung der h-Linie tauschen, weswegen er es unterlässt und stattdessen das weiße Bauernzentrum attackiert. c5 Bis zum vorigen Zug war das Geschehen auf dem Brett ja identisch zur vorigen - von Kellerdrache gewonnenen und auch kommentierten - Partie gewesen. Hier hatte Kellerdraches Gegner zu der ruhigen Entwicklungsmethode b6 nebst Lb7 gegriffen. Barejew attackiert sofort das weiße Zentrum. 9. Dd2 xd4 10. Sxd4 Nun ist das weiße Bauernzentrum sogar gänzlich verschwunden, was aber keineswegs bedeutet, dass Weiß keine Kontrolle über das Zentrum mehr hätte. Seine Figuren übernehmen jetzt diese Funktion. h6 11. Lxf6! Im Gegensatz zu Kellerdrache hat Topalov keine Angst, nach dem Abtausch keine Angriffsperspektiven mehr zu haben. Sxf6 Schwarz ist es scheinbar gelungen, die Stellung übersichtlich zu halten. Er ist zwar ein Tempo zurück (er hat nur eine Figur im Spiel, während es bei Weiß zwei sind), doch gibt es in seinem Lager keine Angriffspunkte, und ob der frühe Aufzug des h-Bauern Weiß eher genutzt oder geschadet hat, wird sich erst noch herausstellen. 12. Db4! Wurden wir nicht immer vor frühen - und dann auch noch wiederholten! - Damenzügen in der Eröffnung strengstens gewarnt? Aber das ist eben genau der Unterschied zwischen dem Amateur, der nach eingelernten Prinzipien spielt (und deswegen hier wohl kaum zum zweitenmal mit der Dame ziehen würde), und einem Super-GM, der die Stellung und ihre Erfordernisse wirklich versteht, und hier insbesondere erkennt, dass das nochmalige Bewegen der Dame hier für Weiß keinen Schaden, sondern nur Nutzen bringt. Sicherlich waren an dieser Stelle auch Entwicklungszüge wie O-O-O, Le2 oder Lb5+ spielbar; der Textzug ist aber stärker, obwohl er den Tempovorteil scheinbar aufgibt und vor allem auch keine unmittelbare Drohung beinhaltet (was ein weiterer Grund ist, warum der Amateur sich hier zu keinem zweiten Damenzug hinreißen lassen würde). Schwarz kann jetzt nicht rochieren, was ihn sicher ärgern wird, weswegen er auf der Diagonale der weißen Dame opponieren wird. Sd5 Solche Einschaltungen mit Tempo sind für einen GM ganz selbstverständlich.
Nach der sofortigen Opposition De7 kommt 13. Lb5+ ganz ähnlich wie in der Partie.
13. Da3 Die Dame bleibt auf ihrer Diagonalen. De7 Aber jetzt? Nach dem Damentausch hätte Weiß nichts. 14. Lb5+ Ld7 15. Lxd7+ Kxd7 Diese freiwillige Aufgabe der Rochade überrascht. Und doch ist sie nicht ganz unbegründet. Es ist in der Tat schwer zu entscheiden (ich bin dazu nicht in der Lage), ob dies oder das Zurückschlagen mit der Dame hier besser war.
Nach Dxd7 16. O-O-O De7 (der nächste Versuch der Opposition auf dieser Diagonalen) 17. Da4+
(ich kann mir bei Topalov aber vorstellen, dass er hier mit 17. Dg3 oder auch Df3 dem Damentausch ausgewichen wäre und Spiel am Königsflügel gesucht hätte)
Dd7 18. Dxd7+ Kxd7 19. The1 sieht bei dem weißen Entwicklungsvorsprung trotz des Damentausches die Lage des schwarzen Königs auf den Mittellinien, wo die weißen Türme platziert sind, nicht ganz geheuer aus.
16. Da4+ Kc7 Barejew agiert natürlich so, dass ihm die Verbindung der Türme erhalten bleibt. Außerdem droht er Damentausch durch Db4+. 17. Th3! Plötzlich erweist sich der Aufzug des h-Bauern als nützlich; der Königsturm kann so auf den anderen Flügel gebracht werden. Und der Zug verhindert den Damentausch auf taktische Weise, wie wir gleich sehen werden!
Das 'offensichtliche' 17. Sb5+ , das die meisten von uns vermutlich gespielt hätten, ergibt erstaunlich wenig nach Kb6! (nicht die Verbindung der Türme unterbrechen!) 18. c3 (verhindert Damentausch durch Db4+) a6 19. Sd4 Tad8 und der schwarze König kann immer das 'Schlupfloch' a7 nutzen, da Weiß ja keinen schwarzfeldrigen Läufer mehr hat (weswegen war ja auch Kb6 gefahrlos möglich war).
a6 Jetzt, wo der Th3 nach b3 kann, wäre Sb5+ nicht mehr so ungefährlich und wird daher verhindert. Außerdem macht der Zug den Ta8 beweglich.
Auf Db4+? käme nämlich das Gegenschach 18. Tc3+!! und Schwarz könnte den Turm nicht schlagen, ohne seine Dame im Stich zu lassen, aber sein König hätte kein wirklich gutes Ausweichfeld: auf b8 oder d8 würde er die Verbindung der Türme unterbrechen, und auf b6 oder d6 würde er selbst nach dem Damentausch ins Kreuzfeuer der weißen Figuren gelangen.
