Kommentierte Spiele

Glanzpartien unbekannter Spieler (XL)

Vabanque - 13. Jan '18
In dieser Partie, die 1938 in der Londoner Meisterschaft gespielt wurde, geschieht bis zum 15. Zug nichts Außerordentliches. Durch ungenaue Eröffnungsbehandlung des Schwarzen erhält Weiß schnell eine überlegene Stellung. Doch der Schwarze weigert sich, sich einfach an die Wand spielen zu lassen, und zwingt den Weißen durch seinen 15. und noch mehr seinen 20. Zug, die strategischen Pfade zu verlassen und sich auf ein messerscharfes taktisches Gemetzel einzulassen, wenn er seinen Vorteil nicht verlieren will. Mehrmals gibt es hier für Weiß nur einen einzigen Zug, der den Vorteil festhält - und immer findet Weiß ihn! Mehr noch, einige dieser Züge sind wirklich verblüffend und ästhetisch schön. Die Krönung bildet der 29. Zug von Weiß, wonach 3 weiße Figuren hängen, und egal welche davon geschlagen wird, immer folgt ein schnelles Matt. Schwarz entschließt sich dann, keine der einstehenden Figuren zu schlagen - und wird ebenfalls mattgesetzt. Überhaupt bietet die Partie in vielen Varianten ein Fülle von Mattbildern.


