Kommentierte Spiele

Glanzpartien unbekannter Spieler (VII)

Vabanque - 20. Mär '14
1973 gab es bei der USA-Meisterschaft eine
sensationelle Überraschung: der Teilnehmer mit der
niedrigsten Wertungszahl, der völlig unbekannte John
Grefe, gewann den Titel! Und das, obwohl eine Reihe von
renommierten Großmeistern teilnahmen. Man sprach von
einer großen Hoffnung für das amerikanische Schach.

Leider konnte Grefe diese Hoffnungen nicht erfüllen; er
hatte keinen Ehrgeiz, weder im Schach, noch auf anderen
Gebieten. Lange Zeit war er sogar obdachlos. Im
Dezember letzten Jahres ist er dann im Alter von nur 66
Jahren ganz plötzlich gestorben. Mit diesem Beitrag
hole ich seine wohl spektakulärste Partie aus der
Versenkung.

John A Grefe Walter Shawn Browne US Championship | El Paso, TX USA | 7 | 1973.09.17 | B98 | 1:0
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 xd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. Lg5 e6 7. f4 Le7 8. Df3 h6 9. Lh4 Dc7 10. O-O-O Sbd7 11. Le2 Tb8?! Auf das eigentlich logische b5 befürchtete Schwarz möglicherweise das interessante Damenopfer 12. e5!? Lb7 13. exf6 Lxf3 14. Lxf3, und Weiß bekommt noch eine dritte Figur für die Dame, bei guter Aktivität seiner Figuren. Die Stellung ist allerdings unklar. 12. Dg3 Tg8?! Schwarz wagt die Rochade nicht. Er möchte g5 spielen und mit diesem Bauernopfer das starke Springerfeld e5 in Besitz nehmen. Wie gefährlich so ein Springer in derartigen Stellungen werden kann, haben wir bereits in der Partie Shirov-J.Polgar sehen können. 13. Thf1! Weiß lässt Schwarz seinen Plan durchführen, weil er bereits hier erkannt hat, dass er ihn klar widerlegen kann. g5 14. xg5 Se5 15. Sf3! Der schöne Zentralspringer wird sofort befragt. b5 Wenn Schwarz versucht, seinen Springer mit dem anderen zu stützen, also 15... Sfd7 spielt, so kann ihn Weiß nach z.B. 16. Dh3 hxg5 17. Sxe5 Sxe5 mit 18. Lg3 erneut befragen, wonach Schwarz nach Abtausch oder Rückzug des Springer keine einzige gut postierte Figur mehr verbleibt, und alle wichtigen Linien und Diagonalen fest in der Hand von Weiß sind. 16. Sxe5 b4? Ein verzweifelter Versuch, Weiß zu verwirren, der aber alles nur verschlimmert. Auf das normale Zurückschlagen 16... dxe5 wäre bereits das Damenopfer 17. gxf6!! Rxg3 18. fxe7 mit der Drohung Td8+ nebst Matt gekommen. Was für ein Stellungsbild! Allerdings hätte in dieser Variante Schwarz mit 18... Tg5 (der einzige Versuch besteht darin, die Läuferdiagonale zu sperren) 19. Lxg5 hxg5 noch Widerstand leisten können, und Weiß gewinnt dann nur dank der Möglichkeit 20. Lh5, z.B. Dxe7 21. Txf7 Dxf7 (erzwungen) 22. Lxf7+ nebst Td8 mit gewonnenem Endspiel. 17. Sxf7! Die schwarze Stellung ist reif, gerupft zu werden. Nach Kxf7 käme jetzt das Damenopfer aus der vorigen Anmerkung, aber mit noch weit vernichtenderer Wirkung, da mit dem schwarzen König auf der f-Linie Weiß den Läufer e7 gleich mit Abzugsschach schlagen könnte: 17... Kxf7 18. gxf6! Txg3 19. fxe7+, und der weiße Bauer zieht ein, da Ke8 an 20. Tf8+ scheitert. xc3 18. xf6! Das Damenopfer funktioniert auch jetzt. Txg3 Schwarz könnte hier oder im nächsten Zug mit cxb2+ ein Racheschach einschalten, hätte nach Kb1 aber kein weiteres mehr gehabt. 19. xe7 Eine wohl ziemlich einmalige Stellung! Wo wäre sonst jemals im 19. Zug ein weißer Freibauer bis nach e7 vorgedrungen? Weiß droht nun Sxd6+ nebst ggf. Tf8+. Dagegen hilft auch 19... Tg8 (um den Turm zu retten und das Umwandlungsfeld zu kontrollieren) nicht wegen 20. Sxd6+ Kd7 21. Sb5+. Tg5 Schwarz versucht verzweifelt, die Diagonale des Lh4 zu verstopfen, damit er den Bauern e7 schlagen kann. 20. Lxg5 xg5 21. Sxd6+ und Schwarz gab auf, da nach Kxe7 (der gefährliche Freibauer ist eliminiert, aber das nützt Schwarz nichts mehr) 22. Rf7+ Kd8 23. Sb7+! (Doppelschach und noch viel stärker als Txc7, was aber auch schon reichen würde) Ke8 24. Txc7 Weiß einen Mehrturm behielte. Für diese Demütigung nahm GM Walter Browne aber fürchterliche Rache (am Schachbrett, versteht sich): diese erste Begegnung blieb lebenslang der einzige Sieg von Grefe gegen Browne. Die schlussendliche Bilanz lautete 6 : 1 für Browne. Trotzdem bleibt der einzige Sieg Grefes eine ganz bemerkenswerte Partie, wie ich finde.
PGN anzeigen[Event "US Championship"]

