Kommentierte Spiele
Glanzpartien unbekannter Spieler (IV)
Vabanque - 12. Mär '14
Über die Spieler dieser Partie findet man rein gar
keine Informationen. Aber es ist erstaunlich, auf wie
viele unbekannte Namen man stößt, wenn man die
Anthologien des sowjetischen Schachs der 30er bis 50er
Jahre durchblättert. Oft waren die Spieler, die sich
auf diese Weise mit einer einzigen brillianten Partie
in einem Buch verewigt haben, nicht einmal Meister,
sondern Spieler der 'ersten Leistungsklasse' (was
grob umgerechnet wohl etwa heutigen 1900-2100 DWZ
entsprach), aus der man im damaligen Sowjet-Schach noch
in die Kategorien 'Meisteranwärter', 'Meister' und
'(sowjetischer) Großmeister' aufsteigen konnte. Später
wurde das System der Leistungsklassen vor der
Einführung von Wertungszahlen in einigen Ländern
übernommen. Einige der älteren chessmail-User werden es
wohl noch aus DDR-Zeiten kennen. (In den USA gibt es
trotz der USCF-Wertungszahlen auch heute immer noch
gleichzeitig das Leistungsklassen-System, wobei die
dortige 'class A category' aber in keinster Weise mit
einer ehemaligen sowjetischen 'Leistungsklasse 1' zu
vergleichen ist. 'class A' entspricht 1800-2000 USCF,
was man etwa mit 1650-1850 DWZ ansetzen könnte. Aber da
nur nebenbei.)
Wie auch immer die sonstige Spielstärke des Siegers der
vorliegenden Partie gewesen sein mag, hier hat er die
Kombination seines Lebens gespielt, die es mir wirklich
wert scheint, hiermit aus der Versenkung geholt zu
werden.































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keine Informationen. Aber es ist erstaunlich, auf wie
viele unbekannte Namen man stößt, wenn man die
Anthologien des sowjetischen Schachs der 30er bis 50er
Jahre durchblättert. Oft waren die Spieler, die sich
auf diese Weise mit einer einzigen brillianten Partie
in einem Buch verewigt haben, nicht einmal Meister,
sondern Spieler der 'ersten Leistungsklasse' (was
grob umgerechnet wohl etwa heutigen 1900-2100 DWZ
entsprach), aus der man im damaligen Sowjet-Schach noch
in die Kategorien 'Meisteranwärter', 'Meister' und
'(sowjetischer) Großmeister' aufsteigen konnte. Später
wurde das System der Leistungsklassen vor der
Einführung von Wertungszahlen in einigen Ländern
übernommen. Einige der älteren chessmail-User werden es
wohl noch aus DDR-Zeiten kennen. (In den USA gibt es
trotz der USCF-Wertungszahlen auch heute immer noch
gleichzeitig das Leistungsklassen-System, wobei die
dortige 'class A category' aber in keinster Weise mit
einer ehemaligen sowjetischen 'Leistungsklasse 1' zu
vergleichen ist. 'class A' entspricht 1800-2000 USCF,
was man etwa mit 1650-1850 DWZ ansetzen könnte. Aber da
nur nebenbei.)
Wie auch immer die sonstige Spielstärke des Siegers der
vorliegenden Partie gewesen sein mag, hier hat er die
Kombination seines Lebens gespielt, die es mir wirklich
wert scheint, hiermit aus der Versenkung geholt zu
werden.
