Kommentierte Spiele

Große Partien der Schachgeschichte (III): Kasparov-Kramnik

Vabanque - 20. Dez '13
Wegen der überraschend guten Resonanz auf den Teil II meiner Serie bringe ich noch eine Partie von Kramnik (obwohl dieser eigentlich gar nicht zu meinen Lieblingsspielern gehört). Es handelt sich diesmal um eine Partie von historischer Bedeutung, weil nach 10 Jahren die erste Niederlage war, die Kasparov mit Weiß in einer von ihm mit 1. d4 eröffneten Partie erlitt.

(Kleine Anmerkung: Leider akzeptiert das System keine längeren Überschriften, so dass ich mir in Zukunft wohl eine Abkürzung für 'Große Partien der Schachgeschichte' einfallen lassen muss, wenn ich die Spieler und die Jahreszahl im Titel unterbringen will!)

Garry Kasparov Vladimir Kramnik It (cat.19) | Dos Hermanas (Spain) | 6 | 1996 | D47 | 0:1
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sc3 Sf6 4. Sf3 e6 5. e3 Sbd7 6. Ld3 xc4 7. Lxc4 b5 Die so genannte Meraner Variante, in der Schwarz auf schnelle Mobilisierung des Damenflügels aus ist. Das Risiko der Spielweise liegt darin, dass der schwarze König oft länger im Zentrum verbleibt, als gut für ihn ist. In der gegenwärtigen Partie kriegt Schwarz gerade noch haarscharf die Kurve, wie man sehen wird. 8. Ld3 Lb7 9. O-O a6 10. e4 Man erkennt bereits die weiße Überlegenheit im Zentrum. c5 11. d5 Und schon öffnet Weiß zentrale Linien. Das Bauernopfer ist nur ein Scheinopfer, da Weiß nach exd5 12. exd5 Sxd5 13. Sxd5 Lxd5 mit 14. Lxb5!, wonach der schwarze Läufer auf d5 hängt, den Bauern vorteilhaft zurückgewinnen würde. c4 12. Lc2 Dc7 13. Sd4 Der Springer stellt sich zentral auf und greift insbesondere den Bauern e6 noch einmal an. Sc5 14. b4!? Führt zu großen Komplikationen. Schwarz ist zu der folgenden Antwort jedenfalls gezwungen, weil er nicht einfach den Bauern e6 im Stich lassen kann. cb3 15. xb3 b4 Trotz unvollständiger Entwicklung und einem in der Mitte verbliebenen König setzt Schwarz konsequenterweise die Offensive am Damenflügel fort (Weiß drohte ja auch wieder selber b4). Er erobert dabei zwar nicht wirklich einen Bauern (wie man gleich sehen wird), aber durch dessen Rückgewinn gibt Weiß dem Schwarzen genau die nötige Zeit, die dieser brauchen wird, um seine Entwicklung zu vervollständigen, wenn auch unter Figurenopfer! 16. Sa4 Sxe4 17. Lxe4 Sxe4 18. xe6 Ld6 Kasparov hatte ausanalysiert, dass Schwarz auf alle anderen Antworten glatt verloren ist. Kramnik aber betonte, dass Ld6 hier sowieso der einzig in Frage kommende Zug war, er somit die anderen Möglichkeiten gar nicht durchrechnen musste. Man erkennt an dieser Stelle den Unterschied zwischen dem analytischen Schachverständnis von Kasparov und dem intuitiven Zugang Kramniks. 