Kommentierte Spiele
Zum Lasker-Jahr (I): Lasker-Réti 1924
Vabanque - 28. Jan '18
Wie im Thread über das Lasker-Jahr versprochen (/forum/topic.html?key=93b3dfb1fddd4928&sv=26), folgt hier eine kleine Reihe mit Lasker-Partien (wie viele Folgen es werden, hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem von meiner Zeit und Motivation sowie auch von der Resonanz).
Den Spieler Lasker brauche ich euch hier ja glücklicherweise nicht mehr vorzustellen :)
Eine seiner berühmtesten Partien (nämlich mit Schwarz gegen Pillsbury) hat Kellerdrache ja mal vor einer Weile in seiner exzellenten Reihe 'Deutsche Schachgeschichte' (die hoffentlich fortgeführt wird) gebracht (/forum/topic.html?key=17de5d253ea14b3b&sv=7). Besagte Partie ist aber auch eine seiner kompliziertesten.
Da Lasker-Partien, obwohl häufig an der Oberfläche unspektakulär scheinend, sich meist als äußerst kompliziert erweisen, sobald man mal zu analysieren anfängt, werde ich mich hier auf ein paar leichter verdauliche und auf Anhieb attraktive (wie ich hoffe) Exemplare beschränken.
(Edit: Wie ich gerade sehe, gibt es schon eine relativ einfache Lasker-Partie, ebenfalls von Kellerdrache kommentiert, und zwar in seiner ebenfalls sehr lesenswerten Reihe '100 Jahre Schach':/forum/topic.html?key=b52325ce13b4430e&sv=4)
Ich beginne mit einer Partie, die Lasker im außerordentlich stark besetzten Turnier New York 1924 gegen Réti gewann. (In der Tat gewann Lasker das ganze Turnier mit 1,5 Punkten Vorsprung vor Capablanca, mit 4 Punkten Vorsprung vor Aljechin und mit 5 Punkten Vorsprung vor dem ganzen übrigen Feld! en.wikipedia.org/wiki/New_York_1924_chess_tournament)
Man hat zu Recht behauptet, dass diese Partie von Réti nicht mit seiner wahren Stärke gespielt worden ist. In der Tat ist Réti hier praktisch nicht wiederzuerkennen; dies trifft aber auf alle seine Partien gegen Lasker zu (der 21 Jahre ältere Lasker hatte Zeit seines Lebens einen 4:0 Score gegen Réti!).
Nichtsdestoweniger handelt es sich um eine, wie ich meine, gut verständliche, Partie mit einer Reihe von ebenso hübschen Wendungen. Und gerade weil Réti - untypisch für ihn - die Eröffnung so planlos spielt, dass er schnell ins Hintertreffen gerät, ist die Partie für uns Amateure lehrreich. Das ebenso präzise wie kraftvolle Spiel Laskers erinnert in seiner Leichtigkeit hier sogar an Capablanca.































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Den Spieler Lasker brauche ich euch hier ja glücklicherweise nicht mehr vorzustellen :)
Eine seiner berühmtesten Partien (nämlich mit Schwarz gegen Pillsbury) hat Kellerdrache ja mal vor einer Weile in seiner exzellenten Reihe 'Deutsche Schachgeschichte' (die hoffentlich fortgeführt wird) gebracht (/forum/topic.html?key=17de5d253ea14b3b&sv=7). Besagte Partie ist aber auch eine seiner kompliziertesten.
Da Lasker-Partien, obwohl häufig an der Oberfläche unspektakulär scheinend, sich meist als äußerst kompliziert erweisen, sobald man mal zu analysieren anfängt, werde ich mich hier auf ein paar leichter verdauliche und auf Anhieb attraktive (wie ich hoffe) Exemplare beschränken.
(Edit: Wie ich gerade sehe, gibt es schon eine relativ einfache Lasker-Partie, ebenfalls von Kellerdrache kommentiert, und zwar in seiner ebenfalls sehr lesenswerten Reihe '100 Jahre Schach':/forum/topic.html?key=b52325ce13b4430e&sv=4)
Ich beginne mit einer Partie, die Lasker im außerordentlich stark besetzten Turnier New York 1924 gegen Réti gewann. (In der Tat gewann Lasker das ganze Turnier mit 1,5 Punkten Vorsprung vor Capablanca, mit 4 Punkten Vorsprung vor Aljechin und mit 5 Punkten Vorsprung vor dem ganzen übrigen Feld! en.wikipedia.org/wiki/New_York_1924_chess_tournament)
Man hat zu Recht behauptet, dass diese Partie von Réti nicht mit seiner wahren Stärke gespielt worden ist. In der Tat ist Réti hier praktisch nicht wiederzuerkennen; dies trifft aber auf alle seine Partien gegen Lasker zu (der 21 Jahre ältere Lasker hatte Zeit seines Lebens einen 4:0 Score gegen Réti!).