Frank Parr George Shorrock Ashcombe Wheatcroft London ENG | 1938 | D71 | 1:0
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. g3 Lg7 4. Lg2 d5 5. xd5 Sxd5 6. Sc3 Sxc3 7. xc3 c5 Der Unterschied dieses 'Neo-Grünfeld'-Systems gegenüber dem klassischen Grünfeld besteht darin, dass Weiß noch nicht e2-e4 gezogen hat, und ihm somit noch der Zug e2-e3 zur weiteren Stützung seines beschossenen Zentrums zur Verfügung steht. Ist es nun zu voreilig zu folgern, dass das Grünfeld-System gegen Katalanisch also weniger wirksam ist? 8. e3 O-O Damit hat er einen sehr festen Zentrumswall aufgebaut. 9. Se2 Sc6 10. O-O xd4 11. xd4 e5?! Schwarz spielt weiter im Sinne der Grünfeld -Verteidigung auf den Punkt d4, aber nun kann Weiß seinen d-Bauern vorteilhaft vorstoßen. 12. d5 Se7?! 13. La3 Te8 14. Sc3 Da5?! Die scheinbar aktiv vorpreschende Dame wird dem Weißen in Zukunft nur ein Angriffsobjekt bieten. Der 'Doppelangriff' auf die weißen Leichtfiguren wird ganz einfach mit einem starken Entwicklungszug abgewehrt. 15. Db3 e4!? Mit der eigentlich logischen Idee, den Lg7 wieder zu beleben. Doch Weiß kann die 'Fesselung' seines Springers c3 einfach ignorieren. 16. Sxe4! Sxd5
Noch am besten. Nach Lxa1 17. Txa1 Sxd5 18. Dxd5!
vielleicht einfacher und auch sehr stark 18. Td1!
Dxa3 19. Sf6+ gewinnt Weiß die Qualität bei überlegener Stellung zurück.
Und Dxd5 17. Sf6+ mit Damenverlust scheidet sowieso ganz aus.
17. Tac1 Der Turm entzieht sich der Bedrohung und droht seinerseits gleich Tc5 mit Figurgewinn. Le6 Scheinbar hat Schwarz die Entwicklung ja ganz befriedigend abschließen können. Aber die weißen Drohungen sind zu stark. 18. Tc5 Db6
Das Einzige, um Materialverlust zu vermeiden. Nach Dd8 19. Td1 geriete er gleich in eine tödliche Fesselung.
19. Tb5 Weiß gibt keine Ruhe. Gute Felder für die schwarze Dame sind Mangelware. Da6 20. Sc5 Der einzige Zug, um einen Vorteil festzuhalten. Wenn dagegen Weiß zweimal auf d5 schlägt, hängt am Ende der La3. Sxe3!?
Schwarz gibt sich noch lange nicht geschlagen, sondern mischt tüchtig mit. Nach Dd6 21. Sxe6 Dxe6 (erzwungen, da die Dd6 ja hängt) 22. Lxd5
oder Dc6 21. Sxe6 xe6 22. Txd5! (und Schwarz darf nicht zurücknehmen wegen Damenverlust) ginge jeweils eine Figur verloren.
21. Sxe6!
Nur so! Mit 21. Sxa6 Lxb3 22. xe3 Lc4 23. Sc7 Lxb5 24. Sxb5 Tad8
Txe3? 25. Ld5
25. Sd6 Txe3 wäre nicht viel zu erreichen.
Sxf1 22. Sg5! Wieder der einzige Zug, der Vorteil verspricht. Weiß darf hier keine Angst vor dem leichten Materialnachteil haben; sein Königsangriff wird den Tag entscheiden. Sd2 23. Dxf7+ Kh8 24. Ld5! Hübsch gespielt; es droht das Damenopfer auf g8 nebst 'Stickmatt' auf f7. Deswegen kann Weiß seinen Turm im Stich lassen. h6 Etwas anderes gibt es gegen die erwähnte Drohung nicht. 25. Lb2! Stellt wieder eine Mattdrohung auf und erzwingt den nächsten Zug, da der Lb2 wegen Matt auf h7 nicht geschlagen werden darf. Tg8 Aber nun ist ein kritischer Moment gekommen; wie geht es weiter? 26. Dd7!! Die entscheidende Idee; nicht etwa um den Tb5 zu decken, sondern um die Dame nach h3 befördern zu können. Da4!?
Schwarz stellt damit dem Weißen noch die größtmöglichen Probleme, da er jetzt selbst Matt in 2 droht (Dd1+ nebst Df1#). Der Springer war tabu wegen xg5 27. Dh3#
27. Lb3!! Der einzige Gewinnzug! Nicht nur wird damit die Straße nach d1 unterbrochen, es wird auch dem Tb5 der Weg zum Königsflügel frei gemacht. Sxb3
Falls Da6 , so 28. Dh3! (droht Matt auf h6) h5 29. Dxh5+!! xh5 30. Sf7+ Kh7 31. Lc2+ Dg6 (wenn die Tante nicht wäre, wär's eh schon Matt) 32. Txh5+ Lh6 33. Txh6#
wobei ich das alternative Matt 33. Sg5#! noch ästhetischer finde!
28. Sf7+ Kh7 29. Th5!! Und wieder der einzige zum Gewinn genügende Zug, den Weiß hier finden musste! Nun hängen bei Weiß die Dame, der Turm, und der Läufer. Und nichts davon kann Schwarz nehmen! Da5 Dieser verzweifelte Zug soll das drohende Sg5+ nebst Txh6# verhindern. Schwarz hat sich davon überzeugt, dass die Annahme jeder Figur zu einem schnellen Matt führt:
xh5 30. Df5#
Dxd7 30. Sg5+ Kh8 31. Txh6#
Lxb2 30. Sg5+ Kh8 31. Txh6#
30. Txh6+
Aber auch so folgt schnelles Matt: 30. Txh6+ Lxh6 31. Sg5# Ein gewaltiger Wirbel, und vor allem für uns: eine taktische Lehrstunde!
PGN anzeigen[Event "City Of London Championship"]

[Event "?"]
[Site "London ENG"]
[Date "1938.??.??"]
[Round "?"]
[White "Frank Parr"]
[Black "George Shorrock Ashcombe Wheatcroft"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "D71"]

