Kommentierte Spiele

Leko als Angriffsspieler!

Vabanque - 18. Aug '15
Peter Leko ist natürlich vor allem als Positions- und Verteidigungsspieler bekannt. Als Angriffsspieler erlebt man ihn seltener. Aber auch er kann zuschlagen, vor allem wenn man ihn reizt. Genau dies tut in der vorliegenden Partie sein Gegner, der kubanische Spitzenspieler Lazaro Bruzon, den Leko hier wie einen Patzer aussehen lässt.
Peter Leko Lazaro Bruzon Batista Corus | Wijk aan Zee NED | 11 | 2005.01.28 | C99 | 1:0
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1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Le7 Der 'geschlossene' Spanier, im Gegensatz zur 'offenen Verteidigung' mit 5... Sxe4. 6. Te1 b5 7. Lb3 d6 8. c3 O-O 9. h3 Sa5 10. Lc2 c5 11. d4 Dc7 Die uralte Tschigorin-Verteidigung ist immer noch aktuell und gilt als absolut bombenfest. 12. Sbd2 Beginn des typischen Springermanövers im Spanier; der Springer soll über f1 nach e3 oder g3 geführt werden, von wo er nach f5 schielt. Vorliegende Partie wird einen exemplarischen Erfolg dieses Springermanövers aufzeigen. xd4 Schwarz lechzt nach Gegenspiel auf der offenen c-Linie. 13. xd4 Ld7 14. Sf1 Tac8 15. Te2?! Ein selten gespielter Zug, um den Lc2 zu decken. Üblich ist zu diesem Zweck Se3. Sc6 16. a3 Sb4 wäre unangenehm gewesen. xd4 Zweischneidig. Schwarz gibt einen Stützpunkt im Zentrum auf, spekuliert aber auf freies Figurenspiel. 17. Sxd4 Tfe8 18. Sg3 d5 Das sieht eigentlich nach bequemem Ausgleich für Schwarz aus. 19. Sxc6 Lxc6 20. e5 Se4 Mit diesem Bauernopfer hatte man in vorangegangenen Partien gute Erfahrungen gemacht. Nach 21. Sxe4 dxe4 22. Lxe4 Ted8 (aber bitte nicht Dxe5??? 23. Lxh7+) hat Schwarz Initiative für den Bauern. Allerdings denkt Leko überhaupt nicht daran, die Initiative für so einen popligen Bauern aus der Hand zu geben. 21. Lf4! Viel stärker als die Annahme des Bauernopfers. Auf Grund vorliegender Partie scheint es daher, dass Schwarz besser 20... Sd7 (statt Se4) spielt. g5?! Ebenso scharf wie zweifelhaft. Bruzon hat es sicher gleich bereut, den Sg3 nicht getauscht zu haben. Dies hätte ihm immer noch eine spielbare, wenn auch passive Stellung gegeben. 22. Sf5! Leko ist auf dem Posten. xf4? Verliert schnell. Lf8 war besser, befriedigt aber auch nicht mehr völlig. 23. Txe4! Effektvoll und elegant, aber eigentlich nicht schwer zu sehen. (Freilich musste man es schon bei 22. Sf5 sehen.) Die weiße Dame hat jetzt freien Ausblick nach g4, so dass Schwarz den Turm wegen Dg4+ nebst Matt nicht nehmen kann. Schwarz dies bei gxf4 tatsächlich übersehen? Oder glaubte er sich noch verteidigen zu können? Kh8 24. Te1 Dieser einfache Rückzug lässt Schwarz ohne befriedigende Fortsetzung. Ld7? Verliert auf der Stelle. Aber wenn die guten Züge fehlen, macht man eben meist ganz schlechte. 25. e6! Ein eleganter Schlusszug. Durch die Öffnung der Diagonalen d4-g7 droht ein tödliches Damenschach auf d4, z.B. 25... Lxe6 26. Dd4+ f6 (erzwungen) 27. Txe6 oder 25... fxe6 26. Dd4+ e5 27. Txe5, und es gibt kein ausreichendes Mittel gegen das Abzugsschach des Turms. Mit erstaunlicher Leichtigkeit hat Leko hier seinen starken Gegner aus einer ausgeglichenen Position heraus völlig überrumpelt.
PGN anzeigen
[Event "Corus"]
[Site "Wijk aan Zee NED"]
[Date "2005.01.28"]
[EventDate "?"]
[Round "11"]
[Result "1-0"]
[White "Peter Leko"]
[Black "Lazaro Bruzon Batista"]
[ECO "C99"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "49"]