18. Tb3 Dc5! Ein guter Verteidigungszug, der die schwarze Dame zentralisiert, und auch die weiße Möglichkeit c2-c4 zunächst unterbindet, da dann d4 hinge.
Natürlich nicht Dxh4?? 19. Sxe6+ mit Damenverlust.
19. O-O-O In Anbetracht der Chance, die Schwarz danach ungenutzt lässt, war hier wohl Sf3 genauer. b5? Nachdem sich Barejew bisher hervorragend verteidigt hat, überspannt er nun den Bogen. Diese Lockerung verträgt seine Königstellung nicht. Noch dazu verpasst er an dieser Stelle die goldene Chance, den Damentausch - auf den er doch die ganze Zeit gespielt hat! - zu erzwingen.
Nach Sb6! hätte Weiß dem Damentausch nicht mehr ausweichen können. Vielleicht dachte Schwarz (interessanterweise ebenso wie ein GM, der die Partie kommentierte!) fälschlich, Weiß würde danach mit 20. Sxe6+? xe6 21. Df4+ gewinnen, aber nach e5! hätte Schwarz die besseren Chancen gehabt; das weiße Opfer hätte sich als inkorrekt erwiesen.
Aber nicht etwa Kc8?? 22. Tc3 mit Damengewinn
20. Da5+ Diese einzige Möglichkeit, dem Damentausch auszuweichen, ist aber bei richtiger Fortsetzung auch gewinnbringend. Db6 21. De1! Hier hätten viele von uns die Dame wohl nach d2 gezogen, wo sie aber weniger bewirkt als auf e1. Denn nun droht De5+. Es ist erstaunlich, wie schnell die schwarze Stellung nun zusammenbricht. Kb7 22. De2! Topalovs Damenmanöver in dieser Partie sind wirklich bemerkenswert. Die Dame zieht nun zum 7. Mal in dieser Partie und droht ein nicht mehr verhinderbares Springeropfer auf b5, um den schwarzen König freizulegen. Ka7
Mit Sc7 lässt sich wegen 23. Df3+ (und f7 fällt) das Springeropfer auch nicht verhindern.
23. Sxb5+! xb5 24. Txb5 Machen wir uns klar, warum das Opfer durchschlagen muss (denn Topalov hat hier ziemlich sicher nicht alles durchgerechnet). In solchen Fällen ist es oft nützlich, die Anzahl der angreifenden mit der Anzahl der verteidigenden Figuren zu vergleichen. Weiß greift mit Dame und zwei Türmen an (denn der Td1 kann schnell über d3 oder d4 auf die 3. bzw. 4. Reihe gelangen), während Schwarz nur mit Dame und Springer und allenfalls noch einem 'halben' Ta8 verteidigt (während der Th8 überhaupt keinen Beitrag zur Verteidigung leistet). Daher hat der Angreifer am Ort des Geschehens eine zahlenmäßige Überlegenheit, die sich durchsetzen muss. Dc6 Auf andere Damenzüge ist es noch einfacher:
Da6 25. Txd5! xd5 26. De7+ nebst Matt
Dc7 25. Txd5! xd5 26. Dg4 (am einfachsten: es droht Da4+ nebst Matt, so dass Schwarz die Dame geben muss)
Dd6 (oder Dd8) 25. Td4 (hier geht es sogar ohne Opfer auf d5, da Schwarz in dieser Variante nicht mit Sb6 decken kann)
25. Txd5! Immer dieser Schlüsselzug, der einen weiteren Verteidiger durch Opfer beseitigt. xd5 Wir sehen jetzt, warum Barejew Dc6 gespielt hat: Dg4 ist jetzt nicht möglich, da der Tb5 hinge. Aber 'es' funktioniert trotzdem, da nun Weiß quasi mit Turm und Dame gegen eine einzelne Dame angreift (der Ta8 versteckt sich ja schamhaft hinter seinem Chef). 26. De7+ Ka6 27. Tb3 Mit diesem 'stillen' Fluchtfeld abschneidenden Zug beschließt Topalov die Partie. Es droht Da3 mit Matt, was Barejew nur durch Aufgabe seiner Dame verhindern kann, wonach er zwar 2 Türme für die Dame hätte, aber mindestens 3 Bauern zu wenig (denn der Bauer d5 und vermutlich weitere Bauern werden fallen). Sehen wir es uns an:
27. Tb3 Db6 nur dies verhindert das Matt
Da4 28. Db7+ Ka5 29. Db6#
Db5 28. Dd6+ Ka5 29. Ta3+ Da4 30. Dc5+ Ka6 31. Txa4+
28. Txb6+ Kxb6 29. Dd6+ Ka7 (sonst fällt der Bauer d5 sogar mit Schach und anschließend auch noch f7) 30. Dxd5 Thf8
f6 31. Dd7+
31. Dd4+ und es fällt auch noch g7. - Für den Kampf der Dame gegen 2 Türme gelten die folgenden allgemeinen 'Regeln': 1) Die Türme sind stärker, wenn sie zusammenarbeiten und der König der Turmpartei gesichert steht. Die Türme können dann mit vereinten Kräften gegnerische Bauern angreifen. 2) Ist der König der Turmpartei vielen Schachs ausgesetzt (so wie hier), ist die Dame stärker. Die Dame kann dann durch fortgesetzte Schachgebote gegnerische Bauern erobern. - Ein GM wie Barejew erkannte jedenfalls schon nach 27. Tb3, dass er das entstehende Endspiel mit zwei Türmen gegen die Dame gegen einen Topalov nicht ausspielen musste und gab auf.
PGN anzeigen[Event "Dortmund Sparkassen Chess Meeting"]

