Kommentierte Spiele
Brillante Mattangriffe (IX): Hanning-Langner 1926
Vabanque - 05. Nov '15
Wieder mal eine Partie, wo rein gar nichts über die Akteure in Erfahrung zu bringen war. Die Schlusskombination besticht aber in meinen Augen durch ihre Ästhetik, weswegen ich sie hier bringe.































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Hanning Langner Berlin | Berlin GER | 1926 | C80 | 1:0
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Sxe4 Die 'offene' Verteidigung im Spanier, die zu verschiedenen Zeiten schwankenden Beurteilungen ausgesetzt war. Der Zug ist gewiss riskant, da Schwarz dem Weißen bereitwillig die e-Linie für seinen Turm öffnet, so lange der schwarze König noch auf dieser Linie verweilt. Auf der anderen Seite hat man nie wirklich eine Widerlegung gefunden, und es haben sich immer große Spieler gefunden, die diese Art der Verteidigung verfochten haben, wie z.B. Tarrasch, Euwe und Korchnoi. 6. d4 xd4 Üblich ist allerdings hier b7-b5. Der Textzug ist aber wohl haarscharf gerade noch so spielbar. 7. Te1 d5 8. c4 Nach dem üblichen Sxd4 droht Weiß Sxc6 und f3. Schwarz kann aber mit Ld6 durch die Drohung des Läuferopfers auf h2 noch die Balance halten. Der Textzug möchte diese Verwicklungen vermeiden, setzt allerdings auf ein doppeltes Bauernopfer. dc3 Welches Schwarz durch die Annahme gleich einmal austestet. 9. Sxc3 Lb4 Schwarz möchte verständlicherweise schnell zur Rochade kommen. 10. Lg5 Weiß macht sich die Fesselung des Se4 zunutze. f6 Der einzige Zug für Schwarz. Alle anderen Antworten verlieren: 10... Dd7 11. Se5; 10... Dd6 11. Sxe4!; 10... Le7 11. Lxe7 Kxe7 (oder Dxe7 12. Sxd5) 12. Dxd5! 11. Se5 Weiß gabelt sich scheinbar selbst auf. Aber Schwarz kann ja keine der Figuren nehmen (fxg5 12. Sxc6). O-O 5 vor 12 hat Schwarz es noch geschafft, aus der e-Linie zu fliehen. Nun ist ein kritischer Moment erreicht, aber die Stellung ist mit ihren vielen einstehenden Steinen dermaßen unübersichtlich geworden, dass Fehlgriffe auf beiden Seiten nahezu vorprogrammiert sind. 12. Lxc6?! Korrekt wäre hier 12. Sxc6 bxc6 13. Lxc6 gewesen, weil nach dem Textzug Schwarz bei richtiger Fortsetzung mit einem Mehrbauern hätte verbleiben können. Lxc3? Schwarz hätte Sxg5! spielen können, und nach 13. Lxd5+ Kh8 wäre f7 gedeckt gewesen, und der hängende Springer e5 hätte sich zurückziehen müssen. Diesen Zug habe ich aber nicht selbst gesehen, ein Schachprogramm hat ihn mir eingeflüstert. Zum Zeitpunkt der Partie hatten die Spieler solche Analysemöglichkeiten nicht, und während der Partie so etwas zu sehen, erfordert schon ein gehöriges Maß Coolness. 13. Lxd5+ Kh8 14. Dh5 Droht Sg6 matt, und Schwarz kann nicht Dxd5 spielen wegen Sg6+ nebst Se7+ und Damengewinn! Sehr raffiniert! Möglicherweise hat Schwarz den Zug aber sogar gesehen, und dachte, er könne doch jetzt den gefährlichen Springer einfach schlagen ... Lxe5? Sieht doch sehr plausibel aus ... zumindest auf den ersten Blick. (14... Lf5 versprach Rettungschancen.) 