Nichtsdestoweniger handelt es sich um eine, wie ich meine, gut verständliche, Partie mit einer Reihe von ebenso hübschen Wendungen. Und gerade weil Réti - untypisch für ihn - die Eröffnung so planlos spielt, dass er schnell ins Hintertreffen gerät, ist die Partie für uns Amateure lehrreich. Das ebenso präzise wie kraftvolle Spiel Laskers erinnert in seiner Leichtigkeit hier sogar an Capablanca.
Emanuel Lasker Richard Reti New York | New York, NY USA | 10 | 1924.03.29 | C12 | 1:0
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1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Lb4 Réti wählt die scharfe MacCutcheon-Verteidigung, Lasker antwortet allerdings mit einem damals schon als harmlos geltenden Nebenabspiel. 5. Se2 Damals wie heute spielte alle Welt hier e5, aber Lasker hat nie den Kampf bereits in der Eröffnung angestrebt. Seine große Stärke spielte er in den Komplikationen des Mittelspiels und der Strategie des Endspiels aus. xe4 6. a3 Le7 7. Lxf6 xf6 Schärfer als das Nehmen mit dem Läufer. 8. Sxe4 f5 Dieser Zug ist viel kritisiert worden. In der Tat wird der schwarze f-Bauer später zum Angriffsziel; aber wenn man die vier folgenden Züge von Schwarz betrachtet, erkennt man, dass Schwarz offenbar im Ganzen kein rechtes Entwicklungskonzept hat. Wie wäre es denn mit einer Fianchettierung des Damenläufers durch b6 nebst Lb7? 9. S4c3 Ld7 Mir ist nicht klar, was der Läufer hier bewirken soll. Vielleicht wollte ihn Réti nach c6 spielen (was sinnvoll aussieht), bloß tut er es dann nicht, so dass der Läufer später nur blöde rumsteht. 10. Dd2 Ld6 Es wird sich bald zeigen, dass auch dieser Läufer hier nicht gut steht, zudem bewegt er sich schon ein drittes Mal in der Eröffnung; aber Réti möchte seiner Dame einen Ausgang verschaffen. 11. O-O-O De7 12. Sg3 Nun sieht man, wie der schwarze f-Bauer zum Angriffsobjekt wird; es droht Sxf5 nebst Te1 (auf Le6 geschähe dann d5). Dh4 Nun zieht auch die schwarze Dame schon ein zweites Mal; aber Schwarz droht jetzt Lf4 mit Damengewinn! Das (evtl. bei De7 geplante) Läuferopfer auf a3 böte keine Chancen (wenn ein Lasker so etwas ganz offensichtlich zulässt, muss man es auch gar nicht erst durchrechnen). 13. De1 Lasker vergeudet keine Zeit mit dem Routinezug Kb1; er begegnet der schwarzen Drohung, indem er seine Dame auf die e-Linie zieht. Sc6 Hat Rèti die Drohung Sxf5 übersehen? 14. Sxf5 Wohl kaum; die folgende Abwicklung wurde mit Sicherheit von beiden Spielern korrekt berechnet. Aber wie immer ist die entscheidende Frage, wie die Stellung am Schluss der Abwicklung zu beurteilen ist. Df4+ 15. Se3 Sxd4 16. g3 De5 17. Lg2 So ganz nebenbei im Zug der gegenseitigen Drohungen hat Lasker also seinen Königsläufer fianchettiert; die Stellung sieht jetzt geradezu so aus, als sei Weiß der 'hypermoderne' Spieler und nicht Schwarz! Sc6?
Man muss dies wohl als den Verlustzug bezeichnen. Nach O-O-O wäre der weiße Vorteil vielleicht noch nicht allzu groß gewesen.