19. xf7+ Dxf7 Kxf7 20. Dh5+ g6 21. Dh3 behagte Kramnik verständlicherweise nicht. Es wäre zwar spielbar gewesen, dann aber hätte Kasparov vermutlich genau die Art Stellung bekommen, die er wollte. 20. f3 Jetzt sieht es so aus, als wenn Kasparov erst recht Oberwasser bekommen hätte, denn wenn der schwarze Springer wegzieht, kommt Te1+ nebst evtl. Se6 mit vernichtendem Angriff für Weiß. Dh5 Natürlich hat sich Kramnik bei Df7 etwas gedacht! Dieser Szenenwechsel ist höchst interessant: auf einmal zielen die gut entwickelten schwarzen Figuren alle auf den weißen Königsflügel! 21. g3 Den Springer konnte Weiß nicht nehmen. Nach 21. fxe4 Dxh2+ 22. Kf2 O-O+ (Schon GM Seirawan empfahl vor Jahren: 'Whenever you can castle with check, do it!' Also: wenn der Rochadezug mit Schachgebot möglich ist, dann bitte ohne Nachdenken ausführen! Meistens stimmt das tatsächlich!) 23. Nf3 (Ke3 Dxg2 ist genauso schlecht) Lxe4 befindet sich der weiße König im Kreuzfeuer der schwarzen Figuren, vor allem der beiden fürchterlichen Läufer. O-O Unter Figurenopfer hat es Schwarz geschafft zu rochieren. Er hat jetzt den Angriff, aber reicht er für die geopferte Figur aus? Hinterher fand man heraus, dass das Figurenopfer besser mit Sxg3 hxg3 O-O hätte gespielt werden sollen. 22. xe4 Der Nachteil der sofortigen O-O zeigt sich: Die Diagonale d1-h5 hat sich geöffnet, so dass sich die Damen gegenüber stehen. Schwarz muss ausweichen. Dh3 Droht ein eventuelles Läuferopfer auf g3. 23. Sf3 Da unterschätzt Kasparov aber die schwarzen Möglichkeiten! Später fand man heraus, dass statt dessen De2! Weiß sogar Vorteil gesichert hätte. Aber Kasparov hat das folgende Läuferopfer von Schwarz sicher nicht übersehen, sondern er dachte wohl, es widerlegen zu können ... Lxg3! 24. Sc5 ... und zwar mit diesem Zug, der den gefährlichen Lb7 bedroht und gleichzeitig e4 deckt! Denn 24. hxg3 Dxg3+ 25. Kh1 Lxe4 ist ein klarer Gewinn für Schwarz; aus dieser Fesselstellung käme Weiß nicht lebendig heraus. Txf3! Auch das hat Kasparov bestimmt in seine Berechnungen einbezogen. 25. Txf3 Dxh2+ 26. Kf1 Vermutlich dachte er in der Vorausberechnung (als er Sf3 zog), dass seinem König jetzt nicht beizukommen wäre ... aber ... Lc6! ... diesen Zug muss er entweder übersehen oder unterschätzt haben! Klar, es droht noch nicht direkt Vernichtung durch Lb5+, weil der weiße Springer noch auf d3 dazwischen ziehen kann, aber Weiß gerät in eine unheilvolle Bindung. 