Kommentierte Spiele

Verlustpartien der Weltmeister (I): Carlsen

Vabanque - 05. Aug '16
Luke McShane Magnus Carlsen London Chess Classic | London ENG | 1 | 2010.12.08 | A37 | 1:0
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Gute Verlustpartien von Carlsen sind schwer zu finden. Meistens handelt es sich dabei um Partien, wo er in chancenreicher oder sogar gewonnener Stellung gepatzt hat. Solche Versehen trüben in meinen Augen sowohl den ästhetischen wie auch den sportlichen Wert dieser Partien. Deswegen zeige ich hier eine der wohl ganz wenigen Partien, wo Carlsen astrein überspielt wurde, und zwar von dem britischen GM Luke McShane, der hier wohl seinen schönsten Skalp erlegt hat. Zum Zeitpunkt dieser Partie war Carlsen zwar noch lange nicht Weltmeister, hatte jedoch die magischen 2800 Elo bereits geknackt. Hier schlägt der 2600er McShane also einen 2800er nach allen Regeln der Kunst. 1. c4 c5 2. g3 g6 3. Lg2 Lg7 4. Sc3 Sc6 5. Sf3 d6 6. O-O Sh6 Die Abweichung von der Symmetrie deutet an, dass Carlsen mit Schwarz gegen den 'schwächeren' Gegner auf Gewinn spielen will. Der Springer strebt nach f5. 7. d4!? McShane geht sehr energisch vor. Er ist bereit, sich von seinem Läuferpaar zu trennen, um ein Übergewicht im Zentrum zu erhalten. xd4 8. Lxh6 Lxh6 9. Sxd4 Se5?! Carlsen spielt weiter auf Verschärfung der Lage. 10. Db3 O-O 11. Tfd1 Sd7 Carlsen plant Sc5 nebst a5 (um den Springer in dieser Stellung zu befestigen). 12. Da3! Ab hier ist McShane's Spiel phantasievoll, konsequent, kraftvoll und schön. a5 Da auf Sc5 natürlich gleich b4 käme. 13. b4! Das war der mit Da3 verbundene Plan. Da Schwarz nicht nehmen darf, erweist sich a5 als ein Schuss in den Ofen. Oder doch nicht? Ta6?!
Damit ist der Turm gedeckt, so dass wieder axb4 droht. Zugleich will Carlsen den Vorstoß b4-b5 provozieren, damit er anschließend wieder das Springerfeld c5 hat - und dann für immer. Aber wie wir sehen werden, überspannt er hier den Bogen. Sb6 diente dem Zweck der Deckung des Turms a8 viel besser. Vermutlich gefiel Carlsen darauf 14. c5 nicht. Aber mit Sc4 15. Db3 Sd2 nebst axb4 bliebe Schwarz im Spiel.
14. b5!! McShane spielt genau den Zug, zu dem Carlsen ihn verleiten wollte! Er hat nämlich erkannt, dass Schwarz das schöne Springerfeld c5 gar nicht gut wird ausnutzen können. Ta8 15. e3 a4
Denn auf Sc5 käme natürlich 16. Sb3
16. Tab1 Lg7 Leider kommt auf Sc5 immer noch Sb3!, da der Ta8 ja wieder ungedeckt ist. McShanes Konzept geht auf. Aber es kommt noch viel toller. 17. Se4 Mit einfachen Zentralisierungszügen verstärkt McShane seine Stellung. Weiß steht jetzt selbst schon bereit für c4-c5. Db6 18. Sc6!! Sagenhaft! Wenn Schwarz den Springer schlägt, gewinnt Weiß die geopferte Figur mit Vorteil zurück, und wenn er e7 deckt (wie es in der Partie geschehen wird), bringt Weiß den Springer mit Tempo auf ein besseres Feld. Te8
