Kommentierte Spiele
Glanzpartien unbekannter Spieler (XXXI)
Vabanque - 07. Sep '15
Der Begriff 'unbekannter Spieler' hat in dieser Reihe eine schillernde Bedeutung erhalten. Manchmal sind es ja auch schon 'unbekannte' GMs gewesen, die hier mit einer Glanzpartie vertreten waren.
Auf der anderen Seite der Skala stehen Spieler, die in der gesamten Datenbank nur mit einer einzigen Partie vertreten sind, und über die man rein gar nichts weiß (nicht einmal Lebensdaten). Von dieser Art ist der Gewinner der folgenden Partie, Gyula (nach einer anderen Quelle: Josef) Farkas, der hier den ungarischen FM Lajos Szell in einer flotten Angriffspartie einfach überrennt.
Ich hoffe, dass die Partie insbesondere das Herz des Kellerdrachen (als Königsgambit-Spieler) erfreuen wird.































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Auf der anderen Seite der Skala stehen Spieler, die in der gesamten Datenbank nur mit einer einzigen Partie vertreten sind, und über die man rein gar nichts weiß (nicht einmal Lebensdaten). Von dieser Art ist der Gewinner der folgenden Partie, Gyula (nach einer anderen Quelle: Josef) Farkas, der hier den ungarischen FM Lajos Szell in einer flotten Angriffspartie einfach überrennt.
Ich hoffe, dass die Partie insbesondere das Herz des Kellerdrachen (als Königsgambit-Spieler) erfreuen wird.
Gyula Farkas Lajos Szell Budapest | Budapest | 1972 | C31 | 1:0
8








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4
3
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a
1