[Event "?"]
[Site "Dortmund GER"]
[Date "2002.07.17"]
[Round "2"]
[White "Veselin Topalov"]
[Black "Evgeny Ilgizovich Bareev"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "2745"]
[BlackElo "2726"]
[ECO "C11"]

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nc3 Nf6 4. Bg5 {'Klassisches' Französisch, wie es schon
seit ca. 150 Jahren gespielt wird.} 4... dxe4 {Die Rubinstein-Variante. Ebenso
gut spielbar sind hier Le7 und Lb4 (Mac Cutcheon), was aber jeweils zu gänzlich
anderen Stellungsbildern führt. Mit dem Textzug möchte Schwarz vor allem e4-e5
vermeiden.} 5. Nxe4 Nbd7 {Vermeidet zunächst einen Doppelbauern auf f6. Das
entfesselnde Le7 ist ebenso spielbar.} 6. Nf3 Be7 7. Nxf6+ Bxf6 {Schwarz muss
sich hier entscheiden, mit welcher Figur er zurückschlagen will. Das Schlagen
mit dem Läufer befragt sofort den weißen Lg5.} 8. h4 $5 {Eine sehr interessante
Verschärfung der Lage. Schwarz kann die Läufer nun nur auf Kosten der Öffnung
der h-Linie tauschen, weswegen er es unterlässt und stattdessen das weiße
Bauernzentrum attackiert.} 8... c5 {Bis zum vorigen Zug war das Geschehen auf
dem Brett ja identisch zur vorigen - von Kellerdrache gewonnenen und auch
kommentierten - Partie gewesen. Hier hatte Kellerdraches Gegner zu der ruhigen
Entwicklungsmethode b6 nebst Lb7 gegriffen. Barejew attackiert sofort das weiße
Zentrum.} 9. Qd2 cxd4 10. Nxd4 {Nun ist das weiße Bauernzentrum sogar gänzlich
verschwunden, was aber keineswegs bedeutet, dass Weiß keine Kontrolle über das
Zentrum mehr hätte. Seine Figuren übernehmen jetzt diese Funktion.} 10... h6
11. Bxf6 $1 {Im Gegensatz zu Kellerdrache hat Topalov keine Angst, nach dem
Abtausch keine Angriffsperspektiven mehr zu haben.} 11... Nxf6 {Schwarz ist es
scheinbar gelungen, die Stellung übersichtlich zu halten. Er ist zwar ein Tempo
zurück (er hat nur eine Figur im Spiel, während es bei Weiß zwei sind), doch
gibt es in seinem Lager keine Angriffspunkte, und ob der frühe Aufzug des
h-Bauern Weiß eher genutzt oder geschadet hat, wird sich erst noch
herausstellen.} 12. Qb4 $1 {Wurden wir nicht immer vor frühen - und dann auch
noch wiederholten! - Damenzügen in der Eröffnung strengstens gewarnt? Aber das
ist eben genau der Unterschied zwischen dem Amateur, der nach eingelernten
Prinzipien spielt (und deswegen hier wohl kaum zum zweitenmal mit der Dame
ziehen würde), und einem Super-GM, der die Stellung und ihre Erfordernisse
wirklich versteht, und hier insbesondere erkennt, dass das nochmalige Bewegen
der Dame hier für Weiß keinen Schaden, sondern nur Nutzen bringt. Sicherlich
waren an dieser Stelle auch Entwicklungszüge wie 0-0-0, Le2 oder Lb5+ spielbar;
der Textzug ist aber stärker, obwohl er den Tempovorteil scheinbar aufgibt und
vor allem auch keine unmittelbare Drohung beinhaltet (was ein weiterer Grund
ist, warum der Amateur sich hier zu keinem zweiten Damenzug hinreißen lassen
würde). Schwarz kann jetzt nicht rochieren, was ihn sicher ärgern wird,
weswegen er auf der Diagonale der weißen Dame opponieren wird.} 12... Nd5
{Solche Einschaltungen mit Tempo sind für einen GM ganz selbstverständlich.} (
{Nach der sofortigen Opposition} 12... Qe7 {kommt} 13. Bb5+ {ganz ähnlich wie
in der Partie.} ) 13. Qa3 {Die Dame bleibt auf ihrer Diagonalen.} 13... Qe7
{Aber jetzt? Nach dem Damentausch hätte Weiß nichts.} 14. Bb5+ Bd7 15. Bxd7+
Kxd7 {Diese freiwillige Aufgabe der Rochade überrascht. Und doch ist sie nicht
ganz unbegründet. Es ist in der Tat schwer zu entscheiden (ich bin dazu nicht
in der Lage), ob dies oder das Zurückschlagen mit der Dame hier besser war.} (
{Nach} 15... Qxd7 16. O-O-O Qe7 {(der nächste Versuch der Opposition auf dieser
Diagonalen)} 17. Qa4+ ( {(ich kann mir bei Topalov aber vorstellen, dass er
hier mit} 17. Qg3 {oder auch Df3 dem Damentausch ausgewichen wäre und Spiel am
Königsflügel gesucht hätte)} ) 17... Qd7 18. Qxd7+ Kxd7 19. Rhe1 {sieht bei dem
weißen Entwicklungsvorsprung trotz des Damentausches die Lage des schwarzen
Königs auf den Mittellinien, wo die weißen Türme platziert sind, nicht ganz
geheuer aus.} ) 16. Qa4+ Kc7 {Barejew agiert natürlich so, dass ihm die
Verbindung der Türme erhalten bleibt. Außerdem droht er Damentausch durch
Db4+.} 17. Rh3 $1 {Plötzlich erweist sich der Aufzug des h-Bauern als nützlich;
der Königsturm kann so auf den anderen Flügel gebracht werden. Und der Zug
verhindert den Damentausch auf taktische Weise, wie wir gleich sehen werden!}
( {Das 'offensichtliche'} 17. Nb5+ {, das die meisten von uns vermutlich
gespielt hätten, ergibt erstaunlich wenig nach} 17... Kb6 $1 {(nicht die
Verbindung der Türme unterbrechen!)} 18. c3 {(verhindert Damentausch durch
Db4+)} 18... a6 19. Nd4 Rad8 {und der schwarze König kann immer das
'Schlupfloch' a7 nutzen, da Weiß ja keinen schwarzfeldrigen Läufer mehr hat
(weswegen war ja auch Kb6 gefahrlos möglich war).} ) 17... a6 {Jetzt, wo der