Denn nach xc6 19. xc6 Da5
Dxc6?? 20. Sf6+ mit Damengewinn
20. xd7 Lxd7 21. c5 steht Weiß gut. Trotzdem könnte dies eventuell die bessere Option gegenüber der Partiefortsetzung gewesen sein.
19. Sb4 Nun steht der Springer bereit zum Satz nach d5. f5 Carlsen kann nicht still halten; Engines haben natürlich keine Nerven und ziehen ganz cool Da5, aber schätzen die Situation ebenfalls als vorteilhaft für Weiß ein. 20. Sc3
Sehr stark war laut Stockfish auch 20. Sd5 Dd8 21. Sg5 , aber der Textzug verfolgt eine ganz besonders feine Idee.
Dc5? Carlsen verlässt sich darauf, dass der Bauer a4 nicht zu nehmen ist; seine zweite Täuschung in dieser Partie (nach der Fehlbeurteilung von weißem 14. b5). 21. Sxa4! Da7
Und nun verliert Weiß doch den vorwitzigen Springer, oder? Dxc4 geht natürlich gar nicht wegen 22. Ld5+
22. Sa6!! Sehr elegant und die Pointe von 21. Sxa4. xa6 23. b6 Sxb6
Carlsen gibt die Figur lieber sofort zurück. Nach dem 'natürlichen' Db8 wäre 24. Db3! am stärksten, weil Weiß jetzt nicht nur 25. Lxa8 Dxa8 26. b7, sondern (z.B. auf 24... Lb7) auch c5+ nebst c6 mit zwei verbundenen Freibauern droht. Auf nun Kf8 spielt Weiß trotzdem 25. c5! Sxc5
xc5 26. Lxa8 Dxa8 27. b7
26. Sxc5 xc5 27. Dd5! mit Eroberung des Turms
aber hier nicht 27. Lxa8 wegen c4!
24. Txb6 Tb8 Carlsen scheint sich noch einmal gerettet zu haben, aber seine vernachlässigte Entwicklung schlägt jetzt zu Buche. 25. c5! Unterstützt nicht nur den Tb6, sondern droht auch Db3+ mit Turmgewinn Le6 26. Tdb1 xc5 Nun da der Tb6 nochmals unterstützt war, drohte ja auch cxd6. 27. Tb7! Nun wird Carlsen auseinandergenommen. Txb7 28. Txb7 Da8 29. Sxc5 Da der Le6 hängt, ist der Verlust des a-Bauern unvermeidlich ... aber es kommt noch schlimmer. Dc8 30. Dxa6 Lf7 Er hing schon wieder. 31. Lc6 Td8 32. Sd7! Der Kulminationspunkt des weißen Spiels. Da sonst immer sehr stark Db6 folgt, sieht sich Carlsen nun gezwungen, die Qualität herzugeben, ohne sich damit aber irgendwelche Gegenchancen einzuhandeln. Txd7 33. Lxd7 Dc1+ 34. Df1 Dxf1+ 35. Kxf1 Lc4+ 36. Kg1 Lxa2 Obwohl jetzt alle Bauern auf einem Flügel stehen, kommt das schwarze Läuferpaar nicht gegen Läufer und Turm auf der 7. Reihe an. In Kürze gelingt es Weiß auch noch, einen der beiden schwarzen Läufer zu tauschen. 37. La4 e5 38. f3 Lh6 39. Lb3+ Nun ist Läufertausch erzwungen, und der verbleibende Läufer hat gegen den Turm keine Chance. Natürlich hätten die meisten von uns hier noch weitergespielt, aber Carlsen weiß, dass er jedem GM die Gewinntechnik hier locker zutrauen kann. Er streckte also die Waffen. Luke McShane hat die gesamte Partie mit vollendeter Meisterschaft gespielt.
PGN anzeigen[Event "London Chess Classic"]
[Site "London ENG"]
[Date "2010.12.08"]
[EventDate "2010.12.06"]
[Round "1"]
[Result "1-0"]
[White "Luke

