Kommentierte Spiele

Judit Polgar-Special 2: J. Polgar - Kaidanov 2010

Vabanque - 19. Jan '14
Die folgende Partie stammt aus einem kleinen Match über
4 Partien, das Judit Polgar gegen den gebürtigen
Ukrainer Gregory Kaidanov (der schon seit 20 Jahren in
den USA lebt, aber immer noch mit russischem Akzent
spricht) spielte, und in dem vereinbart worden war,
alle Partien mit Sizilianisch zu eröffnen.
Interessanterweise wurden alle Partien mit Weiß
gewonnen (was vielleicht nicht unbedingt für die
Sizilianische Verteidigung als solche spricht?), so
dass das Match insgesamt 2:2 ausging. Polgar gewann
aber die schönste Partie des Wettkampfs. Mit ihrem 27.
Zug, der auf dem ersten Blick wie ein Versehen aussah,
startete sie eine weit berechnete Kombination, die es
wert ist, in die Lehrbücher einzugehen.

Judit Polgar Gregory Kaidanov Polgar-Kaidanov Sicilian Theme Match | Hilton Head USA | 2 | 2010.02.23 | B78 | 1:0
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 xd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 g6 Die sizilianische Drachenvariante, die bereits in der Vor-Datenbanken-Ära Gegenstand tausendseitiger Analysen gewesen ist. Der Vorteil der Drachenvariante besteht in der aktiven Stellung des schwarzen Fianchettoläufers, ihr Nachteil darin, dass der Bauer g6 eine Angriffsmarke für den Vormarsch des weißen h-Bauern bildet. Ich werde die Eröffnungsphase und das sich anschließende frühe Mittelspiel hier nur insoweit kommentieren, wie es die allgemeinen Pläne der beiden Seiten betrifft. Weiter gehende Analysen würden uns hier zu weit abseits führen, abgesehen davon, dass ich dafür (obwohl ich den 'Drachen' selber häufig spiele) sowieso nicht kompetent bin. Mir geht es in dieser Partie hauptsächlich um die fantastische Schlussphase. 6. Le3 Lg7 7. f3 Sc6 8. Dd2 Dieser so genannte Jugoslawische Angriff führt zu besonders scharfem Spiel. Weiß wird lang rochieren und dann gegen den schwarzen Königsflügel stürmen. O-O 9. Lc4 Ld7 10. O-O-O Tc8 11. Lb3 Se5 Schwarz muss natürlich schleunigst ein Gegenspiel gegen die weiße Rochadestellung einzuleiten versuchen. 12. Kb1 Dieser prophylaktische Sicherungszug ist hier nur eine von mehreren gleich guten Möglichkeiten. Te8 13. h4 h5 Es hat sich in vielen Partien gezeigt, dass Schwarz das sofortige h4-h5 besser nicht zulässt. 14. g4 Unter doppeltem Bauernopfer setzt Weiß h4-h5 dennoch durch. xg4 15. h5 Sxh5 16. Tdg1 e6 Ein Zug von defensivem Charakter, der mir nicht gefällt. Schwarz möchte seine Dame zur Verteidigung des Königsflügels führen, wie wir gleich sehen werden. Die Frage ist, ob das mit dem Geist der Drachenvariante vereinbar ist. Wie will Schwarz seinen Angriff gegen die weiße Königsstellung ohne die Mitwirkung seiner Dame wirksam führen? Dazu müsste er aber Da5 spielen und darauf hoffen, dass sein Königsflügel so lange standhält, bis er genügende Gegendrohungen gegen den weißen König schaffen kann. Schwarz verliert diese Partie nicht wegen irgendeinem Fehler oder einzelnen schwachen Zug, sondern aus dem generellen Umstand heraus, dass er sein Gegenspiel gegen die lange Rochade zu langsam vorbereitet. Der Zug e7-e6 gefällt mir auch wegen der entstehenden Schwäche von d6 nicht, die auch wirklich später mit entscheidend sein wird. 17. Lh6 Df6 18. xg4 Lxh6 das folgende Manöver von Schwarz ist jetzt erzwungen und war auch der bei e6 nebst Df6 beabsichtigte Plan. 19. Dxh6 Dg7 20. Dd2 Sf6 21. g5 Sh5 22. Sce2 Mit diesem Zug bereitet Polgar Sg3 mit Abtausch des wichtigen schwarzen Verteidigungsspringers auf h5 vor. Sc4 23. Lxc4 