Kommentierte Spiele
Verlustpartien der Weltmeister (VIII): Petrosjan
Vabanque - 28. Aug '16
Petrosjan galt in seiner besten Zeit - ähnlich wie Capablanca - als nahezu unbesiegbar. Von 1961 bis 1963 schaffte er es sogar, in einer Serie von 68 Partien nur eine einzige zu verlieren! Zur Zeit, als die folgende Partie gespielt wurde, dürfte er immer noch auf der Höhe seines Könnens gewesen sein, hatte er doch erst im Jahr zuvor seinen Weltmeistertitel in einem hart umkämpften Match an Spassky abgeben müssen. Aber er scheint einen schlechten Tag gehabt zu haben. Oder hat er seinen relativ unbekannten Gegner (der nicht mal den GM-Titel hatte) unterschätzt? Es verwundert vielleicht nicht mal so sehr die Tatsache, dass er sich gegen einen nominell wesentlich Schwächeren mit Schwarz in eine völlig passive Stellung begibt; Petrosjan hat oft aus scheinbar völlig passiven Stellungen heraus mit Wucht zurückgeschlagen. Aber von dieser Stellung aus, die er hier 'erreicht', gibt es kein Zurückschlagen, sondern nur eine Spirale, die immer weiter abwärts führt ... und schließlich übersieht Petrosjan auch noch (in möglicherweise bereits verlorener Stellung) eine eigentlich ziemlich einfache Kombination.
Für ihn gilt wohl auch, was man über die meisten anderen Weltmeister ebenfalls sagen könnte: Wenn er mal verloren hat, dann hat er gründlich verloren!































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Für ihn gilt wohl auch, was man über die meisten anderen Weltmeister ebenfalls sagen könnte: Wenn er mal verloren hat, dann hat er gründlich verloren!
Rudolf Maric Tigran Vartanovich Petrosian Vinkovci | Vinkovci | 1970 | B08 | 1:0
8








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3
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a
1

