Kommentierte Spiele

Brillante Mattangriffe (VI): Karjakin - Malinin 2002

Vabanque - 15. Okt '15
Der heutige Super-GM Sergej Karjakin (gegenwärtig Platz 11 der Weltrangliste) wurde 2002 als 12-jähriger der damals jüngste GM der Schachgeschichte. Seine erste GM-Norm erfüllte er im gleichen Jahr in dem Turnier, aus dem die folgende Partie stammt. Sein Gegner Malinin gewann allerdings das Turnier, und bekam im darauffolgenden Jahr ebenfalls den GM-Titel zugesprochen, kurioserweise im Alter von 47 Jahren (was ja in gewisser Weise auch einen Rekord darstellt). Ich erwähne dies hauptsächlich, um aufzuzeigen, dass der junge Karjakin hier keineswegs einen schwachen Amateur vor sich hatte, den er da in wenigen Zügen gezielt zersäbelte. Sogar noch mehr als bei der vorigen Partie der Serie (Onischuk-Hertneck) kann ich hier wiederum sagen: Wüsste man nicht, wer da spielt, so könnte man (auch von der Eröffnung her!) durchaus an eine Partie aus der Anderssen-Morphy-Zeit, also der 'romantischen Ära' des Schachs denken!

Sergey Karjakin Vasily Borisovich Malinin Sudak UKR | It | 7 | 2002.08.07 | C45 | 1:0
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. e4 Sc6 Sieht nach der selten gespielten Nimzowitsch- Verteidigung aus ... 2. d4 e5 Die 'richtige' Nimzowitsch-Verteidigung entstünde nach ... d5. 3. Sf3 Lenkt das Spiel in 'Schottisch' über. xd4 4. Sxd4 Dh4?! Ein riskanter Damenausfall, der übrigens bereits auf Steinitz zurückgeht. GM Gutman hat darüber ein ganzes Buch veröffentlicht. Malinin scheint dieses Buch aber nicht gelesen zu haben, so wie er weiterspielt. Vermutlich wollte er lediglich seinen sehr jungen und unerfahrenen (??) Gegner damit überraschen. In der Folge wird es aber Schwarz sein, der die Überraschungen präsentiert bekommt. 5. Sc3 Lb4 Wegen der Fesselung des Sc3 ist der Bauer e4 jetzt erneut bedroht. 6. Le2 Karjakin macht keine Anstalten, den Bauern zu verteidigen, sondern setzt auf schleunige Entwicklung und Rochade: sicher eine empfehlenswerte Politik in offenen Stellungen. Schlägt Schwarz jetzt auf e4 (was Gutman aber für das beste hält), so wird die e-Linie für den weißen Turm geöffnet; außerdem wird Schwarz nach 7. Sdb5 mit Kd8 auf die Rochade verzichten müssen. Sf6?! Laut Gutman ist dieser Zug nicht so gut. 7. O-O Lxc3 8. Sf5! Ein Zwischenzug! Dxe4 9. Ld3 Greift die Dame an und deckt den Sf5. Dg4 Damentausch käme Schwarz natürlich sehr gelegen. 10. f3 Da4 Nun ist für die schwarze Dame am Königsflügel, wo sie dringend benötigt würde, kein Bleiben, denn auf Dg6 ginge sie durch Abzugsschach verloren! Also muss sie sich widerwillig ins Exil begeben, was ihrem rechtmäßig angetrauten Gatten zum Schaden gereichen wird. 11. xc3 O-O? Besser war Kf8, aber die folgende Kombination konnte man schon übersehen. 12. Sxg7!! Kxg7 13. Lh6+! Kxh6 Marschiert geradewegs in ein Mattnetz. Aber auch nach Kg8 (oder Kh8 14. Lxf8) 14. Dd2 mit der Drohung Dg5+ nebst Matt sieht Schwarz alt aus. 14. Dd2+ Nun erkennt Schwarz die bittere Wahrheit: auf Kg8 käme jetzt 15. Dg5+ Kh8 16. Dxf6+ Kg8 17. Dg5+! (die Feinheit! auf sofortiges Dh6 könnte sich Schwarz mit f5 noch verteidigen) Kh8 18. Dh6 nebst Matt, da es sowohl auf f8 (daher die Einschaltung von 17. Dg5+) wie auch auf h7 droht. Eine Wendung, die man sich wahrscheinlich merken sollte. Kh5 Also muss sich der König - wie so oft in dieser Serie - wieder mal an die frische Luft begeben. 15. g4+ Jetzt käme auf Kh4 Dh6#, so dass Schwarz auf g4 opfern muss, was aber doch noch recht passabel aussieht, oder? Er behält ja immer noch einiges Material mehr, und kommt sogar zu einem Damenschach mit Tempo. Sxg4 16. xg4+ Dxg4+ 17. Kh1 d6 Und sogar die Entwicklung kann er nachholen?! 18. Tf6! Reißt den Schwarzen unsanft aus allen Illusionen. Es droht Matt auf h6. Dg5 19. Le2+ Lg4 Dieser Entwicklungszug des Läufers wird nicht nur sein letzter sein, sondern auch der letzte Zug des Schwarzen in dieser Partie. 20. Lxg4+ Aufgegeben! Denn nach Dxg4 folgt Matt auf h6, während nach Kxg4 21. Tg1+ nebst Dxg5+ und Matt auf g3 folgt. Und wenn sich Schwarz mit 20... Kh4 noch ziert, so wird er mittels 21. Df2+ doch dazu gezwungen, auf g4 zu schlagen: Kxg4 22. Tg1+ Kh5 23. Txg5+ Kxg5 24. Df4+ nebst Th6#. Eine abgerundete Leistung des jungen Karjakin.
PGN anzeigen[Event "Sudak UKR"]
[Site "It"]
[Date "2002.08.07"]
[EventDate

