Kommentierte Spiele

Aktuelles Spitzenschach (IV): Carlsen - Bu Xiangzhi 0 - 1

Vabanque - 12. Sep '17
Den interessanten chinesischen Super-GM Bu Xiangzhi habe ich schon mal in einem früheren Beitrag vorgestellt. Bu spielt ein herzerfrischend unbekümmertes Angriffsschach, mit dem er sogar gegen Top-Gegnerschaft überraschende Erfolge erzielt.
Sein kürzlicher Sieg gegen WM Carlsen beim World Cup dürfte allerdings die bisherige Krönung von Bus Laufbahn darstellen.
Mit den schwarzen Steinen reißt der Chinese hier durch ein mutiges Bauern- und gleich anschließendes Läuferopfer gewaltsam die Initiative an sich. Zwar vielleicht nicht völlig korrekt, stellt dieses Vorgehen den Weltmeister doch vor dermaßen schwierige Verteidigungsaufgaben, dass dieser schließlich kollabiert. Man kann über die Risikobereitschaft und das kraftvolle Spiel des chinesischen GM wirklich nur staunen!

Ich werde hier keine ausführliche Analyse der komplizierten Partie bieten, zumal sich (computergestützte) Analysen bereits im Netz befinden. Ich möchte vielmehr - wie eigentlich immer - die Ideen und (möglichen) Gedanken der Spieler hinter den Zügen plausibel machen, und deswegen nur ein paar m.E. zum Verständnis dienende Varianten bringen, und die anderen weglassen bzw. das meiste rein verbal kommentieren.

Kritik ist ausdrücklich erwünscht!!


