Kommentierte Spiele
Carl Schlechter (III): Schlechter-Maroczy 1907
Vabanque - 13. Feb '15
Nicht nur Hasenrat zuliebe setze ich meine kleine Reihe über Carl Schlechter nach längerer Zeit mit einer neuen Folge fort.
Der als 'friedfertig' bekannte Schlechter wählt in dieser Partie eine völlig symmetrische Eröffnungsvariante. Allerdings reizt ihn sein Gegner, der ungarische Spitzenspieler Maroczy (der zeitweise als Anwärter auf den Weltmeisterthron galt), mit seinem 12. und insbesondere 17. Zug. Plötzlich sieht Schlechter seine Chance, sein Ehrgeiz erwacht, und er hämmert auf den Gegner ein, ohne ihm irgendeine Atempause zu gönnen. Ein unterhaltsames Spektakel, das Schlechter seinerzeit verdientermaßen einen Schönheitspreis einbrachte.
Ich habe diesmal die Kommentare etwas ausführlicher gestaltet, um den möglichen Gedankengängen der Spieler während der Partie ein wenig nachzuspüren. Ich hoffe, mein Geschreibse wird nicht als zu langatmig empfunden. Ich selber finde lange verbale Erläuterungen lesbarer als lange Analysen - aber das sieht sicher jeder anders.































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Der als 'friedfertig' bekannte Schlechter wählt in dieser Partie eine völlig symmetrische Eröffnungsvariante. Allerdings reizt ihn sein Gegner, der ungarische Spitzenspieler Maroczy (der zeitweise als Anwärter auf den Weltmeisterthron galt), mit seinem 12. und insbesondere 17. Zug. Plötzlich sieht Schlechter seine Chance, sein Ehrgeiz erwacht, und er hämmert auf den Gegner ein, ohne ihm irgendeine Atempause zu gönnen. Ein unterhaltsames Spektakel, das Schlechter seinerzeit verdientermaßen einen Schönheitspreis einbrachte.
Ich habe diesmal die Kommentare etwas ausführlicher gestaltet, um den möglichen Gedankengängen der Spieler während der Partie ein wenig nachzuspüren. Ich hoffe, mein Geschreibse wird nicht als zu langatmig empfunden. Ich selber finde lange verbale Erläuterungen lesbarer als lange Analysen - aber das sieht sicher jeder anders.
Carl Schlechter Geza Maroczy 1st Trebitsch Memorial | Vienna AUT | 2 | 1907.01.11 | D02 | 1:0
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5
4
3
2








