Kommentierte Spiele

Glanzpartien unbekannter Spieler (XLI)

Vabanque - 23. Okt '24
Ich möchte die Sparte 'Kommentierte Spiele' mal wieder etwas beleben. Auch wenn größtenteils wenig Resonanz zu den geposteten Partien erfolgt, so denke ich doch (und es wurde mir auch immer mal wieder geschrieben), dass so einige Schachfreunde hier mitlesen, ohne dann jedoch etwas zu schreiben. An der Resonanz werde ich mich also nicht mehr orientieren. Wenn mir eine Partie zeigenswert erscheint (und sie für mich einfach zu kommentieren ist, was für viele zeigenswerte Partien leider überhaupt nicht zutrifft!), dann werde ich sie hier (in unregelmäßiger Folge) bringen.

Seit 2018 habe ich die Reihe 'Glanzpartien unbekannter Spieler' nicht mehr wieder aufgenommen; trotzdem fahre ich einfach in der Zählung fort, das ist einfacher als eine neue Reihe zu beginnen.

Die diesmalige Folge ist dem ursprünglich ukrainischen, später kasachischen Spieler Boris Katalymov (1932-2013) gewidmet. Unbekannt blieb er wohl lange Zeit wohl hauptsächlich deswegen, weil zunächst überhaupt nicht außerhalb der Sowjetunion gespielt hat (nur die absoluten Top-Spieler bekamen damals die Gelegenheit dazu). Allerdings gewann er mehrfach die Meisterschaft von Kasachstan.

Sein erster internationaler Auftritt dürfte die Senioren-WM 1995 in Bad Liebenzell gewesen sein, bei der er sensationell den 2. Platz hinter Jewgenij Wasjukow belegte. Ein Jahr später bekam er dann - als 64-jähriger - weit überfällig endlich den IM-Titel verliehen. In seiner besten Zeit dürfte er GM-Stärke gehabt haben.

Von besagter Senioren-WM stammt auch die folgende Partie gegen Efim Stoljar, in der er aus einer ruhigen Eröffnung heraus im 8. Zug ein Bauernopfer bringt, das sein Gegner nicht hätte annehmen dürfen, da er dadurch in einen wahren Angriffswirbel geriet.

Katalymov, Boris Stoliar, Efim Samoilovich Ch World (seniors), XI | Bad Liebenzell | 11 | 1995 | 1:0
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. c4 e6 2. g3 d5 3. xd5 xd5 4. Lg2 Sf6 5. Sf3 c6 6. O-O Ld6 7. d3 O-O 8. Sbd2 Bisher sieht alles sehr ruhig aus. Niemand kann hier ahnen, dass bereits weitere 8 Züge später Schwarz auf verlorenem Posten stehen wird. Te8 Um das beabsichtigte e4 zu verhindern. 9. e4!? Weiß spielt es dennoch - als Bauernopfer! xe4 10. xe4 Sxe4? Schwarz lässt es sich zeigen. Er sieht keine Gefahr - zu Unrecht! 11. Sxe4 Txe4 12. Sg5 Te7 Das einzige Feld für den angegriffenen Turm, denn andernfalls greift Weiß im nächsten Zug mit Dh5 sowohl h7 wie auch f7 an. Jetzt aber ist f7 vorsorglich gedeckt, und Schwarz könnte auf Dh5 einfach h6 antworten. 13. Dc2 Erzwingt die folgende erhebliche Schwächung der schwarzen Königsstellung. g6 14. Se4! Sehr stark. Es droht hauptsächlich Lg5 mit Qualitätsgewinn. Te6?! Schwarz hätte hier mit z.B. Lf5 die Qualität aufgeben müssen; nun kommt es wesentlich schlimmer. 15. Td1 Wegen der Drohung Lf4 muss Schwarz nun die Fesselung des Ld6 aufheben. Df8 Auch wenn alles gedeckt scheint, ist die schwarze Stellung nun bereits 'reif'. 16. Sxd6 Txd6 17. Lh6! Txd1+
De7 18. Dc5! stellt nicht etwa die weiße Dame ein, sondern gewinnt den Td6, da Txd1+ 19. Txd1 De8
Dxc5 20. Td8+ nebst Matt
20. De5 zum Matt führt. Lehrreiche Grundreihen-Wendungen!
Die Aufgabe der Qualität mit Dxh6 18. Txd6 wäre hier wegen folgendem Tad1 wesentlich schlechter für Schwarz als noch im 14. Zug.
18. Txd1 Dxh6
De7 19. Dc5! wie in der Anmerkung zum vorigen Zug.
De8 19. Dc3! führt ebenfalls zum Matt.
19. Td8+ Df8 Schwarz gibt die Dame, weil er rein materiell dabei noch passabel abschneidet und hofft, den weißen Angriff damit abschwächen zu können.
Kg7 20. Dc3+ (um eine weitere Schwächung der schwarzen Königsstellung 'mitzunehmen', auch sofortiges Txc8 genügt) f6 21. Dc5 (droht Matt auf f8 wie auch auf e7) Kf7
g5 22. Df8+ Kg6 23. De8+ nebst Matt
22. Txc8 , und obwohl Schwarz immer noch einen Mehrbauern besitzt, ist seine Stellung desolat: nicht nur steht sein König äußerst luftig, vor allem ist sein Damenflügel unentwickelbar. Vor allem droht 23. Ld5+ cxd5 24. Dxd5+ oder 24. Dc7+ nebst Te8+.
20. Txf8+ Kxf8 21. Dc3 Le6? Ein letzter Fehler in verlorener Stellung.
Kg8 22. Df6 war bei dem unentwickelten schwarzen Damenflügel auch verloren.
22. Db4+ Und schon gab Schwarz auf, denn es folgt Dxb7 mit Gewinn des Ta8. So kann aus einer geschlossenen Stellung heraus plötzlich ganz explosives Spiel entstehen.
PGN anzeigen[Event "Ch World (seniors), XI"]
[Site "Bad Liebenzell"]
[Date "1995.??.??"]
[Round "11"]
[White "Katalymov, Boris"]
[Black "Stoliar, Efim Samoilovich"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "2455"]
[BlackElo "2380"]

