Schach

Historische Partie Stalin gegen Jeschow

Tschechov - 07. Jun '18
Eines der Schachbücher, die ich mir zugelegt habe, enthält eine Partie, die Stalin in der Verbannung gegen den späteren NKWD-Chef Nicolai Jeschow spielte. Leider endet die Analyse mit Zug 37 von Weiß (Stalin), ohne die schwarze Antwort und ohne die letzten vier Züge, mit denen Stalin seinen Gegner endgültig mattsetzte. Ist irgendjemand im Besitz der vollständigen Notation und kann mir hier weiterhelfen?
Argenus - 07. Jun '18
Weiterhelfen kann ich dir leider nicht, aber was mich interessieren würde ist, woher du weißt, dass es noch 4 weitere Züge gab. Alles was man dazu im Netz findet, ist die Partie bis Zug 37 - oft versehen mit dem Zweifel, ob Stalin diese Partie überhaupt tatsächlich gespielt hat, da es dafür keine glaubwürdige Quelle gibt.

Beste Grüße
Argenus
Tschechov - 07. Jun '18
Meine Quelle ist auch nicht besonders gut, ich habe die Notation dem Buch "Freude am Schach" von Gerhard Henschel (nicht der bekannte Schriftsteller) entnommen. Dieser schließt die Betrachtung der Partie mit der Bemerkung, erst vier Züge später habe Stalin Jeschow schachmatt gesetzt. Zweifel an der Authentizität sind natürlich erlaubt, bemerkt doch auch Henschel nur, ein alter Mitarbeiter Lenins, dessen Name nicht mehr bekannt sei, habe die Partie aus dem Gedächtnis aufgeschrieben. Mißtrauisch mag auch der Hinweis Henschels stimmen, die Partie sei erstaunlich modern gespielt worden, nimmt man diesen mit der Bemerkung des Autors zusammen, Stalin sei eigentlich kein besonders guter Schachspieler gewesen.
Vabanque - 07. Jun '18
Es handelt sich anscheinend um diese Partie:

chessgames.com/perl/chessgame?gid=1753851

Bis zum Matt dauert es allerdings keine 4 Züge mehr, sondern nur 2, oder?
Tschechov - 07. Jun '18
Natürlich wäre Txg6 Tg7 Dxg7 die logische Zugfolge, aber es ist nicht auszuschließen, daß der sadistische Stalin das Ende seines (ebenso sadistischen) Kontrahenten künstlich hinauszögerte, so wie er den NKWD-Chef ja auch erst 1940, also zwei Jahre nach seinem Sturz, erschießen ließ.
Vabanque - 07. Jun '18
Das Problem mit den meisten Partien, die historischen Personen zugeschrieben werden, ist ihre Authentizität. Es sind Partien überliefert, die angeblich von Napoleon, Rousseau, Karl Marx, Lenin, Tolstoi etc. gespielt wurden. Leider kam in vielen dieser Fälle heraus, dass diese Partien entweder gar nicht von den Personen, denen sie zugeschrieben wurden, gespielt wurden, oder dass sie im äußersten Fall überhaupt nicht gespielt wurden, sondern freie Erfindung (also Schachkompositionen) sind.

Die Partien, die den Komponisten Maurice Ravel und Sergej Prokofiev sowie dem Schauspieler Humphrey Bogart zugeschrieben werden, sollen dagegen authentisch sein.

Ich wehre mich aber dagegen, Stalin in die Reihe der o.g. historischen Persönlichkeiten zu stellen. Partien von geistesgestörten Massenmördern, von Menschenverächtern und Völkervernichtern schaue ich mir nicht an. Ich würde ja auch keine Partie nachspielen, die angeblich von Hitler oder Goebbels gespielt wurde, höchstens als Beweis für deren mangelnde Geistesgaben.

Ich habe mal über eine Partie gelesen, die angeblich Stalin gegen Capablanca gespielt haben soll (leider weiß ich die Quelle nicht mehr). Als Stalin (natürlich!) komplett auf Verlust stand, befahl er (wie wenn er einem Capablanca etwas zu befehlen gehabt hätte ... ), dass das Schachbrett gedreht werden sollte, so dass Capablanca in Stalins Verluststellung weiterzuspielen hatte, was Capablanca in aller Gelassenheit akzeptierte.