27. Lg5 Auch nachträgliche Analysen haben hier keine Rettung für Weiß mehr finden können. Lb5+ 28. Sd3 Te8! Nun stehen alle schwarzen Figuren optimal und alle weißen Figuren miserabel; das ist den ganzen Turm (!), den Weiß mittlerweile weniger hat, mehr als wert. Das macht den großen Spieler aus, so etwas schon etliche Züge im Voraus zu erkennen, dass diese Stellung ein so gewaltiges Opfer rechtfertigt. Wieder zeigt sich der Unterschied im schachlichen Zugang von Kramnik und Kasparov. Kasparovs Stärke beruht auf präziser Variantenberechnung, wogegen Kramnik Stellungen und Züge mehr intuitiv einschätzt. Diese große Gabe teilt er mit Capablanca, Smyslov, Petrosian und in der Gegenwart mit Carlsen. 29. Ta2 Ein findiger Zug, der aber nichts mehr retten kann. Nach Dxa2 30. Txg3 könnte Weiß wieder hoffen. Dh1+ Im Eifer des Gefechts und auch in Zeitnot sieht Kramnik nicht, dass hier ein Matt in 4 Zügen möglich war: ... Lxd3+! 30. Txd3 (Dxd3 Dh1+ 31. Ke2 De1#) Dh1+ 31. Ke2 Dg2+ 32. Ke3 Txe4#. Natürlich haben manche Kommentatoren dies hervorgehoben, um zu zeigen, wie 'schwach' doch Kramniks Spiel gewesen sei. Und trotzdem reichte dieses angeblich so schwache Spiel immer noch zu einem vernichtenden Sieg gegen einen Kasparov? Wie 'schwach' muss dann erst Kasparov gespielt haben??! Der Widerspruch ist offensichtlich. Kasparov war in dieser Partie sicher nicht in bester Form. Kramnik ließ in Zeitnot die präziseste Form der Exekution aus. Aber das schmälert seine Leistung in keinster Weise. Er selbst sagte später, dass er sah, dass die Partiefortsetzung klar gewann, und deswegen nicht mehr nach stärkeren Zügen suchte. Jeder Turnierspieler kennt diese (zeit- und energiesparende) Praxis. 30. Ke2 Txe4+ 31. Kd2 Nach 31. Le3 (Te3 Dg2#) Dg2+ 32. Lf2 Dxf2# gibt es ein ungewöhnliches Matt: scheinbar ist f2 ja zweifach gedeckt, aber beide deckenden Figuren sind gefesselt und decken somit überhaupt nicht! Dg2+ 32. Kc1 Dxa2 33. Txg3 Da1+ 34. Kc2 Kd2 Dc3# Dc3+ 35. Kb1 Td4 Schon hier gab Kasparov auf, aber Kramnik hat noch etwas weiter gerechnet: 36. Lf6 was zunächst so aussieht, als wenn Weiß noch eine doppelte Gegendrohung (gegen g7 und d4 bzw. c3) aufstellen könnte Lxd3+ 37. Ka2 Lb1+ und es ist endgültig alles aus, da auf Dxb1 (sonst schlägt Schwarz die weiße Dame mit Matt in 2) Td2+ mit Matt im nächsten Zug folgt. Selten hat Kasparov derart schlecht ausgesehen.
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[Event "It (cat.19)"]
[Site "Dos Hermanas (Spain)"]
[Date "1996.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "6"]
[Result "0-1"]
[White "Garry Kasparov"]
[Black "Vladimir Kramnik"]
[ECO "D47"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "70"]