Magnus Carlsen Bu Xiangzhi World Cup | Tbilisi GEO | 3.1 | 2017.09.09 | C55 | 0:1
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. e4 e5 2. Lc4 Sf6 3. d3 Das Königsläuferspiel gilt generell als eine der ruhigsten Eröffnungen. Diese Partie wird aber überraschend schnell scharf werden. Sc6 4. Sf3 Le7 5. O-O O-O 6. Lb3 d6 7. c3 Le6 Bekanntlich ist in solchen Stellungen der nach dem Läufertausch auf e6 entstehende Doppelbauer nicht zu fürchten, da erstens die f-Linie aufginge und zweitens der 'neue' Bauer e6 wichtige Zentralfelder kontrollieren würde. 8. Te1 Dd7 9. Sbd2 Carlsen stellt sich ähnlich zu den geschlossenen Varianten in der Spanischen Eröffnung auf; der Springer soll über f1 nach g3 oder e3 und evtl. sogar nach f5 geführt werden. Tab8 Wieder mal einer diese mysteriösen Turmzüge. Vermutlich könnte ihn nur Bu selbst erklären, vor allem weil man auch später in der Partie nicht erkennt, wozu er an dieser Stelle hätte dienen sollen. Evtl. wäre ein Bauernvorstoß b7-b5-b4 denkbar, aber wäre dies wirklich ein guter Plan für Schwarz? 10. Lc2 d5!? Die erste Verschärfung; ein Bauernopfer ähnlich dem Marshall-Angriff im Spanier deutet sich an. Zunächst ziert sich Carlsen noch, aber im nächsten Zug nimmt er das Gambit doch an. 11. h3 h6 Solche beiderseitigen Randbauernzüge kennt man aus Partien schwacher Spieler - und hier macht es die Weltklasse genauso! Natürlich sollen damit jeweils gegnerische Figuren vom Betreten der Felder g4 bzw. g5 abgehalten werden. Während dem Schwarzen später aber der Zug h7-h6 nützen wird, wird Weiß den Zug seines Randbauern bald sehr bereuen ... 12. xd5 Sxd5
Nur durch Dxd5 wäre der e-Bauer zu halten, aber nach 13. Sc4 e4
nach Ld6 14. Lb3 stehen die schwarzen Figuren ungemütlich
14. Se3 ginge er bei schlechterem Spiel verloren.
13. Sxe5 Sxe5 14. Txe5 Ld6 15. Te1 Lxh3! Dem Bauernopfer lässt Bu ein Figurenopfer folgen, natürlich nur ermöglicht durch den weißen Randbauernzug. Aber wird sein Angriff durchdringen? Man kann Bus Mut wirklich nur bewundern, so etwas gegen den amtierenden Weltmeister zu wagen. 16. xh3 Dxh3 Schwarz droht nun bereits ein bekanntes Lehrbuch-Mattsetzungsmanöver, beginnend mit Lh2+, Lg3+, Dh2+ und Matt auf f2. 17. Sf1 Ein guter Verteidigungszug, allerdings auch der einzige. Vermutlich hatte auf Grund dieser Möglichkeit Carlsen das schwarze Läuferopfer in der Vorausberechnung als unzureichend eingeschätzt. Eventuell ist diese Einschätzung theoretisch auch richtig, aber wie schwierig die Verteidigung der weißen Stellung in der Praxis wirklich ist, zeigt diese Partie, zumal sogar der Weltmeister schließlich strauchelt! Tbe8 18. d4 Auch hier scheint es sich um den besten Zug zu handeln. f5! Ohne diesen Zug käme Schwarz ins Hintertreffen; nun aber droht er ganz einfach, den f-Bauern bis f3 vorzustoßen, mit tödlichen Mattdrohungen. 19. Lb3 Spielt Weiß sofort f4, um damit den schwarzen f-Bauern zu stoppen, wäre der weiße f4-Bauer einfach zu nehmen. Daher fesselt Carlsen zuerst den Sd5. c6 Erzwungen. 20. f4! Bisher spielen beide Kontrahenten ganz hervorragend. Der weiße Verteidigungszug öffnet zwar scheinbar die Königsstellung noch weiter, doch erstens ist der schwarze f-Bauer jetzt am Vorrücken zunächst gehindert, und zweitens können weiße Figuren nun zum Königsflügel hinübergespielt werden. Kh7 Erst hebt Schwarz die Fesselung seines Sd5 auf (und bedroht damit wieder den weißen Bauern f4), bevor er mit g7-g5 weiter angreift. 21. Lxd5?
