Kommentierte Spiele

Glanzpartien unbekannter Spieler (XXIV)

Vabanque - 27. Dez '14
Hier kommt eine Partie, auf die ich erst kürzlich gestoßen bin, die mich aber spontan begeistert hat. Nicht weniger als 5 Opfer bringt Schwarz hier; zuerst ein Bauernopfer, dann zwei Qualitätsopfer, auf das noch zwei Figurenopfer folgen. Mit schließlich zwei Türmen mehr steht Weiß vor einem undeckbaren Matt. Der Schluss ist so hübsch, dass man fast den Verdacht einer Komposition haben könnte. Und doch handelt es sich um eine ganz reale Partie, die 1955 in Zürich zwischen den Schweizer Spielern Otto Zimmermann (der 1924 die Schweizer Meisterschaft gewann) und Edgar Walther (der später den IM-Titel im Fernschach erringen sollte) ausgetragen wurde.

Zimmermann Walther Zurich, Switzerland | Zurich, Switzerland | 1955 | A04 | 0:1
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. Sf3 f5 2. g3 Sf6 3. Lg2 g6 4. c4 Lg7 5. Sc3 O-O 6. O-O c5 7. d3 d6 8. Ld2 Sh5 Springer am Rande ... ja, aber Schwarz plant f4. 9. Dc1 Was Weiß mit diesem Zug zu verhindern glaubt. f4!? Trotzdem! Das Bauernopfer aktiviert den schwarzen Damenläufer. 10. xf4 Sc6 11. Se4 Lh6 12. Seg5 Verhindert das schwarze Nehmen auf f4, aber e3 war zu diesem Zweck wohl einfacher. Lg4 13. h3 Lxg5 Nun kann Weiß nicht gut hxg4 (mit Angriff auf zwei schwarze Figuren!) spielen, weil Schwarz dann Sxf4! mit der Gabeldrohung auf e2 antworten könnte. Und nach 14. Sxg5 plante Schwarz Sd4 mit der nämlichen Gabeldrohung. Dass danach Weiß mit 15. Te1! dennoch die Oberhand behält, weil seine eigene Drohung Ld5+ nebst Se6 die schwarze weit aufwiegt, war am Brett sicher schwer, wenn überhaupt vorauszuberechnen. Heutzutage decken erst Engine- Analysen solche Löcher in den Kombinationen auf. Werden die alten Partien dann dadurch entwertet? Nein, ich denke nicht. Schwarz zeigt in diesem Spiel großen Mut und Risikobereitschaft und schafft Verwicklungen, denen Weiß nicht gewachsen ist. So zu spielen, ist im Nahschach auch heute noch keineswegs ohne Chancen (wenn nicht gerade auf allerhöchster Ebene gespielt wird) und verdient in meinen Augen immer noch Bewunderung. 14. xg5? Lxf3 15. Lxf3 Das sieht doch recht gut für Weiß aus, oder? Txf3! Nein! Mit diesem Qualitätsopfer zertrümmert Schwarz die weiße Königsstellung unheilbar. 16. xf3 Sd4 Die Drohung ist nicht etwa Sxf3+, sondern wieder die Gabel Sxe2+. 17. Dd1? Besser war allerdings das sofortige Kg2, wonach h3 (im Hinblick auf Dd7) schon mal gedeckt ist. Nach Df8 könnte dann noch f4 erfolgen. Der Textzug erweist sich als Tempoverlust, nach dem Weiß unwiderruflich verloren ist. Dd7 Das Schlimme ist, dass Weiß die weißen Felder in der Nähe seines Königs nicht wirksam verteidigen kann, da sein weißfeldriger Läufer ja durch Opfer beseitigt wurde. 18. Kg2 Tf8 19. f4 Alles andere wäre ebenso aussichtslos. Der verzweifelte Textzug führt zu einem besonders hübschen Schluss. Txf4!? Das banale Sxf4+ hätte ebenfalls (und sogar einfacher) gewonnen, aber der Textzug demonstriert anschaulich die Überlegenheit von zwei Springern über zwei Türme in solchen Stellungen. 20. Lxf4 Mit dem Damenopfer 20. Dxh5 gxh5 21. Lxf4 konnte Weiß noch erheblichen Widerstand leisten, gerät allerdings nach 21... Df5 nebst Dxd3 in ein verlorenes Endspiel. Sxf4+ 21. Kg3 Auf alle anderen Königszüge setzt Schwarz ganz banal mit Dxh3 in zwei Zügen matt. Dxh3+! Der schwarze Sf4 muss auch noch dran glauben. Der Schluss ist studienartig. 22. Kxf4 Se6+ 23. Ke4 Sxg5+ 24. Kf4 Auf Kd5 hat Schwarz die angenehme Wahl zwischen De6# und Df5#. Nach dem Textzug mag es zunächst so scheinen, als ob Schwarz nur die Remisschaukel Se6+ und Sg5+ hätte. Aber ... e5+! Das fünfte und letzte Opfer, das Schwarz schon bei 21... Dxh3+ gesehen haben musste, denn anders geht es nicht weiter. 25. Kxg5 Kg7 Dieser stille Zug schließt den Ring (aus dunkler Schokolade) um den weißen König mit Schweizer Gründlichkeit. Keine Macht der Welt kann jetzt noch das Matt durch h6# verhindern (na gut, nach 26. Dh5 erfolgt das Matt dann eben durch Dxh5). Die weiße Dame und ihre beiden Türme stehen hilflos als tote Materie herum. Ein gefälliges Schlussbild.
PGN anzeigen[Event "Zurich, Switzerland"]
[Site "Zurich, Switzerland"]
[Date "1955.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "Zimmermann"]
[Black "Walther"]
[ECO "A04"]


