Kommentierte Spiele

Karpov-Miles - jetzt vollständig

Kellerdrache - 01. Mai '15
Wegen technischen Unvermögens gab der erste Versuch nur einen kleinen Teil der Partie wieder. Hier jetzt hoffentlich alles.

Karpov, Anatoly Miles, Anthony J EU-chT (Men) | Skara | 1 | 1980 | B00 | 0:1
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. e4 a6 Ist das mutig oder unverschämt ? Miles hatte, soweit ich das feststellen konnte bis dahin noch nie gegen Karpov gewonnen. selbts mit den erprobtesten Eröffnungen nicht. Ausgerechnet so eine Partie als Premiere für "something completly different" auszusuchen ist sicher dreist. 2. d4 b5 3. Sf3 Lb7 Wenn man von einer Eröffnung abseits der eigenen Kentnisse überrascht wird heißt der Rat, nicht nach einer direkten Widerlegung suchen sondern erstmal gesund entwickeln. Bisher also für Weiß alles im grünen Bereich. 4. Ld3 Sf6 Schwarz entwickelt sich erstmal ohne sich im Zentrum irgendwo festzulegen. Auf e5 könnte der Sf6 nach d5, wo der b5-Bauer eine schnelle Vertreibung verhindert. 5. De2 Sc3 kann einfach vertrieben werden, Sbd2 ist dem schwarzfeldrigen Läufer im Weg e6 6. a4 c5 Mit 5...e6 hat Miles den Vorstoß des weißen d-Bauern verhindert. Jetzt wird das Zentrum angeknabbert. Das Schlagen des c5 entwickelt zwar den Lf8, aber c4 zuzulassen,, z.B. nach c3, sieht auch nicht einladend aus 7. xc5 Lxc5 8. Sbd2 b4 Alle die sich schon vorher gefragt haben ob man denn nicht auf b5 einen Bauern gewinnen konnte...Bisher nicht, da nach Lxb5 der e4 nicht mehr ausreichend gedeckt war. 8.Sbd2 hat das geändert z.B. 8... O-O 9. axb5 axb5 10. Rxa8 Bxa8 11. Bxb5 Nxe4 9. e5 Sd5 10. Se4 Le7 Bisher gefällt mir eigentlich die weiße Stellung ganz gut. Der Springer auf e4 steht sehr schön und könnte mal auf d6 oder g5 landen. Aber auch Schwarz steht trotz exotischer Eröffnung nicht so übel. Der Sd5 ist perfekt, beide Läufer haben schöne Diagonalen und man hat Übergewicht am Damenflügel 11. O-O Sc6 12. Ld2 Was ist eigentlich mit 12. Bg5 ? Miles hatte folgende Variante im Kopf f6 13. exf6 gxf6 14. Bh4 Qc7 nebst langer Rochade !! Sieht irre aus, aber Schwarz beherrscht jetzt das Zentrum und hat die halboffene Linie auf den weißen König Dc7 13. c4 der zentrale Springer soll weg ! Man muß aber überlegen wie man nach bxc3 wiedernehmen will. bxc3 gibt einen häßlichen Isolani, Lxc3 überlässt dem Gegner nach 14...Sxc3 das Läuferpaar und Sxc3 tauscht eben auch den eigenen zentralen Springer ab. bc3 14. Sxc3 Sxc3 15. Lxc3 Sb4 16. Lxb4 Eine Partie der schweren Entscheidungen. Ich hätte hier eher dazu tendiert mit Lb1 oder Le4 mein Läuferpaar zu behalten. Allerdings wäre dann wieder ein schwarzer Spinger auf d5 gelandet (mit Angriff auf den Lc3). Lxb4 17. Tac1 Db6 18. Le4 Dieser Zug wurde damals als Fehler angesehen. Es ist natürlich kein Patzer im klassischen Sinne, aber inwiefern soll sich dadurch die Stellung verbessern ? 