Dieser auf den ersten Blick erzwungene Zug (um die Bedrohung des Bauern f4 aufzuheben) erweist sich letztlich als ungenau, ja in höherem Sinne bereits als der Punkt, an dem die Partie kippt. Rückblickend kann man natürlich leicht behaupten, dass Carlsen hier besser daran getan hätte, den f-Bauern herzugeben und statt dessen schleunigst den Turm zum Königsflügel zu schicken: 21. Te2! Sxf4 gibt es Besseres? 22. Th2 und der Damentausch ist erzwungen: Dg4+
Dd3 23. Lxf4 ist sehr gut für Weiß
23. Dxg4 xg4 24. Lxf4 und das entstehende Endspiel ist kompliziert, doch bei präzisem Spiel sollte sich vermutlich die weiße Mehrfigur gegen die schwarzen Bauern durchsetzen.
xd5 22. Te3
Ob 22. Te2 hier besser war, darf angesichts von Dg4+ 23. Kf2 erzwungen g5 24. xg5 Te4! nebst Tfe8 bezweifelt werden; Schwarz behält eine sehr starke Initiative.
Txe3 23. Lxe3 g5! Damit hebelt Schwarz die weiße Verteidigungsstellung aus den Angeln 24. Kf2
Nach 24. xg5 f4 ist das tödliche Vordringen des Bauern nach f3 nicht mehr zu vermeiden; das war die Idee von g7-g5! Daher gibt Carlsen nun Material zurück und hofft auf ein ausgeglichenes Endspiel.
xf4 25. Df3 xe3+ 26. Sxe3 Dh2+! Bu tut ihm nicht den Gefallen des Damentausches! In dem entstehenden Endspiel hätte Weiß ausgezeichnete Remischancen, die Carlsen ganz sicher auch wahrgenommen hätte. 27. Kf1 Tg8! Schwarz verliert keine Zeit mit dem (allerdings ebenfalls spielbaren) Nehmen auf b2, sondern stellt ohne Verzug seinen Turm auf ein drohendes Feld (es droht Tg1 matt). Dabei lässt er sogar seinen f-Bauern mit Schach hängen! 28. Dxf5+ Tg6 29. Ke1
Schachserien bringen hier gar nichts: 29. Df7+ oder Dd7+ Tg7 30. Df5+ Kh8 31. Dc8+ Tg8 und Weiß könnte aufgeben. Carlsen hält lieber den schwarzen Tg6 gefesselt und holt derweil seinen König etwas aus der Gefahrenzone, um später ggf. auch auf schwarzen Grundreihenschachs auf f1 dazwischensetzen zu können.
h5?!
Es ist erstaunlich, dass dieser plausible Zug, der einfach dem freien f-Bauern den Marschbefehl erteilt, beinahe den schwarzen Sieg in Frage hätte stellen können! Der korrekte, klare Gewinnweg besteht in einem kuriosen Dreiecksmarsch des schwarzen Königs, um den schwarzen Turm endgültig wieder einsatzfähig zu machen: Kg7 30. Dd7+ Kh8 31. Dd8+ Kh7 32. Dd7+ Tg7 33. Df5+ Kh8
30. Kd1?
Der endgültig entscheidende Fehler. Der weiße König ist nun zwar nicht mehr direkt zu belangen, jedoch wird nun der schwarze h-Bauer unaufhaltsam. Weiß hätte den Umstand, dass der letzte schwarze Bauernzug nicht sofort den Tg6 entfesselt, dazu ausnutzen können, mit 30. Td1 seinem Turm die Möglichkeit zu geben, über d2 wieder ins Spiel einzugreifen. Nach Engine-Analysen soll dies verblüffenderweise tatsächlich ausreichen, die Partie zu halten!
Hingegen stürzt sich Weiß mit 30. Dd7+? Tg7 31. Df5+ Kh8 32. Dc8+? Tg8 33. Dxb7? Tg1+ 34. Sf1 Lg3+ schachbietenderweise ins Grab.
Kh6 So erweist sich der eigentlich ungenaue Zug h5 doch als gut, weil er nun diese simple Entfesselung des Tg6 ermöglicht, wonach Weiß keine Schachgebote mehr hat und trotz ein paar jetzt noch folgenden Gymnastikübungen des Springers keine Chance hat, den h-Bauern aufzuhalten. 31. Sc2 h4 32. Se1 h3 33. Sf3 Dg2 34. Se1 Dg4+! So macht man's gegen einen Weltmeister richtig: Bu tauscht gegen Carlsen erst dann die Damen, wenn das entstehende Endspiel leicht für ihn gewonnen ist! 35. Dxg4 Txg4 36. Sf3 Tg1+!
Der elegante Schlusswitz: nach Tg1+ 37. Sxg1 h2 zeigt sich die Hilflosigkeit des Springers gegen den Randbauern in Mitleid erregender Weise. Carlsen gab auf. Trotz kleinerer Ungenauigkeiten eine ganz große Leistung des Chinesen.
PGN anzeigen[Event "World Cup"]
[Site "Tbilisi GEO"]
[Date "2017.09.09"]
[EventDate "2017.09.03"]
[Round "3.1"]
[Result "0-1"]
[White "Magnus Carlsen"]
[Black "Bu Xiangzhi"]
[ECO "C55"]
[WhiteElo "2822"]
[BlackElo "2710"]
[PlyCount "72"]