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f

g

h

1. e4 d6 2. d4 Sf6 3. Sc3 c6 4. Sf3 g6 5. Le2 Lg7 6. O-O Der serbische IM Rudolf Maric (1927-1990) spielt die ruhigste Variante gegen die Pirc-Verteidigung. O-O 7. h3 Um Le3 spielen zu können, ohne durch Sg4 belästigt zu werden. Außerdem hat Schwarz dann das Feld g4 auch nicht für seinen Lc8 zur Verfügung. Sbd7 8. Le3 e5 Ein Routinezug, der zwar kein Fehler ist, der mir aber, nachdem ich die Folgen in dieser Partie gesehen habe, nicht mehr gefällt. Dc7 oder b5 waren Alternativen. 9. xe5! xe5 Sxe5 war zu erwägen. 10. Dd6! Te8 Typisch Petrosjan, aber auf der Hand lag doch, die Dame mit Se8 sofort zu vertreiben. Der Springer konnte später über c7 nach e6 geführt werden. 11. Lc4 De7 Vielleicht war Lf8 besser. 12. Dxe7 Txe7 13. a4 Weiß verhindert sofort jede schwarze Aktivität am Damenflügel. Petrosjan ist in eine Stellung ohne Gegenspiel geraten. b6 Schafft neue Schwächen am Damenflügel (das Feld d6 ist ja bereits schwach). Sf8 mit dem Plan Le6 sieht für mich besser aus. Der schwarze Bauer e5 hinge nach Le6 jedenfalls nicht, da sich Weiß dann am weißen e4 schadlos halten könnte. 14. Tfd1 Lb7 15. Td6 a6 Nun wird auch noch b6 schwach. Auf das natürliche Se8 spielt Weiß den Turm nach d3 oder d2 zurück und hat ein Tempo für die Verdopplung auf der d-Linie gewonnen. 16. Tad1 b5 Wer A sagt ... ohne diesen Zug hätte a6 keinen Sinn gehabt. Wenn der Bauer nicht vorrückt, ist der Sd7 ewig an seine Deckung gebunden. 17. Lb3 h6 Die guten Züge fehlen. Vor allem fehlt ein Plan für Schwarz. 18. g4! Nutzt sofort die Angriffsmarke h6 aus. Tc8 Der Turm soll nach c7, von wo er d7 noch einmal überdeckt. 19. g5 xg5 20. Sxg5 Nun droht nämlich Sxf7! mit Bauerngewinn (Weiß gewänne ja die zwei Leichtfiguren für den Turm auf d7 zurück). Tc7 Alles ist gedeckt. Aber die schwarzen Figuren haben so gut wie keine Wirksamkeit. 21. a5! Vollendet die Einschnürung. Die schwarzen Schwächen auf den schwarzen Feldern b6, d6 und g5 sind nun offensichtlich. Kf8? 22. Lxf7! Nun rächt sich die gekünstelte Turmstellung auf c7. Mancher Schachfreund wird sich fragen: Wie konnte ein Weltmeister diesen einfachen Einschlag übersehen? Aber Petrosjan musste in dieser schlechten Stellung so viele Gefahren berücksichtigen, dass er (wie so oft) die auf der Hand liegendstenicht berücksichtigt hat. Oder auch so gesagt: Nachdem man etliche Züge als unbefriedigend verworfen hat, spielt man am Ende einen ganz schlechten. Außerdem ist das Tückische hier, dass vor dem schwarzen Zug Kf8 ja kein Einschlag auf f7 drohte, sondern diese Möglichkeit erst durch den Zug Kf8 entstand. Petrosjan hat hier den Rat, den man jedem angehenden Turnierspieler gibt, nicht beherzigt: Man soll sich immer den geplanten Zug als bereits ausgeführt auf dem Brett vorstellen, und dann noch einmal die Möglichkeiten den Gegenseite prüfen, bevor man ihn tatsächlich ausführt. Txf7 Auch wenn er nicht nimmt, ist die Situation hoffnungslos; es drohte ja Se6+ und Lxg6. 23. Se6+ Kg8 24. Sxc7 Die Partie ist bereits entschieden, da der weiße Springer nicht im gegnerischen Lage gefangen werden kann. Lf8 25. Se8! Elegant und auch am stärksten. Allerdings reichte der einfache Rückzug des Turms nebst Se6 zum Sieg völlig aus. Kh7 26. Txd7!
26. Txd7 Sxd7 27. Txd7 Txd7 28. Sf6+ nebst Sxd7 mit Mehrfigur plus Bauer für Weiß. Petrosjan gab auf. Maric erhielt für diese Leistung den Schönheitspreis. Wobei das Bemerkenswerte an dieser Partie weniger der elegante Schluss ist, sondern das vorausgehende klare und zwingende Positionsspiel, das zu einer hilflosen Stellung von Schwarz führte.
Kellerdrache - 28. Aug '16
Es scheint so als wäre Petrosjan in eine Situation geraten die vermutlich jeder von uns kennt: Man bekommt eine Stellung aufs Brett wo man völlig die Orientierung verliert, sprich wo man keine Ahnung worum es in der jeweiligen Stellung geht. In solchen Partien spielt man quasi automatisch mehrere Level schwächer als sonst. Petrosjan hatte sonst ja ein überragendes Gespür für die Feinheiten und versteckten Drohungen einer Stellung und zerstörte gegnerische Optionen prophylaktisch oft bevor diese sie überhaupt sahen. Hier erwacht dieses Gespür, wenn überhaupt erst sehr spät.
Aber trotz der positionellen Überlegenheit die Maric durch die Fehler Petrosjans geschenkt bekommt ist diese Partie überhaupt nicht leicht zu gewinnen. Der serbische IM nutzt sein Plus mit Konsequenz und Kreativität aus. Eine wirklich schöne Partie. Der Kommentar erläutert vor allem die Entstehung der zu Grunde liegenden positionellen Schwächen sehr nachvollziehbar.
Aber trotz der positionellen Überlegenheit die Maric durch die Fehler Petrosjans geschenkt bekommt ist diese Partie überhaupt nicht leicht zu gewinnen. Der serbische IM nutzt sein Plus mit Konsequenz und Kreativität aus. Eine wirklich schöne Partie. Der Kommentar erläutert vor allem die Entstehung der zu Grunde liegenden positionellen Schwächen sehr nachvollziehbar.