b

c

d

e

f

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h

1. e4 e5 2. f4 d5 Das Falkbeer-Gegengambit, das Tarrasch vor ca. 100 Jahren sogar als Widerlegung des Gegengambits angesehen hat. So sieht man das heute zwar nicht mehr, aber eines ist wahr: Weiß kann nun das strategische Hauptziel des Königsgambits, nämlich die schnelle Öffnung der f-Linie, nicht realisieren. 3. Sf3 Hauptsächlich spielt man 3. exd5 e4 4. d3 (um den lästigen schwarzen e-Bauern sofort anzuknabbern), aber auch der Textzug ist durchaus spielbar, vor allem, wenn man der sehr ausanalysierten Theorie der Hauptvariante aus dem Weg gehen will. xe4 4. Sxe5 Sd7 Diese sofortige Befragung des weißen Springers ist wohl am besten und sollte Schwarz eigentlich ziemlich bequemen Ausgleich sichern. 5. d4 ed3 6. Sxd3 Schlägt Weiß mit Läufer oder Dame, kann Schwarz durch den Tausch auf e5 Weiß einen isolierten Bauern auf e5 verschaffen. Daher zieht Weiß das Schlagen mit dem Springer vor, obwohl dieser hier nicht optimal postiert ist. Sgf6 Positionell steht Schwarz nun eher besser, denn der Aufzug des weißen f-Bauern sieht gegenwärtig nicht gerade nützlich aus: der Bauer verstellt den Lc1 und hat die weiße Königsstellung geschwächt. Aber Schwarz spielt in der Folge recht passiv, und so kann Weiß eine starke Position aufbauen, wo der f-Bauer sogar der Beginn eines verheerenden Bauernsturms sein wird. 7. Sc3 Le7 Die beste Aufstellung für Schwarz ist wahrscheinlich Sb6 nebst Ld6. 8. Df3 Normalerweise soll man ja die Dame nicht so früh ins Spiel bringen; aber in diesem Fall steht sie hier sehr gut. Sie kann ja nicht unmittelbar durch schwarze Leichtfiguren angegriffen werden. Weiß bereitet die schleunige lange Rochade vor. O-O 9. Ld2 c6 Dies erweist sich als zu langsam. Schwarz erkennt nicht, wie rasch die Lage für ihn brisant wird. Immer noch sieht Sb6 besser aus, vor allem weil dann Weiß wegen Lg4 nicht unmittelbar rochieren könnte und selber erst noch ein Tempo (mit h3) verlieren müsste. 10. O-O-O Dc7 Dieser 'natürliche' Zug, der die Dame aus der Linie des weißen Td1 entfernt, leistet im Prinzip nichts. Auch hier war Sb6 richtig, weil dann zunächst Lg4 droht. So wie Schwarz spielt, lässt er Weiß freie Hand für Aktionen am Königsflügel. 11. g4! Da haben wir es bereits! Es ist aber trotzdem verblüffend, wie schnell der weiße Bauernsturm gefährlich wird, vor allem wo doch Weiß die Entwicklung noch gar nicht beendet hat und andererseits die schwarze Königsstellung keine Schwächen aufweist. b5 Erweist sich als zwecklos. Der schwarze Bauernsturm wird keinen einzigen Fortschritt mehr machen. Ab jetzt spielt in dieser Partie nur noch Weiß. 12. g5 Natürlich nicht 12. Sxb5? cxb5 13. Dxa8 wegen Lb7!, und Schwarz gewinnt den Turm zurück und behält eine Mehrfigur. Sd5 13. Tg1 Und hier nicht 13. Sxd5 cxd5 14. Dxd5? wegen Lb7 mit Turmgewinn. Nun aber ist der weiße Turm endlich von dem Feld, das all diese Fallstricke ermöglicht, weg. S7b6 14. f5 Das Bauernpaar hat nun eine sehr drohende Formation eingenommen. Schwarz darf f5-f6 auf keinen Fall zulassen. f6 15. g6! Viel stärker als die Öffnung der g-Linie mit 15. gxf6 Lxf6, wonach der schwarze Läufer sehr gut stünde und der Punkt g7 ausreichend gedeckt wäre. h6 Schwarz vermeidet natürlich die Linienöffnung, auch wenn jetzt ständig ein Opfer auf h6 in der Luft liegt. Im Moment würde es aber noch nicht durchschlagen, z.B. 16. Lxh6? gxh6 17. g7 (17. Dh5 Ld6 18. Dxh6 Dg7 ist auch nicht besser) Tf7 18. Dh5 Ld6 19. Dxh6 Txg7. 16. Se4! Ein Mehrzweckzug, der unter anderem vermeidet, dass Schwarz durch den Tausch auf c3 den Ld2 auf das hier nutzlose Feld c3 lenkt. Auch wenn Weiß wohl kein Meisterspieler war; in dieser Partie spielt er durchweg meisterhaft. Td8 Schwarz glaubt bzw. hofft, zu dem Sicherungszug Lf8 Zeit zu haben. Da täuscht er sich. Aber es ist schwer, einen guten Zug für Schwarz in dieser Stellung anzugeben. 