1. e4 e5 2. Bc4 Nf6 3. d3 {Das Königsläuferspiel gilt generell als eine der ruhigsten Eröffnungen. Diese Partie wird aber überraschend schnell scharf werden.} Nc6 4. Nf3 Be7 5. O-O O-O 6. Bb3 d6 7. c3 Be6 {Bekanntlich ist in solchen Stellungen der nach dem Läufertausch auf e6 entstehende Doppelbauer nicht zu fürchten, da erstens die f-Linie aufginge und zweitens der 'neue' Bauer e6 wichtige Zentralfelder kontrollieren würde.} 8. Re1
Qd7 9. Nbd2 {Carlsen stellt sich ähnlich zu den geschlossenen Varianten in der Spanischen Eröffnung auf; der Springer soll über f1 nach g3 oder e3 und evtl. sogar nach f5 geführt werden.} Rab8 {Wieder mal einer diese mysteriösen Turmzüge. Vermutlich könnte ihn nur Bu selbst erklären, vor allem weil man auch später in der Partie nicht erkennt, wozu er an dieser Stelle hätte dienen sollen. Evtl. wäre ein Bauernvorstoß b7-b5-b4 denkbar, aber wäre dies wirklich ein guter Plan für Schwarz?} 10. Bc2 d5!? {Die erste Verschärfung; ein Bauernopfer ähnlich dem Marshall-Angriff im Spanier deutet sich an. Zunächst ziert sich Carlsen noch, aber im nächsten Zug nimmt er das Gambit doch an.} 11. h3 h6 {Solche beiderseitigen Randbauernzüge kennt man aus Partien schwacher Spieler - und hier macht es die Weltklasse genauso! Natürlich sollen damit jeweils gegnerische Figuren vom Betreten der Felder g4 bzw. g5 abgehalten werden. Während dem Schwarzen später aber der Zug h7-h6 nützen wird, wird Weiß den Zug seines Randbauern bald sehr bereuen ... } 12. exd5 Nxd5 ({Nur durch} 12... Qxd5 {wäre der e-Bauer zu halten, aber nach} 13. Nc4 e4 (
{nach} 13... Bd6 14. Bb3 {stehen die schwarzen Figuren ungemütlich}) 14. Ne3 {ginge er bei schlechterem Spiel verloren.}) 13. Nxe5 Nxe5 14. Rxe5 Bd6 15. Re1 Bxh3! {Dem Bauernopfer lässt Bu ein Figurenopfer folgen, natürlich nur ermöglicht durch den weißen Randbauernzug. Aber wird sein Angriff durchdringen? Man kann Bus Mut wirklich nur bewundern, so etwas gegen den amtierenden Weltmeister zu wagen.} 16. gxh3
Qxh3 {Schwarz droht nun bereits ein bekanntes Lehrbuch-Mattsetzungsmanöver, beginnend mit Lh2+, Lg3+, Dh2+ und Matt auf f2.} 17. Nf1 {Ein guter Verteidigungszug, allerdings auch der einzige. Vermutlich hatte auf Grund dieser Möglichkeit Carlsen das schwarze Läuferopfer in der Vorausberechnung als unzureichend eingeschätzt. Eventuell ist diese Einschätzung theoretisch auch richtig, aber wie schwierig die Verteidigung der weißen Stellung in der Praxis wirklich ist, zeigt diese Partie, zumal sogar der Weltmeister schließlich strauchelt!} Rbe8 18. d4 {Auch hier scheint es sich um den besten Zug zu handeln.} f5! {Ohne diesen Zug käme Schwarz ins Hintertreffen; nun aber droht er ganz einfach, den f-Bauern bis f3 vorzustoßen, mit tödlichen Mattdrohungen.} 19. Bb3 {Spielt Weiß sofort f4, um damit den schwarzen f-Bauern zu stoppen, wäre der weiße f4-Bauer einfach zu nehmen. Daher fesselt Carlsen zuerst den Sd5.} c6 {Erzwungen.} 20. f4! {Bisher spielen beide Kontrahenten ganz hervorragend. Der weiße Verteidigungszug öffnet zwar scheinbar die Königsstellung noch weiter, doch erstens ist der schwarze f-Bauer jetzt am Vorrücken zunächst gehindert, und zweitens können weiße Figuren nun zum Königsflügel hinübergespielt werden.} Kh7 {Erst hebt Schwarz die Fesselung seines Sd5 auf (und bedroht damit wieder den weißen Bauern f4), bevor er mit g7-g5 weiter angreift.} 21. Bxd5? ({Dieser auf den ersten Blick erzwungene Zug (um die Bedrohung des Bauern f4 aufzuheben) erweist sich letztlich als ungenau, ja in höherem Sinne bereits als der Punkt, an dem die Partie kippt. Rückblickend kann man natürlich leicht behaupten, dass Carlsen hier besser daran getan hätte, den f-Bauern herzugeben und statt dessen schleunigst den Turm zum Königsflügel zu schicken:} 21. Re2! Nxf4 {gibt es Besseres?} 22.
Rh2 {und der Damentausch ist erzwungen:} Qg4+ (22... Qd3 23. Bxf4 {ist sehr gut für Weiß}) 23. Qxg4 fxg4 24. Bxf4 {und das entstehende Endspiel ist kompliziert, doch bei präzisem Spiel sollte sich vermutlich die weiße Mehrfigur gegen die schwarzen Bauern durchsetzen.}) 21... cxd5 22. Re3 ({Ob} 22.
