Kommentierte Spiele
Salo Flohr (II): Flohr - Rellstab 1931
Vabanque - 02. Sep '15
Wiederum eine Angriffspartie aus Flohrs Frühzeit, und gleichzeitig wieder eine Partie, in der Flohr auf jegliche Rochade verzichtet. Ob so eine Spielweise unbedingt nachahmenswert ist, mag der Einzelne für sich entscheiden ... aber auf jeden Fall führt sie hier zu sehr ungewöhnlichen Stellungsbildern und beschert uns eine flotte Partie :)































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Salomon Flohr Ludwig Rellstab Hastings | Hastings, England | 1931 | A34 | 1:0
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. c4 c5 2. Sc3 Sf6 3. g3 d5 4. xd5 Sxd5 5. Lg2 Sc7 6. b3 e5 Es ist ein Sizilianisch mit vertauschten Farben entstanden, und zwar ein beschleunigtes Fianchetto. Im Folgenden behandelt Weiß die Eröffnung konsequent im damals modischen 'hypermodernen' Stil, d.h. er hält die Mittelbauern komplett zurück, entwickelt beide Läufer zur Flanke und stellt auch die übrigen Figuren so auf, dass sie vom Flügel her aufs Zentrum drücken sollen. 7. Lb2 Le7 8. Tc1 O-O 9. Sa4 Zwingt Schwarz wegen der gleichzeitigen Bedrohung von c- und e-Bauer zu der folgenden Figuren verstellenden Deckung. Sd7 10. Sf3 f6 11. Dc2 Se6 Da dieser Springer jetzt c5 deckt, wird der Sd7 wieder beweglich. 12. Sh4 'Springer am Rande bringt Kummer und Schande' haben wir alle mal gelernt. Flohr zieht seine Springer beide mit voller Absicht auf Randfelder und kreiert damit ein witziges Stellungsbild. Aber er weiß schon, was er tut, und wann er die 'Regeln' brechen darf. Natürlich strebt dieser Springer nach f5, und Schwarz wird sich kaum mit g7-g6 schwächen wollen, um dies zu verhindern. Gleichzeitig hat der Lg2 nun freie Bahn. Sb6 13. Sf5 Weiß möchte dem Gegner natürlich nicht mit Sxb6 axb6 die a-Linie öffnen. Aber den Springer nach c3 zurückziehen kann er auch nicht gut wegen Sd4. Also nimmt er einen isolierten Doppelbauern auf der a-Linie in Kauf, im Bewusstsein, dass Schwarz diese Schwäche nicht leicht wird ausnutzen können. Sxa4 14. xa4 Tb8 Um den Lc8 entwickeln zu können. 15. f4! Schon wird die Partie lebhaft. Wieder greift Weiß das schwarze Zentrum von der Flanke her an. Das damit verbundene Bauernopfer darf Schwarz kaum annehmen. xf4 16. xf4 Denn wenn Schwarz jetzt auf f4 zugreift, muss nach 17. Dc4+ der Springer zurück nach e6 in die Fesselung. Nach 18. Ld5 müsste Schwarz dann schon Kf7 spielen, weil Dd7 an 19. Lxe6 nebst Sxe7+ scheitert (jetzt ist die Dame e6 gefesselt und kann nicht zurückschlagen!). Te8 17. Tg1 Sxf4 geht jetzt erst recht nicht, wieder wegen 18. Dc4+ Se6 19. Ld5. Da der weiße Turm nun schon auf g1 steht, ginge dann nicht mal mehr 19... Kf7 wegen Txg7+. Und 19... Lf8 wird mit 20. Sh6+ nebst Sf7+ bestraft. Lf8 Dieser Zug sollte zwar nicht unbedingt verlieren, aber sicherer war jedenfalls Kh8, womit Schwarz allen Komplikationen aus dem Wege hätte gehen können. Freilich schön für uns Nachspielende, dass er dies nicht getan hat. Denn jetzt geht es richtig rund. - Wäre der Lg2 nicht da, könnte Weiß nun mit Sh6+ nebst Sf7+ sofort die schwarze Dame gewinnen. Der Lg2 kann also jetzt als 'Desperado' auf fast jedes beliebige Feld gestellt werden ... und diese Überlegung führt zu dem folgenden Zug: 18. Lc6! Da sich Schwarz wie erwähnt gegen Sh6+ sichern muss, scheint der Zug die Qualität zu gewinnen ... Sd4! Aber auch Schwarz ist auf der Höhe! Nach 19. Lxd4 könnte Schwarz nun den gefährlichen Sf5 mit Tempo abtauschen (Lxf5 20. Dxf5 Dxd4 mit Angriff auf den Tg1 bei gleichzeitiger Bedrohung des Lc6, so dass Weiß mit Dd5+ in ein gleich stehendes Endspiel abwickeln muss). Und nach 19. Sxd4 bxc6! 20. Sxc6 Txb2! 21. Dxb2 Dc7 hätte Weiß Schwierigkeiten mit dem Rückzug des Sc6, der sich in den gegnerischen Reihen verlaufen hat. Diese Alternativen sind alles andere als verlockend für Weiß, der sich nach einer besseren Möglichkeit umsehen muss, um am Ruder zu bleiben. 