1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. g3 Bg7 4. Bg2 d5 5. cxd5 Nxd5 6. Nc3 Nxc3 7. bxc3 c5 {Der
Unterschied dieses 'Neo-Grünfeld'-Systems gegenüber dem klassischen Grünfeld
besteht darin, dass Weiß noch nicht e2-e4 gezogen hat, und ihm somit noch der
Zug e2-e3 zur weiteren Stützung seines beschossenen Zentrums zur Verfügung
steht. Ist es nun zu voreilig zu folgern, dass das Grünfeld-System gegen
Katalanisch also weniger wirksam ist?} 8. e3 O-O {Damit hat er einen sehr
festen Zentrumswall aufgebaut.} 9. Ne2 Nc6 10. O-O cxd4 11. cxd4 e5 $6 {Schwarz
spielt weiter im Sinne der Grünfeld -Verteidigung auf den Punkt d4, aber nun
kann Weiß seinen d-Bauern vorteilhaft vorstoßen.} 12. d5 Ne7 $6 13. Ba3 Re8 14.
Nc3 Qa5 $6 {Die scheinbar aktiv vorpreschende Dame wird dem Weißen in Zukunft
nur ein Angriffsobjekt bieten. Der 'Doppelangriff' auf die weißen Leichtfiguren
wird ganz einfach mit einem starken Entwicklungszug abgewehrt.} 15. Qb3 e4 $5
{Mit der eigentlich logischen Idee, den Lg7 wieder zu beleben. Doch Weiß kann
die 'Fesselung' seines Springers c3 einfach ignorieren.} 16. Nxe4 $1 Nxd5 (
{Noch am besten. Nach} 16... Bxa1 17. Rxa1 Nxd5 18. Qxd5 $1 ( {vielleicht
einfacher und auch sehr stark} 18. Rd1 $1) 18... Qxa3 19. Nf6+ {gewinnt Weiß
die Qualität bei überlegener Stellung zurück.} ) ( {Und} 16... Qxd5 17. Nf6+
{mit Damenverlust scheidet sowieso ganz aus.} ) 17. Rac1 {Der Turm entzieht
sich der Bedrohung und droht seinerseits gleich Tc5 mit Figurgewinn.} 17... Be6
{Scheinbar hat Schwarz die Entwicklung ja ganz befriedigend abschließen
können. Aber die weißen Drohungen sind zu stark.} 18. Rc5 Qb6 ( {Das Einzige,
um Materialverlust zu vermeiden. Nach} 18... Qd8 19. Rd1 {geriete er gleich in
eine tödliche Fesselung.} ) 19. Rb5 {Weiß gibt keine Ruhe. Gute Felder für die
schwarze Dame sind Mangelware.} 19... Qa6 20. Nc5 {Der einzige Zug, um einen
Vorteil festzuhalten. Wenn dagegen Weiß zweimal auf d5 schlägt, hängt am Ende
der La3.} 20... Nxe3 $5 ( {Schwarz gibt sich noch lange nicht geschlagen,
sondern mischt tüchtig mit. Nach } 20... Qd6 21. Nxe6 Qxe6 { (erzwungen, da die
Dd6 ja hängt) } 22. Bxd5) ( {oder } 20... Qc6 21. Nxe6 fxe6 22. Rxd5 $1 {(und
Schwarz darf nicht zurücknehmen wegen Damenverlust) ginge jeweils eine Figur
verloren.} ) 21. Nxe6 $1 ( {Nur so! Mit} 21. Nxa6 Bxb3 22. fxe3 Bc4 23. Nc7
Bxb5 24. Nxb5 Rad8 (24... Rxe3 $2 25. Bd5) 25. Nd6 Rxe3 {wäre nicht viel zu
erreichen.} ) 21... Nxf1 22. Ng5 $1 {Wieder der einzige Zug, der Vorteil
verspricht. Weiß darf hier keine Angst vor dem leichten Materialnachteil haben;
sein Königsangriff wird den Tag entscheiden.} 22... Nd2 23. Qxf7+ Kh8 24. Bd5
$1 {Hübsch gespielt; es droht das Damenopfer auf g8 nebst 'Stickmatt' auf f7.
Deswegen kann Weiß seinen Turm im Stich lassen.} 24... h6 {Etwas anderes gibt
es gegen die erwähnte Drohung nicht.} 25. Bb2 $1 {Stellt wieder eine
Mattdrohung auf und erzwingt den nächsten Zug, da der Lb2 wegen Matt auf h7
nicht geschlagen werden darf.} 25... Rg8 {Aber nun ist ein kritischer Moment
gekommen; wie geht es weiter?} 26. Qd7 $3 {Die entscheidende Idee; nicht etwa
um den Tb5 zu decken, sondern um die Dame nach h3 befördern zu können.} 26...
Qa4 $5 ( {Schwarz stellt damit dem Weißen noch die größtmöglichen Probleme, da
er jetzt selbst Matt in 2 droht (Dd1+ nebst Df1#). Der Springer war tabu wegen}
26... hxg5 27. Qh3#) 27. Bb3 $3 {Der einzige Gewinnzug! Nicht nur wird damit
die Straße nach d1 unterbrochen, es wird auch dem Tb5 der Weg zum Königsflügel
frei gemacht.} 27... Nxb3 ( {Falls} 27... Qa6 {, so} 28. Qh3 $1 {(droht Matt
auf h6)} 28... h5 29. Qxh5+ $3 gxh5 30. Nf7+ Kh7 31. Bc2+ Qg6 {(wenn die Tante
nicht wäre, wär's eh schon Matt)} 32. Rxh5+ Bh6 33. Rxh6# ( {wobei ich das
alternative Matt} 33. Ng5# $1 {noch ästhetischer finde!} ) ) 28. Nf7+ Kh7 29.
Rh5 $3 {Und wieder der einzige zum Gewinn genügende Zug, den Weiß hier finden
musste! Nun hängen bei Weiß die Dame, der Turm, und der Läufer. Und nichts
davon kann Schwarz nehmen!} 29... Qa5 { Dieser verzweifelte Zug soll das
drohende Sg5+ nebst Txh6# verhindern. Schwarz hat sich davon überzeugt, dass
die Annahme jeder Figur zu einem schnellen Matt führt:} (29... gxh5 30. Qf5#)
(29... Qxd7 30. Ng5+ Kh8 31. Rxh6#) (29... Bxb2 30. Ng5+ Kh8 31. Rxh6#) 30.
Rxh6+ ( {Aber auch so folgt schnelles Matt:} 30. Rxh6+ Bxh6 31. Ng5# { Ein
gewaltiger Wirbel, und vor allem für uns: eine taktische Lehrstunde!} ) 1-0
Hasenrat - 14. Jan '18
Ein beeindruckendes Feuerwerk!