Die Geschichte endete aber damit, dass Capa selbst aus dieser Verluststellung heraus Stalin noch mattsetzte, wonach Stalin wütend die Figuren vom Brett gefegt haben soll ... also wieder mal Gewalt als Antwort auf turmhohe geistige Überlegenheit.

Auch hier kann ich mir allerdings kaum vorstellen, dass die in dieser Anekdote geschilderte Begebenheit wirklich authentisch ist.
Kellerdrache - 07. Jun '18
....und wenn sie nicht wahr ist, so ist sie doch gut erfunden!
Vabanque - 07. Jun '18
@Tschechov: In der 'Schlussstellung' ist ja Schwarz dran, und er spielt natürlich Tg7. (Hatte ich vorhin auf dem ersten kurzen Blick auch übersehen) Dann dauert es natürlich schon noch ein paar Züge länger bis zum Matt, ob genau 4, habe ich jetzt auch nicht nachgezählt.
Tschechov - 07. Jun '18
Wahrscheinlich hast Du recht und die Partie ist nicht authentisch. Ich habe ja schon auf die dürftige Quellenlage hingewiesen. Eine historische Persönlichkeit war Stalin dagegen zweifellos, aber das gilt ja eben auch für Hitler und Konsorten. Stalin war einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte und darum nehme ich auch Abstand von meinem ursprünglichen Plan, die Partie hier in der Rubrik "Kommentierte Partien" zu veröffentlichen (eben darum hatte ich nach den verbliebenen Zügen gefragt). Ist wohl doch ziemlich geschmacklos.
Vabanque - 07. Jun '18
>>Eine historische Persönlichkeit war Stalin dagegen zweifellos<<

Eine historische Person sehr wohl, aber keine Persönlichkeit ! Letzterer Begriff ist für mich dahin gehend zu positiv besetzt.

>> und darum nehme ich auch Abstand von meinem ursprünglichen Plan, die Partie hier in der Rubrik "Kommentierte Partien" zu veröffentlichen<<

Vom Grundsätzlichen finde ich das schade, denn ein neuer Kommentator wäre dort immer herzlich willkommen und würde die Landschaft beleben.
Auf der anderen Seite könntest du dir für dein Debut in dieser Rubrik eigentlich schon besser eine Partie eines anderen Spielers aussuchen :)
siramon - 07. Jun '18
Der Begriff Persönlichkeit ist wertfrei (vergl. Duden, Wikipedia) und natürlich waren Stalin, Hitler und Konsorten Persönlichkeiten...
Vabanque - 07. Jun '18
Objektiv mag er wertfrei sein, das wusste ich nicht. Subjektiv ist er es für mich nicht.

Es ist ja häufig so, dass Begriffe von verschiedenen Personen verschieden interpretiert werden.

Daraus ergibt sich auch oft Streit. Hier hoffentlich nicht.
siramon - 07. Jun '18
In der schriftlichen Kommunikation ist es halt wichtig, den Interpretationsspielraum möglichst klein zu halten. Das ist nicht immer einfach, beginnt aber damit, dass man z.B. Begriff richtig verwendet oder dann halt einordnet...

Bis zum Streit ists dann noch ein langer Weg ;-) Erstmal Diskurs *g*
Vabanque - 07. Jun '18
Ich habe halt in meiner Kindheit und Jugend den Begriff 'Persönlichkeit' so vermittelt bekommen, dass er für eine Person steht, zu der man in Bewunderung aufschauen kann.

Nun habe ich also über 50 Jahre alt werden müssen, um zu erfahren, dass diese damals erlernte Interpretation des Begriffs falsch ist.

Man lernt eben nie aus, und ich kann mit der neuen Erkenntnis auch weiterleben :)
kimble - 07. Jun '18
Es ist m.E. eine der schönsten Begleiterscheinungen des Schachs überhaupt, daß es sich um die gesellschaftliche Prominenz oder Nichtprominenz als auch um eine geschichtliche oder historische Größe nicht schert.
Am Brett haben theoretisch alle die gleichen Chancen und das gleiche Rüstzeug.
Insofern kann man natürlich jede Partie, die handelnden Personen außen vorlassend, vorstellen.
Vabanque - 07. Jun '18
So gesehen stimme ich dir natürlich zu. Bei Partien von Schwerstverbrechern und Tyrannen würde ich dennoch eine Grenze ziehen.