18.Sg5 h6 Se4, eventuell gefolgt von Tfd1 sieht aktiver aus O-O 19. Sg5 Nach Le4 hatte ich jetzt mit Läufertausch auf b7 gerechnet. Warum sonst ist er auf diese Diagonale gezogen worden ? h6 20. Lh7+ Kh8 21. Lb1 Le7 21... hxg5 geht natürlich nicht wegen... 22. Qh5+ Kg8 23. Qh7# 22. Se4 Tac8 23. Dd3 Als gemeiner Amateuer scheut man sich natürlich einem Weltmeisterzug ein ? zu geben, aber er scheint mir der Beginn der schwarzen Überlegenheit zu sein. Auf den ersten Blick hängt b2, aber das tut der d7 ja auch. Txc1 24. Txc1 Dxb2 Nach dem dazwischen geschobenen Tausch der Türme hängt jetzt der Turm auf c1, sodaß Dxc7 nicht sofort geht. Also vorerst ein Bauer mehr für Miles 25. Te1 Dxe5 26. Dxd7 Der Springer auf e4 ist ja durch Turm und Läufer gedeckt. Nicht nur holt man sich einen der beiden Bauern zurück. Man greift auch beide Läufer an Lb4 Sehr hübsch! Die e-Linie darf der Trum nicht verlassen und wenn er nach vorne zieht wird die Grundreihe schwach 27. Te3 Dd5 28. Dxd5 Lxd5 Eine für Miles klar besseres Endspiel. Ein Bauer mehr und das Läuferpaar - unter Großmeistern reicht das. Karpov versucht es aber noch ein bischen. Vermutlich musste er sich erstmal damit abfinden gegen den exotischen Aufbau des Engländers solche Probleme gehabt zu haben. 29. Sc3 Tc8 30. Se2 Die Grundreihenschwäche verhindert das Schlagen des Läufers auf d5 oder wenigstens dessen Vertreibung g5 nimmt dem Springer den Weg über f4 31. h4 wenigstens keine Sorgen mehr wegen eines möglichen Grundlinienmatts Kg7 32. xg5 xg5 33. Ld3 a5 34. Tg3 Kf6 Zu diesem Enspiel hab ich keine Kommentare mehr gefunden. Kf6 statt Bauer f6 erlaubt dem König die aktive Teilnahme am Spiel 35. Tg4 Ld6 36. Kf1 Le5 Tg4 ermöglichte f4, wogegen sich Ld6 richtet. Das geht zwar auch jetzt, da der Springer ja ebenfalls auf f4 nehmen könnte. Doch dann kommt der schwarze Turm mit Schach ins Spiel. Stünde der König auf d2 sähe wieder alles anders aus. 37. Ke1 Th8 38. f4 xf4 39. Sxf4 Lc6 Weiß hat einige Probleme. Der a4 hängt und der Turm von h8 droht auf h1 einzudringen. Endspielweisheit : Der Turm gehört hinter die Bauern (die eigenen und die des Gegners). 40. Se2 Th1+ 41. Kd2 Th2 42. g3 Lf3 Der Angriff auf den Turm ist nur ein Nebenprodukt. Im nächsten Zug wird der Springer getauscht, wonach g3 nicht mehr ausreichend gedeckt ist 43. Tg8 Tg2 44. Ke1 Lxe2 45. Lxe2 Txg3 46. Ta8 Lc7 Es sind zwar ungleichfarbige Läufer auf dem Brett, aber wer glaubt hier noch an Remis ? Karpov jedenfalls nicht mehr. Er gab auf !
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[Event "EU-chT (Men)"]
[Site "Skara"]
[Date "1980.??.??"]
[Round "1"]
[White "Karpov, Anatoly"]
[Black "Miles, Anthony J"]
[Result "0-1"]
[ECO "B00"]
[WhiteElo "2725"]
[BlackElo "2545"]

