Kommentierte Spiele
Anand-Special 1: Anand - Sokolov 1992
Vabanque - 25. Jan '14
Meine Reihe der 'Großen Partien der Schachgeschichte' hatte ich mit einer Partie Anands eröffnet. Als Anand-Special bringe ich hier einen unterhaltsamen Angriffssieg gegen den bosnischen GM Sokolov, den wir bereits als Verlierer einer Partie gegen Aronian kennengelernt haben.
Eine Frage, die ich anlässlich des kürzlichen Postings der 'Immergrünen' Partie Anderssens aufwerfen möchte: Sind solche Glanzpartien moderner Spieler denn den alten 'unsterblichen' und 'immergrünen' (oder wie sie alle heißen mögen) Partien des 19. Jh. denn nicht mehr als ebenbürtig? Ich möchte hier die Verdienste von Anderssen, Morphy, Zukertort und Co. nicht schmälern, aber der Großteil ihrer berühmten Glanzsiege wurden gegen aus heutiger Sicht schwache Gegenspieler erfochten, die nicht einmal mit den elementarsten Eröffnungsprinzipen vertraut waren, und die 'brillianten' Opferzüge waren oft auch unnötig oder gar inkorrekt, während z.B. in der hier gezeigten Partie alles sauber und korrekt ist, und der Sieg gegen einen anerkannten GM erfochten wurde.































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Eine Frage, die ich anlässlich des kürzlichen Postings der 'Immergrünen' Partie Anderssens aufwerfen möchte: Sind solche Glanzpartien moderner Spieler denn den alten 'unsterblichen' und 'immergrünen' (oder wie sie alle heißen mögen) Partien des 19. Jh. denn nicht mehr als ebenbürtig? Ich möchte hier die Verdienste von Anderssen, Morphy, Zukertort und Co. nicht schmälern, aber der Großteil ihrer berühmten Glanzsiege wurden gegen aus heutiger Sicht schwache Gegenspieler erfochten, die nicht einmal mit den elementarsten Eröffnungsprinzipen vertraut waren, und die 'brillianten' Opferzüge waren oft auch unnötig oder gar inkorrekt, während z.B. in der hier gezeigten Partie alles sauber und korrekt ist, und der Sieg gegen einen anerkannten GM erfochten wurde.
Viswanathan Anand Ivan Sokolov Bruxelles | 1992 | B43 | 1:0
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. d4 xd4 4. Sxd4 a6 5. Sc3 d6 6. a4 Sf6 7. Le2 Sbd7 Schwarz weicht von den normalen Geleisen ab, in die Sc6 führen würde. 8. O-O Sc5 Das war sein Plan. Weiß muss jetzt den e-Bauern stützen. 9. Lf3 Le7 10. g3 Auf f3 steht der Läufer nicht so gut, vor allem weil er den f-Bauern, der in der Sizilianischen oft ein wichtiges Angriffsinstrument von Weiß ist, verstellt. Deswegen überführt ihn Weiß nach g2. Das Manöver scheint zwar auf dem ersten Blick zeitraubend zu sein, doch ist nicht zu sehen, wie Schwarz diese Tempoverluste ausnutzen soll. O-O 11. Lg2 Nun kann Schwarz seinen Lc8 nicht so leicht dem weißen Lg2 auf b7 gegenüberstellen, da b7-b6?? nach e4-e5! (oder zuerst Sc6) wegen der Aufdeckung der Läuferdiagonale Material kosten würde. Dc7 12. Le3 Tb8 Schwarz zieht den Turm aus dem Einzugsbereich des Lg2, um taktische Wendungen wie die oben angedeutete zu vermeiden. Dadurch geraten aber Dame und Turm in eine Diagonale, worauf eine bald zu sehende andere taktische Wendung basieren wird. 13. f4 Te8? Das ist bereits der Verlustzug, weil er einerseits den Punkt f7 schwächt und zum anderen den Turm auf ein Feld stellt, auf dem er bald nur zum Angriffsobjekt wird. Paradoxerweise bestand die beste Entgegnung in Td8!, was scheinbar f7 ebenso schwächt, nur mit dem Unterschied, dass Weiß diesen Umstand dann nicht ausnützen könnte, wie wir bald sehen werden. Außerdem ist nicht ganz klar, was der Turm auf e8 leisten soll. Auf d8 würde er ein eventuelles d6-d5 unterstützen und jedenfalls schon einmal die weiße Dame latent beunruhigen. 