Th3 nach b3 kann, wäre Sb5+ nicht mehr so ungefährlich und wird daher
verhindert. Außerdem macht der Zug den Ta8 beweglich.} ( {Auf} 17... Qb4+ $2
{käme nämlich das Gegenschach} 18. Rc3+ $3 {und Schwarz könnte den Turm nicht
schlagen, ohne seine Dame im Stich zu lassen, aber sein König hätte kein
wirklich gutes Ausweichfeld: auf b8 oder d8 würde er die Verbindung der Türme
unterbrechen, und auf b6 oder d6 würde er selbst nach dem Damentausch ins
Kreuzfeuer der weißen Figuren gelangen.} ) 18. Rb3 Qc5 $1 {Ein guter
Verteidigungszug, der die schwarze Dame zentralisiert, und auch die weiße
Möglichkeit c2-c4 zunächst unterbindet, da dann d4 hinge.} ( {Natürlich nicht}
18... Qxh4 $4 19. Nxe6+ {mit Damenverlust.} ) 19. O-O-O {In Anbetracht der
Chance, die Schwarz danach ungenutzt lässt, war hier wohl Sf3 genauer.} 19...
b5 $2 {Nachdem sich Barejew bisher hervorragend verteidigt hat, überspannt er
nun den Bogen. Diese Lockerung verträgt seine Königstellung nicht. Noch dazu
verpasst er an dieser Stelle die goldene Chance, den Damentausch - auf den er
doch die ganze Zeit gespielt hat! - zu erzwingen.} ( {Nach} 19... Nb6 $1
{hätte Weiß dem Damentausch nicht mehr ausweichen können. Vielleicht dachte
Schwarz (interessanterweise ebenso wie ein GM, der die Partie kommentierte!)
fälschlich, Weiß würde danach mit} 20. Nxe6+ $2 fxe6 21. Qf4+ {gewinnen, aber
nach} 21... e5 $1 { hätte Schwarz die besseren Chancen gehabt; das weiße Opfer
hätte sich als inkorrekt erwiesen.} ( {Aber nicht etwa} 21... Kc8 $4 22. Rc3
{mit Damengewinn} ) ) 20. Qa5+ {Diese einzige Möglichkeit, dem Damentausch
auszuweichen, ist aber bei richtiger Fortsetzung auch gewinnbringend.} 20...
Qb6 21. Qe1 $1 {Hier hätten viele von uns die Dame wohl nach d2 gezogen, wo sie
aber weniger bewirkt als auf e1. Denn nun droht De5+. Es ist erstaunlich, wie
schnell die schwarze Stellung nun zusammenbricht.} 21... Kb7 22. Qe2 $1
{Topalovs Damenmanöver in dieser Partie sind wirklich bemerkenswert. Die Dame
zieht nun zum 7. Mal in dieser Partie und droht ein nicht mehr verhinderbares
Springeropfer auf b5, um den schwarzen König freizulegen.} 22... Ka7 ( {Mit}
22... Nc7 {lässt sich wegen} 23. Qf3+ {(und f7 fällt) das Springeropfer auch
nicht verhindern.} ) 23. Nxb5+ $1 axb5 24. Rxb5 {Machen wir uns klar, warum das
Opfer durchschlagen muss (denn Topalov hat hier ziemlich sicher nicht alles
durchgerechnet). In solchen Fällen ist es oft nützlich, die Anzahl der
angreifenden mit der Anzahl der verteidigenden Figuren zu vergleichen. Weiß
greift mit Dame und zwei Türmen an (denn der Td1 kann schnell über d3 oder d4
auf die 3. bzw. 4. Reihe gelangen), während Schwarz nur mit Dame und Springer
und allenfalls noch einem 'halben' Ta8 verteidigt (während der Th8 überhaupt
keinen Beitrag zur Verteidigung leistet). Daher hat der Angreifer am Ort des
Geschehens eine zahlenmäßige Überlegenheit, die sich durchsetzen muss.} 24...
Qc6 {Auf andere Damenzüge ist es noch einfacher:} (24... Qa6 25. Rdxd5 $1 exd5
26. Qe7+ {nebst Matt} ) (24... Qc7 25. Rdxd5 $1 exd5 26. Qg4 {(am einfachsten:
es droht Da4+ nebst Matt, so dass Schwarz die Dame geben muss)} ) (24... Qd6
{(oder Dd8)} 25. Rd4 {(hier geht es sogar ohne Opfer auf d5, da Schwarz in
dieser Variante nicht mit Sb6 decken kann)} ) 25. Rdxd5 $1 {Immer dieser
Schlüsselzug, der einen weiteren Verteidiger durch Opfer beseitigt.} 25... exd5
{Wir sehen jetzt, warum Barejew Dc6 gespielt hat: Dg4 ist jetzt nicht möglich,
da der Tb5 hinge. Aber 'es' funktioniert trotzdem, da nun Weiß quasi mit Turm
und Dame gegen eine einzelne Dame angreift (der Ta8 versteckt sich ja schamhaft
hinter seinem Chef).} 26. Qe7+ Ka6 27. Rb3 {Mit diesem 'stillen' Fluchtfeld
abschneidenden Zug beschließt Topalov die Partie. Es droht Da3 mit Matt, was
Barejew nur durch Aufgabe seiner Dame verhindern kann, wonach er zwar 2 Türme
für die Dame hätte, aber mindestens 3 Bauern zu wenig (denn der Bauer d5 und
vermutlich weitere Bauern werden fallen). Sehen wir es uns an:} (27. Rb3 Qb6
{nur dies verhindert das Matt} (27... Qa4 28. Qb7+ Ka5 29. Qb6#) (27... Qb5
28. Qd6+ Ka5 29. Ra3+ Qa4 30. Qc5+ Ka6 31. Rxa4+) 28. Rxb6+ Kxb6 29. Qd6+ Ka7
{(sonst fällt der Bauer d5 sogar mit Schach und anschließend auch noch f7)} 30.
Qxd5 Rhf8 (30... f6 31. Qd7+) 31. Qd4+ {und es fällt auch noch g7. - Für den
Kampf der Dame gegen 2 Türme gelten die folgenden allgemeinen 'Regeln': 1) Die
Türme sind stärker, wenn sie zusammenarbeiten und der König der Turmpartei
gesichert steht. Die Türme können dann mit vereinten Kräften gegnerische Bauern
angreifen. 2) Ist der König der Turmpartei vielen Schachs ausgesetzt (so wie
hier), ist die Dame stärker. Die Dame kann dann durch fortgesetzte Schachgebote
gegnerische Bauern erobern. - Ein GM wie Barejew erkannte jedenfalls schon nach
27. Tb3, dass er das entstehende Endspiel mit zwei Türmen gegen die Dame gegen
einen Topalov nicht ausspielen musste und gab auf.} ) 1-0