"2002.08.02"]
[Round "7"]
[Result "1-0"]
[White "Sergey Karjakin"]
[Black

"Vasily Borisovich Malinin"]
[ECO "C45"]
[WhiteElo "2523"]
[BlackElo "2434"]
[PlyCount "39"]

1. e4 Nc6 {Sieht nach der selten gespielten Nimzowitsch-

Verteidigung aus ... } 2. d4 e5 {Die 'richtige' Nimzowitsch-Verteidigung

entstünde nach ... d5.} 3. Nf3 {Lenkt das Spiel in 'Schottisch' über.}

exd4 4. Nxd4 Qh4?! {Ein riskanter Damenausfall, der übrigens bereits auf

Steinitz zurückgeht. GM Gutman hat darüber ein ganzes Buch veröffentlicht.

Malinin scheint dieses Buch aber nicht gelesen zu haben, so wie er

weiterspielt. Vermutlich wollte er lediglich seinen sehr jungen und

unerfahrenen (??) Gegner damit überraschen. In der Folge wird es aber

Schwarz sein, der die Überraschungen präsentiert bekommt.} 5. Nc3 Bb4

{Wegen der Fesselung des Sc3 ist der Bauer e4 jetzt erneut bedroht.} 6.

Be2 {Karjakin macht keine Anstalten, den Bauern zu verteidigen, sondern

setzt auf schleunige Entwicklung und Rochade: sicher eine empfehlenswerte

Politik in offenen Stellungen. Schlägt Schwarz jetzt auf e4 (was Gutman

aber für das beste hält), so wird die e-Linie für den weißen Turm

geöffnet; außerdem wird Schwarz nach 7. Sdb5 mit Kd8 auf die Rochade

verzichten müssen.}
Nf6?! {Laut Gutman ist dieser Zug nicht so gut.} 7.

O-O Bxc3 8. Nf5! {Ein Zwischenzug!} Qxe4 9. Bd3 {Greift die Dame an und

deckt den Sf5.} Qg4 {Damentausch käme Schwarz natürlich sehr gelegen.} 10.

f3 Qa4 {Nun ist für die schwarze Dame am Königsflügel, wo sie dringend

benötigt würde, kein Bleiben, denn auf Dg6 ginge sie durch Abzugsschach

verloren! Also muss sie sich widerwillig ins Exil begeben, was ihrem

rechtmäßig angetrauten Gatten zum Schaden gereichen wird.} 11. bxc3 O-O?

{Besser war Kf8, aber die folgende Kombination konnte man schon

übersehen.} 12. Nxg7!! Kxg7 13. Bh6+! Kxh6 {Marschiert geradewegs in ein

Mattnetz. Aber auch nach Kg8 (oder Kh8 14. Lxf8) 14. Dd2 mit der Drohung

Dg5+ nebst Matt sieht Schwarz alt aus.} 14. Qd2+ {Nun erkennt Schwarz die

bittere Wahrheit: auf Kg8 käme jetzt 15. Dg5+ Kh8 16. Dxf6+ Kg8 17. Dg5+!

(die Feinheit! auf sofortiges Dh6 könnte sich Schwarz mit f5 noch

verteidigen) Kh8 18. Dh6 nebst Matt, da es sowohl auf f8 (daher die

Einschaltung von 17. Dg5+) wie auch auf h7 droht. Eine Wendung, die man

sich wahrscheinlich merken sollte.} Kh5 {Also muss sich der König - wie so

oft in dieser Serie - wieder mal an die frische Luft begeben.} 15. g4+

{Jetzt käme auf Kh4 Dh6#, so dass Schwarz auf g4 opfern muss, was aber

doch noch recht passabel aussieht, oder? Er behält ja immer noch einiges

Material mehr, und kommt sogar zu einem Damenschach mit Tempo.} Nxg4
16.

fxg4+ Qxg4+ 17. Kh1 d6 {Und sogar die Entwicklung kann er nachholen?!} 18.

