Kommentierte Spiele

Wie spielt man Gambit ? Nr.3

Kellerdrache - 29. Dez '15
Das Morra-Gambit ist, abgesehen vom Königsgambit vielleicht, das populärste Gambit aus Vereinsniveau. Es ist vergleichsweise einfach zu lernen, da der Aufbau im Prinzip gleich bleibt und nur in wenigen Fällen variiert werden muss. Gleichzeitig muß Schwarz eine Fülle von Fesselungen, Vorstössen und anderen taktischen Tricks bei jedem seiner Züge durchrechnen.
Matulovic, der in der folgenden Partie die weißen Steine führt galt in den 50er Jahren als Experte der Eröffnung. Heute gibt es zwar einige Bücher und DVDs zum Morra-Gambit, aber die Herren Titelträger machen immer noch einen Bogen darum. Das sollte uns aber nicht abschrecken. Ich hoffe das vorliegende Beispiel macht euch Lust darauf es selber zu probieren.
Matulovic, Milan Segi, Lajos 1953 | B21 | 1:0
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. e4 c5 2. d4 Das Morra-Gambit. Obwohl es, im Gegensatz zu anderen Gambit-Eröffnungen einen vergleichsweise soliden Ruf hat wird es in GM-Kreisen so gut wie nie gespielt. Weiß opfert einen Zentrumsbauern für Entwicklungsvorsprung. Da schon in den üblichen sizilianischen Varianten Weiß oft besser entwickelt ist macht das Opfer durchaus Sinn. xd4 3. c3 xc3 4. Sxc3 Ein Idee wie im schottischen Gambit - 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4 exd4 4.c3 Sc6 5. Sf3 d6
Nicht besonders gut ist e5 weil ein Loch auf d5 entsteht und der Läufer auf c4 noch stärker ist als sonst im Morra-Gambit. Es könnte z.B. weitergehen.. 6. Lc4 d6 7. Sg5 Sh6 8. O-O Lg4 9. Lxf7+ Sxf7 10. Dxg4 Sxg5 11. Lxg5 Le7 12. Lxe7 Dxe7 13. Sd5 Dd7
6. Lc4 e6 7. O-O Sf6 Schwarz baut sich wie in einem normalen Sizilianer auf, wo das als Scheveniger-V ariante bekannt ist und als recht solide gilt. Allerdings ist der weiße Entwicklungsvorsprung doch schon recht groß. Weiß hat drei Leichtfiguren entwickelt und bereits rochiert während Schwarz erst zwei Figuren im Spiel hat und an Rochade noch nicht denken kann. 8. De2 Was wir in dieser Partie sehen ist sozusagen der Standartaufbau des Morra-Gambits. Die Dame unterstützt einen möglichen Fortschritt des e-Bauern und mach den Weg frei für den Turm, der sich der gegnerischen Königin gegenüber stellt.Wer das Gambit spielen will sollte sich diesen Aufbau sehr gut einprägen. a6 9. Td1 Dc7 Natürlich möchte Segi seine Dame nicht in der gefährlichen d-Linie lassen. Allerdings ist die offene c-Linie nicht soviel sicherer 10. Lf4 Se5