Was man eventuell aus dieser Partie lernen kann:

1) Es kann durchaus berechtigt und auch gut sein, eine Figur (sogar die Dame!) in der Eröffnung mehrmals zu ziehen, wenn sie damit auf ein wirksameres Feld gelangt.

2) Aufgabe der Rochade muss nicht notwendigerweise schlecht sein, falls die Türme verbunden bleiben, und falls der König auf Felder gelangt, wo er dank des Fehlens einer gegnerischen Angriffsfigur nicht leicht aufgestört werden kann (siehe 16... Kc7 und in der Variante zum 17. Zug von Weiß 17. Sb5+ sogar Kb6, was beides deswegen möglich ist, weil der schwarzfeldrige Läufer von Weiß, der den König auf diesen Feldern behelligen könnte, bereits getauscht ist!)

3) Droht der Gegner durch Damentausch den Angriff abzuschwächen, sollte man prüfen, ob dies nicht indirekt bzw. taktisch verhindert werden kann, indem man eine neue Figur ins Spiel bringt (hier 17. Th3, wonach der von Schwarz geplante Damentausch mittels Db4+ zumindest fragwürdig wird)

4) Beim Angriff gegen einen freigelegten (oder schlecht geschützten) König zählen nicht die tatsächlichen Materialverhältnisse, sondern das Materialverhältnis am Ort des Geschehens, d.h. an dem Teil des Brettes, wo der bedrängte König sich befindet. Deswegen ist hier im 23. Zug das Springeropfer und danach im 25. Zug auch das Qualitätsopfer auf d5 korrekt. Es kann sich daher immer lohnen, die Beseitigung wichtiger (vor allem zentral postierter) Verteidigungsfiguren durch Opfer zumindest zu erwägen.

5) Nicht immer führt ein Mattangriff auch zum Matt. Ein gewonnenes Endspiel ist ein ebenso gutes Resultat, auch wenn dieses Resultat vor allem bei Amateuren recht unbeliebt ist (es muss erst noch gespielt werden, und man fühlt sich unsicher im Endspiel)

6) Endspiele mit zwei Türmen gegen die Dame kommen recht häufig vor. Die Türme sind normalerweise stärker, da sie gegnerische Objekte (meist Bauern) doppelt angreifen können. Dazu muss der eigene König aber gesichert stehen. Ist er dagegen vielen Schachs ausgesetzt, ist die Dame stärker, vor allem wenn die Türme nicht zusammenarbeiten.
Oli1970 - 25. Jul '18
Wieder mal eine schöne, gern gelesene Kommentierung, Vabanque!

Der 12. Zug Db4 brachte mich zum Nachdenken, wieso er stärker ist, als Entwicklung. Ich habe es versucht, mir folgendermaßen zusammenzureimen: Er verhindert vordergründig die kurze Rochade, die vermutlich als schwarzer Entwicklungszug gekommen wäre. Die Stärke liegt darin, dass Weiß den Ton angibt, Schwarz ist gezwungen, nach Alternativen für die fehlende Rochade zu suchen statt eigene Pläne zu entwickeln. Die Aufgabe des Tempos ist damit kompensiert. So ungefähr?

Beim 15. Zug habe ich zunächst vermisst, was für den Königszug spricht - und im Nachwort gefunden. Klasse!

Die angegebene Variante 17. Sb5 unterstreicht, dass zwei Figuren in der Regel zu wenig für einen Angriff sind, der gespielte Zug Th3 bringt den dritten Kumpanen ins Spiel. Das, was folgt, übersteigt meinen Schach-Horizont. Tb3, um den König den Weg über a6 abzuschneiden ist noch nachvollziehbar, auch wenn ich denke, dass ich ihn eher genutzt hätte, um auf g7 zu schauen. Man reiche mir mehr Phantasie! - Dc5 zur Blockade des weißen c-Bauern - nö! Ganz weit weg in meiner Gedankenwelt. Nicht zu sehen. Findet nicht statt. "Panisch" war der Zug meiner Wahl b7-b5 - lustigerweise geschah dies kurz darauf und entpuppte sich als Fehler. Es reiht sich der Hinweis auf die Variante mit Sb6 ein - selbst mit Betriebsanleitung habe ich ewig gebraucht um zu merken, warum Weiß vermutlich plötzlich in Hinterhand sitzt.