Re2 {hier besser war, darf angesichts von} Qg4+ 23. Kf2 {erzwungen} g5 24. fxg5 Re4! {nebst Tfe8 bezweifelt werden; Schwarz behält eine sehr starke Initiative.}) 22... Rxe3 23. Bxe3 g5! {Damit hebelt Schwarz die weiße Verteidigungsstellung aus den Angeln} 24. Kf2
({Nach} 24. fxg5 f4 {ist das tödliche Vordringen des Bauern nach f3 nicht mehr zu vermeiden; das war die Idee von g7-g5! Daher gibt Carlsen nun Material zurück und hofft auf ein ausgeglichenes Endspiel.}) 24... gxf4 25. Qf3 fxe3+ 26. Nxe3 Qh2+! {Bu tut ihm nicht den Gefallen des Damentausches! In dem entstehenden Endspiel hätte Weiß ausgezeichnete Remischancen, die Carlsen ganz sicher auch wahrgenommen hätte.} 27. Kf1 Rg8!{Schwarz verliert keine Zeit mit dem (allerdings ebenfalls spielbaren) Nehmen auf b2, sondern stellt ohne Verzug seinen Turm auf ein drohendes Feld (es droht Tg1 matt). Dabei lässt er sogar seinen f-Bauern mit Schach hängen!} 28.
Qxf5+ Rg6 29. Ke1 ({Schachserien bringen hier gar nichts:} 29. Qf7+ {oder Dd7+} Rg7 30. Qf5+ Kh8 31. Qc8+ Rg8 {und Weiß könnte aufgeben. Carlsen hält lieber den schwarzen Tg6 gefesselt und holt derweil seinen König etwas aus der Gefahrenzone, um später ggf. auch auf schwarzen Grundreihenschachs auf f1 dazwischensetzen zu können.}) 29... h5?! ({Es ist erstaunlich, dass dieser plausible Zug, der einfach dem freien f-Bauern den Marschbefehl erteilt, beinahe den schwarzen Sieg in Frage hätte stellen können! Der korrekte, klare Gewinnweg besteht in einem kuriosen Dreiecksmarsch des schwarzen Königs, um den schwarzen Turm endgültig wieder einsatzfähig zu machen:} 29... Kg7
30. Qd7+ Kh8 31. Qd8+ Kh7 32. Qd7+ Rg7 33. Qf5+ Kh8) 30. Kd1? ({Der endgültig entscheidende Fehler. Der weiße König ist nun zwar nicht mehr direkt zu belangen, jedoch wird nun der schwarze h-Bauer unaufhaltsam. Weiß hätte den Umstand, dass der letzte schwarze Bauernzug nicht sofort den Tg6 entfesselt, dazu ausnutzen können, mit} 30. Rd1 {seinem Turm die Möglichkeit zu geben, über d2 wieder ins Spiel einzugreifen. Nach Engine-Analysen soll dies verblüffenderweise tatsächlich ausreichen, die Partie zu halten!}) ({Hingegen stürzt sich Weiß mit} 30.
Qd7+? Rg7 31. Qf5+ Kh8 32. Qc8+? Rg8 33. Qxb7? Rg1+ 34. Nf1 Bg3+ {schachbietenderweise ins Grab.}) 30... Kh6 {So erweist sich der eigentlich ungenaue Zug h5 doch als gut, weil er nun diese simple Entfesselung des Tg6 ermöglicht, wonach Weiß keine Schachgebote mehr hat und trotz ein paar jetzt noch folgenden Gymnastikübungen des Springers keine Chance hat, den h-Bauern aufzuhalten.} 31.
Nc2 h4 32. Ne1 h3 33. Nf3 Qg2 34. Ne1 Qg4+! {So macht man's gegen einen Weltmeister richtig: Bu tauscht gegen Carlsen erst dann die Damen, wenn das entstehende Endspiel leicht für ihn gewonnen ist!} 35. Qxg4 Rxg4 36. Nf3 Rg1+! ({Der elegante Schlusswitz: nach} 36...
Rg1+ 37. Nxg1 h2 {zeigt sich die Hilflosigkeit des Springers gegen den Randbauern in Mitleid erregender Weise. Carlsen gab auf. Trotz kleinerer Ungenauigkeiten eine ganz große Leistung des Chinesen.}) 0-1
Gunst - 12. Sep '17
Danke. Tolle Kommentare, auch für Laien verständlich.
Bei h5 irrtümlich wohl freier f- Bauer Marschbefehl, gemeint h. Man kann nach all dem ruf014 Quatsch nur dankbar sein für solche SCHACHbeiträge.
Vabanque - 12. Sep '17
Danke, du hast natürlich völlig Recht, es muss richtig heißen: 'dem freien h-Bauern den Marschbefehl erteilt'! Ärgerlich, diese Tippfehler überliest man selber ständig, keine Ahnung wieso ... man sieht aber, dass du die Kommentare wirklich gelesen hast :)
Laudatio - 12. Sep '17
Danke Vabanque für die toll kommentierte Partie.
Obwohl Calrsens Eröffnungsbehandlung nicht immer jedermanns Geschmack ist schätze ich seine gelegentlichen "Eröffnungsexperimente" doch sehr, da Carlsen zumindest mir häufiger zeigt, dass man mit Eröffnungen aus der "zweiten Reihe" interessantes Spiel und häufig auch Erfolg haben kann. Leider nicht in dieser Partie, aber es ist interessant zu sehen, dass ohne Carlsens Fehler mit Lxd5 im 21. Zug die Stellung zwar kompliziert, aber wahrscheinlich mit Vorteilen für Carlsen zu bewerten ist und auch die Feinheiten von h2-h3 und h7-h6 wurden erwähnt:-)
Sonst versuche ich sonst auf e4-e5 im Turnierschach meistens Spanisch mit großem Theoriewust. Da juckt es mich auch mal solche Eröffnungen a la Carlsen auszuprobieren.