[Site "El Paso, TX USA"]
[Date "1973.09.17"]
[EventDate

"1973.09.09"]
[Round "7"]
[Result "1-0"]
[White "John A

Grefe"]
[Black "Walter Shawn Browne"]
[ECO "B98"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "2530"]
[PlyCount "41"]

1. e4 c5

2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 a6 6. Bg5 e6 7.

f4 Be7 8. Qf3
h6 9. Bh4 Qc7 10. O-O-O Nbd7 11. Be2 Rb8?! {Auf das

eigentlich logische b5 befürchtete Schwarz

möglicherweise das interessante Damenopfer 12. e5!? Lb7

13. exf6 Lxf3 14. Lxf3, und Weiß bekommt noch eine

dritte Figur für die Dame, bei guter Aktivität seiner

Figuren. Die Stellung ist allerdings unklar.} 12. Qg3

Rg8?!{Schwarz wagt die Rochade nicht. Er möchte g5

spielen und mit diesem Bauernopfer das starke

Springerfeld e5 in Besitz nehmen. Wie gefährlich so ein

Springer in derartigen Stellungen werden kann, haben

wir bereits in der Partie Shirov-J.Polgar sehen

können.} 13. Rhf1! {Weiß lässt Schwarz seinen Plan

durchführen, weil er bereits hier erkannt hat, dass er

ihn klar widerlegen kann.} g5 14. fxg5 Ne5
15. Nf3! {Der schöne Zentralspringer wird sofort

befragt.} b5 {Wenn Schwarz versucht, seinen Springer

mit dem anderen zu stützen, also 15... Sfd7 spielt, so

kann ihn Weiß nach z.B. 16. Dh3 hxg5 17. Sxe5 Sxe5 mit

18. Lg3 erneut befragen, wonach Schwarz nach Abtausch

oder Rückzug des Springer keine einzige gut postierte

Figur mehr verbleibt, und alle wichtigen Linien und

Diagonalen fest in der Hand von Weiß sind.}16. Nxe5 b4?