1. e4 a6 {Ist das mutig oder unverschämt ? Miles hatte, soweit ich das
feststellen konnte bis dahin noch nie gegen Karpov gewonnen. selbts mit den
erprobtesten Eröffnungen nicht. Ausgerechnet so eine Partie als Premiere für
"something completly different" auszusuchen ist sicher dreist.} 2. d4 b5 3. Nf3
Bb7 {Wenn man von einer Eröffnung abseits der eigenen Kentnisse überrascht
wird heißt der Rat, nicht nach einer direkten Widerlegung suchen sondern
erstmal gesund entwickeln. Bisher also für Weiß alles im grünen Bereich.} 4.
Bd3 Nf6 {Schwarz entwickelt sich erstmal ohne sich im Zentrum irgendwo
festzulegen. Auf e5 könnte der Sf6 nach d5, wo der b5-Bauer eine schnelle
Vertreibung verhindert.} 5. Qe2 {
Sc3 kann einfach vertrieben werden, Sbd2 ist dem schwarzfeldrigen Läufer im Weg
} e6 6. a4 c5 {Mit 5...e6 hat Miles den Vorstoß des weißen d-Bauern verhindert.
Jetzt wird das Zentrum angeknabbert. Das Schlagen des c5 entwickelt zwar den
Lf8, aber c4 zuzulassen,, z.B. nach c3, sieht auch nicht einladend aus} 7. dxc5
Bxc5 8. Nbd2 b4 {Alle die sich schon vorher gefragt haben ob man denn nicht
auf b5 einen Bauern gewinnen konnte...Bisher nicht, da nach Lxb5 der e4 nicht
mehr ausreichend gedeckt war. 8.Sbd2 hat das geändert z.B. 8... O-O 9. axb5 axb5
10. Rxa8 Bxa8 11. Bxb5 Nxe4} 9. e5 Nd5 10. Ne4 Be7 {Bisher gefällt mir
eigentlich die weiße Stellung ganz gut. Der Springer auf e4 steht sehr schön
und könnte mal auf d6 oder g5 landen. Aber auch Schwarz steht trotz
exotischer Eröffnung nicht so übel. Der Sd5 ist perfekt, beide Läufer haben
schöne Diagonalen und man hat Übergewicht am Damenflügel} 11. O-O Nc6 12. Bd2
{Was ist eigentlich mit 12. Bg5 ? Miles hatte folgende Variante im Kopf f6
13. exf6 gxf6 14. Bh4 Qc7 nebst langer Rochade !! Sieht irre aus, aber
Schwarz beherrscht jetzt das Zentrum und hat die halboffene Linie auf den
weißen König} Qc7 13. c4 {der zentrale Springer soll weg ! Man muß aber
überlegen wie man nach bxc3 wiedernehmen will. bxc3 gibt einen häßlichen
Isolani, Lxc3 überlässt dem Gegner nach 14...Sxc3 das Läuferpaar und Sxc3
tauscht eben auch den eigenen zentralen Springer ab.} bxc3 14. Nxc3 Nxc3 15.
Bxc3 Nb4 16. Bxb4 {Eine Partie der schweren Entscheidungen. Ich hätte hier
eher dazu tendiert mit Lb1 oder Le4 mein Läuferpaar zu behalten. Allerdings
wäre dann wieder ein schwarzer Spinger auf d5 gelandet (mit Angriff auf den
Lc3).} Bxb4 17. Rac1 Qb6 18. Be4 {Dieser Zug wurde damals als Fehler angesehen.
Es ist natürlich kein Patzer im klassischen Sinne, aber inwiefern soll sich
dadurch die Stellung verbessern ? 18.Sg5 h6 Se4, eventuell gefolgt von Tfd1
sieht aktiver aus} O-O 19. Ng5 {Nach Le4 hatte ich jetzt mit Läufertausch auf
b7 gerechnet. Warum sonst ist er auf diese Diagonale gezogen worden ?} h6 20.