1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 a6 4.Ba4 Nf6 5.O-O Be7 {Der 'geschlossene' Spanier, im Gegensatz zur 'offenen Verteidigung' mit 5... Sxe4.} 6.Re1 b5 7.Bb3
d6

8.c3 O-O 9.h3 Na5 10.Bc2 c5 11.d4 Qc7 {Die uralte Tschigorin-Verteidigung ist immer noch aktuell und gilt als absolut bombenfest.} 12.Nbd2 {Beginn des typischen

Springermanövers im Spanier; der Springer soll über f1 nach e3 oder g3 geführt werden, von wo er nach f5 schielt. Vorliegende Partie wird einen exemplarischen Erfolg

dieses Springermanövers aufzeigen.} cxd4 {Schwarz lechzt nach Gegenspiel auf der offenen c-Linie.} 13.cxd4
Bd7 14.Nf1 Rac8 15.Re2?! {Ein selten gespielter Zug, um den

Lc2 zu decken. Üblich ist zu diesem Zweck Se3.} Nc6 16.a3 {Sb4 wäre unangenehm gewesen.} exd4 {Zweischneidig. Schwarz gibt einen Stützpunkt im Zentrum auf, spekuliert

aber auf freies Figurenspiel.} 17.Nxd4 Rfe8 18.Ng3 d5 {Das sieht eigentlich nach bequemem Ausgleich für Schwarz aus.}
19.Nxc6 Bxc6 20.e5 Ne4 {Mit diesem Bauernopfer

hatte man in vorangegangenen Partien gute Erfahrungen gemacht. Nach 21. Sxe4 dxe4 22. Lxe4 Ted8 (aber bitte nicht Dxe5??? 23. Lxh7+) hat Schwarz Initiative für den

Bauern. Allerdings denkt Leko überhaupt nicht daran, die Initiative für so einen popligen Bauern aus der Hand zu geben.} 21.Bf4! {Viel stärker als die Annahme des

Bauernopfers. Auf Grund vorliegender Partie scheint es daher, dass Schwarz besser 20... Sd7 (statt Se4) spielt.} g5?! {Ebenso scharf wie zweifelhaft. Bruzon hat es

sicher gleich bereut, den Sg3 nicht getauscht zu haben. Dies hätte ihm immer noch eine spielbare, wenn auch passive Stellung gegeben.} 22.Nf5! {Leko ist auf dem Posten.} gxf4? {Verliert schnell. Lf8 war besser, befriedigt aber auch nicht mehr

völlig.} 23.Rxe4! {Effektvoll und elegant, aber eigentlich nicht schwer zu sehen. (Freilich musste man es schon bei 22. Sf5 sehen.) Die weiße Dame hat jetzt freien Ausblick nach g4, so dass Schwarz den Turm wegen Dg4+

nebst Matt nicht nehmen kann. Schwarz dies bei gxf4 tatsächlich übersehen? Oder glaubte er sich noch verteidigen zu können?} Kh8
24.Re1 {Dieser einfache Rückzug lässt

Schwarz ohne befriedigende Fortsetzung.} Bd7? {Verliert auf der Stelle. Aber wenn die guten Züge fehlen, macht man eben meist ganz schlechte.} 25.e6! {Ein eleganter

Schlusszug. Durch die Öffnung der Diagonalen d4-g7 droht ein tödliches Damenschach auf d4, z.B. 25... Lxe6 26. Dd4+ f6 (erzwungen) 27. Txe6 oder 25... fxe6 26. Dd4+ e5

