Kommentierte Spiele

Drachenarchiv: Exot Nr.2

Kellerdrache - 29. Mär '15
Hier ist die zweite der "exotischen Partien, die ich in meinem Archiv gefunden habe. Wie auch im ersten Beispiel wird die exotische Eröffnung von jemandem gespielt, der denselben Aufbau regelmäßig spielt und sich dort zuhause fühlt. Im letzten Beispiel, das ich später mal hier zeigen will, improvisiert mein Gegner einfach drauf los.
Die Qualität der Partie, vor allem des Endes ist nicht sehr hoch, aber man bekommt doch einen Eindruck von diesem Aufbau.

Kellerdrache N., N.. Koeln | 1983.05.05 | B07 | 0:1
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
Zum Zeitpunkt dieser Begegnung war ich ein sogenanntes aufstrebendes Talent. Zwar spielte ich in der untersten Liga, aber es gab einige Spieler, die mich für höhere Aufgaben geeignet sahen. Nach dieser Partie entschied man ich wäre wohl doch noch nicht soweit. 1. e4 d6 2. d4 c6 Hier war ich das erste mal überrascht. Ich erinnerte mich aber in einer GM-Partie mal den Aufbau mit c6, d6,e5,Sbd7 und Sf6 gesehen zu haben 3. Sc3 b5 Das ist der Nachteil wenn man gegen exotische Eröffnungen spielt. Man weiß nicht wohin die Reise geht und kommt so oft ungewollt dem Gegner entgegen. Mit Sc3 habe ich ihm freundlicherweise ein Angriffsziel für seinen b-Bauern hingestellt. Le3 hätte sich erstmal weniger festgelegt 4. Sf3 Lg4 Wie mir der Spieler der schwarzen Steine erklärte soll der Damenspringer auf d7. Der Lc8 muß dann oft eine Weile warten bevor er aktiviert werden kann. Ich habe also auch hier, ohne einen schlechten Zug zu machen, meinem Gegner bei seinen Plänen geholfen. 5. Le2 Sd7 6. O-O Sgf6 7. a3 g6 Noch den Läufer auf g7, kurz rochieren und dann z.B. mit a5, b4 am Damenflügel angreifen. Der Nachziehende fühlt sich sauwohl 8. h3 Lxf3 9. Lxf3 Lg7 Schön wäre hierauf schon 10.e5. Ich hatte nur 10...dxe5 11. dxe5 Sxe5 mit Deckung des Bauern auf c6 berechnet. Aber auf 10..dxe5 geht direkt 11. Lxc6. z.B. 11...exd4 12.Sxb5. In Stellungen, die man nicht kennt fehlt einem oft der Mut aktiv zu werden. 10. Te1 e5 11. xe5 xe5
Sxe5 12. Lf4 Sxf3+ 13. Dxf3 O-O 14. Tad1 Se8
12. Le3 O-O 13. Dd2 a5 14. Tad1 De7 Ich finde auf c7 stünde die Dame auch nicht schlecht, weil dann ein Plan mit Sd7-b6-c4 möglichwäre 15. Lh6 Tfd8 Man gibt ja selten den Fianchettoläufer freiwllig her, allerdings ist hier nicht zu sehen wie Weiß auf die Schnelle einen Königsangriff zaubern soll 16. Lxg7 Kxg7 17. De3 b4 Die nächsten schwarzen Züge dienen alle dem Angriff auf e4. Zuerst werden die Verteidiger entfernt, dann kommt die Belagerung 18. Se2 Sb1 sah mir zu passiv aus, doch Se2 ist bestimmt nicht besser, da er noch zusätzlich die Deckung durch den Te1 unterbricht Dc5 19. Dxc5 Sxc5 20. Sg3 Td7 Bringt nichts! Natürlich werden ich die Verdopplung nicht zulassen. Nach dem Tausch auf d7 muß er mit einem der Springer nehmen und damit den Druck auf e4 vermindern 21. Txd7 Sxd7 22. Lg4 Diese Partie ist schon etwas älter. Ich erinnere mich daher nicht ob ich übermüdet oder in Zeitnot war. Den Sinn dieses Zuges kann ich jedenfalls heute nicht mehr erklären Tb8 23. Td1 Tb7 Es gibt eigentlich keine lebenswichtige Aufgabe für den Springer auf d7. 23...Sf6 wäre durchaus möglich gewesen 24. xb4 xb4 25. Sf1? Der anvisierte Weg ist f1-e3-c4 und eventuell d6. Ich hatte gesehen, dass ich hiermit die letzte Deckung von e4 entferne, aber Sxe4 geht ja nicht weil dann eine Deckung des Sd7 fehlen würde. Nachdem mein Gegner und ich mehrere Züge lang so getan hatten als müsse der Springer unbedingt auf d7 stehn bleiben hatte ich den nächsten Zug überhaupt nicht auf meinem Radar
25. Td6 Tc7 26. Lxd7 Sxd7
Sf6 Der Bauer ist jetzt zweimal angegriffen. 26. f3??
26. Td6 Tc7 27. Lf3
h5 und weg ist er ! Nach 27.Lc8 kommt Tc7
PGN anzeigen
[Site "Koeln"]
[Date "1983.05.05"]
[White "Kellerdrache"]
[Black "N., N.."]
[Result "0-1"]
[ECO "B07"]
[PlyCount "52"]

