Kommentierte Spiele
Bemerkenswerte Endspiele (VI): v. Gottschall-Sämisch 1926
Vabanque - 19. Jul '16
Nach den letztens doch sehr komplizierten Partien hier zur Erholung mal wieder etwas ganz 'Einfaches'.
Erst ganz kürzlich bin ich auf dieses schöne Endspiel gestoßen, wo der sonst eher für seinen exorbitanten Zeitverbrauch (und den Verlust der 'unsterblichen Zugzwangspartie' gegen Nimzowitsch) berüchtigte GM Fritz Sämisch (1896 - 1975) uns wieder einmal die Kraft des Läuferpaars vorführt.
Dies ist eine Partie, die fast völlig ohne Kombinationen auskommt (mit Ausnahme ein paar kleinerer taktischer Kniffe, vor allem gegen Schluss), so dass nur wenige Varianten angegeben werden mussten. Es ist auch eine Partie, bei der ich die Analyse oder Stellungsbewertung mit Hilfe einer Engine für überflüssig, ja sogar irreführend halte (begründete Gegenmeinungen werden jedoch gerne genommen!); in Stellungen dieser Art ist das Positionsgefühl eines GM der Maschine m.E. immer noch überlegen.
(Falls sich jemand über den eigenartigen Kommentierstil wundert: ich habe der alten Partie auch eine angemessen 'alte' Sprache zukommen lassen wollen - eine meiner Kapriolen halt mal wieder.)































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Erst ganz kürzlich bin ich auf dieses schöne Endspiel gestoßen, wo der sonst eher für seinen exorbitanten Zeitverbrauch (und den Verlust der 'unsterblichen Zugzwangspartie' gegen Nimzowitsch) berüchtigte GM Fritz Sämisch (1896 - 1975) uns wieder einmal die Kraft des Läuferpaars vorführt.
Dies ist eine Partie, die fast völlig ohne Kombinationen auskommt (mit Ausnahme ein paar kleinerer taktischer Kniffe, vor allem gegen Schluss), so dass nur wenige Varianten angegeben werden mussten. Es ist auch eine Partie, bei der ich die Analyse oder Stellungsbewertung mit Hilfe einer Engine für überflüssig, ja sogar irreführend halte (begründete Gegenmeinungen werden jedoch gerne genommen!); in Stellungen dieser Art ist das Positionsgefühl eines GM der Maschine m.E. immer noch überlegen.
(Falls sich jemand über den eigenartigen Kommentierstil wundert: ich habe der alten Partie auch eine angemessen 'alte' Sprache zukommen lassen wollen - eine meiner Kapriolen halt mal wieder.)
Hermann von Gottschall Friedrich Saemisch Hannover | Hannover GER | 4 | 1926.08.12 | B83 | 0:1
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 xd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 d6 6. Le2 e6 7. O-O Le7 8. Le3 O-O 9. Dd2 a6 10. Tad1 Dc7 11. f4 Ld7 12. Sxc6 Hier und im Folgenden kann man beobachten, dass Weiß mit der Stellung nicht viel anfangen kann und keinen rechten Plan findet; der Schwarze jedoch zielstrebig spielt. Lxc6 13. Lf3 Tac8 14. Df2 b5 Es droht b4 mit Eroberung des e-Bauern. 15. a3 Sd7 16. Dd2 Tfd8 17. Se2 Db7 18. Dd3 Sieht nicht sehr gut aus; Sg3 war die natürlichere Deckung des e-Bauern. Sc5! Erzwingt den folgenden Abtausch, der das Kampfbild vollständig verändert. Bei scheinbar gleicher Bauernstellung ohne Mehrheiten auf den Flügeln tauschen sich schließlich die schweren Figuren auf der beidseits offenen d-Linie, was den oberflächlichen Beobachter zu der Annahme verleiten könnte, ein baldiges Remis stehe bevor. Sämisch zeigt uns in feiner Weise, dass nichts der Wahrheit ferner sein könnte. 