In diesen Zusammenhang finde ich es auch eher merkwürdig, wenn manche Kommentatoren den Doktortitel eines Spielers mit angeben (z.B. Dr. Tarrasch, Dr. Tartakower, Dr. Aljechin, Dr. Botwinnik, Dr. Euwe, Dr. Lasker) ... da man guten Gewissens davon ausgehen kann, dass dieser akademische Grad nicht im Schach erworben wurde, sondern in Medizin (Tarrasch), Jura (Tartakower, Aljechin), Elektrotechnik (Botwinnik) oder Mathematik (Euwe, Lasker), ist er fürs Schach nun wirklich komplett unerheblich.
kimble - 07. Jun '18
Die "Dr."- Titulierungsthematik findet sich ja auf jedem Klingelschild..., siehe v.Gutenberg und Melania Trump ist sie ja auch an prominenter Stelle einigen über alles wichtig, wenn auch nicht ohne "engine" erworben um beim Thema zu bleiben.

Anders herum wird für mich ein Schuh draus...
Vier prominente Personen der Weltgeschichte und alle passionierte SchachspielerInnen:
- Katharina die Große
- Bert Brecht
- Helmut Schmidt
- Felix Maggath

Wo sie jeweils ihr Lebenswerk verwirklichten waren sie einzigartig und vielleicht auch in ihrer Zeit alternativlos.
Dass sie auch leidenschaftlich Schach spielten macht sie dem schachspielenden Zeitgenossen vielleicht noch symphatischer, sollte aber das jeweilige schachspielende Vermögen nicht überbewerten. Aufgrund der jeweiligen Prominenz bekommt es Aufmerksamkeit.
Von Katharina der Großen wird behauptet, sie wäre Verhältnisse mit Männern nur eingegangen, wenn diese auch das königliche Spiel beherrschten.
H.Schmidt's Festhalten am Nato Doppelbeschluss wird v.a. in Nachbetrachtung als genialer Schachzug interpretiert...und F.Maggath als der Stratege in der Bundesliga gesehen.
Im Grunde wird ein wie auch immer mehr oder weniger ausgeprägtes Spielvermögen in Relation zu der Person und ihrem Schaffensfeld gesetzt. Ich behaupte mal, in Kenntnis der Bedeutung des Schach als Breitensport mag das die breite Masse sättigen.
Für Deine kommentierten Partien ab FM Niveau dürfte es wohl nicht reichen...;-)
Vabanque - 08. Jun '18
Ich habe mal irgendwo eine Partie von Felix Magath gegen René Gralla gefunden, in der sich Magath als - gelinde gesagt - äußerst mäßiger Spieler ohne jegliches Positionsverständnis erwies.

Generell sind fast alle (authentishen) Partien von Promis, die ich irgendwo mal gefunden habe, äußerst enttäuschend gewesen.

Wenn jemand einen Promi kennt, der ein richtig starker Spieler ist oder war, und dies sogar mit DWZ- oder Elo-Zahlen oder noch besser mit Partien belegen kann, dann bitte nur her damit, ich lasse meine Behauptung in diesem Fall nur allzu gerne widerlegen.
Vabanque - 08. Jun '18
Als Promis, die starke Schachspieler waren, werden vermutlich am häufigsten genannt:

- Humphrey Bogart

- Otto Schily

- Serge Prokofiev

Von Schily kenne ich keine Partien, aber er hatte angeblich mal eine DWZ von ca. 2000, wobei ich nicht weiß, wie gut die Quellenlage ist ...

Von Bogart liest man häufig, er hätte eine Stärke von ca. 2100 (!!) gehabt. Die wenigen Partien, die ich von ihm gefunden habe, zeigen aber - falls sie authentisch sind - , dass diese Einschätzung maßlos übertrieben ist. Ich würde ihn eher so bei 1700-1800 einschätzen, allenfalls.