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Nc3 Nf6 4. Nf3 e6 5. e3 Nbd7 6. Bd3 dxc4 7. Bxc4 b5 {Die
so genannte Meraner Variante, in der Schwarz auf schnelle Mobilisierung des
Damenflügels aus ist. Das Risiko der Spielweise liegt darin, dass der schwarze
König oft länger im Zentrum verbleibt, als gut für ihn ist. In der
gegenwärtigen Partie kriegt Schwarz gerade noch haarscharf die Kurve, wie man
sehen wird.} 8. Bd3 Bb7 9. O-O a6 10. e4 {Man erkennt bereits die weiße
Überlegenheit im Zentrum.} 10... c5 11. d5 {Und schon öffnet Weiß zentrale
Linien. Das Bauernopfer ist nur ein Scheinopfer, da Weiß nach exd5 12. exd5
Sxd5 13. Sxd5 Lxd5 mit 14. Lxb5!, wonach der schwarze Läufer auf d5 hängt, den
Bauern vorteilhaft zurückgewinnen würde.} 11... c4 12. Bc2 Qc7 13. Nd4 {Der
Springer stellt sich zentral auf und greift insbesondere den Bauern e6 noch
einmal an.} 13... Nc5 14. b4 $5 {Führt zu großen Komplikationen. Schwarz ist zu
der folgenden Antwort jedenfalls gezwungen, weil er nicht einfach den Bauern e6 im Stich lassen kann.} 14... cxb3 15. axb3 b4 {Trotz
unvollständiger Entwicklung und einem in der Mitte verbliebenen König setzt
Schwarz konsequenterweise die Offensive am Damenflügel fort (Weiß drohte ja auch wieder selber b4). Er erobert dabei zwar nicht wirklich einen Bauern (wie man gleich sehen wird), aber durch dessen Rückgewinn gibt Weiß dem
Schwarzen genau die nötige Zeit, die dieser brauchen wird, um seine Entwicklung
zu vervollständigen, wenn auch unter Figurenopfer!} 16. Na4 Ncxe4 17. Bxe4 Nxe4
18. dxe6 Bd6 {Kasparov hatte ausanalysiert, dass Schwarz auf alle anderen
Antworten glatt verloren ist. Kramnik aber betonte, dass Ld6 hier sowieso der
einzig in Frage kommende Zug war, er somit die anderen Möglichkeiten gar nicht
durchrechnen musste. Man erkennt an dieser Stelle den Unterschied zwischen dem analytischen Schachverständnis von Kasparov und dem intuitiven Zugang Kramniks.} 19. exf7+ Qxf7 {Kxf7 20. Dh5+ g6 21. Dh3 behagte Kramnik
verständlicherweise nicht. Es wäre zwar spielbar gewesen, dann aber hätte
Kasparov vermutlich genau die Art Stellung bekommen, die er wollte.} 20. f3 {Jetzt sieht es so
aus, als wenn Kasparov erst recht Oberwasser bekommen hätte, denn wenn der
schwarze Springer wegzieht, kommt Te1+ nebst evtl. Se6 mit vernichtendem
Angriff für Weiß.} 20... Qh5 {Natürlich hat sich Kramnik bei Df7 etwas
gedacht! Dieser Szenenwechsel ist höchst interessant: auf einmal zielen die gut entwickelten schwarzen Figuren alle auf den weißen Königsflügel!} 21. g3 {Den Springer konnte Weiß nicht nehmen. Nach 21. fxe4 Dxh2+
22. Kf2 O-O+ (Schon GM Seirawan empfahl vor Jahren: 'Whenever you can castle
with check, do it!' Also: wenn der Rochadezug mit Schachgebot möglich ist, dann bitte ohne Nachdenken ausführen! Meistens stimmt das tatsächlich!) 23. Nf3 (Ke3 Dxg2 ist
genauso schlecht) Lxe4 befindet sich der weiße König im Kreuzfeuer der schwarzen Figuren,
vor allem der beiden fürchterlichen Läufer.} 21... O-O {Unter
Figurenopfer hat es Schwarz geschafft zu rochieren. Er hat jetzt den Angriff,
aber reicht er für die geopferte Figur aus? Hinterher fand man heraus, dass das Figurenopfer besser mit Sxg3 hxg3 0-0 hätte gespielt werden sollen.} 22. fxe4 {Der Nachteil der sofortigen 0-0 zeigt sich: Die
Diagonale d1-h5 hat sich geöffnet, so dass sich die Damen gegenüber stehen. Schwarz muss
ausweichen.} 22... Qh3 {Droht ein eventuelles Läuferopfer auf g3.} 23. Nf3 {Da