Gruß
Vabanque - 12. Sep '17
Ja, Carlsen spielt oft Eröffnungen, die an der Weltspitze sonst nur selten bis nie vorkommen. Immer handelt es sich aber - wie hier - um eigentlich recht solide Eröffnungen, die aber nach der Theorie keine großen Aussichten auf Vorteil haben, oder die schlicht und einfach nicht in Mode sind (denn auch so etwas gibt es im Schach).
Normalerweise verwandeln sich unter Carlsens Hand dann diese als harmlos geltenden Stellungen in eine gefährliche Waffe. Wobei Carlsen sowieso keiner ist, der schon in der Eröffnung Vorteil anstrebt. Ihm reicht es hier, sich solide aufzustellen und seinen Gegner dann im Mittelspiel oder gar erst im Endspiel zu überspielen. (Hierin gleicht er Capablanca und Rubinstein.)
Hier hat es freilich nicht so ganz geklappt, und zwar hauptsächlich deswegen, weil sein chinesischer Gegner gleich wie ein wildes Tier über ihn hergefallen ist und ihm schon nach wenigen Zügen so große Probleme gestellt hat, dass sie - auch wenn Carlsens Stellung objektiv vielleicht vorteilhaft war (wobei ich darin ja nicht ganz sicher bin) - selbst von einem Top-Spieler in der Nervenanspannung und begrenzten Bedenkzeit der Turniersituation nicht bewältigt werden konnten.
Aber darin liegt ja gerade immer noch der Reiz des Nahschachs - selbst auf höchstem Niveau kann man hier immer noch Varianten und Züge spielen, die im Fernschach nicht möglich wären. Im Fernschach wäre selbst unter starken Amateuren ein Opferspiel wie das hier von Bu praktizierte kaum denkbar.