Bh7+ Kh8 21. Bb1 Be7 {21... hxg5 geht natürlich nicht wegen... 22. Qh5+ Kg8
23. Qh7#} 22. Ne4 Rac8 23. Qd3 {Als gemeiner Amateuer scheut man sich
natürlich einem Weltmeisterzug ein ? zu geben, aber er scheint mir der Beginn
der schwarzen Überlegenheit zu sein. Auf den ersten Blick hängt b2, aber das
tut der d7 ja auch.} Rxc1 24. Rxc1 Qxb2 {Nach dem dazwischen geschobenen
Tausch der Türme hängt jetzt der Turm auf c1, sodaß Dxc7 nicht sofort geht.
Also vorerst ein Bauer mehr für Miles} 25. Re1 Qxe5 26. Qxd7 {Der Springer auf
e4 ist ja durch Turm und Läufer gedeckt. Nicht nur holt man sich einen der
beiden Bauern zurück. Man greift auch beide Läufer an} Bb4 {Sehr hübsch! Die
e-Linie darf der Trum nicht verlassen und wenn er nach vorne zieht wird die
Grundreihe schwach} 27. Re3 Qd5 28. Qxd5 Bxd5 {Eine für Miles klar besseres
Endspiel. Ein Bauer mehr und das Läuferpaar - unter Großmeistern reicht das.
Karpov versucht es aber noch ein bischen. Vermutlich musste er sich erstmal
damit abfinden gegen den exotischen Aufbau des Engländers solche Probleme
gehabt zu haben.} 29. Nc3 Rc8 30. Ne2 {Die Grundreihenschwäche verhindert das
Schlagen des Läufers auf d5 oder wenigstens dessen Vertreibung} g5 {
nimmt dem Springer den Weg über f4} 31. h4 {
wenigstens keine Sorgen mehr wegen eines möglichen Grundlinienmatts} Kg7 32.
hxg5 hxg5 33. Bd3 a5 34. Rg3 Kf6 {Zu diesem Enspiel hab ich keine Kommentare
mehr gefunden. Kf6 statt Bauer f6 erlaubt dem König die aktive Teilnahme am
Spiel} 35. Rg4 Bd6 36. Kf1 Be5 {Tg4 ermöglichte f4, wogegen sich Ld6 richtet.
Das geht zwar auch jetzt, da der Springer ja ebenfalls auf f4 nehmen könnte.
Doch dann kommt der schwarze Turm mit Schach ins Spiel. Stünde der König auf
d2 sähe wieder alles anders aus.} 37. Ke1 Rh8 38. f4 gxf4 39. Nxf4 Bc6 {
Weiß hat einige Probleme. Der a4 hängt und der Turm von h8 droht auf h1
einzudringen. Endspielweisheit : Der Turm gehört hinter die Bauern (die
eigenen und die des Gegners).} 40. Ne2 Rh1+ 41. Kd2 Rh2 42. g3 Bf3 {Der Angriff
auf den Turm ist nur ein Nebenprodukt. Im nächsten Zug wird der Springer
getauscht, wonach g3 nicht mehr ausreichend gedeckt ist} 43. Rg8 Rg2 44. Ke1
Bxe2 45. Bxe2 Rxg3 46. Ra8 Bc7 {Es sind zwar ungleichfarbige Läufer auf dem
Brett, aber wer glaubt hier noch an Remis ? Karpov jedenfalls nicht mehr. Er
gab auf !} 0-1
Vabanque - 01. Mai '15
Mir kommt auf in deinem vorigen Posting die Partie vollständig vor. Auf genaue Unterschiede zwischen den zwei Versionen habe ich sie bisher aber noch nicht untersucht.
Kellerdrache - 01. Mai '15
Ich hatte wohl nur momentane Darstellungsprobleme. PC aus- und wieder angemacht und schon konnte ich alles sehn.
plebs - 01. Mai '15
Danke für die Partie....die Partie selber ist nicht so unbedingt der Bringer....