1. Nf3 f5 2. g3 Nf6 3. Bg2 g6 4. c4 Bg7 5. Nc3 O-O 6. O-O c5
7. d3 d6 8. Bd2 Nh5 {Springer am Rande ... ja, aber Schwarz

plant f4.} 9. Qc1 {Was Weiß mit diesem Zug zu verhindern glaubt.} f4!? {Trotzdem! Das Bauernopfer aktiviert den schwarzen

Damenläufer.} 10. gxf4 Nc6 11. Ne4 Bh6
12. Neg5 {Verhindert das schwarze Nehmen auf f4, aber e3 war zu diesem Zweck wohl

einfacher.} Bg4 13. h3 Bxg5 {Nun kann Weiß nicht gut hxg4 (mit Angriff auf zwei schwarze Figuren!) spielen, weil Schwarz

dann Sxf4! mit der Gabeldrohung auf e2 antworten könnte. Und nach 14. Sxg5 plante Schwarz Sd4 mit der nämlichen

Gabeldrohung. Dass danach Weiß mit 15. Te1! dennoch die Oberhand behält, weil seine eigene Drohung Ld5+ nebst Se6 die

schwarze weit aufwiegt, war am Brett sicher schwer, wenn überhaupt vorauszuberechnen. Heutzutage decken erst Engine-

Analysen solche Löcher in den Kombinationen auf. Werden die alten Partien dann dadurch entwertet? Nein, ich denke nicht.

Schwarz zeigt in diesem Spiel großen Mut und Risikobereitschaft und schafft Verwicklungen, denen Weiß nicht gewachsen ist.

So zu spielen, ist im Nahschach auch heute noch keineswegs ohne Chancen (wenn nicht gerade auf allerhöchster Ebene gespielt

wird) und verdient in meinen Augen immer noch Bewunderung.} 14. fxg5? Bxf3 15. Bxf3 {Das sieht doch recht gut für Weiß aus, oder?} Rxf3! {Nein! Mit

diesem Qualitätsopfer zertrümmert Schwarz die weiße Königsstellung unheilbar.} 16. exf3
Nd4 {Die Drohung ist nicht etwa

Sxf3+, sondern wieder die Gabel Sxe2+.} 17. Qd1? {Besser war allerdings das sofortige Kg2, wonach h3 (im Hinblick auf Dd7)

schon mal gedeckt ist. Nach Df8 könnte dann noch f4 erfolgen. Der Textzug erweist sich als Tempoverlust, nach dem Weiß

unwiderruflich verloren ist.} Qd7 {Das Schlimme ist, dass Weiß die weißen Felder in der Nähe seines Königs nicht wirksam

verteidigen kann, da sein weißfeldriger Läufer ja durch Opfer beseitigt wurde.} 18. Kg2 Rf8 19. f4 {Alles andere wäre

ebenso aussichtslos. Der verzweifelte Textzug führt zu einem besonders hübschen Schluss.} Rxf4!? {Das banale Sxf4+ hätte

ebenfalls (und sogar einfacher) gewonnen, aber der Textzug demonstriert anschaulich die Überlegenheit von zwei Springern

über zwei Türme in solchen Stellungen.} 20. Bxf4 {Mit dem Damenopfer 20. Dxh5 gxh5 21. Lxf4 konnte Weiß noch erheblichen

Widerstand leisten, gerät allerdings nach 21... Df5 nebst Dxd3 in ein verlorenes Endspiel.} Nxf4+ 21. Kg3 {Auf alle anderen

Königszüge setzt Schwarz ganz banal mit Dxh3 in zwei Zügen matt.}
Qxh3+! {Der schwarze Sf4 muss auch noch dran glauben. Der

Schluss ist studienartig.} 22. Kxf4 Ne6+ 23. Ke4 Nxg5+ 24. Kf4 {Auf Kd5 hat Schwarz die angenehme Wahl zwischen De6# und

Df5#. Nach dem Textzug mag es zunächst so scheinen, als ob Schwarz nur die Remisschaukel Se6+ und Sg5+ hätte. Aber ...}

e5+! {Das fünfte und letzte Opfer, das Schwarz schon bei 21... Dxh3+ gesehen haben musste, denn anders geht es nicht

weiter.} 25. Kxg5 Kg7 {Dieser stille Zug schließt den Ring (aus dunkler Schokolade) um den weißen König mit Schweizer

Gründlichkeit. Keine Macht der Welt kann jetzt noch das Matt durch h6# verhindern (na gut, nach 26. Dh5 erfolgt das Matt

dann eben durch Dxh5). Die weiße Dame und ihre beiden Türme stehen hilflos als tote Materie herum. Ein gefälliges

Schlussbild.} 0-1
cutter - 27. Dez '14
Sowas begeistert einfach!