Das Feuerwerk ab dem 21. Zug werde ich mir einen anderen Abend in Ruhe ansehen. Jetzt gilt es noch einen Kater einzusammeln, die Burschen können offensichtlich die Uhr nicht lesen, und dann ab ins Bett.

Wieder ein Dankeschön für die ausführliche Kommentierung und die Zusammenfassung des Lerninhalts. Es macht Spaß, so in eine Partie einzutauchen. Einen Daumen gibt's natürlich auch - mit Seitenblick auf einen anderen Thread: Ich habe den Wert für mich gefunden.
Kellerdrache - 26. Jul '18
Was spielt man denn jetzt in dieser Variante ? Rochiert man kurz (Kellerdrache-Mon Cheri) bekommt man Probleme, rochiert man gar nicht (Topalov-Barejev) gibt es auch Prügel ;-)).
Spaß beiseite, 8....c5 scheint mir persönlich doch allzu früh. Linien öffnen bevor der eigene König in Sicherheit ist - zuviel für mein Hasenherz.
Schön, dass du im Kommentar gezeigt hast wie auch das offensichtlichere 15...Dxd7 den Rochadeverlust auch nicht verhindert.
Kellerdrache - 26. Jul '18
Dein Punkt 4 erinnert mich an den Schachunterricht eines IMs wo dieser den Unterschied zwischen statischem Materialverhältnis (also allem was noch auf dem Brett rumsteht) und dem dynamischen Verhältnis (also den Bauern und Figuren die tatsächlich am Geschehen teilnehmen - der Wert abhängig vom Wirkungsgrad) erklärte. Letzteres ist sicher aussagekräftiger aber auch viel schwieriger abzuschätzen. Püppchen zählen dagegen kann jeder ;-)).
Punkt 5 kann ich nur bestätigen. Erst letzte Saison konnte ich im Mannschaftskampf am Nebenbrett verfolgen wie Schwarz umsichtig einen starken Mattangriff entschärfte. Leider verbleib er danach am Königsflügel mit der folgenden Bauernstellung (weiß: h3, g2, f2 schwarz: h7, h6, h4). Das Endspiel hat schon beim Zusehen weh getan.
haribo02 - 26. Jul '18
Hier, stimme ich SF Kellerdrache zu und halte 8....c5 für zu früh!
Ohne jetzt in die Partie tiefer eingestiegen zu sein, wurde mir doch
nach 8.h4 sofort 8....h6 einfallen um damit der sofortiger Tausch
auf f6 zwingen.Danach könnte Schwarz rochieren....
@vabanque
Wie immer , sehr gut erklärt :-)
Punkt 1 bis 6: stimme ich voll zu

LG haribo02
Kellerdrache - 26. Jul '18
@haribo02: Nach h6 ist der Abtausch nicht unbedingt erzwungen wie man in meiner Partie gesehen hat. Trotzdem kommt er in Partien mit dieser Eröffnung fast immer irgendwann.
Ich hab mal auf Chessbase nachgesehen und dort statt 8.c5 hauptsächlich b6, a6 oder c6 gefunden. Was davon jetzt die beste Gewinnquote hat hab ich nicht herausgefunden.
Vabanque - 26. Jul '18
>>Der 12. Zug Db4 brachte mich zum Nachdenken, wieso er stärker ist, als Entwicklung. Ich habe es versucht, mir folgendermaßen zusammenzureimen: Er verhindert vordergründig die kurze Rochade, die vermutlich als schwarzer Entwicklungszug gekommen wäre. Die Stärke liegt darin, dass Weiß den Ton angibt, Schwarz ist gezwungen, nach Alternativen für die fehlende Rochade zu suchen statt eigene Pläne zu entwickeln. Die Aufgabe des Tempos ist damit kompensiert. So ungefähr?<<

Eigentlich ganz genauso :)
Ich hätte halt noch dazu gesagt, dass sich die Dame eine schönere Diagonale sucht, weil sie auf der Diagonalen c1-h6 momentan nichts erreichen kann.
Solche Züge sind immens schwer zu erklären, weil sie nicht der Berechnung, sondern der Intuition des Spielers entspringen. Man kann keine Varianten anführen, um die 'Güte' des Zuges zu demonstrieren.
Ganz ähnlich trifft dies auf den 18. Zug von Schwarz, Dc5, zu. Auch der wurde wohl intuitiv gespielt.
Erstaunlich nur, dass den Schwarzspieler dann gleich anschließend mit b5? die Intuition im Stich lässt. Vermutlich hat er in diesem Moment seine Stellung einfach überschätzt. Bei nüchterner Prüfung der Lage müsste ihm eigentlich klar geworden sein, dass der Aufzug des b-Bauern seine Königsstellung nur schwächt.

>>Die angegebene Variante 17. Sb5 unterstreicht, dass zwei Figuren in der Regel zu wenig für einen Angriff sind, der gespielte Zug Th3 bringt den dritten Kumpanen ins Spiel. <<

Sehr schön erklärt!