Txc4 24. b3 Der schwarze Turm muss erst vertrieben werden, damit Weiß Sg3 spielen kann, ohne dass der Sd4 hängt. Tc5 25. Sg3 Sxg3 26. Txg3 Tec8 27. Tgh3!! Dieser Zug sieht wie ein Versehen aus, von der Art, wie es besonders im Blitzschach gern passiert. Durch den folgenden Aufzug des e-Bauern öffnet Schwarz die Diagonale seines Ld7 gegen den weißen Th3 und greift zugleich den Sd4 an. In Wirklichkeit handelt es sich um eine exakt und weit berechnete Kombination, durch die Weiß das entscheidende Tempo gewinnt, den Angriff auf der h- Linie tödlich zu verstärken. e5 28. Th4 xd4 29. Dh2 Die Vertripelung der schweren Figuren auf der h-Linie droht Th8+ nebst Matt, aber gleichzeitig blickt die weiße Dame auch nach d6 - die erste Pointe der Kombination. Kf8 Die einzige Antwort, da f6 oder f5 mindestens die Dame einbüßen würde wegen Th8+ nebst Th7. 30. Dxd6+ Kg8 Der König muss wieder zurück, andernfalls führt Th8+ zum Matt. 31. Dxd7 Damit hat Weiß die geopferte Figur zurückerobert, aber Judit musste auch einberechnen, dass Schwarz nun nicht einfach Txc2 antworten kann, und zwar wegen des Rückkehrmotivs 32. Dh3!! Kf8 (genauso erzwungen wie vorher) 33. Th8+ und Weiß erobert den Tc8, der ja von der weißen Dame ebenfalls angegriffen ist! Da dies aber auch so droht, muss Schwarz zu verzweifelten Maßnahmen Zuflucht nehmen. d3 Nun hat Weiß keine Zeit zu Dh3, denn mit dxc2+ nebst Da1+ und c1=D+ wäre es dann Schwarz, der schnell gewinnt. 32. c4 Dc3 Nun droht Schwarz mit einem Kurzstrecken-Pendelverkehr der weißen Dame auf c2 und c3 Remis zu machen. 33. T4h2 Wie wir schon in der Partie Anand-Topalov gesehen haben, muss man auch im schönsten Angriff ab und zu mal einen Verteidigungszug einschalten. b5 Ein letzter Versuch, die Verstopfung der c-Linie aufzuweichen, und so doch noch zu Gegenspiel zu gelangen. 34. e5!! Die Krönung des Schlussangriffs! Weiß würde gerne den Angriff gegen f7 mit Th7 verstärken, kann dies im Moment aber nicht, weil der Turm das Feld c2 gegen das erwähnte Dauerschach der weißen Dame sichern muss. Also lenkt Weiß mit diesem Sperrzug die Dame ab. Dxe5 Die Pointe ist, dass Schwarz gezwungen ist zu nehmen, weil seine Dame das Feld h8 beobachten muss. Andernfalls setzt Weiß in 2 Zügen matt. 35. Th7 Jetzt geht dieser Zug, und Schwarz kann f7 nur mit Tf8 oder T5c7 decken, da seine Dame weiter h8 beobachten muss und der andere schwarze Turm die Grundreihe bewachen muss. T5c7 Auf die einzige Alternative Tf8 würde am einfachsten Dh3 gewinnen. Darauf wäre f5 oder f6 erzwungen, und Weiß könnte mit Th8+ nebst Dh7+ entscheidend eindringen und dabei mindestens den Tf8 erobern. Auch nach dem Textzug würde Dh3 gewinnen, weil es auf die uns schon bekannte Weise den Tc8 erbeutet. Aber Weiß hat einen noch viel schöneren Schlusszug: 36. Dd6!! Schwarz gab auf, weil er die Dame wegen Matt in 2 Zügen (Th8+ nebst T1h7#) nicht nehmen darf, und Weiß auf Dc3 mit 37. Df6! den endgültigen Schlusspunkt setzen kann. Schwarz wird in jedem Fall matt durch Th8, weil auch nach dem Damentausch der Bauer f6 die Rolle der weißen Dame übernimmt, und als Nagel zum Sarg des schwarzen Königs diesem die beiden Ausgänge g7 und e7 versperrt, so dass auch Kf8 nichts mehr nützt. Niemand hätte diese Partie mit den weißen Steinen besser führen können.
PGN anzeigen
[Event "Polgar-Kaidanov Sicilian Theme Match"]
[Site "Hilton Head USA"]
[Date "2010.02.23"]
[EventDate "2010.02.22"]
[Round "2"]
[Result "1-0"]
[White "Judit Polgar"]
[Black "Gregory Kaidanov"]
[ECO "B78"]
[WhiteElo "2687"]
[BlackElo "2583"]
[PlyCount "71"]