a
1

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f

g

h

1. d4 d5 2. Sf3 c5 3. e3 e6 4. c4 Sf6 5. a3 Mit diesem scheinbaren 'Anfängerzug' verbindet Weiß den Plan, nach einem Entwicklungszug des schwarzen Königsläufers (Ld6 oder Le7) auf c5 zu tauschen und b2-b4 folgen zu lassen, wonach dem weißen Damenläufer auf b2 eine schöne Diagonale winkt. Daher wartet Schwarz nun so lange wie möglich mit der Entwicklung seines Lf8, damit Weiß seinen Plan nur unter Tempoverlust durchführen kann. Sc6 6. Sc3 xc4 Ein wenig seltsam mutet schon an, das Schwarz nun selber den Tempoverlust begeht, zu dem er Weiß verleiten wollte. Aber mit dem Textzug geht Schwarz zum angenommenen Damengambit über. 7. Lxc4 a6 8. O-O b5 9. Ld3 Natürlich gibt es hier für Schwarz keinen Bauern auf d4 zu gewinnen, da nach 9... cxd4 10. exd4 Sxd4?? 11. Sxd4 Dxd4 die schwarze Dame durch das Abzugsschach 12. Lxb5+ verloren ginge. Schwarz hätte hier aber trotzdem cxd4 spielen können, um den weißen d-Bauern zu isolieren. So wie er spielt, entsteht gleich eine völlig symmetrische Stellung. Lb7 10. xc5 Lxc5 11. b4 Ld6 12. Lb2 In dieser Stellung wären auf Grund fehlender Bauernmehrheiten alle resultierenden Endspiele völlig gleich stehend; es könnte auf beiden Seiten kein Freibauer gebildet werden. Eine mögliche Verschärfung der Lage kann also nur über Figurenmanöver erfolgen. Se5!? Schwarz versucht es. Sein Versuch ist gar nicht schlecht, obwohl die Rochade sicherer war. 13. Sxe5 Lxe5 14. f4 Lc7 Der Läufer geht nach c7 statt nach d6, um später auf b6 eine neue schöne Diagonale zu finden, da ihm seine jetzige durch den weißen Zug f4 ja versperrt ist. Allerdings setzt Schwarz diese Idee später nicht um. 15. De2 Hier war 15. a4!? interessant, um den Umstand auszunutzen, dass der schwarze schwarzfeldrige Läufer nicht auf d6 steht, b4 also nach weißem a2-a4 nicht hängt. Die Möglichkeit eines Spiels am Damenflügel kommt Weiß aber offenbar gar nicht in den Sinn. O-O 16. Tad1 Immer noch war a4 möglich. Weiß hat aber einen anderen Plan: er möchte am Königsflügel angreifen. Das ist zwar nicht stellungsgemäß, hat aber auf Grund späterer schwarzer Ungenauigkeiten überraschend schnell Erfolg. De7 Die Dame musste dem weißen Td1 natürlich ausweichen, um nicht durch Lxh7+ erobert zu werden. 17. e4 Ein moderner Spieler hätte hier wahrscheinlich g2-g4!? gezogen. Vor 100 Jahren galt so ein Aufzug des g-Bauern, vor allem nach der eigenen kurzen Rochade, als 'Harakiri-Zug'. Im zeitgenössischen Großmeisterschach ist es hingegen nach Aussage eines bekannten Kommentators (leider habe ich vergessen, wer es war, es könnte GM Bischoff gewesen sein oder auch GM Short) so, dass sich gar nicht mehr die Frage stellt, ob der Zug g2-g4 kommen wird, sondern nur noch, wann er kommt. Das ist natürlich sehr überspitzt formuliert, beinhaltet jedoch auf alle Fälle ein Körnchen Wahrheit und zeigt jedenfalls die Wandlung des Spielstils im Spitzenschach auf. - Der Textzug sieht optisch mit dem 'drohenden' Bauernpaar e4 und f4 gut aus, öffnet jedoch dem schwarzen Lc7 die Diagonale b6-g1. Erinnerungen an die berühmte Partie Rotlewi-Rubinstein von 1907 werden wach, wo es Rubinstein gelang, aus einer ähnlichen Stellung mit den schwarzen Steinen einen spektakulären Opferangriff zu zaubern. e5?! Schwarz antwortet jedoch, im Bestreben, den vermeintlich drohenden Vormarsch der weißen Zentralbauern einzudämmen, mit einem Fehler. Nach Lb6+ oder Tad8 wäre er gut gestanden; e4-e5 war nicht zu fürchten, da dies nur dem zweiten schwarzen Läufer (nämlich dem auf b7) die Diagonale geöffnet hätte und außerdem das Feld d5 für die schwarzen Figuren freigegeben hätte. 18. Sd5! Weiß ist auf der Höhe und nutzt die schwarze Ungenauigkeit sofort aus. Diesen Antwort hat Maroczy bei seinem 17. Zug offenbar übersehen. Sxd5 Da die schwarze Dame kein gutes Feld hat (sie kann insbesondere nicht c7 und e5 zugleich decken), muss Schwarz nehmen. Von einigen Kommentatoren wurde das Schlagen mit dem Läufer (Lxd5) als besser empfohlen, weil dann der Sf6 als Verteidigungsfigur am Königsflügel bleibt und Schwarz nach etwa 19. exd5 Tfe8 20. Tfe1?! die Möglichkeit e5-e4 hat. Allerdings sind alle Analysen und Einschätzungen in derart komplizierten Stellungen, in denen jedoch die beiderseitigen Züge nicht erzwungen sind, immer mit Vorsicht zu genießen. 