unterschätzt Kasparov aber die schwarzen Möglichkeiten! Später fand man heraus,
dass statt dessen De2! Weiß sogar Vorteil gesichert hätte. Aber Kasparov hat
das folgende Läuferopfer von Schwarz sicher nicht übersehen, sondern er dachte
wohl, es widerlegen zu können ... } 23... Bxg3 $1 24. Nc5{ ... und zwar mit
diesem Zug, der den gefährlichen Lb7 bedroht und gleichzeitig e4 deckt! Denn
24. hxg3 Dxg3+ 25. Kh1 Lxe4 ist ein klarer Gewinn für Schwarz; aus dieser
Fesselstellung käme Weiß nicht lebendig heraus.}
24... Rxf3 $1 {Auch das hat
Kasparov bestimmt in seine Berechnungen einbezogen.} 25. Rxf3 Qxh2+ 26. Kf1
{Vermutlich dachte er in der Vorausberechnung (als er Sf3 zog), dass seinem
König jetzt nicht beizukommen wäre ... aber ... } 26... Bc6 $1 { ... diesen Zug
muss er entweder übersehen oder unterschätzt haben! Klar, es droht noch nicht
direkt Vernichtung durch Lb5+, weil der weiße Springer noch auf d3 dazwischen
ziehen kann, aber Weiß gerät in eine unheilvolle Bindung.} 27. Bg5 {Auch
nachträgliche Analysen haben hier keine Rettung für Weiß mehr finden können.}
27... Bb5+ 28. Nd3 Re8 $1 {Nun stehen alle schwarzen Figuren optimal und alle
weißen Figuren miserabel; das ist den ganzen Turm (!), den Weiß mittlerweile
weniger hat, mehr als wert. Das macht den großen Spieler aus, so etwas schon
etliche Züge im Voraus zu erkennen, dass diese Stellung ein so gewaltiges Opfer
rechtfertigt. Wieder zeigt sich der Unterschied im schachlichen Zugang von
Kramnik und Kasparov. Kasparovs Stärke beruht auf präziser
Variantenberechnung, wogegen Kramnik Stellungen und Züge mehr intuitiv einschätzt. Diese große Gabe teilt er mit Capablanca, Smyslov, Petrosian und in der Gegenwart mit Carlsen.}
29. Ra2 {Ein findiger Zug, der aber nichts mehr retten
kann. Nach Dxa2 30. Txg3 könnte Weiß wieder hoffen.} 29... Qh1+ {Im Eifer des
Gefechts und auch in Zeitnot sieht Kramnik nicht, dass hier ein Matt in 4 Zügen
möglich war: ... Lxd3+! 30. Txd3 (Dxd3 Dh1+ 31. Ke2 De1#) Dh1+ 31. Ke2 Dg2+ 32.
Ke3 Txe4#. Natürlich haben manche Kommentatoren dies hervorgehoben, um zu
zeigen, wie 'schwach' doch Kramniks Spiel gewesen sei. Und trotzdem reichte
dieses angeblich so schwache Spiel immer noch zu einem vernichtenden Sieg gegen
einen Kasparov? Wie 'schwach' muss dann erst Kasparov gespielt haben??! Der
Widerspruch ist offensichtlich. Kasparov war in dieser Partie sicher nicht in
bester Form. Kramnik ließ in Zeitnot die präziseste Form der Exekution aus.
Aber das schmälert seine Leistung in keinster Weise. Er selbst sagte später,
dass er sah, dass die Partiefortsetzung klar gewann, und deswegen nicht mehr
nach stärkeren Zügen suchte. Jeder Turnierspieler kennt diese (zeit- und
energiesparende) Praxis.} 30. Ke2 Rxe4+ 31. Kd2 {Nach 31. Le3 (Te3 Dg2#) Dg2+
32. Lf2 Dxf2# gibt es ein ungewöhnliches Matt: scheinbar ist f2 ja zweifach
gedeckt, aber beide deckenden Figuren sind gefesselt und decken somit überhaupt
nicht!} 31... Qg2+ 32. Kc1 Qxa2 33. Rxg3 Qa1+ 34. Kc2 {Kd2 Dc3#} 34... Qc3+ 35.
Kb1 Rd4 {Schon hier gab Kasparov auf, aber Kramnik hat noch etwas weiter
gerechnet:} 36. Bf6 {was zunächst so aussieht, als wenn Weiß noch eine doppelte
Gegendrohung (gegen g7 und d4 bzw. c3) aufstellen könnte} 36... Bxd3+ 37. Ka2 Bb1+ {und es ist endgültig
alles aus, da auf Dxb1 (sonst schlägt Schwarz die weiße Dame mit Matt in 2) Td2+ mit Matt im nächsten Zug folgt. Selten
hat Kasparov derart schlecht ausgesehen.} 0-1