McShane"]
[Black "Magnus Carlsen"]
[ECO "A37"]
[WhiteElo "2645"]
[BlackElo "2802"]
[PlyCount "77"]{Gute Verlustpartien von Carlsen sind schwer

zu finden. Meistens handelt es sich dabei um Partien, wo er in chancenreicher oder sogar gewonnener Stellung gepatzt hat. Solche Versehen

trüben in meinen Augen sowohl den ästhetischen wie auch den sportlichen Wert dieser Partien. Deswegen zeige ich hier eine der wohl ganz

wenigen Partien, wo Carlsen astrein überspielt wurde, und zwar von dem britischen GM Luke McShane, der hier wohl seinen schönsten Skalp

erlegt hat. Zum Zeitpunkt dieser Partie war Carlsen zwar noch lange nicht Weltmeister, hatte jedoch die magischen 2800 Elo bereits

geknackt. Hier schlägt der 2600er McShane also einen 2800er nach allen Regeln der Kunst.}

1. c4 c5 2. g3 g6 3. Bg2 Bg7 4. Nc3 Nc6 5. Nf3

d6 6. O-O Nh6 {Die Abweichung von der Symmetrie deutet an, dass Carlsen mit Schwarz gegen den 'schwächeren' Gegner auf Gewinn spielen

will. Der Springer strebt nach f5.} 7. d4!? {McShane geht sehr energisch vor. Er ist bereit, sich von seinem Läuferpaar zu trennen, um

ein Übergewicht im Zentrum zu erhalten.} cxd4 8. Bxh6
Bxh6 9. Nxd4 Ne5?! {Carlsen spielt weiter auf Verschärfung der Lage.} 10. Qb3 O-O 11. Rfd1 Nd7 {Carlsen plant Sc5 nebst a5 (um den

Springer in dieser Stellung zu befestigen).} 12. Qa3! {Ab hier ist McShane's Spiel phantasievoll, konsequent, kraftvoll und schön.} a5

{Da auf Sc5 natürlich gleich b4 käme.} 13. b4! {Das war der mit Da3 verbundene Plan. Da Schwarz nicht nehmen darf, erweist sich a5 als

ein Schuss in den Ofen. Oder doch nicht?} Ra6?! ({Damit ist der Turm gedeckt, so dass wieder axb4 droht. Zugleich will Carlsen den

Vorstoß b4-b5 provozieren, damit er anschließend wieder das Springerfeld c5 hat - und dann für immer. Aber wie wir sehen werden,

überspannt er hier den Bogen.} 13...Nb6 {diente dem Zweck der Deckung des Turms a8 viel besser. Vermutlich gefiel Carlsen darauf} 14. c5

{nicht. Aber mit} Nc4 15. Qb3 Nd2 {nebst axb4 bliebe Schwarz im Spiel.}) 14. b5!! {McShane spielt genau den Zug, zu dem Carlsen ihn

verleiten wollte! Er hat nämlich erkannt, dass Schwarz das schöne Springerfeld c5 gar nicht gut wird ausnutzen können.} Ra8 15.
e3 a4 ({Denn auf} 15... Nc5 {käme natürlich} 16. Nb3) 16. Rab1 Bg7 {Leider kommt auf Sc5 immer noch Sb3!, da der Ta8 ja wieder ungedeckt

ist. McShanes Konzept geht auf. Aber es kommt noch viel toller.} 17. Ne4 {Mit einfachen Zentralisierungszügen verstärkt McShane seine

Stellung. Weiß steht jetzt selbst schon bereit für c4-c5.} Qb6 18. Nc6!! {Sagenhaft! Wenn Schwarz den Springer schlägt, gewinnt Weiß die

geopferte Figur mit Vorteil zurück, und wenn er e7 deckt (wie es in der Partie geschehen wird), bringt Weiß den Springer mit Tempo auf

ein besseres Feld.} Re8 ({Denn nach} 18... bxc6 19.
bxc6 Qa5 (19... Qxc6?? 20. Nf6+ {mit Damengewinn}) 20. cxd7 Bxd7 21. c5 {steht Weiß gut. Trotzdem könnte dies eventuell die bessere

Option gegenüber der Partiefortsetzung gewesen sein.}) 19. Nb4 {Nun steht der Springer bereit zum Satz nach d5.} f5 {Carlsen kann nicht

still halten; Engines haben natürlich keine Nerven und ziehen ganz cool Da5, aber schätzen die Situation ebenfalls als vorteilhaft für

Weiß ein.} 20.
Nc3 ({Sehr stark war laut Stockfish auch} 20. Nd5 Qd8 21. Ng5 {, aber der Textzug verfolgt eine ganz besonders feine Idee.}) 20... Qc5?

{Carlsen verlässt sich darauf, dass der Bauer a4 nicht zu nehmen ist; seine zweite Täuschung in dieser Partie (nach der Fehlbeurteilung

von weißem 14. b5).} 21. Nxa4! Qa7 ({Und nun verliert Weiß doch den vorwitzigen Springer, oder?} 21... Qxc4 {geht natürlich gar nicht

wegen} 22. Bd5+) 22. Na6!! {Sehr elegant und die Pointe von 21. Sxa4.}
bxa6 23. b6 Nxb6 ({Carlsen gibt die Figur lieber sofort zurück. Nach dem 'natürlichen'} 23... Qb8 {wäre} 24. Qb3! {am stärksten, weil

Weiß jetzt nicht nur 25. Lxa8 Dxa8 26. b7, sondern (z.B. auf 24... Lb7) auch c5+ nebst c6 mit zwei verbundenen Freibauern droht. Auf nun} 24... Kf8