15. Lxe4 Aber dieser Zug - mit erneuter Mattdrohung - lässt die Chancen von Schwarz plötzlich nicht mehr gut aussehen. g6 Das Einzige, da f6-f5 wegen der Fesselung nicht geht, Weiß nach h7-h6 sofort auf h6 opfert, und 15... Kg8 auch keine Fluchtmöglichkeit verspricht, da Weiß darauf nicht Dxh7+ Kf7 spielt, sondern 16. Lxh7+ Kh8 17. Lg6+ nebst Dh7# (eine häufig vorkommende Standardwendung). Mit dem Textzug hofft Schwarz noch über die 7. Reihe decken zu können. 16. Lxg6 Dd7 So hatte er sich das also noch gedacht. Auf das 'natürlicher' aussehende De7 wäre sehr hübsch 17. Txe5! gefolgt. Der f-Bauer wäre dann gefesselt gewesen, und die Dame hätte ja h7 gedeckt halten müssen. 17. Txe5!! Das Erstaunliche ist aber, dass der Zug auch jetzt funktioniert, obwohl der f-Bauer gar nicht gefesselt ist. xe5 Auch nach dem relativ besseren fxg5 18. Txg5 hatte Schwarz nichts mehr zu hoffen. Er lässt sich die Kombination also zeigen. Und wir kriegen wirklich was zu sehen! 18. Td1 Die schwarze Dame muss nun auf das einzige Feld, wo sie h7 gedeckt hält. (Eine letzte Chance bestand noch in 18... Dxd1+ nebst hxg6, wobei Schwarz sogar noch 2 Türme für die Dame bekäme, aber nach 20. Dd5 dann trotzdem auf Verlust stünde.) Dg7 Da wollte sie aber doch ohnehin hin, und Schwarz droht nun sogar Dxg6. 19. Lf6!! Dieser Glanzzug bildet die Pointe der mit 17. Txe5!! begonnenen Kombination. Scheinbar hängt der Lf6 völlig in der Luft. In Wirklichkeit kann er aber auf keine Weise geschlagen werden. Nach Dxf6 käme ja wieder Matt auf h7. Und falls der schwarze Turm schlägt, lässt er die Grundreihe ungeschützt, wie wir gleich sehen werden. Aber gleichzeitig verhindert der Lf6 durch die Fesselung ja auch Dxg6, und es droht (wieder wegen derselben Fesselung) Dxh7 Matt. Ein äußerst vielseitiger Zug! Txf6 Das Matt konnte nur durch das traurige Kg8 (mit Damenverlust) verzögert werden. 20. Td8+ Schwarz gab auf, denn nach Dg8 folgt wegen erneuter Fesselung (diesmal horizontal) Dh7#, und Tf8 21. Txf8+ ändert nichts (Dxh7# im nächsten Zug).
Kellerdrache - 06. Nov '15
Klasse Partie! Nicht nur die Schlußkombination, sondern auch Züge wie 11.Se5 lassen einem das Herz aufgehn. Vor allem endlich mal wieder eine Partie die ich von Anfang bis Ende verstanden habe ;-)).
Der offene Spanier ist eben ein heißes Ding. Auch Kortschnoi hat ihn ja einige Male um die Ohren gehauen bekommen, obwohl er als großer Kenner galt. Ich frage mich übrigens bei den meisten spanischen Stellungen warum das als offene Eröffnung durchgeht.
Der offene Spanier ist eben ein heißes Ding. Auch Kortschnoi hat ihn ja einige Male um die Ohren gehauen bekommen, obwohl er als großer Kenner galt. Ich frage mich übrigens bei den meisten spanischen Stellungen warum das als offene Eröffnung durchgeht.
Vabanque - 06. Nov '15
Die heißen aber dann doch auch 'geschlossener Spanier' :)
'Offen' ist eben alles, was mit 1. e4 e5 beginnt.
'Offen' ist eben alles, was mit 1. e4 e5 beginnt.
plebs - 06. Nov '15
Wie immer: Ganz große Klasse!
Vabanque - 06. Nov '15
Danke. Die Partie ist allerdings nicht auf so hohem Niveau wie die meisten anderen, die ich hier bringe. Trotzdem scheint die leichte Kost sogar besser anzukommen.