19. Sh6+ Kh8 20. Sf7+ Kg8 21. Sh6+ Kh8 22. Sf7+ Kg8 23. Dc4! Weiß hat die Züge zwecks Zeitgewinn auf der Uhr wiederholt - eine gängige Turnierpraxis, bei der man nur aufpassen muss, dass nicht versehentlich zum dritten Mal die gleiche Stellung entsteht. Aber nun hat er den richtigen Weg gefunden. Er droht Matt in 2 durch Sh6+ nebst Dg8#, und Schwarz kann sich nicht mit Le6 wehren, da er dann Material verliert (Sxd8 Lxc4 Lxe8). Ist die Partie nun also entschieden? Txe2+! Nein, noch ist nicht alles aus! Abermals erweist sich Schwarz der komplizierten Lage gewachsen. Weicht der weiße König nun aus, wird Le6 möglich. 24. Dxe2! Aber so behält Weiß Chancen auf Vorteil. Sxe2 25. Sxd8 Die Position ist jedenfalls höchst originell. Wer von den Nachspielenden blickt hier noch durch? Sxg1? Kaum zu glauben, erst an dieser Stelle strauchelt Schwarz tatsächlich. Dabei ist der Textzug doch quasi selbstverständlich, um das materielle Gleichgewicht zu wahren bzw. Schwarz sogar einen Mehrbauern zu sichern. Aber er verliert forciert, während Schwarz mit 25... bxc6! 26. Kxe2 Txb2 trotz einer Minusqualität Chancen behalten hätte, die Partie zu halten. 26. Ld5+ Kh8 27. Sf7+ Schon zum zweiten Mal in dieser Partie wird der schwarze König in so eine eingeklemmte Lage gezwungen. Kg8 28. Kf2 Nun zeichnet sich das Schicksal des Schwarzen ab. Sein Springer wird auf ein Abstellgleis geführt. Sh3+ 29. Kg3 Der schwarze Springer droht mit Sg5+ erobert zu werden. Dagegen gibt es keine Verteidigung. b5 30. xb5 Lb7 31. Lc4 a6 32. a4 xb5 33. xb5 Sxf4 Bittere Notwendigkeit. 34. Kxf4 h5 35. Tg1 Kh7 Endlich raus aus der eingeklemmten Lage?! 36. Lxf6! Zerstört unsanft alle verbliebenen Illusionen des Schwarzen. Nach gxf5 käme Ld3+ nebst Matt. Schwarz gab auf.
cutter - 03. Sep '15
Eine wirklich tolle Partie, auch wenn der Fehlgriff von Schwarz im 25. Zug diesen spannenden Schluss erst ermöglicht hat.
Danke für den anschaulichen Kommentar.
Grüße cutter
Danke für den anschaulichen Kommentar.
Grüße cutter
Kellerdrache - 03. Sep '15
Das war ja wirklich ein wildes Ding! So eine Stellung in eine eigenen Partie würde mich von den Nerven her umbringen ;-)) und zwar egal ob ich die schwarzen oder weißen Steine hätte.
Der weiße Aufbau sieht natürlich sehr ungesund aus und sollte vermutlich nicht nachgemacht werden. Auf die Schnelle wüsste ich Ihn aber auch nicht zu widerlegen.
Der weiße Aufbau sieht natürlich sehr ungesund aus und sollte vermutlich nicht nachgemacht werden. Auf die Schnelle wüsste ich Ihn aber auch nicht zu widerlegen.
Vabanque - 03. Sep '15
Vielleicht wäre die Eröffnung ja auch was für die Exoten-Serie gewesen ;)
Dort hatten wir ja auch schon diskutiert, dass man so etwas in der Regel nicht wirklich widerlegen kann.
Dort hatten wir ja auch schon diskutiert, dass man so etwas in der Regel nicht wirklich widerlegen kann.
koeppi - 05. Sep '15
wieder mal eine gut kommentierte Partie.
Zu den Exotischen Eröffnungen sag ich mal so viel... Man weiß, dass es "falsch" und fühlt sich automatisch dazu "gezwungen" dem Gegner zu zeigen, dass er mit seinem Exoten nicht korrekt spielt und macht dann zwangsläufig selbst irgendwann den entscheidenden Fehler...
Zu den Exotischen Eröffnungen sag ich mal so viel... Man weiß, dass es "falsch" und fühlt sich automatisch dazu "gezwungen" dem Gegner zu zeigen, dass er mit seinem Exoten nicht korrekt spielt und macht dann zwangsläufig selbst irgendwann den entscheidenden Fehler...
Vabanque - 07. Sep '15
Ja, genau. Als ich damals als Jugendlicher meine ersten Turnierpartien spielte, war ich sehr 'belesen', wie ich glaubte. Ich 'wusste', dass bestimmte Eröffnungen einfach nicht gut sein konnte, und versuchte sie dann in meinen Turnierpartien mit Gewalt zu 'widerlegen', was natürlich dazu führte, dass ich mich selber in Abgründe verstrickte, aus denen ich nicht mehr herauskam.
Heute bin ich (hoffentlich) erfahrener und weiß (zumindest theoretisch), dass man Vieles nicht direkt widerlegen kann, sondern dass sich die Schwächen mancher Systeme erst langfristig offenbaren, und zwar am besten, indem der Gegner ganz normale, gesunde Züge macht ... hm, ja, alles leichter gesagt als getan :)
Heute bin ich (hoffentlich) erfahrener und weiß (zumindest theoretisch), dass man Vieles nicht direkt widerlegen kann, sondern dass sich die Schwächen mancher Systeme erst langfristig offenbaren, und zwar am besten, indem der Gegner ganz normale, gesunde Züge macht ... hm, ja, alles leichter gesagt als getan :)