27. Txe5, und es gibt kein ausreichendes Mittel gegen das Abzugsschach des Turms. Mit erstaunlicher Leichtigkeit hat Leko hier seinen starken Gegner aus einer

ausgeglichenen Position heraus völlig überrumpelt.} 1-0
Kellerdrache - 19. Aug '15
Ja, zur Glanzpartie benötigt man halt sehr oft die Hilfe des Gegners. g5 ist schon recht über-aggressiv und auch ein bischen erstaunlich, da das Motiv mit Springerangriff über f5 in dieser Eröffnung ja Standartplan ist.
Trotzdem natürlich sehr sauber und hübsch von Leko ausgeführt. Bei Großmeistern dieser Kategorie ist es in der Regel auch nicht so, dass sie keine Taktik können. Ein Petrosjan, Karpow oder Leko könnte mit Sicherheit jeden Angriffsspieler hier bei Chessmail auch taktisch bequem in die Tasche stecken. Aber was sie vom Durchschnitt der GMs abhebt sind eben andere Qualitäten.
Vabanque - 19. Aug '15
Schön gesagt :)

Ich glaube, das was Letztere vom Durchschnitts-GM abhebt, ist das Wittern von Gefahren. Wo andere noch lange keine Gefahr sehen, treffen Leute wie Karpov und Leko bereits Vorkehrungen. Das sind dann die Züge, die keiner von uns versteht. Prophylaktische Züge, die sich gegen etwas absichern, das in ganz weiter Ferne mal passieren könnte. Und weil es genau deswegen in den Partien ja nie passiert, verstehe ich diese Prophylaxe auch nie.
Zum Angriff gehen Petrosjan, Karpov oder Leko nur dann über, wenn sie es von einer gesicherten Stellung aus tun können und wenn sie wissen, dass ihr Angriff zu 100% Erfolg haben muss.
Tal, Shirov oder Morozevich dagegen spielen immer auf Angriff, egal ob es die Stellung erfordert oder nicht. Nein, so ganz stimmt das nicht, sie treffen auch Vorbereitungszüge, aber weniger zur Sicherung der Stellen, sondern vielmehr, um die Stellung größtmöglichst zu verkomplizeren. Deswegen verstehe ich deren Partien auch nicht ;)
Kellerdrache - 19. Aug '15
Ich habe mir vor einiger Zeit einmal ein paar Verlustpartien von Tal angesehen. Er selbst hat ja mal gesagt, dass es ihm beim Schach, vor allen anderen Dingen darum geht die Initiative zu bekommen. Dafür macht er alle denkbaren Konzessionen. In besagten Verlustpartien, wo also der Angriff nicht durchdrang, hatte er oft ein positionelles Trümmerfeld, das nicht zu verteidigen war.
Dieses Risiko gehen die vorher erwähnten Herren eben lieber nicht ein. Auch ein Fischer z.B. lag in seiner Spielweise ja eher so zwischen Tal und Karpov und hat auch schon mal auf Angriff verzichtet wenn sich nichts anbot.
Vabanque - 19. Aug '15
Ja stimmt, Fischer liegt irgendwo dazwischen, man könnte ihn als 'aggressiven Positionsspieler' oder auch als 'positionellen Angriffsspieler' einstufen. Wobei ihm die reine Verteidigung dann doch wohl am wenigsten lag. Es gibt tolle Verteidigungsleistungen Fischers, aber da konnte er einen taktischen Gegenschlag vorbereiten.
positiva - 19. Aug '15
staunend, schon fast ungläubig verfolge ich diese spiele, auch eure diskussionen und werde ganz, ganz klein ob eurem grossartigen austausch und wissen und den durchdachten überlegungen..
grandios..
einfach einmal: vielen dank,
positiva
Vabanque - 20. Aug '15
Hallo positiva, herzlich willkommen hier :)

Ich bin immer froh, wenn sich jemand hier äußert!

Ich zeige hier Partien, die mich beeindrucken, und wo ich mir sage: So würde ich gerne spielen können ... leider kann ich es nicht so.