1. c4 e6 2. g3 d5 3. cxd5 exd5 4. Bg2 Nf6 5. Nf3 c6 6. O-O Bd6 7. d3 O-O 8.
Nbd2 {Bisher sieht alles sehr ruhig aus. Niemand kann hier ahnen, dass bereits
weitere 8 Züge später Schwarz auf verlorenem Posten stehen wird.} 8... Re8 {Um
das beabsichtigte e4 zu verhindern.} 9. e4 $5 {Weiß spielt es dennoch - als
Bauernopfer!} 9... dxe4 10. dxe4 Nxe4 $2 {Schwarz lässt es sich zeigen. Er
sieht keine Gefahr - zu Unrecht!} 11. Nxe4 Rxe4 12. Ng5 Re7 {Das einzige Feld
für den angegriffenen Turm, denn andernfalls greift Weiß im nächsten Zug mit
Dh5 sowohl h7 wie auch f7 an. Jetzt aber ist f7 vorsorglich gedeckt, und
Schwarz könnte auf Dh5 einfach h6 antworten.} 13. Qc2 {Erzwingt die folgende
erhebliche Schwächung der schwarzen Königsstellung.} 13... g6 14. Ne4 $1 {Sehr
stark. Es droht hauptsächlich Lg5 mit Qualitätsgewinn.} 14... Re6 $6 {Schwarz
hätte hier mit z.B. Lf5 die Qualität aufgeben müssen; nun kommt es wesentlich
schlimmer.} 15. Rd1 {Wegen der Drohung Lf4 muss Schwarz nun die Fesselung des
Ld6 aufheben.} 15... Qf8 {Auch wenn alles gedeckt scheint, ist die schwarze
Stellung nun bereits 'reif'.} 16. Nxd6 Rxd6 17. Bh6 $1 Rxd1+ (17... Qe7 18. Qc5
$1 {stellt nicht etwa die weiße Dame ein, sondern gewinnt den Td6, da} 18...
Rxd1+ 19. Rxd1 Qe8 (19... Qxc5 20. Rd8+ {nebst Matt} ) 20. Qe5 {zum Matt führt.
Lehrreiche Grundreihen-Wendungen!} ) ( {Die Aufgabe der Qualität mit} 17...
Qxh6 18. Rxd6 {wäre hier wegen folgendem Tad1 wesentlich schlechter für Schwarz
als noch im 14. Zug.} ) 18. Rxd1 Qxh6 (18... Qe7 19. Qc5 $1 {wie in der
Anmerkung zum vorigen Zug.} ) (18... Qe8 19. Qc3 $1 {führt ebenfalls zum
Matt.} ) 19. Rd8+ Qf8 {Schwarz gibt die Dame, weil er rein materiell dabei noch
passabel abschneidet und hofft, den weißen Angriff damit abschwächen zu
können.} (19... Kg7 20. Qc3+ {(um eine weitere Schwächung der schwarzen
Königsstellung 'mitzunehmen', auch sofortiges Txc8 genügt)} 20... f6 21. Qc5
{(droht Matt auf f8 wie auch auf e7)} 21... Kf7 (21... g5 22. Qf8+ Kg6 23. Qe8+
{nebst Matt} ) 22. Rxc8 {, und obwohl Schwarz immer noch einen Mehrbauern
besitzt, ist seine Stellung desolat: nicht nur steht sein König äußerst luftig,
vor allem ist sein Damenflügel unentwickelbar. Vor allem droht 23. Ld5+ cxd5
24. Dxd5+ oder 24. Dc7+ nebst Te8+.} ) 20. Rxf8+ Kxf8 21. Qc3 Be6 $2 {Ein
letzter Fehler in verlorener Stellung.} (21... Kg8 22. Qf6 {war bei dem
unentwickelten schwarzen Damenflügel auch verloren.} ) 22. Qb4+ {Und schon gab
Schwarz auf, denn es folgt Dxb7 mit Gewinn des Ta8. So kann aus einer
geschlossenen Stellung heraus plötzlich ganz explosives Spiel entstehen.} 1-0
cutter - 23. Okt '24
Hat mir gut gefallen. Starkes Spiel von weiß!
Vabanque - 24. Okt '24
Solche Sturmsiege in ca. 20 Zügen erwartet man ja vor allem bei offenen Eröffnungen (1. e4 e5) und da vor allem in Gambiten wie dem Königs- oder Evansgambit. Dass so etwas auch aus einem komplett geschlossenen Aufbau entstehen kann, verblüfft schon sehr.
Oli1970 - 27. Okt '24
Stark gespielte Partie von Katalymov, der es verstand, die Fehler von Stoliar auszunutzen. Ich glaube, die Annahme des Bauernopfers war nicht das Hauptproblem. Ja, ein Vorteil für Weiß, aber die Partie ging erst mit 14...Te6 verloren. Für Katalymov hätte ich 13.Dd3 statt Dc2 stärker eingeschätzt. Das folgende Abspiel hätte es nicht geändert, jedoch zunächst den Ld6 festgepinnt. Das geschieht zwar später durch Td1 ebenfalls, die d-Linie wäre aber wohl stärker besetzt gewesen.
Die Variantenangaben im Endspiel sind sehr ausführlich, danke dafür!
Übrigens ein kleiner Tippfehler im Vorwort - das Bauernopfer hat sich verzählt … ;-)
Vabanque - 27. Okt '24 Bearbeitet
>>Übrigens ein kleiner Tippfehler im Vorwort - das Bauernopfer hat sich verzählt … ;-)<<