{Zum Zeitpunkt dieser Begegnung war ich ein sogenanntes aufstrebendes Talent.
Zwar spielte ich in der untersten Liga, aber es gab einige Spieler, die mich
für höhere Aufgaben geeignet sahen. Nach dieser Partie entschied man ich wäre
wohl doch noch nicht soweit.} 1. e4 d6 2. d4 c6 {Hier war ich das erste mal
überrascht. Ich erinnerte mich aber in einer GM-Partie mal den Aufbau mit c6,
d6,e5,Sbd7 und Sf6 gesehen zu haben} 3. Nc3 b5 {Das ist der Nachteil wenn man
gegen exotische Eröffnungen spielt. Man weiß nicht wohin die Reise geht und
kommt so oft ungewollt dem Gegner entgegen. Mit Sc3 habe ich ihm
freundlicherweise ein Angriffsziel für seinen b-Bauern hingestellt. Le3 hätte
sich erstmal weniger festgelegt} 4. Nf3 Bg4 {Wie mir der Spieler der schwarzen
Steine erklärte soll der Damenspringer auf d7. Der Lc8 muß dann oft eine Weile
warten bevor er aktiviert werden kann. Ich habe also auch hier, ohne einen
schlechten Zug zu machen, meinem Gegner bei seinen Plänen geholfen.} 5. Be2 Nd7
6. O-O Ngf6 7. a3 g6 {Noch den Läufer auf g7, kurz rochieren und dann z.B. mit
a5, b4 am Damenflügel angreifen. Der Nachziehende fühlt sich sauwohl} 8. h3
Bxf3 9. Bxf3 Bg7 {Schön wäre hierauf schon 10.e5. Ich hatte nur 10...dxe5 11.
dxe5 Sxe5 mit Deckung des Bauern auf c6 berechnet. Aber auf 10..dxe5 geht
direkt 11. Lxc6. z.B. 11...exd4 12.Sxb5. In Stellungen, die man nicht kennt
fehlt einem oft der Mut aktiv zu werden.} 10. Re1 e5 11. dxe5 dxe5 (11... Nxe5
12. Bf4 Nxf3+ 13. Qxf3 O-O 14. Rad1 Ne8) 12. Be3 O-O 13. Qd2 a5 14. Rad1 Qe7 {
Ich finde auf c7 stünde die Dame auch nicht schlecht, weil dann ein Plan mit
Sd7-b6-c4 möglichwäre} 15. Bh6 Rfd8 {Man gibt ja selten den Fianchettoläufer
freiwllig her, allerdings ist hier nicht zu sehen wie Weiß auf die Schnelle
einen Königsangriff zaubern soll} 16. Bxg7 Kxg7 17. Qe3 b4 {Die nächsten
schwarzen Züge dienen alle dem Angriff auf e4. Zuerst werden die Verteidiger
entfernt, dann kommt die Belagerung} 18. Ne2 {Sb1 sah mir zu passiv aus, doch
Se2 ist bestimmt nicht besser, da er noch zusätzlich die Deckung durch den Te1
unterbricht} Qc5 19. Qxc5 Nxc5 20. Ng3 Rd7 {Bringt nichts! Natürlich werden
ich die Verdopplung nicht zulassen. Nach dem Tausch auf d7 muß er mit einem
der Springer nehmen und damit den Druck auf e4 vermindern} 21. Rxd7 Nfxd7 22.
Bg4 {Diese Partie ist schon etwas älter. Ich erinnere mich daher nicht ob ich
übermüdet oder in Zeitnot war. Den Sinn dieses Zuges kann ich jedenfalls heute
nicht mehr erklären} Rb8 23. Rd1 Rb7 {Es gibt eigentlich keine lebenswichtige
Aufgabe für den Springer auf d7. 23...Sf6 wäre durchaus möglich gewesen} 24.
axb4 axb4 25. Nf1$2 {Der anvisierte Weg ist f1-e3-c4 und eventuell d6. Ich
hatte gesehen, dass ich hiermit die letzte Deckung von e4 entferne, aber Sxe4
geht ja nicht weil dann eine Deckung des Sd7 fehlen würde. Nachdem mein Gegner
und ich mehrere Züge lang so getan hatten als müsse der Springer unbedingt auf
d7 stehn bleiben hatte ich den nächsten Zug überhaupt nicht auf meinem Radar} (
25. Rd6 Rc7 26. Bxd7 Nxd7) 25... Nf6 {Der Bauer ist jetzt zweimal angegriffen.}
26. f3$4 (26. Rd6 Rc7 27. Bf3) 26... h5 {
und weg ist er ! Nach 27.Lc8 kommt Tc7} 0-1
Vabanque - 29. Mär '15
Nun ja, was der Schwarze hier spielt, ist im Prinzip ein Pirc-Aufbau mit Zugumstellung, also nicht sooo exotisch. Gegen so etwas kam ich als Weißer auch nie zurecht. Man kann sich dann nicht in klassischer Weise entwickeln, weil man irgendwann nur dumm rumsteht und keinen Plan hat. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es sehr schwer ist, gegen so etwas als Weißer zu spielen. Diese Partie bestätigt das wieder mal. Ich frage mich dann natürlich umgekehrt, warum ich nicht einfach als Schwarzer diesen Aufbau spiele, wenn man da so einfach eine gute Stellung erlangt. Bin mir aber andererseits ziemlich sicher, dass mir das als Schwarzer auch nicht gelingen würde.
Vabanque - 26. Apr '15
Schade, dass sonst niemand etwas zu dieser Partie zu sagen wusste.
Aber immerhin sehe ich jetzt, dass dein Beitrag mittlerweile auch mit '+' bewertet wurde. Manchmal dauert es eben etwas länger, bis fachliches Engagement auch gewürdigt wird. Man erfährt das ja auch regelmäßig im Arbeitsleben.
Kellerdrache - 27. Apr '15
Ich muss mich an dieser Stelle entschuldigen. Eigentlich hatte ich ja noch eine dritte Exotenpartie versprochen, aber so wie es aussieht hab ich die in meiner perfekten Ordnung verbummelt.
Eventuell schau ich ersatzweise mal bei GMs in die Schatztruhe, ob sich da was finden lässt. Vielleicht passieren ja Zeichen und Wunder und die verlorene Partie taucht wieder auf.
pirc_ - 27. Apr '15
@Vabanque: du weisst doch hier lesen viele mit, ich denke man kann sogar von stammlesern reden und viele geben +, auch wenn wenige was sagen ;-)
nun zu dem pirc-aufbau muss ich natürlich was sagen: es ist zwar zugumstellung, aber nach meiner OTB-Erfahrung ist b5 nicht sehr zu empfehlen, auch wenn es hier gut ging...irgendwie stand ich da immer schlecht wenn ich es gezogen habe, in der partie weist kellerdrach ja darauf hin, wie verwickelt es nach 10.e5 schon wird :-)
Vabanque - 27. Apr '15
Und ich stand immer schlecht (mit Weiß), wenn der Gegner es gezogen hat ... naja, was sicher richtig ist, solche Züge muss man energisch ausnutzen. Verpasst man die Gelegenheit, steht der andere plötzlich wirklich gut (wie man sieht).