Rf6! {Reißt den Schwarzen unsanft aus allen Illusionen. Es droht Matt auf

h6.} Qg5 19. Be2+ Bg4 {Dieser Entwicklungszug des Läufers wird nicht nur

sein letzter sein, sondern auch der letzte Zug des Schwarzen in dieser

Partie.} 20. Bxg4+ {Aufgegeben! Denn nach Dxg4 folgt Matt auf h6, während

nach Kxg4 21. Tg1+ nebst Dxg5+ und Matt auf g3 folgt. Und wenn sich

Schwarz mit 20... Kh4 noch ziert, so wird er mittels 21. Df2+ doch dazu

gezwungen, auf g4 zu schlagen: Kxg4 22. Tg1+ Kh5 23. Txg5+ Kxg5 24. Df4+

nebst Th6#. Eine abgerundete Leistung des jungen Karjakin.}
1-0
Kellerdrache - 16. Okt '15
Sehr cool gespielt vom jungen Hüpfer. Nach Da4 war der schwarze Königsflügel aber auch vollkommen wehrlos. Trotzdem spielt sich der Angriff auch hier nicht unbedingt von selbst. Also Hut ab vor Karjakin.

Auch wenn das Ding fies in die Hose gegangen ist hat mir die schwarze Eröffnung im Prinzip durchaus gefallen. Ich vermute aber, dass Malinin sich doch eher oberflächlich damit beschäftigt und seinen jungen Gegner schwer unterschätzt hat.

Die Partie ist für mich ein Beleg dafür, dass die heutigen Schachprofis durchaus kein besseres Schachverständnis als die alten Meister haben. Die modernen Spieler können sich einfach im Erfahrungsschatz von etlichen Jahrzehnten bedienen und brauchen die vielen kleinen Irrwege nicht mehr selber zu widerlegen. Wenn sie dann aber mal auf unbekanntes Terrain geführt werden oder sich selber da hinein wagen ist es mit der souveränen Technik schnell vorbei. Das gilt natürlich, wie bei Karjakin gesehen nicht für alle. Auch heute gibt es noch genug Spieler deren Fähigkeiten über die Anwendung von Gelehrntem hinausgehen.
Vabanque - 18. Okt '15
In dieser Hinsicht sind wir völlig einer Meinung.

Es wird ja oft die Ansicht geäußert, die heutigen Meister wären generell viel stärker als die der Vergangenheit, und die heutigen GM-Partien wären auf einem viel höheren Niveau als die früheren. Die früheren, so las ich einmal, wären nur noch von rein historischem Interesse, und niemand würde sie heute noch ansehen, wenn es um spieltechnisches Niveau oder Lehrwert ginge. In meinen Augen ist diese Meinung totaler Unsinn und kann durch nichts begründet werden. Die Eröffnungen sind heute perfekter, da einige Jahrzehnte Erfahrung dazukam, das ist richtig. Aber Mittel- und Endspiel werden heute insgesamt nicht besser gespielt als vor 50 oder 100 Jahren.
Sogar die Ansicht, Spieler wie Aljechin und Tarrasch hätten heute nur eine Elo von 2100, ist schon geäußert worden. Wenn das stimmen würde, so hätte ich ja gegen Aljechin eine reelle Chance! Das kann ich mir nun kaum vorstellen. Im Gegenteil, Aljechin würde mich in Stücke zerreißen, selbst wenn er stockbesoffen wäre und ich einen guten Tag hätte.
Das generelle Niveau des Schachs hat sich im Laufe der Jahrzehnte sicher gehoben, und das ist ja auch erfreulich. Es gibt heute viel mehr Großmeister als früher, und auch der durchschnittliche Vereinsspieler von heute hat mehr Schachwissen und auch Schachverständnis als der durchschnittliche Vereinsspieler von vor 50 oder gar 100 Jahren. Aber die Großmeister der Gegenwart spielen nicht unbedingt stärker als die Großmeister der Vergangenheit, vor allem nicht, wie du richtig bemerkst, wenn sie auf unbekanntes Terrain geraten. Gleichzeitig kann ich aber auch nicht feststellen, dass Schach auf Top-Niveau völlig zur Routine erstarren würde, wie häufig befürchtet oder sogar schon beklagt wird. Freilich ist Carlsen vor allem durch seine nahezu unfehlbare Technik Weltmeister geworden (wie vor ihm schon Karpov), aber es gibt auch heute noch viele Spieler, deren Kreativität sich mit einem Tal oder Bronstein messen kann, z.B. Aronian, Ivanchuk, Morozevich, Shirov und Judit Polgar (obwohl die sich ja vom Schach zurückgezogen hat) und eben auch Karjakin. Diese Spieler haben durch ihre unübliche, kompromisslose Spielweise teils auch haarsträubende Verlustpartien auf ihrem Konto, und werden sicher auch nie Weltmeister werden mit ihrer Spielweise, aber sie mischen zumindest an der erweiterten Weltspitze mit und bereichern das Schach um viele kreative Ideen und zeitlos interessante Partien.