14. e5! Anand selbst schreibt, dass er gerade über den Plan g3-g4-g5 nachdachte, als er plötzlich erkannte, dass die Stellung bereits für einen zentralen Durchbruch reif war. xe5 Auf Sfd7, das dem Sc5 das Rückzugsfeld d7 nimmt, wäre das sofortige b2-b4 nicht am genauesten wegen der witzigen Ausrede Sc5-b3!, weil jetzt ja auch die Dame c7 plötzlich den Sc3 angreift. Aber Weiß kann auf 14... Sfd7 zuerst 15. exd6 spielen, und auf Dxd6 dann mit b4 eine Figur gewinnen, während auf 15... Lxd6 das Scheinopfer 16. Sdb5! sehr stark ist: nach axb5 17. Sxb5 erobert Weiß die Figur auf d6 zurück und hat dann einen Mehrbauern bei überwältigender Position. Um diese Wendung zu vermeiden, schlägt Sokolov zuerst auf e5, öffnet damit dem Weißen aber die f-Linie. 15. xe5 Nun geht Dxe5 nicht wegen Lf4, was Dame und Turm aufspießt. Jetzt erkennt man, dass der Zug Tb8 diese Wendung erst ermöglich hat. Sfd7 Auf b2-b4 käme jetzt wieder Sb3. Aber ... 16. Txf7!! Solche Züge erfreuen natürlich das Herz des Nachspielenden. Für einen Spitzenspieler sind sie aber nicht allzu schwierig: Anand brauchte ganze 10 Sekunden für diesen Zug! Jedoch hatte er vermutlich schon nach dem schwarzen Fehler 13... Te8 dieses Opfer am Horizont aufdämmern sehen. Kxf7? Die Annahme des Opfers verliert glatt; die einzige Chance bestand in der Ablehnung durch Sxe5. Anand hätte dann mit 17. Lf4! den Turm auf f7 weiter anbieten und die schwarzen Figuren gleichzeitig in eine unheilvolle Bindung bringen können. In einer längeren Analyse zeigt er, dass Weiß dann bei bester Verteidigung von Schwarz mindestens in ein sehr günstiges Endspiel gekommen wäre. In der Partie kommt es jedenfalls zu keinem Endspiel mehr. 17. Dh5+ Jetzt sehen wir, was die Turmstellung auf e8 so schlecht macht: der schwarze König muss nun seinen sonst ungedeckten Turm bewachen! Kf8 g6 verliert natürlich auf der Stelle wegen Dxh7+ nebst Lh6 matt. 18. Tf1+ Und wieder darf der König seinen Turm nicht verlassen, also muss Schwarz Material zurückgeben, ohne dass sich der weiße Angriff dadurch in irgendeiner Weise abschwächen würde. So weit musste Anand es bei 16. Txf7!! jedenfalls gesehen haben. Statt noch weiter zu rechnen, ist es oft wichtiger, die am Ende einer Zwangszugfolge entstehende Stellung richtig einschätzen zu können. Sf6 Lf6 ist auch nicht besser. 19. xf6 Lxf6 Auf gxf6 erfolgt ein Matt in 3 Zügen, beginnend mit Lh6+. 20. Sdb5! Der nächste Keulenschlag! Der Springer macht mit Tempo die Diagonale des Le3 gegen den schwarzen Sc5 frei, so dass dieser jetzt von Läufer und Dame angegriffen ist. xb5 21. Sxb5 Einfacher war das sofortige Lxc5+, welches Te7 erzwingt, und erst im folgenden Zug Sxb5. Schwarz wäre dann an Händen und Füßen gefesselt. Aber Anand ist auf einen künstlerischen Schluss aus. Dd7 Dd8 wäre etwas zäher gewesen, wie sich gleich zeigen wird. Auf Df7 jedenfalls gewinnt Weiß durch 22. Lxc5+ Kg8 (Te7 23. Dxh7 ist grausam) 23. Dxf7 Kxf7 24. Sd6+, und nun muss der schwarze König entweder den Turm e8 im Stich lassen oder in die Läuferdiagonale spazieren, wonach Weiß durch das Abzugschach Sxc8+ genügend Material gewinnt. 22. Dxh7! Sehr hübsch. Weiß muss gar nicht auf c5 schlagen (worauf Kg8 käme, weil der Te8 jetzt gedeckt ist), sondern stellt vielmehr - mit momentan einem Turm weniger! - eine neue Opferdrohung auf, nämlich Txf6! nebst Lh6+. Wieder ist der Turm auf e8 der Schlimme, diesmal nicht, weil er ungedeckt wäre, sondern weil er seinem Chef den Fluchtweg versperrt. Da wurde vorher wohl nicht fleißig genug Probealarm geübt. Hätte Schwarz (statt Dd7) 21... Dd8 gespielt, so hätte er jetzt noch Zeit zu dem Rückzug Sd7, der scheinbar alles decken würde. Allerdings würde dann nach Le4! der Schwarze trotz Mehrturm vor einer unlösbaren Aufgabe stehen. De7 Verhindert das Opfer auf f6; zumindest ist das die gute Absicht der Lady. 23. Txf6+!! Trotzdem! Die guten Absichten werden durchkreuzt. Dxf6 24. Lxc5+ Te7 Nach Kf7 25. Sd6+ müsste der schwarze König in die Läuferdiagonale marschieren, so dass Weiß dann mittels Abzugsschach die Dame gewinnen würde. 25. Dh8+ Kf7 26. Sd6+ Schwarz gab auf, da er nach Kg6 27. Le4+ die Dame geben müsste, weil auf Kg5 28. Dh4 matt folgt. Ein köstlicher Sturmsieg Anands im Stil der alten Meister.
cutter - 26. Jan '14
Jedesmal ein echtes Vergnügen!
Danke!
Danke!