{Ein verzweifelter Versuch, Weiß zu verwirren, der aber

alles nur verschlimmert. Auf das normale Zurückschlagen

16... dxe5 wäre bereits das Damenopfer 17. gxf6!! Rxg3

18. fxe7 mit der Drohung Td8+ nebst Matt gekommen. Was

für ein Stellungsbild! Allerdings hätte in dieser

Variante Schwarz mit 18... Tg5 (der einzige Versuch

besteht darin, die Läuferdiagonale zu sperren) 19. Lxg5

hxg5 noch Widerstand leisten können, und Weiß gewinnt dann nur dank der Möglichkeit 20. Lh5, z.B. Dxe7 21. Txf7 Dxf7 (erzwungen) 22. Lxf7+ nebst Td8

mit gewonnenem Endspiel.} 17. Nxf7! {Die

schwarze Stellung ist reif, gerupft zu werden. Nach

Kxf7 käme jetzt das Damenopfer aus der vorigen

Anmerkung, aber mit noch weit vernichtenderer Wirkung,

da mit dem schwarzen König auf der f-Linie Weiß den

Läufer e7 gleich mit Abzugsschach schlagen könnte:

17... Kxf7 18. gxf6! Txg3 19. fxe7+, und der weiße

Bauer zieht ein, da Ke8 an 20. Tf8+ scheitert.} bxc3

18. gxf6! {Das Damenopfer funktioniert auch jetzt.}
Rxg3 {Schwarz könnte hier oder im nächsten Zug mit

cxb2+ ein Racheschach einschalten, hätte nach Kb1 aber

kein weiteres mehr gehabt.} 19. fxe7 {Eine wohl ziemlich

einmalige Stellung! Wo wäre sonst jemals im 19. Zug ein

weißer Freibauer bis nach e7 vorgedrungen? Weiß droht

nun Sxd6+ nebst ggf. Tf8+. Dagegen hilft auch 19... Tg8

(um den Turm zu retten und das Umwandlungsfeld zu

kontrollieren) nicht wegen 20. Sxd6+ Kd7 21. Sb5+.} Rg5

{Schwarz versucht verzweifelt, die Diagonale des Lh4 zu

verstopfen, damit er den Bauern e7 schlagen kann.} 20.

Bxg5 hxg5 21. Nxd6+ {und Schwarz gab auf, da nach Kxe7

(der gefährliche Freibauer ist eliminiert, aber das

nützt Schwarz nichts mehr) 22. Rf7+ Kd8 23.
Sb7+! (Doppelschach und noch viel stärker als Txc7, was

aber auch schon reichen würde) Ke8 24. Txc7 Weiß einen

Mehrturm behielte. Für diese Demütigung nahm GM Walter

Browne aber fürchterliche Rache (am Schachbrett,

versteht sich): diese erste Begegnung blieb lebenslang

der einzige Sieg von Grefe gegen Browne. Die

schlussendliche Bilanz lautete 6 : 1 für Browne.

Trotzdem bleibt der einzige Sieg Grefes eine ganz

bemerkenswerte Partie, wie ich finde.} 1-0
IJKj - 20. Mär '14
Nicht schlecht wie du so schnell so gute Partien einstellen kannst.
Vabanque - 20. Mär '14
Das täuscht :)

Die Partien sind mir alle schon lange gut bekannt, und bei so kurzen Partien wie dieser sind die Kommentare auch relativ schnell geschrieben.

Für richtig tiefsinnige Partien brauche ich sehr viel länger, auch wenn ich sie schon gut kenne, und das geht bei mir zur Zeit gar nicht. Deswegen folgen momentan nur solche ziemlich leichtgewichtigen Kurzpartien. Aber schön, wenn sie gefallen :)
Kellerdrache - 22. Mär '14
Die sind für uns minderbegabte Schachfans auch viel leichter zu verstehen
Vabanque - 22. Mär '14
Das ist ein günstiger Nebeneffekt, dass Spieler aller Spielstärken an diesen Partien Spaß haben können, weil es eben schnell und hörbar kracht :))