Hab übrigens schon lange auf deine nächste Partie gewartet ;-)
Grüße cutter

P.S.: Klitzekleiner Druckfehler im Kommentar zum 16. Zug (Se2+ wäre korrekt) ;-)
Vabanque - 28. Dez '14
Ja, das stimmt. Ich hatte nicht beachtet, dass der e-Bauer schon nach f3 geschlagen hatte, also nicht mehr auf e2 stand, und daher die Springergabel in diesem Zug nicht mehr mit dem Schlagen des Bauern verbunden war. Das passiert, wenn ich manche Kommentare aus dem Kopf niederschreibe, ohne noch einmal aufs Brett zu sehen :))

Danke aber jedenfalls für deine Anmerkungen!

Warum ich so lange nichts mehr reingestellt habe: In letzter Zeit schienen mir die Reaktionen sehr mau, so dass ich dachte, dass kaum mehr Interesse an den kommentierten Partien besteht.
cutter - 28. Dez '14
Da bin ich vom Gegenteil überzeugt. Nur das Posten gerät z.T. aus der Mode, seit so viel Schrott geschrieben wird. ..
KroMax - 28. Dez '14
Tolle Partie.
Vielen Dank für die Kommentierung Vabanque. Ich klicke/lese immer alles durch und drücke "Gefällt mir", schreibe jedoch nicht unbedingt etwas.
Grüße
koeppi - 28. Dez '14
Wieder mal eine sehr schöne Schlussstellung ;-)
Und natürlich, man ist ja nicht anders gewohnt, kurzweilig kommentiert.

Ach, Vabanque, nur weil nicht viel gepostet wird, heißt das nicht, dass sich das keiner mehr anschaut.
Ich, für meinen Teil, finde die kommentierten Partien immer sehr interessant und freu mich jedesmal, wenn es eine neue gibt.
Vabanque - 28. Dez '14
Danke an Euch!

Es war halt auffallend, dass die früheren regelmäßigen Kommentatoren, wie pirc_, Hasenrat und patzer0815 dieser Rubrik schon seit längerer Zeit fern geblieben sind, als welchem Grund auch immer.

Nur Kellerdrache fühlte sich noch verpflichtet, hier etwas zu schreiben ;)

Natürlich ist mir klar, dass es auch stumme Mitleser gibt, die sich meist nicht outen. Schöner wäre es freilich zu wissen, wer da alles dabei ist :)
Hasenrat - 28. Dez '14
Lieber SF Vabanque,

ich bleibe dieser Rubrik durchaus nicht fern, halte nur meine Klappe.
;-)
Es ehrt mich, in einem Atemzug mit den anderen genannten SFF aufgezählt zu werden, aber ich habe i. d. R. wenig Substanzielles an Hintergrundinfos oder Variantenfachsimpelei beizutragen.
Ich freue mich über die so gut präsentierten Partien, genieße das Nachspielen (oft mit Verzögerung, da ich gerne mit dem analogen Brett oder aber im Desktopmodus nicht-mobil nachspiele, dazu braucht es dann Gelegenheit u. Muße), staune u. klicke gefällt-mir. Nur meinen Beifall zu posten mag ich nicht. Je mehr das machen würden, desto mehr Scrollarbeit für nachkommende Interessenten. ;-)
Kann aber verstehen, dass du als Threadurheber gerne etwas Feedback, überhaupt ein Echo hättest.
Ich halte diese Rubrik nach wie vor für sehr wertvoll und für eine der meistgeklickten hier überhaupt. So eine Klickstatistik u. Verweildauererfassung wäre wohl das zuverlässigste Feedback bzw. Resonanz Messinstrument.
Hasenrat - 28. Dez '14
P.S.: Das war für mich übrigens ein soweit lupenreiner "Réti" - einer, der vor die Wand fährt.
Oder eine schwarz-weiße Tortenschlacht: Der Anakonda-"Ring aus schwarzer Schokolade" würgt letzten Endes all das ab, was der Zuckertorten-Springer im Aufgalopp zu bieten hatte ...
patzer0815 - 05. Jan '15
Guten Tag Vabanque,

aufgrund anderer Verpflichtungen mache ich momentan etwas "Schachurlaub". Wenn ich dann nach längerer Zeit mal wieder schaue was es so neues gibt, haben die kommentierten Spiele immer eine besondere Anziehung auf mich.
Vabanque - 06. Jan '15
Danke, nett dass du immerhin wieder mal ein Lebenszeichen gegeben hast :)