P Lebedev Gonak Tulsk | Tulsk | 1938 | D15 | 1:0
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. Sf3 d5 2. d4 Sf6 3. c4 c6 Die slawische Verteidigung des Damengambits. 4. Sc3 xc4 Schwarz nimmt den Gambitbauern nachträglich an. Ein üblicher Weg besteht für Weiß jetzt darin, die Verteidigung des Bauern durch ...b7-b5 mittels 5. a4 zu verhindern, wonach Schwarz Zeit für die Entwicklung seines Damenläufers durch 5... Lf5 gewonnen hat. 5. Se5 Ein wenig gespielter Zug, der aus der Eröffnung ein echtes Gambit macht, weil Schwarz jetzt sehr gut b5 spielen konnte. e6 Schwarz hat die Verteidigung des Gambitbauern anscheinend nicht vor und kümmert sich lieber um die Entwicklung seines Königsflügels. Was mir an dem Zug aber missfällt, ist die freiwillige Einschließung des Damenläufers. 6. e3 Weiß konnte gut Sxc4 oder auch a4 spielen, denn jetzt könnte Schwarz immer noch b5 antworten. Sbd7 Schwarz entschließt sich statt dessen zur 'Befragung' des weißen Vorpostenspringers. 7. f4!? Der logische Zug war eigentlich Sxc4. Der Textzug befestigt zwar den Springer (Sxe5 8. fxe5 kommt für Schwarz kaum in Frage), schließt aber den Lc1 weiter durch Bauern ein. Lb4?! 8. Lxc4 Se4? Plötzlich wird Schwarz aggressiv! Er droht nicht nur auf c3, sondern vor allem Dh4+. Sein Angriff ist jedoch verfrüht und damit ungesund, wie Weiß schlagend nachweist. 9. O-O! Weiß beschleunigt einfach seine Entwicklung. Sxc3 10. xc3 Lxc3 11. Tb1 Nun hat Weiß eine ideale Angriffsstellung für den Bauern. Der Turm kontrolliert die halboffene b-Linie, die Dame kann je nach Bedarf zum Königsflügel oder Damenflügel schwenken, der Königsturm kann ggf. sogar über f3 auf g3 oder h3 eingesetzt werden, und selbst dem vorher durch seine Bauernkette eingeschlossene Lc1 winkt nun auf a3 eine viel versprechende Diagonale. Sf6 Schwarz meint damit noch seinen bedrohten Königsflügel halbwegs befestigen zu können. 12. f5! Au weia! Nach exf5?? 13. Lxf7+ Ke7 (oder Kf8) 14. La3+ wäre es bereits aus; Schwarz müsste die Dame dazwischen setzen. Andererseits droht Weiß aber durch Db3 den Lc3 und gleichzeitig auch den Bauern e6 noch ein weiteres Mal anzugreifen. Sd5 Deswegen verstopft Schwarz die Diagonale. 13. xe6 Lxe6 fxe6 ging wegen Dh5+ (oder Sf7) nicht. Jetzt aber bekommt Weiß seinen Bauern bei überlegener Stellung zurück. 14. Txb7 O-O Die einzige Chance, da auch Einschlag auf f7 drohte. 15. Db3 Das Nehmen auf c6 wäre nicht so stark wegen Dc8. Jetzt dagegen droht Weiß mit Lxd5 dem Lc3 die Deckung zu entziehen, und dieser kann sich nicht nach a5 retten, da dann Sxc6 eine Figur gewinnen würde. Dc8 Durch diesen Gegenangriff auf den Tb7 deckt Schwarz seinen Lc3 indirekt. 16. La3 Zwingt den Tf8, die Deckung von f7 zu verlassen, da Sxe3 an 17. Lxe6 scheitern würde. Jetzt hat Weiß alle Figuren optimal im Spiel, so dass es kaum verwundert, dass bald ein furchtbares Gewitter über die schwarze Stellung hereinbricht. Te8 17. Sxf7! Beginn einer weit berechneten Kombination, da der folgende schwarze Gegenschlag scheinbar keineswegs ungefährlich ist. Sxe3 18. Lxe6 Dxe6 Nach Txe6 19. Sd6! würde Weiß sofort gewinnen: der gefesselte Te6 könnte den Sd6 nicht schlagen, und die angegriffene Dame müsste die Deckung des Turms aufgeben. Aber jetzt? Schwarz droht sowohl Sxf1 wie auch Damentausch. Verliert Weiß die Initiative? 19. Dxc3 Sxf1 20. Kxf1 darf er jedenfalls nicht spielen, da dann Schwarz mit De2+ nebst Te3 gewinnt. 19. Sh6+!! Ein erstaunlicher Zug! Nach gxh6 käme jetzt die Ablenkung der Deckung der Dame mittels 20. Tf8+! Txf8 21. Dxe6+. Kh8 Aber jetzt geht dieselbe Kombination scheinbar nicht, weil nach 20. Tf8+ Txf8 Weiß die schwarze Dame nicht mit Schach schlägt, und Schwarz seinerseits Matt auf f1 droht! Hat Weiß das in der Vorausberechnung übersehen? 20. Tf8+ Dennoch! Txf8 Droht das erwähnte Matt auf f1. Ist Weiß jetzt verloren? 21. Lxf8! Droht Matt auf g7, so dass Schwarz nicht die Damen 'zwischentauschen' kann. Und falls Schwarz jetzt Dxh6 spielt (die Dame ist ja seit dem Zug Kh8 nicht mehr gefesselt), gewinnt Weiß mit 22. Lxg7+ Dxg7 23. Txg7 Kxg7 24. Db7+ noch den Ta8. Txf8 Droht wieder Matt auf f1. Schwarz hat immer noch eine Figur mehr. 22. Sf7+!! Die verblüffende Pointe! Weiß schließt die f-Linie, so dass er nach Kg8 die schwarze Dame schlagen kann. Und Schwarz kann den Sf7 nicht nehmen wegen der Grundreihenschwäche: auf 22... Txf7 folgt 23. Tb8+ nebst Matt. Ebenso nach 22... Dxf7 23. Dxf7 Txf7 24. Tb8+. Daher gab Schwarz auf. Eine Schlusskombination voller überraschender Wendungen.