Hasenrat - 21. Dez '13
Wie wär's mit GroPaScha? ;-)
Vabanque - 21. Dez '13
Vielleicht fällt uns ja doch noch etwas Besseres ein :-))

Mit dieser Partie scheine ich ohnehin den Kasparov-Fans auf die Füße getreten zu sein, denn diesmal kriege ich kein + ;)

Aber ich kann versprechen: Es wird noch mehr Kasparov-Verlustpartien in dieser Serie geben ... aus dem einfachen Grund, weil ein Sieg gegen Kasparov immer eine ganz außerordentliche Errungenschaft war, und deswegen fast schon automatisch einer Partie das Prädikat 'Große Partie der Schachgeschichte' verleiht.
Hasenrat - 21. Dez '13
Ja, gerade dieser Tage Kasparow schlecht aussehen lassen, wäre im Analogschluss auf anderem, verwandtem (?) sportlichen und zugleich politischen Gebiet vielleicht beinahe wie des einen Klitschkos Ansehen schmälern ... - nicht opportun! ;-)

Bemüht anspielungsreich zu Protokoll gegeben vom Jadehasenrat
Vabanque - 22. Dez '13
Die Frage ist, ob eine Verlustpartie wirklich das Ansehen eines Spielers zu schmälern vermag?
Andererseits kommt es ganz sicher dem Ansehen des Siegers zustatten, gegen einen besonders illustren Gegner gewonnen zu haben (frei nach dem Motto 'viel Feind, viel Ehr').

Es gab vor Jahren ja mal die Diskussion über das 'Recht an der eigenen Partie'. Ähnlich dem 'Recht am eigenen Bild' (nach dem man der Veröffentlichung von Bildern, auf denen man selbst zu sehen ist, widersprechen kann) glaubten da einige Spieler, der Veröffentlichung ihrer Partien in Zeitschriften und Büchern widersprechen zu können. Aber das ließ sich rechtlich nicht durchsetzen, glücklicherweise. Man bedenke mal die Konsequenzen: bald könnte man nirgends mehr eine Partie publizieren, in der es einen Verlierer gibt ;)
Schon einige Jahrzehnte früher hatte mal ein Spieler einen wutentbrannten Brief an eine Schachzeitschrift wegen der Veröffentlichung einer seiner Verlustpartien geschrieben. Die Antwort kam postwendend: 'Wenn Sie es nicht mehr wünschen, dass wir ihre Verlustpartien abdrucken, dann verlieren Sie doch einfach nicht mehr! Oder zumindest nicht so schön!' ;)

Ich glaube, das ist letzten Endes ja auch das Geheimnis des Erfolgs im Schach: nicht mehr zu verlieren! Ja, aber wie erreicht man das? Auch das ist einfach: immer den stärksten Zug machen! Warum aber nur hält sich niemand an dieses Rezept? Auch ganz einfach: Wenn alle immer den stärksten Zug machen würden, dann würden alle Partien remis enden, und wer will das schon?

Ich meine: Verlustpartien großer Spieler schaden nicht seinem Ansehen. Im Gegenteil, sie zeigen uns Durchschnittsspielern auf tröstliche Weise, dass auch die größten Spieler nur Menschen sind. Und sie ermöglichen auch Gewinnpartien von außerordentlicher Brillanz.

Wenn ich 'große Partien der Schachgeschichte' (an GroPaScha kann ich mich aus irgendeinem Grund immer noch nicht recht gewöhnen ;) ) zeigen will, dann ist für mich ein Kriterium für die 'Größe' der Partie schon auch die Größe des Spielers, gegen den dieser Erfolg errungen wurde. Deswegen werde ich in dieser kleinen Reihe nur Partien zeigen, in denen auch der Verlierer der (erweiterten) Weltspitze angehört bzw. zum Zeitpunkt der Partie angehört hat. Es wird kein 'Tal - NN'-Game in dieser Reihe geben. Solche Spiele sind zwar ganz lustig, aber das ist - um den Hasenratschen Vergleich aufzugreifen - dann in etwa so wie Klitschko gegen seinen Punchingball (falls es so etwas überhaupt noch gibt) ;)
Deswegen wird es hier auch 'The Opera Game' (Morphy gegen den Herzog von Isouard und den Grafen von Brunswick) nicht geben, und noch weniger Spiele wie Kasparov gegen Oxford United (was für eine peinliche Partie für den Fußballverein ... obwohl man ja nicht weiß, wie peinlich es umgekehrt für Kasparov gelaufen wäre, wenn man statt Schach Fußball gespielt hätte?) oder Kasparov gegen Petra Schürmann (ja, diese Partie gab es tatsächlich!).