Aber wo du schon mal hier bist, würde ich doch gerne erfahren: Sind meine Kommentare zu den Zügen für weniger geübte Spieler eigentlich nachvollziehbar?
positiva - 20. Aug '15
Hallo Vabanque,
natürlich möchte ich auch so spielen können.... da bist du weniger weit davon entfernt als ich..meine ehrfurcht gilt natürlich spieler mit einem punktestand wie dem deinen..
auf deine frage: es ist für mich vorallem spannend, die partien zu sehen, zug für zug, das könnte ich auch, indem ich partien von guten spielern schaue.. aber deine kommentare sind da das gewisse pünktchen aufs "i".. sie zeigen mir immer wieder überlegungen auf, die ich mit meinem beschränkten hirn nicht zu machen imstande bin. einiges verstehe ich, vieles jedoch niicht. ein beispiel: ...
"uralte Tschigorin-Verteidigung ist immer noch aktuell und gilt als absolut bombenfest.}".. keine ahnung, ob du da recht hast, nicht einmal, was die Tschigorin-verteidigung ist, habe erstmals das den begriff gehört... hätte ich etwas mehr ehrgeiz oder auch zeit, könnte ich aber ganz, ganz viel lernen an den spielen, die du hier reinstellst, und das gefällt mir.. danke.
Vabanque - 20. Aug '15
Danke für dein Feedback!

Nun ja, die Eröffnungsanalysen sind hauptsächlich für Spieler interessant, die sich mit dem betreffenden System selbst schon beschäftigt haben bzw. die es selbst spielen.
Deswegen beschränke ich mich da immer auf knappe Hinweise. Die so genannte Tschigorin-Variante der Spanischen Partie entsteht nach den ersten 11 Zügen des obigen Spiels. Der russische Großmeister Tschigorin hat diese vor über 100 Jahren in die Turnierpraxis eingeführt, und es ist wohl eine der wenigen der so alten Varianten, die sich auch heute noch unter Top-Spielern solcher Beliebtheit erfreuen. Die Theorie dieses Eröffnungssystems füllt inzwischen viele Bücher!
Wie gesagt, deswegen habe ich die Eröffnung hier nur spärlich kommentiert. Denn wer sich mit diesem System beschäftigt hat, der braucht hier eh keine Kommentare, und wer es nicht getan hat, für den lenken die Eröffnungsanalysen zu sehr von der zu besprechenden Partie ab.
Bei Eröffnungen, die ich selber spiele, gehe ich bei den Kommentaren dann schon ab und zu etwas mehr ins Detail.

Ich denke, wenn man anfängt, sich mit solchen Partien beschäftigen, sollte man zuerst mal von den Schlusskombinationen ausgehen. Da gebe ich mir dann schon immer Mühe, wenigstens die Partieschlüsse so zu kommentieren, dass sie für jeden verständlich sind. Ich hoffe, das ist auch der Fall.
siramon - 21. Aug '15
Dein Vorgehen gefällt mir und geht zumindest für mich genauso auf. Will heissen, deine Erklärungen sind genau dort, wo ich meine Mühe habe!

Auch von meiner Seite Danke an dich und die anderen Bewirtschafter dieses spannenden Forums!

LG
Rolf
Vabanque - 21. Aug '15
Danke, es ist echt toll, endlich auch mal Statements von sonst stummen (oder stillen) Mitlesern zu bekommen. Scheinen doch echt viel mehr zu sein als man glaubt.

Da gibt es die Partien, die nach wenigen Stunden schon ein '+' bekommen, aber es kommt kein einziger Kommentar.

Diesmal haben wir im Gegensatz dazu eine richtig gute Diskussion, aber die Partie erhält kein '+'. Die Erklärung dafür würde mich dann schon auch mal interessieren. War die Partie weniger interessant als alle davor? Oder mag man Leko nicht als Angriffsspieler erleben?

Ich denke aber trotzdem, die Diskussion ist mir lieber als das '+'. Wenn sich auch die negativen Kritiker outen würden, wäre es noch interessanter für mich. Keine Sorge, es gibt keine 'Schläge', im Gegenteil, ich würde die Kritik bei den nächsten Beiträgen beherzigen (sofern sie mir einleuchtet).
pirc_ - 21. Aug '15
es sind einige im Urlaub...da dauert das puls etwas länger ;-)
duennbraddel - 21. Aug '15
Ich lese immer alles mit Begeisterung! Vielen Dank für die schönen Stunden, die du mir damit bescherst. Auch wenn ich nicht immer alles kapiere....;-)
Vabanque - 23. Aug '15
@pirc: Das oder der Puls? ;)

@duennbraddel: Keine Sorge, ich kapiere auch nicht alles ... aber ich kann mich ja entscheiden, die Züge, die ich nicht kapiere, nicht zu kommentieren :))