und wenn man dem vorwitzigen Läufer einfach einen Tritt gibt ? e5 11. Sd5 Sxd5 12. xd5 der Springer ist angegriffen. Gleichzeitig verhindert das gegenüber von Dame und König exf4 Se7 13. Sxe5! nach dem notwendigen dxe5 und dem folgenden Lxe5 wird nicht nur der Läufer sondern auch der d-Bauer stark xe5 14. Lxe5 Dd8 15. d6 Sg6 16. Lf6+ oder auch Lxg7+ mit gleichzeitigem Angriff auf den Turm h8 Le7 17. xe7 Dc7 18. Td8+
Am besten ist hier Le7 Der Entwicklungsnachteil ist die gefährlichste Schwäche von Schwarz und nur dieser Zug tut etwas dagegen. 11. Tac1 Db8 12. Lb3 O-O 13. Lg3
11. Lxe5 xe5 12. Tac1 Alle hellen Figuren stehen jetzt optimal und Schwarz hinkt immer noch hinterher in der Entwicklung. der Stratege weiß hier muß etwas gehn, der Taktiker muß es nur noch finden. Ld7
Wäre es nicht besser die Dame aus der Schußlinie zu bringen ? Db8 13. Lb5+ dieser Zug zeigt, das Segl längst keine Zeit mehr für solche Manöver hat Ld7
auch nicht gut ist xb5 14. Sxb5 Ta7 15. Sc7+ Ke7 16. Db5
14. Lxd7+ Sxd7 15. Sb5 xb5 16. Txd7 Kxd7 17. Dxb5+ Ke7 18. Sxe5
13. Lxe6 Ein klassisches Räumungsopfer ! Es geht darum mit Tempogewinn das Gegenüber von Dame und Turm aufzudecken Lxe6
xe6 ist nicht besser. 14. Sd5 Sxd5 ist besser als das Schlagen mit dem Bauern, da man jetzt nach Txc7 mit dem Springer zurücknehmen könnte. Turm und zwei Figuren dürften dann ausreichende Kompensation für die Dame sein. 15. xd5 Db8 16. Sxe5 und die zahlreichen Drohungen lassen sich gar nicht alle entschärfen.
14. Sd5 Db8 Das Schlagen mit dem Springer auf d5 wie in der oben aufgeführten Variante geht hier nicht, da nach 15.exd5 auch noch der Le6 hängen würde. 15. Sc7+ Ke7 16. Dd2 droht Dd6+ und matt. Se8 17. Sxe6 Damit verschwindet die Deckung für das Feld d7. xe6 18. Dd7+ Kf6 Schritt 1, den König aus seiner Burg zu vertreiben ist gelungen, aber wie führt man jetzt weitere Kräfte heran ? 19. Sg5! So oder so fällt jetzt der Bauer e6. Noch wichtiger ist aber das beide Türme jetzt über die dritte Reihe in den Kampf eingreifen können. Kxg5 20. Dxe6 Sf6 21. Df5+ Kh6 22. Tc3 De8 Um nach Th3 die h-Linie unterbrechen zu können. 23. Th3+ Dh5
Sh5 sieht ja erstmal vernünftiger aus als die Dame zu opfern. 24. g4 g6 25. Df6 und g5+ und matt ist nicht zu verhindern.
24. g4 Nach dem naheliegenden 24. Txh5 Sxh5 hätte Schwarz einen Turm und zwei Figuren für die Dame. Das würde reichen. Dxh3
Noch schneller zu Ende geht g6 25. g5+ Kg7 26. xf6+ Kg8
oder Kh6 27. Txh5+ xh5 28. f7 h4 29. Df6+ Kh5
27. De6#
25. g5+ Kh5 26. Dxh3+ Kxg5 27. Df5+ Kh6 28. Td3 Sh5 29. Th3 g6 30. Txh5+ den Turm kann man leider nicht nehmen, da dann die Dame auf f6 matt setzt. Kg7 31. Dxe5+ Kg8 32. Dd5+ Kg7 33. Dxb7+ Kf6 34. e5+ Ke6 35. Dc6+
PGN anzeigen
[Date "1953.??.??"]
[White "Matulovic, Milan"]
[Black "Segi, Lajos"]
[Result "1-0"]
[ECO "B21"]
[PlyCount "69"]