Vielleicht starte ich ja noch eine zweite Reihe 'Unbekannte Partien der Schachgeschichte', wo es rein um die Ästhetik der Spielzüge geht, unabhängig davon, wer da nun spielt. Das kann dann auch Peter Donhauser* gegen Luisa Müllmaier* sein (*Namen von der Redaktion geändert). Wenn Peter da ein dreifaches Damenopfer gefolgt von einem fünffachen Turmopfer brachte, mit dem er ein 17zügiges forciertes Matt erzwang, dann ist die Partie doch auf alle Fälle wert, in die Sammlung aufgenommen zu werden, auch wenn er nur 600 Elo hat, oder? ;)
Hasenrat - 22. Dez '13
Das ist alles gut und richtig, wohlgemerkt, und auch ich sehe der nächsten hier präsentierten glänzenden Kasparow-Verlustpartie mit Interesse und Vorfreude entgegen, das ist mal klar.
Wollte nur in spitzfindiger Hasenratmanier deiner eigenen Mutmaßung weitere Nahrung geben, warum diese Partie anscheinend hier im Vergleich nicht so viel Anklang gefunden hätte (diese Feststellung ist ja mittlerweile auch überholt).

Nein, eine Verlustpartie vermag sicher "nicht wirklich" das Ansehen eines historisch-großen Spielers zu schmälern. Punktuell schmälert vielleicht aber die serielle Präsentation von zehn Verlustpartien bei damit verbundener Nichtberücksichtigung von hundert Triumphpartien das Ansehen eines historisch-großen Spielers bei einem Publikum - man denke an junge Amateure und Anfänger -, das in dem Moment möglicherweise zum ersten Mal näher mit Partien dieses Spielers und seiner Zeit in Kontakt kommt und ihn dann zwar als einen verbrieft "Großen seiner Zeit" und seines Fachs abspeichern würde, aber doch zugleich wenn auch auf hohem Niveau als anscheinenden Dauerverlierer.
;-)

Und es war ja gewissermaßen ein hasenrätlich "rhetorisches Abzugsschach", die aktuelle politische Brisanz als mögliche versteckte Ursache für die mutmaßlich reservierte Aufnahme beim tagespolitisch interessierten Publikum in Betracht zu ziehen:
Garry steht ja in gesellschaftspolitischem Rampenlicht.
Genauso wie ein Klitschko, der im tumultuarisch aufgewühlten ukrainischen Parlament mit allem Pathos seine rechte Faust in die Höhe reckt und mit Löwenstimme ruft: "Kennt Ihr diese Faust?" Er hätte in dem Moment noch mal ein ganz anderes Standing, wenn über ihm auf der digitalen Anzeigetafel, statt wie sonst die Abstimmergebnisse, zudem noch Bild- und Filmmaterial von Szenen seiner größten Boxtriumphe vorbeizöge - würde ein Saboteur im Technikraum an dieser Stelle aber seine "schönsten" Niederlagen (hatte er übrigens überhaupt welche?) in Auswahl präsentieren, konterkarierte das die theatralische Situation und gäbe sie gar der Lächerlichkeit preis.
Genauso dann: Würde Kasparow mit einer gebieterischen Verve, wie weiland Buonaparte in den Rat der 500, in die Duma stürmen, gestikulierend seine beiden Zeigefinger in die Schläfen bohren und mit Emphase ausrufen: "Kennt Ihr dieses Hirn?", machte das nur den gewünschten Effekt, wenn vor dem inneren Auge der Zeitzeugen auch der glänzende und strahlende Sieger und Schachsport-Titan Kasparow ersteht und eben nicht der auskombinierte, König werfende, mattgesetzte, thronräumende Kasparow.