17. Lxh6! Weiß greift zu, bevor Schwarz Lf8 spielen kann. xh6 18. g7 Im Unterschied zu der in der Anmerkung zum 15. Zug von Schwarz angegebenen Variante kann der schwarze Turm hier nicht mehr nach f7. Überhaupt hat Schwarz große Schwierigkeiten, irgendwelche Figuren zur Verteidigung zum Königsflügel hinüberzuspielen. Sc4 Der einzige Versuch. 19. Dh5 Sd6 Nun könnte nämlich auf 20. Dxh6? Sf7 mit Verteidigung von h8 folgen. Weiß käme dann mit seinem Angriff nicht weiter. 20. Sxd6! Daher beseitigt Weiß zunächst diesen Springer. Lxd6 21. Dxh6 Bei diesem Zug (bzw. eigentlich schon bei dem vorigen) hat Weiß natürlich ausrechnen müssen, dass Schwarz nun nicht mit Lf4+ 22. Sxf4 Dxf4+ die Vereinfachung erzwingen kann, da am Ende der Td8 mit Schach hinge. Lxf5 Aber nun droht Schwarz mit dieser Abwicklung. Außerdem ist das Feld g8 noch einmal gedeckt, so dass Weiß nach Dh8+ Kf7 nicht g8D spielen kann. Vielleicht hatte Schwarz in der Vorausberechnung geglaubt, sich damit ausreichend verteidigt zu haben. 22. Dh8+ Kf7 23. Dh5+ Aber die Lösung des Stellungsproblems ist verblüffend einfach. Weiß erobert entweder die Figur in Gewinnstellung zurück oder setzt Matt. Ke6 Wenn Schwarz die Mehrfigur halten will, bleibt nur dieser Zug. Nach Kg8 24. Dxf5 hätte Weiß bereits Materialvorteil bei anhaltendem Angriff gegen den exponierten schwarzen König. Allerdings kann Schwarz wohl nicht ernsthaft geglaubt haben, dass der König als Deckungsfigur im Mittelspiel gut geeignet ist. 24. Te1+ Le5 Oder Kd7 25. Dxf5#. 25. Dxf5+! Der Bombeneinschlag: Kxf5 26. Lh3#. Sehr pikant, nicht zuletzt dadurch, dass der erste Zug, den der Lf1 ausführen würde, dann der Mattzug wäre. Fast ebenso kommt es auch in der Partie. Kd6 26. Txe5 Hier gewinnt schon fast jeder weiße Zug; dieser ist aber am elegantesten. xe5 27. Dxe5+ Kd7 28. Lh3# Sehr praktisch, wenn man eine Figur gleich mit Matt entwickeln kann! Eine unterhaltsame und originelle Partie.
Weniger - 07. Sep '15
Vielen Dank für die Auswahl und den Kommentar - sehr schön :-)
Kellerdrache - 07. Sep '15
Vielen Dank für das persönliche Geschenk an mich. Der Schluß ist ein Traum für jeden Schach-Romantiker.
Steinitz hat ja mal viel zitiert gesagt " Man darf erst angreifen wenn das positionelle Gleichgewicht gestört ist." Wichtig ist aber auch der zweite Teil "Aber dann muss man auch angreifen." Die meisten Vorteile sind eben temporär. Dafür ist diese Partie das perfekte Beispiel. Züge wie c6 oder Dc7 sind an sich keine Fehler, da durchaus positionsgerecht. Sie sind aber zu langsam und nicht aggressiv genug.
Steinitz hat ja mal viel zitiert gesagt " Man darf erst angreifen wenn das positionelle Gleichgewicht gestört ist." Wichtig ist aber auch der zweite Teil "Aber dann muss man auch angreifen." Die meisten Vorteile sind eben temporär. Dafür ist diese Partie das perfekte Beispiel. Züge wie c6 oder Dc7 sind an sich keine Fehler, da durchaus positionsgerecht. Sie sind aber zu langsam und nicht aggressiv genug.
Vabanque - 07. Sep '15
Ja stimmt. Im positionellen Sinne waren die schwarzen Züge 'gut'. Er hat sich darauf verlassen, dass seine Stellung ja keine Schwächen aufweist. Hätten die Gegner auf die gleiche Seite rochiert, wäre die schwarze Rechnung wahrscheinlich sogar aufgegangen. Aber Schwarz hatte nicht berücksichtigt, dass Weiß gar nicht vorhatte, eine Positionspartie zu spielen. Bei Rochaden auf verschiedene Seiten zählen plötzlich die ganzen positionellen Erwägungen nicht mehr, da zählt nur noch, wer zuerst kommt. Material zählt dann auf einmal auch kaum mehr. Solche Partien nehmen richtig brutale Formen an, eine Art von 'Brutalität', die mir zugegebenermaßen sehr gefällt, aber vermutlich die einzige Art von Brutalität, die mir zusagt :)