19. Lxc5 xc5 20. De3 Txd1 21. Txd1 Td8 22. Txd8+ Lxd8 23. Sg3 Natürlich darf Weiß sich nicht auf c5 bedienen wegen Lb6 und Damenverlust. Lb6 Damenverlust droht auch jetzt mit c5-c4. 24. Kf1 Kf8 Eigenartigerweise hat die Partie trotz des noch recht gut gefüllen Bretts nach dem Tausch der beiden Turmpaare bereits Endspielcharakter angenommen. 25. Dc3 Weiß ist nicht der Meinung, dass der schwarze König weiter ins Zentrum laufen soll. Dd7 26. Dd3 Wird sich nicht als gut erweisen. Dxd3+ 27. xd3 e5! Fein gespielt. Nach 28. fxe5 Lc7 gewinnt Schwarz nicht bloß den Bauern zurück, sondern sein Läufer wird auf e5 ganz vorzüglich zu stehen kommen. 28. f5 So gute Felder möchte der Weiße dem schwarzen Läufer natürlich nicht gönnen. Ke7 29. Se2 b4! Hindert den weißen Springer am Betreten von c3. Die weißen Figuren stehen jetzt sehr ineffizient: der Läufer f3 ist ein Großbauer, und der weiße Springer hat auch Schwierigkeiten, eine günstige Verwendung zu finden. 30. Sc1 a5 31. Ke2 a4 32. Kd1 Lb5 33. xb4 Weiß kann nicht still halten und tauscht, obwohl dies Schwarz eine klare Bauernmajorität am Damenflügel gibt. Die Frage ist natürlich, ob Weiß mit Abwartetaktik die Partie hätte retten können. Allzu oft ist dies nicht der Fall. xb4 34. Sa2 Auf b3, wonach Sc3 möglich wäre, wird Weiß doch kaum gehofft haben? La5 35. Le2 Nachdem b4 gedeckt war, hing wieder d3. b3! Jetzt kann Schwarz Sc3 zulassen. 36. Sc3 Lxc3 37. xc3 a3 Das Läuferpaar hat seine Schuldigkeit getan, und Sämisch zwei verbundene Freibauern eingebracht. Diese sind auf alle Fälle gewinnträchtig; doch ist die Gewinnmethode selbst noch keineswegs offensichtlich und deswegen recht interessant, vor allem der Schluss. 38. Kc1 Kd6 39. Kb1 Kc6 40. Ka1 Kb6 41. Kb1 Ka5 42. Ka1 Ka4 43. Kb1 Wie aber kommt Schwarz weiter? a2+! 44. Kb2 a1=Q+!! Sehr hübsch gespielt. 45. Kxa1 Ka3 46. Kb1 b2 Nun wird die Pointe des Bauernopfers offenbar; Weiß kann das Manöver Lb5-a4-b3-a2+ mit Bauernumwandlung nicht verhindern! Ein zwar technischesEndspiel, das aber gleichzeitig auch recht ästhetisch wirkt.
Colorado77 - 19. Jul '16
Wunderschöne Partie!
Läuferpaar sowjetischer Prägung in Reinkultur gepaart mit passivem weissen Spiel.
Solche Partien sind ästhetisch in ihrer "Einfachheit" und sehr lehrreich (Zug e5!!).
Danke Vabanque!
Läuferpaar sowjetischer Prägung in Reinkultur gepaart mit passivem weissen Spiel.
Solche Partien sind ästhetisch in ihrer "Einfachheit" und sehr lehrreich (Zug e5!!).
Danke Vabanque!
Kellerdrache - 20. Jul '16
Ich kann mich dem Lob Colorados nur anschliesen. Eine wunderschöne Partie in der alles ganz zwangsläufig und einfach aussieht. Ich habe die Partie mal mit der Methode "erst überlege ich mal was ich ziehen würde und dann gucke ich mir den richtigen Zug an" nachgespielt und kann nur sagen: Es mag einfach aussehen, aber die Hälfte der ach so klaren Züge findet man selber nicht, weil einem der klare Blick fehlt.
Vielleicht liegt es ja auch am Kommentar, dass ich hinterher alles verstanden habe ;-))
Vielleicht liegt es ja auch am Kommentar, dass ich hinterher alles verstanden habe ;-))