Aber chessmail ist ja, zum Glück, nicht die Bühne flankierender Maßnahmen für die Weltpolitik. Sonst sähe man sich womöglich auch noch hier der Forderung ausgesetzt, vorsorglich lieber ein Unterforum "Agitprop" einzurichten. ;-)

Und nun bitte wieder Bühne, Mikro und Redezeit frei und "Spot an!" für pgn's und GM's bei "GroPaScha" ... :-)
Vabanque - 26. Dez '13
Deine mit gewohnter Eloquenz vorgetragenen Argumente kann ich natürlich nur allzu gut nachvollziehen :)

Ich muss allerdings noch dazu sagen, dass ich Schach und Politik nicht gerne in Verbindung bringe, und es mir auch arg schwer fällt, in Kasparov einen Politiker zu sehen ... doch eigentlich gehört das gar nicht hierher.

Ich werde mich jedenfalls bemühen (sollte ich die Zeit finden, die Reihe regelmäßig oder auch unregelmäßig fortzusetzen), zu jedem der bisher gezeigten großen Verlierer auch eine angemessene Gewinnpartie zu bringen, der Ausgewogenheit halber ;)

All die Großen der Schachgeschichte haben gewonnen und auch - gegen andere Größen verloren.

Falls die Reihe fortgesetzt wird, gibt es sicher auch Niederlagen von Fischer, Tal, Spassky und Petrosian zu sehen, vor allem jeweils gegeneinander, aber das liegt in der Natur der Sache.

Oder wir beschränken uns auf Remispartien, um den jeweiligen Fans nicht auf den Schlipps zu treten ... und treten ihnen damit wohl erst recht auf selbigen, da sie uns dann unterstellen, wir würden ihr jeweiliges Idol nur 'zahnlos' zeigen ;)

Nun ja, welche Bilanz habe ich bisher zu vermelden:

Ich habe Anand und Topalov jeweils einmal als Sieger und einmal als Verlierer gezeigt.

Ich habe Kramnik gleich zweimal als strahlenden Sieger, aber noch nie als Verlierer gezeigt.

Ich habe Kasparov bisher nur als fürchterlichen Loser dargestellt ;)

Ich habe Ponomariov als amateurhaften Patzer vorgeführt ;)

Damit ist klar, dass Teil (V) entweder einen Sieg Kasparovs oder Ponomariovs, oder eine Niederlage Kramniks beinhalten muss. Vielleicht schaffe ich zwei dieser drei Vorgaben gleich auf einen Streich?! Man wird sehen; ein wenig Spannung muss denen, die meine Serie mit selbiger verfolgen (falls es diese Leute gibt), ja noch verbleiben ;)
Hasenrat - 27. Dez '13
Oh bitte, nur nicht verunsichern und aus dem Konzept bringen lassen!
Aber Ausgewogenheit begrüße ich prinzipiell auch sehr herzlich. ;-)

Wäre gar nicht in die unsaubere Gemengelage Schach/Politik abgeschweift, wenn ich die Tage nicht eine entsprechende journalistische Glosse zum Thema Sportler in der Politik gestern und heute, explizit auch unter Erwähnung Klitschkos und Kasparows, mitbekommen hätte.

Und ja, vielleicht war es doch zu verräterisch. Tatsächlich bin ich bei Kasparow, obwohl weder bekennender "Fan" geschweige denn Kenner seines Schachs, wohl unwillkürlich etwas empfindlich. Mit den Tagen seiner großen Zeit wurde er, also mehr zufällig und diffus, im Schachsportbereich Held, Lichtgestalt und Idol meiner unkritischen, leicht zu begeisternden Kindheit und Jugend. Ihn ein wenig pauschal verteidigen und in Schutz nehmen heißt ja gleichzeitig diese persönliche Zeit verteidigen und in Schutz nehmen. ;-)