Übrigens tausend Dank auch an Eure Kommentare, SF Gunst und SF Laudatio, dass ihr mir zeigt, dass ich meinen Beitrag nicht umsonst geschrieben habe.
(Obwohl ihr auf Grund Eurer Nicknames ja zu 'günstigen' Bewertungen und 'lobenden' Beiträgen quasi verpflichtet seid, lach.)
Canal_Prins - 12. Sep '17
@ Vabanque

vielen Dank für die Kommentierung der o.g. Partie.

Der entscheidende Fehler von Carlsen war der 21. Zug mit T e2 !!

wobei L xf4.....Lxf4
22. D c2.........Dg4
23. Dg2..........Dh4
24. Txe8.........Txe8
25. Df3...........g6
26. Ld4...........h5
27. Df2..........Dg5
28. Kh1..........h4
29. Sh2..........Te3
30. Tg1...........Tg3
31. Df1...........Txg1
32. Dxg1.........Dxg1
33. Kxg1.........Kg7
34. Le6...........Kf6
35. Lc8............b6
36. Kg2............g5
37. Kg3............g4
38. Sxg4..........fxg4
39. Kxg4..........c1
40. b3..............Lb2
41. Ld7............Ke7
42. Lxc6...........Lxc3
43. Kxh4..........Lxd4
44. Kg5............Ke6
45. Lb5............Ke5
46. Kg6............a5

Trotz unterschiedlicher Läuferpaare ist die Partie von beiden Kontrahenten nicht zu gewinnen und endet mit Remis.
Gunst - 12. Sep '17
Hättest Du mal am Brett gesessen, zumindest ab dem 21. Zug
Vabanque - 12. Sep '17
Da stimmt was nicht ... die von Canal_Prins angegebene Zugfolge ist so nicht nachspielbar. Spielt Schwarz auf 21. Te2 Lxf4, so kann nach 22. Dc2 (meintest du das wirklich?) Dg4+ Weiß nicht 23. Dg2 spielen. Und im 26. Zug kann schon gar kein weißer Läufer nach d4.

Also bitte nochmal prüfen, was gemeint war!
Canal_Prins - 12. Sep '17
@ Vabanque

nach dem 20. Zug von schwarz K h7

= 21. Zug von weiss Lxd5 (!).....cxd5
wäre meines Erachtens auf jeden Fall besser gewesen.

Habe einen Sch....zusammen geschrieben....muss die Analyse nochmals machen.

Aber es bleiben zum Schluß für weiss zwei Bauern auf weisse Felder und ein weisser L übrig.