18. f4! Nun wird die schwarze Dame kein gutes Feld finden, und gleich wird auch noch der Ld6 zum Angriffsobjekt. Dg7 19. Sb5 O-O 20. Sxd6 xd6 21. Txd6 Tfd8 22. Dd2 Le8 Auf diesem Feld endet die Karriere des Läufers. 23. Td1 Tdc8 Verständlich, dass Réti mit einem Minusbauern dem Figurentausch ausweicht. Aber damit gibt er Lasker direkten Königangriff. 24. f5 Sehr energisch. e5 25. f6 Aber jetzt kann Lasker seinem Gegner diesen Reißnagel ins Fleisch pressen. (Im Englischen spricht man vom 'thorn pawn'.) Df8 26. Sf5 Kh8 27. Dg5 Tc7 28. Lxc6! Natürlich tauscht Lasker den schönen Läufer nur, weil eine konkrete Kombination 'drin' ist, für die er das Feld d8 braucht. Txc6 29. Td8 Tcc8 30. Dg7+! Das Matt konnte Schwarz vermeiden; nicht aber entscheidenden Materialverlust. Dxg7 31. xg7+ Kg8 32. Se7+ mit Turmgewinn. Réti gab natürlich auf.
Hasenrat - 28. Jan '18
Gut gewählt! Eine eindrückliche Partie zum Reihenstart!
Hanniball - 28. Jan '18
@ Vabanque
Eine sehr gute Partie und eine perfekte Kommentierung----DANKE !!
LG Hanniball
Eine sehr gute Partie und eine perfekte Kommentierung----DANKE !!
LG Hanniball
Kellerdrache - 28. Jan '18
Eine sehr schöne Partie. Sieht auf den ersten Blick einfach aus wie Lasker das orientierungslose Spiel Retis ausnutzt. Selbst in einer nicht unbedingt offenen Stellung kann man sich so viele Tempoverluste in einer Partie nicht erlauben. Das New Yorker Turnier war ja ohnehin eine von Laskers besten Leistungen. Weder Capablanca, noch Aljechin konnten ihm bei diesem Turnier das Wasser reichen. Aber vielleicht war Aljechin ja in Gedanken schon bei seinem Turnierbuch ;-))
Hasenrat - 28. Jan '18
Ich habe Kenntnis von einer Partie Réti - Lasker, New York, 24.03.1924, die für Erstgenannten in seinem System 1:0 endete.
Meine Quelle ist die FritzTrainer-DVD-Partiensammlung von Martin Breutigam zur Réti-Eröffnung.
Meine Quelle ist die FritzTrainer-DVD-Partiensammlung von Martin Breutigam zur Réti-Eröffnung.
Hasenrat - 28. Jan '18
P.S.: sorry, es handelte sich dabei um Edward Lasker!
Hasenrat - 28. Jan '18
P.S.: " Er [Edward] war nach eigener Aussage weitläufig mit dem Schachweltmeister Emanuel Lasker verwandt. Wegen der Namensähnlichkeit wurden in Schachpublikationen gelegentlich Partien von Edward versehentlich Emanuel zugeschrieben."
(aus: de.m.wikipedia.org/wiki/Edward_Lasker)
(aus: de.m.wikipedia.org/wiki/Edward_Lasker)
Vabanque - 28. Jan '18
Diese Verwechslung passiert häufig, ich habe mehrere Schachbücher, in denen Partien dem 'falschen' Lasker zugewiesen werden :(
Ob auch Datenbanken gelegentlich diesen Fehler übernehmen?
Der 'richtige' Lasker (also 'unser' Lasker) gewann im doppelrundigen New Yorker Turnier 1924 gegen Réti beide Partien.
Ich kann gerne auch noch die andere Partie hier posten, in der Réti mit Weiß mit 'seinem' System gegen Lasker als Schwarzen völligen Schiffbruch erlitt.
Von der strategischen Leistung ist sie obiger Partie nämlich mindestens ebenbürtig, wie ich finde.
Ob auch Datenbanken gelegentlich diesen Fehler übernehmen?
Der 'richtige' Lasker (also 'unser' Lasker) gewann im doppelrundigen New Yorker Turnier 1924 gegen Réti beide Partien.
Ich kann gerne auch noch die andere Partie hier posten, in der Réti mit Weiß mit 'seinem' System gegen Lasker als Schwarzen völligen Schiffbruch erlitt.
Von der strategischen Leistung ist sie obiger Partie nämlich mindestens ebenbürtig, wie ich finde.
Hasenrat - 28. Jan '18
Ja, das wäre fein!