1. e4 c5 2. Nf3
d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 g6 {Die sizilianische
Drachenvariante, die bereits in der Vor-Datenbanken-Ära
Gegenstand tausendseitiger Analysen gewesen ist. Der
Vorteil der Drachenvariante besteht in der aktiven
Stellung des schwarzen Fianchettoläufers, ihr Nachteil
darin, dass der Bauer g6 eine Angriffsmarke für den
Vormarsch des weißen h-Bauern bildet. Ich werde die
Eröffnungsphase und das sich anschließende frühe
Mittelspiel hier nur insoweit kommentieren, wie es die
allgemeinen Pläne der beiden Seiten betrifft. Weiter
gehende Analysen würden uns hier zu weit abseits
führen, abgesehen davon, dass ich dafür (obwohl ich den
'Drachen' selber häufig spiele) sowieso nicht kompetent
bin. Mir geht es in dieser Partie hauptsächlich um die
fantastische Schlussphase.} 6. Be3 Bg7 7. f3 Nc6 8. Qd2
{Dieser so genannte Jugoslawische Angriff führt zu
besonders scharfem Spiel. Weiß wird lang rochieren und
dann gegen den schwarzen Königsflügel stürmen.}
O-O 9. Bc4 Bd7 10. O-O-O Rc8 11. Bb3 Ne5 {Schwarz muss
natürlich schleunigst ein Gegenspiel gegen die weiße
Rochadestellung einzuleiten versuchen.} 12. Kb1 {Dieser
prophylaktische Sicherungszug ist hier nur eine von
mehreren gleich guten Möglichkeiten.} Re8 13. h4 h5 {Es
hat sich in vielen Partien gezeigt, dass Schwarz das
sofortige h4-h5 besser nicht zulässt.} 14. g4 {Unter
doppeltem Bauernopfer setzt Weiß h4-h5 dennoch durch.}
hxg4 15.h5 Nxh5 16. Rdg1 e6 {Ein Zug von defensivem Charakter,
der mir nicht gefällt. Schwarz möchte seine Dame zur
Verteidigung des Königsflügels führen, wie wir gleich
sehen werden. Die Frage ist, ob das mit dem Geist der
Drachenvariante vereinbar ist. Wie will Schwarz seinen
Angriff gegen die weiße Königsstellung ohne die
Mitwirkung seiner Dame wirksam führen? Dazu müsste er
aber Da5 spielen und darauf hoffen, dass sein
Königsflügel so lange standhält, bis er genügende
Gegendrohungen gegen den weißen König schaffen kann.
Schwarz verliert diese Partie nicht wegen irgendeinem
Fehler oder einzelnen schwachen Zug, sondern aus dem
generellen Umstand heraus, dass er sein Gegenspiel
gegen die lange Rochade zu langsam vorbereitet. Der Zug
e7-e6 gefällt mir auch wegen der entstehenden Schwäche
von d6 nicht, die auch wirklich später mit entscheidend
sein wird.} 17. Bh6 Qf6 18. fxg4 Bxh6 {das folgende
Manöver von Schwarz ist jetzt erzwungen und war auch
der bei e6 nebst Df6 beabsichtigte Plan.} 19. Qxh6 Qg7
20. Qd2 Nf6 21. g5 Nh5 22. Nce2 {Mit diesem Zug
bereitet Polgar Sg3 mit Abtausch des wichtigen
schwarzen Verteidigungsspringers auf h5 vor.}Nc4 23.
Bxc4 Rxc4 24. b3 {Der schwarze Turm muss erst
vertrieben werden, damit Weiß Sg3 spielen kann, ohne
dass der Sd4 hängt.}Rc5 25. Ng3
Nxg3 26. Rxg3 Rec8 27. Rgh3!! {Dieser Zug sieht wie ein
Versehen aus, von der Art, wie es besonders im
Blitzschach gern passiert. Durch den folgenden Aufzug
des e-Bauern öffnet Schwarz die Diagonale seines Ld7
gegen den weißen Th3 und greift zugleich den Sd4 an. In
Wirklichkeit handelt es sich um eine exakt und weit
berechnete Kombination, durch die Weiß das
entscheidende Tempo gewinnt, den Angriff auf der h-
Linie tödlich zu verstärken.} e5 28. Rh4 exd4 29. Qh2
{Die Vertripelung der schweren Figuren auf der h-Linie