1. e4 c5 2. d4 {Das Morra-Gambit. Obwohl es, im Gegensatz zu anderen
Gambit-Eröffnungen einen vergleichsweise soliden Ruf hat wird es in
GM-Kreisen so gut wie nie gespielt. Weiß opfert einen Zentrumsbauern für
Entwicklungsvorsprung. Da schon in den üblichen sizilianischen Varianten Weiß
oft besser entwickelt ist macht das Opfer durchaus Sinn.} cxd4 3. c3 dxc3 4.
Nxc3 {Ein Idee wie im schottischen Gambit - 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4 exd4 4.c3}
Nc6 5. Nf3 d6 ({Nicht besonders gut ist} 5... e5 {weil ein Loch auf d5
entsteht und der Läufer auf c4 noch stärker ist als sonst im Morra-Gambit. Es
könnte z.B. weitergehen..} 6. Bc4 d6 7. Ng5 Nh6 8. O-O Bg4 9. Bxf7+ Nxf7 10.
Qxg4 Nxg5 11. Bxg5 Be7 12. Bxe7 Qxe7 13. Nd5 Qd7) 6. Bc4 e6 7. O-O Nf6 {
Schwarz baut sich wie in einem normalen Sizilianer auf, wo das als Scheveniger-V
ariante bekannt ist und als recht solide gilt. Allerdings ist der weiße
Entwicklungsvorsprung doch schon recht groß. Weiß hat drei Leichtfiguren
entwickelt und bereits rochiert während Schwarz erst zwei Figuren im Spiel hat
und an Rochade noch nicht denken kann.} 8. Qe2 {Was wir in dieser Partie sehen
ist sozusagen der Standartaufbau des Morra-Gambits. Die Dame unterstützt einen
möglichen Fortschritt des e-Bauern und mach den Weg frei für den Turm, der
sich der gegnerischen Königin gegenüber stellt.Wer das Gambit spielen will sollte sich diesen Aufbau sehr gut einprägen.} a6 9. Rd1 Qc7 {Natürlich möchte Segi seine Dame nicht in der gefährlichen d-Linie lassen. Allerdings ist die
offene c-Linie nicht soviel sicherer} 10. Bf4 Ne5 ({
und wenn man dem vorwitzigen Läufer einfach einen Tritt gibt ?} 10... e5 11.
Nd5 Nxd5 12. exd5 {der Springer ist angegriffen. Gleichzeitig verhindert das
gegenüber von Dame und König exf4} Ne7 13. Nxe5 ! {nach dem notwendigen dxe5
und dem folgenden Lxe5 wird nicht nur der Läufer sondern auch der d-Bauer
stark} dxe5 14. Bxe5 Qd8 15. d6 Ng6 16. Bf6+ {
oder auch Lxg7+ mit gleichzeitigem Angriff auf den Turm h8} Be7 17. dxe7 Qc7
18. Rd8+) ({Am besten ist hier} 10... Be7 {Der Entwicklungsnachteil ist die
gefährlichste Schwäche von Schwarz und nur dieser Zug tut etwas dagegen.} 11.
Rac1 Qb8 12. Bb3 O-O 13. Bg3) 11. Bxe5 dxe5 12. Rac1 {Alle hellen Figuren
stehen jetzt optimal und Schwarz hinkt immer noch hinterher in der Entwicklung.
der Stratege weiß hier muß etwas gehn, der Taktiker muß es nur noch finden.} Bd7 ({
Wäre es nicht besser die Dame aus der Schußlinie zu bringen ?} 12... Qb8 13.
Bb5+ {dieser Zug zeigt, das Segl längst keine Zeit mehr für solche Manöver hat}
Bd7 ({auch nicht gut ist} 13... axb5 14. Nxb5 Ra7 15. Nc7+ Ke7 16. Qb5) 14.
Bxd7+ Nxd7 15. Nb5 axb5 16. Rxd7 Kxd7 17. Qxb5+ Ke7 18. Nxe5) 13. Bxe6 {
Ein klassisches Räumungsopfer ! Es geht darum mit Tempogewinn das Gegenüber
von Dame und Turm aufzudecken} Bxe6 (13... fxe6 {ist nicht besser.} 14. Nd5 Nxd5
{ist besser als das Schlagen mit dem Bauern, da man jetzt nach Txc7 mit dem
Springer zurücknehmen könnte. Turm und zwei Figuren dürften dann ausreichende
Kompensation für die Dame sein.} 15. exd5 Qb8 16. Nxe5 {
und die zahlreichen Drohungen lassen sich gar nicht alle entschärfen.}) 14. Nd5
Qb8 {Das Schlagen mit dem Springer auf d5 wie in der oben aufgeführten
Variante geht hier nicht, da nach 15.exd5 auch noch der Le6 hängen würde.} 15.
Nc7+ Ke7 16. Qd2 {droht Dd6+ und matt.} Ne8 17. Nxe6 {
Damit verschwindet die Deckung für das Feld d7.} fxe6 18. Qd7+ Kf6 {Schritt 1,
den König aus seiner Burg zu vertreiben ist gelungen, aber wie führt man jetzt
weitere Kräfte heran ?} 19. Ng5 ! {So oder so fällt jetzt der Bauer e6. Noch
wichtiger ist aber das beide Türme jetzt über die dritte Reihe in den Kampf
eingreifen können.} Kxg5 20. Qxe6 Nf6 21. Qf5+ Kh6 22. Rc3 Qe8 {
Um nach Th3 die h-Linie unterbrechen zu können.} 23. Rh3+ Qh5 (23... Nh5 {
sieht ja erstmal vernünftiger aus als die Dame zu opfern.} 24. g4 g6 25. Qf6 {
und g5+ und matt ist nicht zu verhindern.}) 24. g4 {Nach dem naheliegenden 24.
Txh5 Sxh5 hätte Schwarz einen Turm und zwei Figuren für die Dame. Das würde
reichen.} Qxh3 ({Noch schneller zu Ende geht} 24... g6 25. g5+ Kg7 26. gxf6+
Kg8 ({oder} 26... Kh6 27. Rxh5+ gxh5 28. f7 h4 29. Qf6+ Kh5) 27. Qe6#) 25. g5+
Kh5 26. Qxh3+ Kxg5 27. Qf5+ Kh6 28. Rd3 Nh5 29. Rh3 g6 30. Rxh5+ {
den Turm kann man leider nicht nehmen, da dann die Dame auf f6 matt setzt.} Kg7
31. Qxe5+ Kg8 32. Qd5+ Kg7 33. Qxb7+ Kf6 34. e5+ Ke6 35. Qc6+ 1-0
Vabanque - 29. Dez '15
Matulovic war doch ein GM, oder? (Wenn auch kein sehr angesehener.) Vielleicht der einzige, der dieses Gambit gespielt hat. (Tartakower hat auch damit experimentiert, glaube ich, aber in seinen zwei Bänden der von ihm selbst herausgegebenen besten Partien habe ich keine Morra-Gambit-Partie gefunden, hm.)