19. xd5 Nun ist dem Ld3 die Diagonale gegen h7 geöffnet, und außerdem hängt e5. Tfe8?! Ein zweiter Fehler folgt - wie meist in bereits schwieriger Lage - dem ersten hinterher. Nach 19... Lxd5 wäre das befürchtete 20. Lxh7+ nebst Txd5 gar nicht so schlimm für Schwarz gewesen, was man natürlich hinterher in ruhiger Heimanalyse leicht feststellen kann. Jeder Turnierspieler weiß, dass die Situation am Brett eine gänzlich andere ist. Mit dem Textzug deckt Schwarz e5, aber Schlechter weist schnell nach, dass diese 'Deckung' illusorisch ist. 20. xe5 Lxe5? Und jetzt der endgültige Verlustzug. Immer noch war Lxd5 das kleinere Übel. 21. Lxh7+! Nun ist das Opfer sehr viel stärker als nach 19... Lxd5 oder 20... Lxd5; wieso das der Fall ist, zeigt sich gleich. Kxh7 Nach Kh8 gewinnt Dh5; auf Kf8 jedoch entscheidet 22. Lxe5 Dxe5 23. Txf7+! Kxf7 24. Tf1+ Df6 (denn Ke7 unterbräche ja die Deckung der De5 durch den Te8) 25. Dh5+ nebst Txf6, und der weiße Angriff wird - zusammen mit dem Übergewicht von 2 Bauern - entscheiden. Dass Schwarz zwei Türme für die Dame bekommt, hilft ihm hier nichts. Normalerweise sind die Türme zwar stärker, aber nur wenn sie zusammenwirken können. Wenn dagegen - wie hier - der König der Turmpartie exponiert ist und vielen Schachs ausgesetzt ist, ist die Dame stärker. (Wenn ich mich recht erinnere, stammt diese Regel bereits von Lasker.) 22. Dh5+ Kg8 23. Lxe5 Die erste Pointe des Opfers zeigt sich: Wenn Schwarz 23... Dxe5 schlägt, so erfolgt 24. Dxf7+ (was nur dank dem 19. Zug von Schwarz möglich ist, da der schwarze Turm jetzt nicht mehr auf f8 steht!) nebst 25. Dxb7 und Weiß hat in Gewinnstellung zwei Bauern eingeheimst. Etwas komplizierter gewinnt hier 25. Tf5 (hier die Analye mit 'und gewinnt' abzubrechen, wird der bei einem solchen Zug nötigen Rechenarbeit am Brett nicht gerecht) De3+ 26. Kh1 De1+ 27. Txe1 Txe1+ 28. Tf1 (die Grundreihe ist also ausreichend verteidigt und Weiß behält die Dame für Turm und Läufer). f6 g6? 24. Dh8# ging natürlich nicht. Der Textzug sieht immerhin so aus, wie wenn Schwarz noch mitspielen würde. 24. Lxf6!! Das war allerdings eine Illusion; die letzte, der sich Schwarz in dieser Partie hingeben durfte. xf6 25. Td3 Nun ist der schwarze König in einer völlig hilflosen Lage. Um das Matt aufzuschieben, muss Schwarz mindestens die Dame geben. Dh7 26. Tg3+ Kh8 Jetzt konnte Schlechter mit Damentausch nebst Tf4 das Matt erzwingen. 27. Df3 Merkwürdigerweise übersieht er den einfachsten Weg zum Gewinn; doch der geschehene Zug, der Dxf6+ nebst Matt wie auch Th3 droht, reicht völlig aus. Wenn man einen sicheren Gewinnweg sieht, sucht man ja in der Regel nicht nach einem noch stärkeren Zug. Df7 28. Dg4 Schneidet dem schwarzen König den Weg über die g-Linie ab, so dass auf alle Fälle Th3(+) entscheidet. Schwarz gab daher auf. Es ist sicher nicht oft gelungen, den großen Verteidigungskünstler Maroczy derart eklatant zu besiegen.
Hasenrat - 13. Feb '15
Ah, da freue ich mich schlechterdings auf einen Schlechter-Abend!
Hasenrat - 13. Feb '15
Ja, gefällt mir!
Und der textreichere Kommentar gefällt mir auch sehr gut. Lieber viele, gut lesbare, erklärende Worte als viele Notationsfolgenverästelungen, in denen ich mich oft verheddere ... (mit den Augen und im Kopf).
Und der textreichere Kommentar gefällt mir auch sehr gut. Lieber viele, gut lesbare, erklärende Worte als viele Notationsfolgenverästelungen, in denen ich mich oft verheddere ... (mit den Augen und im Kopf).
Turbohans - 14. Feb '15
Wunderbar beschrieben und erklärt, Respekt Vabanque!
Gefällt mir!
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Vabanque - 14. Feb '15
Danke an Euch!
Es ist ja auch eine schöne Partie, da macht das Kommentieren Spaß.
Es ist ja auch eine schöne Partie, da macht das Kommentieren Spaß.
Kellerdrache - 17. Feb '15
Klasse Partie von Herrn Schlechter. Von wegen friedfertig - Wie hat mal ein Zirkuslöwe gesagt ? "Ich bin ja ein lammfrommes Tier, aber wenn man mir den Kopf ins Maul steckt beiß ich ihn halt ab !"
So einen Zug wie 17...e5 würden in dieser Stellung wahrscheinlich die meisten schwächeren Spieler (wie ich) automatisch machen und doch ruiniert er die Partie für Schwarz.
Auch durch deine Kommentare eine unterhaltsame und lehrreiche Partie. Bitte weiter so !
So einen Zug wie 17...e5 würden in dieser Stellung wahrscheinlich die meisten schwächeren Spieler (wie ich) automatisch machen und doch ruiniert er die Partie für Schwarz.
Auch durch deine Kommentare eine unterhaltsame und lehrreiche Partie. Bitte weiter so !
Vabanque - 17. Feb '15
17... e5 sieht so 'logisch' aus, um im Zentrum entgegenzutreten, aber Schlechter hatte in dieser Partie die bessere Logik :)