droht Th8+ nebst Matt, aber gleichzeitig blickt die
weiße Dame auch nach d6 - die erste Pointe der
Kombination.} Kf8 {Die einzige Antwort, da f6 oder f5
mindestens die Dame einbüßen würde wegen Th8+ nebst
Th7.} 30. Qxd6+ Kg8 {Der König muss wieder zurück,
andernfalls führt Th8+ zum Matt.}31. Qxd7 {Damit hat
Weiß die geopferte Figur zurückerobert, aber Judit
musste auch einberechnen, dass Schwarz nun nicht
einfach Txc2 antworten kann, und zwar wegen des
Rückkehrmotivs 32. Dh3!! Kf8 (genauso erzwungen wie
vorher) 33. Th8+ und Weiß erobert den Tc8, der ja von
der weißen Dame ebenfalls angegriffen ist! Da dies aber
auch so droht, muss Schwarz zu verzweifelten Maßnahmen
Zuflucht nehmen.}d3 {Nun hat Weiß keine Zeit zu Dh3,
denn mit dxc2+ nebst Da1+ und c1=D+ wäre es dann
Schwarz, der schnell gewinnt.}32. c4 Qc3 {Nun droht
Schwarz mit einem Kurzstrecken-Pendelverkehr der weißen
Dame auf c2 und c3 Remis zu machen.}33. R4h2 {Wie wir
schon in der Partie Anand-Topalov gesehen haben, muss
man auch im schönsten Angriff ab und zu mal einen
Verteidigungszug einschalten.} b5
{Ein letzter Versuch, die Verstopfung der c-Linie
aufzuweichen, und so doch noch zu Gegenspiel zu
gelangen.} 34. e5!! {Die Krönung des Schlussangriffs! Weiß würde gerne den Angriff gegen f7 mit Th7 verstärken, kann dies im Moment aber nicht, weil der
Turm das Feld c2 gegen das erwähnte Dauerschach der
weißen Dame sichern muss. Also lenkt Weiß mit diesem
Sperrzug die Dame ab.} Qxe5 {Die Pointe ist, dass
Schwarz gezwungen ist zu nehmen, weil seine Dame das
Feld h8 beobachten muss. Andernfalls setzt Weiß in 2
Zügen matt.} 35. Rh7 {Jetzt geht dieser Zug, und
Schwarz kann f7 nur mit Tf8 oder T5c7 decken, da seine
Dame weiter h8 beobachten muss und der andere schwarze
Turm die Grundreihe bewachen muss.} R5c7{Auf die einzige Alternative Tf8 würde am einfachsten Dh3 gewinnen. Darauf wäre f5 oder f6 erzwungen, und Weiß könnte mit Th8+ nebst Dh7+ entscheidend eindringen und dabei mindestens den Tf8 erobern. Auch nach dem Textzug würde Dh3 gewinnen, weil es auf die uns schon bekannte Weise den Tc8 erbeutet. Aber Weiß hat einen noch viel schöneren Schlusszug:} 36. Qd6!! {Schwarz gab auf, weil er die Dame wegen Matt in 2 Zügen (Th8+ nebst T1h7#) nicht nehmen darf, und Weiß auf} Qc3 {mit}
37. Qf6! {den endgültigen Schlusspunkt setzen kann. Schwarz wird in jedem Fall matt durch Th8, weil auch nach dem Damentausch der Bauer f6 die Rolle der weißen Dame übernimmt, und als Nagel zum Sarg des schwarzen Königs diesem die beiden Ausgänge g7 und e7 versperrt, so dass auch Kf8 nichts mehr nützt. Niemand hätte diese Partie mit den weißen Steinen besser führen können.} 1-0
Kellerdrache - 21. Jan '14
Tja, das ist das hässlische am Drachen - ein oder zwei Ungenauigkeiten, ein Abwartezug weil man Kaffee holen will und schon kriegt man es links und rechts um die Ohren gehauen.

Aber nur Mut, Drachenspieler, es gibt auch Schwarzsiege !!
Vabanque - 21. Jan '14
Kaffee holen während man Drachen spielt, ist nicht gut :-)))

Ja, sogar ich habe schon mit Schwarz mit dem Drachen gewonnen, dann meist auch recht nett und taktisch gewürzt. Aber ich habe auch fürchterliche Niederlagen kassiert ...

Ich suche mal außerhalb der Reihe einen tollen Drachen-Schwarzsieg raus.