>>Es reiht sich der Hinweis auf die Variante mit Sb6 ein - selbst mit Betriebsanleitung habe ich ewig gebraucht um zu merken, warum Weiß vermutlich plötzlich in Hinterhand sitzt. <<

Aber nur, wenn er darauf gewinnen will. Geht er auf den - also erzwungenen - Damentausch ein, dann ist es zwischen Spielern dieser Stärke vermutlich Remis. Aber dann hätte ich die Partie nicht gezeigt :)
Vabanque - 26. Jul '18
Ob c5 im im 8. Zug zu früh kommt, wie Kellerdrache und auch haribo meinen, kann ich nicht sagen, da ich mich in dieser Eröffnung nicht gut genug auskenne. Andernfalls laufe ich Gefahr, Unsinn zu erzählen :)

Es stimmt, dass - genau wie in Kellerdraches Partie - auf h6 der Läufertausch keineswegs erzwungen ist. Auch in der gegenwärtigen Partie hätte Topalov im 11. Zug dem Läufertausch mit 11. Le3 (hier nicht Lf4?? wegen der Gabel e5) aus dem Wege gehen können. Das sieht hier aber nicht annähernd so gefährlich aus wie in der Partie Kellerdrache-MonCheri.
Auf jedenfalls hätte die Vermeidung des Läufertauschs zu anderen Stellungsbildern und Möglichkeiten geführt, sprich: zu einer ganz anderen Partie.
Vabanque - 26. Jul '18
>>Dein Punkt 4 erinnert mich an den Schachunterricht eines IMs wo dieser den Unterschied zwischen statischem Materialverhältnis (also allem was noch auf dem Brett rumsteht) und dem dynamischen Verhältnis (also den Bauern und Figuren die tatsächlich am Geschehen teilnehmen - der Wert abhängig vom Wirkungsgrad) erklärte. Letzteres ist sicher aussagekräftiger aber auch viel schwieriger abzuschätzen.<<

Danke. Die Begriffe kannte ich gar nicht, wohl aber das Prinzip dahinter. Du hast es noch einmal schön zusammengefasst.

@haribo: Danke für die Beteiligung an der Diskussion, die vielleicht unsere Dreierrunde zu einer Viererrunde erweitert? ;)
Zu deinem Vorschlag von sofortigem h6 habe ich ja oben schon was gesagt. Aber auch angenommen, Weiß tauscht, so ist trotzdem die kurze Rochade nicht ganz ungefährlich, weil die Angriffsmarke, die Weiß nach eigener langer Rochade mit g2-g4-g5 angehen kann, ja auch hier vorhanden ist. Allerdings sind die Gefahren durch den Läufertausch ja wohl abgemildert.
Oli1970 - 29. Jul '18
Die Mondfinsternis und das vorhergehende „Location Scouting“ für einen aufgrund des Wolkenbildes dann doch nur halb gelungenen Foto-Abend sind vorbei, dann kann man mal einen Blick auf Zug 21 ff. werfen.

Zuvor noch einen Rückblick auf 8. ... c5. Ich finde den Zug aggressiv, er zeigt Kampfgeist, schwarz versucht, das Spiel früh mitzubestimmen. Stärkere Spieler sehen vermutlich eher die damit verbundenen Gefahren; eine interessante, kämpferische Partie ist mir wichtiger als ein Sieg. Die Leichtigkeit des Hobbys im Gegensatz zur Bürde des Turnierspielers.

Nun aber zu 21. ff.: Topalevs Spiel ist einfach schön anzusehen - das sieht harmonisch und völlig klar in der Logik dahinter aus. Allein, dass ich so bei der Nachverfolgung niemals auf die Opfer im 23. und 25. Zug gekommen wäre. Sicherlich ist es was anderes, wenn man selbst im Spiel ist und seine Züge ausentwickelt, aber wie dem auch sei - schön anzusehen!

Die Erläuterung zu dem Geschehen ist wieder / weiter erste Sahne - der Zuschauer wird nicht abgehängt. Ohne Erklärung wäre ich vermutlich nicht in der Lage nachzuvollziehen, warum was passiert. In gewisser Weise ist dieses Vorausdenken vergleichbar mit einer Blindpartie. Nach spätestens fünf, sechs Halbzügen verwürfelt mein Kopf die Stellung und Schluss ist. Selbstkritisch muss ich zwar einräumen, dass ich zu wenig spiele und damit zu wenig das schwächliche Denken (beim Korrekturlesen: gemeint war das „schachliche“ - tolle Erfindung, diese Autokorrektur) trainiere, andererseits hat es hier mit dem Denken zu anderen Zeiten auch nicht besser geklappt.

So finde ich Bareevs Dc6 oder das frühere Dc5 ziemlich gut unter dem Gesichtspunkt, in vertrackter Situation unter der Fülle an Möglichkeiten die einzig richtige zu finden. Die Leute können es nicht, weil sie Großmeister sind, sie sind Großmeister wegen ihres Könnens. Schön, dass ich dank dieser Erläuterungen dran teilhaben darf.
Oli1970 - 29. Jul '18
@Vabanque: Danke für die Anmerkungen zu meinem ersten Kommentar! Deinen Hinweis zu Sb6 habe ich mir gerade am "Teufel" vorführen lassen, weil ich ihn zunächst missverstanden hatte. Nach Damentausch Remis, okay - ich bezog mich auf die gesamte Variantenangabe bis e5, mit der Topalevs Opfer widerlegt worden wäre. Gewinn wäre in beiden Fällen wohl nur noch mit Bareevs Mithilfe möglich geworden.


Kann man gar nicht oft genug sagen - ist eine tolle Reihe, in der es viel zu entdecken gibt. Schönen Sonntag!
Vabanque - 31. Jul '18
@Oli: Erstmal wieder heißen Dank (bei der Hitze muss er ja heiß sein) Dank für deine ausführliche Besprechung meiner Kommentierung!
Ich denke, von deinen Kommentaren haben alle was, die hier reinschauen und entweder zu mundfaul sind oder zu ängstlich, Unsinn zu schreiben, wie manche behaupten (komisch, im Hauptforum hat auch niemand Angst, Unsinn zu schreiben).
Vor allem gibst du zu, was du nicht verstehst, und oft sind es ja auch genau die Dinge, mit denen ich selber bei der Kommentierung Schwierigkeiten hatte.