Für schwarz zwei Bauern auf schwarzen Feld und eine schwarzer L übrig, wobei ich mich noch entsinne, dass der schwarze König den weissen König abschirmt.
Hatte schon mal die richtige Analyse fertig geschrieben und beim senden war alles weg.
Kellerdrache - 13. Sep '17
Der verlorene Sohn ist zurück ;-)) Die Partie ist wirklich sehr schön kommentiert. Die Pläne beider Seiten und die entscheidenden Faktoren der Begegnung werden selbst einem Laien wie mir deutlich.
Die schönsten Partien entstehen immer wenn zwei Spieler mit unterschiedlichen Spielstilen aufeinander treffen. Xiangzhis Taktik die Kampfhandlungen sozusagen sofort zu beginnen ist sicher gegen Carlsen nicht die schlechteste Taktik. Obwohl der Weltmeister über weite Strecken durchaus nicht schwach gespielt hat, hat er der Partie nie seinen Stempel aufdrücken können. Der Chinese hat Carlsen dazu gezwungen sein Schach zu spielen.
Vabanque - 13. Sep '17
@C_P: Aber 21. Lxd5 ist doch der Zug, den Carlsen spielte, statt des besseren Te2? So weit ich dich verstehe, gehst du jetzt im Geiste von einer bestimmten Endspielsituation aus, die Carlsen hätte erreichen können? Aber wie?

@Kellerdrache: Sehr schön ausgedrückt! Ja, der Chinese hat Carlsen sozusagen auf sein eigenes Schnellboot mitgenommen ... Carlsen hat insgesamt nicht schwach gespielt, sondern genau zwei schwächere Züge gemacht (dazwischen hat er sich sogar hervorragend verteidigt), nämlich 21. Lxd5 (wo am Brett absolut nicht zu sehen war, dass das schwach war) und 30. Kd1, wo ich mir vorstellen kann, dass Carlsen nicht mehr dachte, dass da wirklich noch eine Verteidigung 'drin' ist. Sowas 'sehen' halt nur die Engines, nicht mal die stärksten Spieler sehen sowas. Ist das für uns Durchschnittsspieler nun tröstlich oder frustrierend?
Vabanque - 13. Sep '17
Noch eine kleine Ergänzung:

Habe mittlerweile das Interview mit Bu nach der Partie angeschaut, und da wurde er doch tatsächlich nach dem mysteriösen Turmzug 9... Tab8 gefragt, und seine Erklärung war, dass er evtl. den Läufertausch auf b3 im Auge hatte, wonach die weiße Dame auf b3 wiedergenommen hätte und der Bauer b7 gehangen hätte. Daher hatte er diesen vorsorglich gedeckt. Nach dem weißen Lc2 ging dieser Plan natürlich nicht mehr, und der Turm stand auf b8 sinnlos herum. (Nach La4 statt Lc2 hätte er dank Tb8 dann tatsächlich b7-b5 spielen können.)
Hasenrat - 17. Sep '17
Las gerade den Partiekommentar von Harald Keilhack in der Zeitungsbeilage "Sonntag Aktuell" dieses Wochenendes.
Ich muss sagen, SF Vabanques Kommentar gefällt mir alles in allem deutlich besser - weil ausführlicher und eben auch ausgegorener wirkend - soweit ich das beurteilen kann, auf den ersten bis zweiten Blick.
Vabanque - 18. Sep '17
Oh danke ... in diesem Fall kenne ich Keilhacks Kommentar nicht, aber normalerweise schätze ich seine Kommentare. Die sind freilich meist knapp, das stimmt wohl.
patzer0815 - 14. Nov '17
Dass mit dem Läuferrtausch auf b3 klingt interessant. Daran habe ich noch nicht gedacht. Bei den Turmzug nach b8 hab ich vor allem die Möglichkeit gesehen nach d6-d5 den dadurch schutzbedürftigen Bauern e5 zu verteidigen, da man auf den weißen Läuferzug nach a4, wie von Vabanque geschrieben, b7-b5 spielen kann um den Springer auf b5 zu erhalten.