Insofern habe ich die Überschrift anfangs nicht zu Unrecht fehlinterpretiert: XL nämlich nicht als römische Ordnungszahl sondern als Size-Größe: extra large! ;-)
OpaJuergen - 14. Jan '18
Ich bin sowas von begeistert !!!
Sowohl was die Partie selbst betrifft als auch die Kommentierung, ohne die sich mir die vielen Finessen überhaupt nicht erschlossen hätten.
Ein ganz großes Dankeschön
vom Opa Jürgen
Vabanque - 14. Jan '18
>>XL nämlich nicht als römische Ordnungszahl sondern als Size-Größe: extra large! ;-)<<

Nur dass es dann die römische Zahl XXL nicht gibt ;)
Kellerdrache - 15. Jan '18
Eine klasse Partie. Vor allem weil der Gegner nicht einfach nur das Kinn hin hält sondern richtig kämpft und kombiniert. Ob das Theoretisch alles auf der absoluten Höhe war weiß ich nicht, spielt aber auch keine Rolle.
Die Partie ist auch ein schönes Beispiel wie willkürlich manchmal die Einteilung der Eröffnungen in offen, halboffen und geschlossen ist. Spanisch soll ja eine offene Eröffnung sein. Es gibt aber unzählige Beispiele wo sich die Stellung nie öffnet und stundenlang laviert wird. Grünfeld gilt als geschlossene Eröffnung, doch offener als im vorliegenden Beispiel geht ja kaum noch
Vabanque - 15. Jan '18
Grünfeld wird halt deswegen zu den geschlossenen Spielen gezählt, weil es mit 1. d4 anfängt :)
Die Positionen, die entstehen, haben aber wegen des frühzeitigen schwarzen Gegenstoßes d7-d5 eher halboffenen Charakter.
In dieser Partie wird es schnell extrem offen, da sich im 16. Zug auch noch zwei Zentrumsbauern indirekt tauschen.
Damit sind dann natürlich taktischen Wendungen Tür und Tor geöffnet.

Übrigens habe ich festgestellt, dass solch rein taktischen Partien leichter zu kommentieren sind als strategische. Wobei diese Partie allerdings bis ca. zum 15. Zug auch rein strategisch abläuft. Erst dann beginnen die taktischen Wendungen.