Hat der Viewer den Schluss der Partie geschluckt? Denn da steht nicht 1-0. Aber egal, es ist klar, dass die Schlussstellung, die wir hier sehen, für Weiß gewonnen ist, denn er gewinnt mindestens noch einen Turm.

Die gegebenen Varianten sind sehr kompliziert, im Kopf wären sie nicht nachvollziehbar, gut, dass wir den neuen Viewer haben, und selbst da, wo die Varianten aufhören, muss man selber noch weiteranalysieren, finde ich.

Insgesamt kann ich für mich konstatieren, dass ich so eine Partie wohl nicht hätte spielen können, da ich die Varianten nicht gesehen hätte. Man muss entweder sehr gut rechnen können, um so etwas zu spielen, oder eine sehr gute Intuition haben.

So gesehen, ist für mich das Kommentar-Highlight: 'Der Stratege weiß, dass hier etwas gehen muss, der Taktiker muss es nur noch finden.'

Das denke ich mir auch oft in meinen eigenen Partien! Vielleicht bin ich doch mehr Stratege als Taktiker, obwohl mein Herz für die Taktik schlägt, die ich leider nicht ganz so beherrsche wie ich gerne möchte (aber wer tut das schon?).

Am besten gefällt mir an der Partie der Zug 19. Sg5! Wer hätte sich das schon getraut? Da muss man sich schon sicher sein, dass es gut ausgeht :)
Kellerdrache - 30. Dez '15
Ja, keine Ahnung wie die Kommentierung dieser Partie vor der Einführung des neuen Viewers ausgesehen hätte. Die Varianten sind sicher teilweise lang, obwohl ich mich immer bemüht habe nur soviel zu zeigen wie nötig ist um zu verstehen wie es weitergehen kann.
Das Morra-Gambit ist schon etwas für anspruchsvolle Taktiker, die unter jedem Stein am Strassenrand nach Verwicklungen suchen. Als ich die Kommentierung geschrieben habe hatte ich Angst zu oft Entwicklung, Entwicklungsvorsprung usw. zu erwähnen, aber ich denke diese Partie ist ein gutes Beispiel dafür wie ein Angriff allein daraus entstehen kann.
Matulovic war GM, ich war mir nur nicht sicher ob schon zum Zeitpunkt wo diese Partie gespielt wurde. Auch Großmeister Gufeld hat ein oder zwei Morra-Gambit Partien vorzuweisen. Trotzdem ist die Aussage das es sich um ein Stiefkind der Turnierlandschaft auf Titelträgerebene handelt immer noch richtig. Erstaunlicherweise hört man aber recht selten negative Urteile wie zum BDG oder auch immer noch zum Königsgambit. Alle mögen es, aber keiner spielt es ;-))
Vabanque - 30. Dez '15
Gufeld war ja auch so ein GM, der nicht besonders hoch im Ansehen steht. Mit den Namen Matulovic und Gufeld wird man jedenfalls kaum die Augen von Schachfreunden zum Leuchten bringen ;)

Ich denke, die Korrektheit des Morra-Gambits wird stillschweigend akzeptiert. Weiß bekommt genug Tempi für den Bauern, was ja auch logisch ist, denn streng genommen leistet 1... c5 nichts für die schwarze Entwicklung.

Warum es die Top-Spieler nicht spielen: Möglicherweise weil man in den sizilianischen Hauptvarianten auch schon ohne Bauernopfer auf genug Initiative hoffen kann. Also besteht für diejenigen, die sich in diesen Hauptvarianten gut auskennen (was bei den Top-Leuten natürlich der Fall ist) kein Grund, ein zusätzliches Risiko durch ein frühzeitiges Bauernopfer einzugehen. Auch wenn das Risiko hier nicht sehr groß sein mag, es ist schon sehr verpflichtend, gleich im 3. Zug einen Bauern zu opfern.