{spielt Weiß trotzdem} 25. c5! Nxc5 (25... dxc5 26. Bxa8 Qxa8 27. b7) 26. Nxc5 dxc5 27. Qd5! {mit Eroberung des Turms} ({aber hier nicht} 27. Bxa8 {wegen} c4!) )


24. Rxb6 Rb8 {Carlsen scheint sich noch einmal gerettet zu haben, aber seine vernachlässigte Entwicklung schlägt

jetzt zu Buche.} 25. c5! {Unterstützt nicht nur den Tb6, sondern droht auch Db3+ mit Turmgewinn} Be6 26. Rdb1
dxc5 {Nun da der Tb6 nochmals unterstützt war, drohte ja auch cxd6.} 27. Rb7! {Nun wird Carlsen auseinandergenommen.} Rxb7 28. Rxb7 Qa8

29. Nxc5 {Da der Le6 hängt, ist der Verlust des a-Bauern unvermeidlich ... aber es kommt noch schlimmer.} Qc8 30. Qxa6 Bf7 {Er hing schon

wieder.} 31. Bc6 Rd8 32. Nd7! {Der Kulminationspunkt des weißen Spiels. Da sonst immer sehr stark Db6 folgt, sieht sich Carlsen nun

gezwungen, die Qualität herzugeben, ohne sich damit aber irgendwelche Gegenchancen einzuhandeln.}
Rxd7 33. Bxd7 Qc1+
34. Qf1 Qxf1+ 35. Kxf1 Bc4+ 36. Kg1 Bxa2 {Obwohl jetzt alle Bauern auf einem Flügel stehen, kommt das schwarze Läuferpaar nicht gegen

Läufer und Turm auf der 7. Reihe an. In Kürze gelingt es Weiß auch noch, einen der beiden schwarzen Läufer zu tauschen.} 37. Ba4 e5 38.

f3 Bh6 39. Bb3+ {Nun ist Läufertausch erzwungen, und der verbleibende Läufer hat gegen den Turm keine Chance. Natürlich hätten die

meisten von uns hier noch weitergespielt, aber Carlsen weiß, dass er jedem GM die Gewinntechnik hier locker zutrauen kann. Er streckte

also die Waffen. Luke McShane hat die gesamte Partie mit vollendeter Meisterschaft gespielt.} 1-0
Sam0907 - 05. Aug '16
Eine herrliche Partie von einen nicht ganz so bekannten GM, der den späteren WM nach allen Regeln der Kunst auseinandernimmt.
Super Kommentare runden diese Partie ab.

Klasse Vabanque :-)
Kellerdrache - 05. Aug '16
Kannte ich noch gar nicht diese Partie und dabei dachte ich die paar Verlustpartien Carlsens würde ich alle kennen. Es ist aber erstaunlich - wenn Carlsen verliert, dann meistens auch richtig. Soll heißen es handelt sich dann eigentlich oft um Partien wo er nie eine wirkliche Orientierung gefunden hat. das sieht man ja selten. Wenn ich wieder zu Hause bin werde ich mir alles nochmal genauer ansehen.
Vabanque - 05. Aug '16
Ich denke, Carlsen hat hier einfach allzu provokativ gespielt. Mit Schwarz ist er in der Eröffnung nicht auf baldigsten Ausgleich aus gewesen, sondern hat versucht, die Stellung möglichst zu komplizieren, in guter alter Laskerscher Manier, die sich hier allerdings als nicht so gut erwies. Ein heutiger 2600er GM ist halt doch stärker als die meisten der damaligen Gegner Laskers (was aber nicht gleichzeitig bedeutet, dass Carlsen stärker wäre als Lasker damals war!), und auch wenn McShane kaum bekannt ist, er kann jeden, auch einen 2800er schlagen, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt. Das war hier der Fall, und er hat sie am Schopf gepackt.
Kellerdrache - 05. Aug '16
Ich kenne jetzt nicht soviel von McShane, soweit ich weiß ist er auch ein Spieler dessen Qualität sehr schwankt. Vermutlich hat der arme Magnus gegen den starken McShane spielen müssen ;-))
Scherz beiseite, schein es mir auch so als wäre Carlsen die Geschichte einfach über-aggressiv angegangen. Er hat Angriffsaktionen eingeleitet ohne wirklich vernünftig entwickelt zu sein und ohne das Weiß tatsächliche Schwächen hatte.Trotzdem ist es schon beeidruckend wie konsequent und klar der Engländer das ausgenutzt hat (vor allem den ungedeckten Turm auf a8).