>> In gewisser Weise ist dieses Vorausdenken vergleichbar mit einer Blindpartie. Nach spätestens fünf, sechs Halbzügen verwürfelt mein Kopf die Stellung und Schluss ist. Selbstkritisch muss ich zwar einräumen, dass ich zu wenig spiele und damit zu wenig das schwächliche Denken (beim Korrekturlesen: gemeint war das „schachliche“ - tolle Erfindung, diese Autokorrektur) trainiere, andererseits hat es hier mit dem Denken zu anderen Zeiten auch nicht besser geklappt. <<

Ich habe mal in einem Schachbuch gelesen, dass genau dies das Hauptproblem vieler Spieler sei, nämlich sich die Stellung präzise vorstellen zu können, die nach einigen Zügen (ich weiß nicht mehr, ob da eine genaue Zugzahl stand) auf dem Brett entstehen würde. Ich habe da auch so meine Schwierigkeiten, und habe sie auch immer gehabt, und ich stelle mit Schrecken fest, dass es in letzter Zeit bei mir nicht besser wird, sondern eher schlechter. Hängt das nun mit dem Alter zusammen (ich bin 52) oder mit den generell in letzter Zeit (laut ärztlichem Befund u.a. von Problemen mit der Halswirbelsäule herrührenden) bei mir vorherrschenden Konzentrationsstörungen?
Das mag alles sein, aber genau wie du konnte ich es noch nie richtig gut, obwohl ich früher immer fleißig Kombinationsübungen vom Diagramm aus gelöst habe ... vielleicht habe ich auch nicht konsequent genug trainiert, oder aber ich bin auf diesem Gebiet eben deutlich unbegabt.

Die Autokorrektur ist übrigens wirklich kreativ in der Erschaffung von Stilblüten. Mir fällt auch jedesmal wieder auf, dass sie das Wort 'schachlich' nicht kennt (gerade wird es bei mir wieder rot unterringelt).
In dem von dir geschriebenen Zusammenhang trifft ja beides zu: im Gegensatz zu einem GM ist unser Denken halt schwächlich :)

>>So finde ich Bareevs Dc6 oder das frühere Dc5 ziemlich gut unter dem Gesichtspunkt, in vertrackter Situation unter der Fülle an Möglichkeiten die einzig richtige zu finden. Die Leute können es nicht, weil sie Großmeister sind, sie sind Großmeister wegen ihres Könnens.<<

Trotzdem gewinnen Großmeister gegen Großmeister, aber sie gewinnen oder verlieren aus anderen Gründen als wir.
In dieser Partie hat Schwarz ja nur einen einzigen wirklich schlechten Zug gemacht, nämlich 19... b5?, und dies hat seinem Gegner die Gelegenheit gegeben, die er brauchte.
Warum macht eine Top-Spieler so einen Zug? Ich denke, man darf diesen Zug nicht isoliert sehen, sondern im Zusammenhang mit seiner ganzen Partieanlage. Frühzeitig aggressiv mit Schwarz, wie du oben auch bemerkst, er will das Geschehen mitbestimmen. In dieses Konzept passt b5 'gut rein', auch wenn es an dieser Stelle, verfehlt ist. Er überzieht halt die Stellung, er verlangt zu viel von seiner Stellung. Durch seine Züge davor hat er sich - wie es so oft der Fall ist - in eine Position gebracht, in der ein Fehler schon 'in der Luft lag' und damit leicht zu begehen war. Hätte er von Anfang an solider gespielt, wäre er nicht so leicht in eine Stellung geraten, in der er fehlgehen konnte.
Oder auch so gesagt: Der Rochadeverzicht war in dieser Partie zwar nicht notwendigerweise schlecht, stellte aber in der Folge hohe Anforderungen an die Präzision aller folgenden schwarzen Züge. In scharfen Stellungen ist die Remisbreite eben schneller überschritten.
Vabanque - 31. Jul '18
>>Danke für die Anmerkungen zu meinem ersten Kommentar! Deinen Hinweis zu Sb6 habe ich mir gerade am "Teufel" vorführen lassen, weil ich ihn zunächst missverstanden hatte. Nach Damentausch Remis, okay - ich bezog mich auf die gesamte Variantenangabe bis e5, mit der Topalevs Opfer widerlegt worden wäre. Gewinn wäre in beiden Fällen wohl nur noch mit Bareevs Mithilfe möglich geworden.<<

Nun ja, meine Kommentierung war da offenbar missverständlich gewesen, da ich den Damentausch nicht explizit als Variante anführte. Nach 19... Sb6 hat Weiß die Wahl zwischen Da3 und Db4, wobei mir Da3 besser gefällt, da dann der weiße Turm auf der 3. Reihe bleibt und von dort ggf. auch zum K-Flügel schwenken kann. Nach 20. Db4 würde mir sogar die schwarze Stellung besser gefallen. Ich denke, Topalov hätte 20. Da3 gespielt, die Stellung noch nicht remis gegeben und noch versucht, aus seinem aktiven Turm Kapital zu schlagen. Von der Bauernstellung her steht nach dem Damentausch eher Schwarz etwas besser; das weiße h4 war dann nur eine (allerdings leichte) Schwächung, und seine Bauernmehrheit am Damenflügel ist in diesem Fall ausnahmsweise mal weniger wert als die schwarze Mehrheit im Zentrum, da sie schwerer zu mobilisieren sein wird (vor allem da sich der schwarze K dort bereits aufhält). Aber diese minimalen Vor- und Nachteile dürften die Remisbreite nicht beeinträchtigen. Nein, die Partie hätte dann mit großer Wahrscheinlichkeit Remis geendet, und sie wäre in den großen Pool der vergessenen Partien geworfen worden ;)