Prokofiev dagegen besaß tatsächlich beinahe Meisterstärke. Er war mit etlichen GMs befreundet und spielte häufig gegen sie. Capablanca besiegte er sogar in einem Simultan. Leider sind auch von ihm zu wenige Partien überliefert, als dass man eine Spielstärke exakt einschätzen könnte, aber ich würde bei ihm auf 2100-2200 tippen.
Vabanque - 08. Jun '18
Als 'Beweis' für die angeblich überragende Spielstärke von Bogart wird ja meistens das Remis angeführt, das er in einem Simultan gegen GM Reshevsky erreichte.
Nur hat genau diese Partie überhaupt keine Aussagekraft. Die Schlussstellung ist keineswegs Remis. Gerade Reshevsky hätte so ein Endspiel in einer ernsthaften Partie sogar gegen einen GM-Kollegen unerbittlich und gnadenlos auf Gewinn weitergespielt.
Doch dies war ein Simultan, und wer sich mit Simultanveranstaltungen auskennt, weiß, dass der Simultanspieler oft gerne relativ frühzeitig ein paar Partien Remis gibt, um sich die Gesamtlage damit etwas zu erleichtern.
Außerdem war Bogart zum Zeitpunkt dieser Partie bereits todkrank, so dass zu vermuten ist, dass das Remisangebot eine schöne Geste von Reshevsky war, um seinem Freund damit quasi noch eine letzte Freude zu bereiten.
kimble - 08. Jun '18
Hab Herrn Magath gestern abend mit zwei "g" geschrieben, tut ja heute in den Augen weh, sorry...

Ansonsten @vabanque, Danke für die ausführliche Untermauerung meiner Einschätzung...:-)
Vabanque - 08. Jun '18
Naja, nachdem ich eh kein Fußballfan bin, habe ich über die falsche Schreibweise von Mag(g)ath großzügig hinweggesehen ...

Außerdem ist die Schreibweise von Namen oft nicht einheitlich: Botvinnik - Botwinnik,
Petrosjan - Petrosian, Shirov - Schirow, Korchnoi - Kortschnoj, Polugajewski - Polugaevsky etc.

Hier ist übrigens die erwähnte Partie Gralla - Magath:

chessgames.com/perl/chessgame?gid=1657817
Vabanque - 08. Jun '18
Wenn ich mir diese Partie jetzt noch einmal so durchspiele, finde ich, dass mein obiges Urteil 'mäßiger Spieler ohne Positionsverständnis' für Magath doch ein wenig hart war.
Freilich, es kommen schon Züge vor, die kein gutes Positionsverständnis verraten, z.B. 11... Sh5 (wahrscheinlich wollte der nach f4?), was er dann einsichtsvoll zwei Züge später 'zurücknimmt', wo der S wieder nach f6 geht.
18... Lg5 ist jetzt auch kein besonders begnadeter Zug. Sicher, er will seinem Le7 etwas mehr Lebensraum verschaffen, aber durch den Abtausch wird sein ganzer Damenflügel schutzlos, was Gralla sofort nachweist.
Den Sinn von 28... Td8 habe ich jetzt auch nicht sofort verstanden, aber dann bemerkte ich, dass damit ja 29... Sc8 vorbereitet wird, was zugleich das Eindringen eines weißen Turmes auf a7 verhindert und den Bauern b3 angreift. Also doch durchdachte Magathsche Pläne? Nun ja, Weiß deckt halt den b3-Bauern, und die schwarze Stellung ist an Passivität nicht zu toppen.
Den weißen Turm auf a4 zu tauschen, finde ich ebenfalls keine besonders gute Idee, weil dann der andere weiße Turm gleich die schöne freie b-Linie bekommt und der entstehende Freibauer auf der a-Linie mindestens so gefährlich ist wie vorher der auf der b-Linie.
Ab 35. Tb7 braucht man das schwarze Spiel nicht mehr zu kritisieren, weil Magaths Stellung dann schon jenseits von Gut und Böse ist.

Man muss aber konstatieren, dass Magath hier trotzdem eine ganz ordentliche Vorstellung abgibt. Er schießt keinen wirklichen Bock (ganz anders als Sting in der berühmten Partie gegen Kasparov, wo Sting einen Einsteller nach dem anderen abliefert). Auf keinen Fall ist das Magathsche Spiel peinlich. Gralla muss teilweise schon sehr feine Züge finden, um zu gewinnen, und er tut es ja auch. Magath spielt lediglich planlos, was sein Gegner äußerst kraftvoll ausnutzt.
Vabanque - 08. Jun '18
Ich denke, mehr als 99% aller Fußballspieler hätten hier eine deutlich schlechtere Partie gespielt als Magath.

Obwohl, GM Adgestein aus Norwegen war ja Fußballprofi, bevor er Schachprofi wurde.

Aber er ist wohl dahin gehend auch eine absolute Ausnahmeerscheinung.
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