Wie meinst du das genau? Ist es nicht Folge XLI? Nach so langer Zeit kann das natürlich vorkommen.

Was die Partie betrifft, so ist es recht typisch, wie ich finde, dass sich Schwarz im 14. Zug nicht zur Hergabe der Qualität entschieden hat. Jede Aufgabe von Material, und sei sie auch gering wie hier, wird erstmal vermieden, so lange man noch eine Möglichkeit dazu sieht. Dass und wie 14... Te6 verliert, wissen wir als Nachspielende der Partie ja jetzt. Aber der Spieler, der am Brett sitzt, sieht das - selbst als starker Spieler (und Schwarz hatte ja auch über 2300) - nicht unbedingt.
Die Annahme des Bauernopfers verliert vielleicht nicht zwingend, aber sie führt jedenfalls zu einer Stellung, die in einer Partie am Turnierbrett sehr schwer zu verteidigen ist (in einer Fernpartie mag das anders aussehen). Deshalb hätte Schwarz schon aus pragmatischen Gründen im 10. Zug besser nicht auf e4 zugegriffen, sondern z.B. Lg4 gespielt und damit versucht, schnell seine Entwicklung zu beenden.
Oli1970 - 27. Okt '24 Bearbeitet
Das habe ich auch gedacht - die Qualität herzugeben wäre völlig untypisch. Das tut man nur, wenn man intensiv analysiert hat oder die Stellung kennt. Da musste man weit voraus sehen. Wenn man die Partie nachspielt, scheint es ja auch so, dass nicht einmal Te6 das große Problem ist - eher, dass nach dem Abspiel keine einzige entwickelte Figur mehr übrig ist. Schwarz hat nichts. So erklärt sich wahrscheinlich dann auch 21...Le6. Der Springer hätte zum Rand gehen oder den Läufer blockieren können. Beides nicht so toll - wobei Sa6 zumindest Db4 verhindert hätte ... gegen Dh8 als Antwort darauf, oder auch auf Sd7, wäre Schwarz aber sicherlich nicht besser gefahren.
Irgendwie ist die Partie ein Musterbeispiel für "stehst du erstmal besser, kommen gute Züge meistens von selbst".
Die Folge dürfte die 41. sein, korrekt. Hat mich überrascht, die Serie ist tatsächlich soweit fortgeschritten! Ich meinte die Zugnummernangabe "im 8. Zug". ;-)
Vabanque - 27. Okt '24
Ja stimmt, das sehe ich erst jetzt ... das Bauernopfer erfolgt natürlich im 9. Zug. Da war wohl eine falsche Erinnerung im Spiel.