Aber es ist schön zu sehen, dass manche Leute, die nicht mehr schreiben, wenigstens hier noch lesen ... obwohl ich die lustigen Kurzpartien schon vermisse. Ich hatte mich immer gescheut (und tue es noch), Partien mit unter 20 Zügen hier einzustellen, weil ich immer dachte, das ist doch pirc_'s Metier ;)
Colorado77 - 28. Apr '15
Also gut, ich schreib mal was dazu.

Nix tiefgründiges, dazu müsste eine ordentliche Analyse gemacht werden.

Zunächst ist Sc3 gar kein schlechter Zug, sondern normale Entwicklung. Er ist auch kein Angriffsziel für den b Bauern, da ein sofortiger Vormarsch IMMER auch mit Nachteilen behaftet ist.
Insofern ist weisses a3 unnötig, denn nach einem schwarzen b4 kann man den DF aufrollen mit a3! Einzigst die Deckung des Be4 muss natürlich sichergestellt sein.

DER Fehler ist Sf3.
In diesem PIRC ist der Lc8 oft die Problemfigur (kennt man von anderen Eröffnungen auch, zB Modernes Benoni, wo der Lc8 den Sf3 schlägt, um Druck vom Punkt e5 zu nehmen). Genauso hier.

Überlegung ist, dass schwarze Endspiele immer gut sind, wenn ein schwarzer Springer auf den weissfeldrigen Läufer trifft (Zentrum verriegelt mit e4/e5).

Grundsätzlich ist der gefährlichste Plan gegen Pirc der 150er Attack:
Le3 + Dd2, oft 000 (hier nicht, da schnelles b5 kam), und Lh6 nebst h4, h5 etc.

Weitere Punkte:
Der Le2 wäre besser durch Ld3 ersetzt worden.
Schau Dir statt Le3 mal Dd6 an (Rochade und xc6...).

Gruss

C.77
Kellerdrache - 29. Apr '15
Erstmal Danke an Colorado für die erwähnten Punkte. Was den Pirc-Aufbau angeht hast du schon recht. Mir war allerdings zu dem Zeitpunkt von Sf3 noch nicht klar, dass ich mich hier im Pirc befinde. Das ist ja eben das Hässliche bei Zugumstellungen. den Zug a3 hab ich übrigens wirklich nur zur Sicherung des Bauern e4 gemacht.