A. Miles wagt sowas gegen deb WM. Das ist der Hit!
Karpov hat schlecht und Miles halt gut gespielt
Man muß sich das halt in der damaligen Zeit vorstellen.
Einfach toll.
Gerade von Miles gibt es Partien, die wirklich zwichen Wahnsinn ubd Genialität sind.

Er ist ein HERO ohne an der Weltmeisterkrone zu kratzen.

P.s. Karpov hat diese Nioederlage nie vergessen und den lieben Tony in allen folgenden Partien nicht nur besiegt, sondern atomatisiert.
Vabanque - 01. Mai '15
Irgendjemand (es könnte Korchnoi gewesen sein, denn der hasste Karpov ja bekanntlich über alle Maßen) hat mal etwas von der Art behauptet, Karpov habe gar kein Schachtalent, sondern sei nur ein hochgezüchtetes Produkt der sowjetischen Schachschule.
Nun ja. Ganz so stimmt das sicher nicht, denn Weltmeister zu werden ohne Talent, das ist sicher nicht möglich.
Allerdings steckt in solchen Radikal-Aussagen meistens ein Körnchen Wahrheit, und ich denke, so auch hier: Karpov fühlte sich stets sehr unwohl in 'unbekannten Gewässern', also in Stellungstypen, die ihm nicht vertraut waren und mit denen er sich nicht eingehend genug beschäftigt hatte. In solche musste man ihn führen, wenn man eine Chance haben wollte, und genau das hat Miles hier getan.
Karpov konnte hier keinen Vorteil aus der doch gegen alle klassischen Prinzipien verstoßenden schwarzen Eröffnung ziehen, und das hat ihn anscheinend so verstört, dass er gleich mehrere schwache Züge spielte.

Natürlich ist die Partie bemerkenswert vor allem wegen der Eröffnung, nicht wegen der Mittelspiel- und Endspielphase. Aber wegen der Eröffnung hat sie Kellerdrache hier ja auch vorgestellt.

Ansonsten gibt es natürlich schönere Gewinnpartien von Miles, und auch schönere Verlustpartien von Karpov.
Hasenrat - 01. Mai '15
Ha! Vielen Dank für diese Partie! Die kannte ich nicht - und sie bestätigt mich! Da ich mit Schwarz in letzter Zeit mit einem ähnl. bis gleichen Aufbau herumexperimentiere.
Ein schwarz-polnischer Orang-Utan vielleicht, sozusagen?!
Ich glaub, der Miles, das war ein guter Mann! Muss mich wohl mal näher mit ihm beschäftigen. .. ;-)
Vabanque - 01. Mai '15
P.S. Kürzlich habe ich ein älteres Interview mit Ivanchuk im Netz gelesen, in der Ivanchuk gefragt wurde, welche Spieler der Vergangenheit und Gegenwart er für Genies halte. Ivanchuk verneinte definitiv, als er diesbezüglich nach Karpov gefragt wurde. Unter die Genies rechnete Ivanchuk aber jedenfalls Fischer, Capablanca, Aljechin und Kasparov:

chessintranslation.com/2009/04/ivanchuk-on-chess-genius/

Nun, Ivanchuk muss es ja wissen?! ;)
Jedenfalls kann er es aber doch besser beurteilen als ein mittelmäßiger Spieler wie ich. Ich kann nur sagen, dass mit Karpov-Partien halt nicht ansprechen. Sie erscheinen mir reiz- und glanzlos. Technisch präzise Siege, nichts weiter. Natürlich gibt es Ausnahmen. Manchmal spielt Karpov überraschend scharfe Angriffe, aber das ist sehr sehr selten. Manchmal bringt er auch ein positionelles Qualitätsopfer wie Petrosjan, aber das ist genauso selten. Er macht überhaupt sehr selten etwas, das die Stellung interessant machen würde. Er spielt einfach Züge, die nach nichts aussehen, und die ich nicht verstehe, die aber gewinnen ... oder auch nicht, so wie hier ;)
Vabanque - 01. Mai '15
@Hasenrat: Ja, der Aufbau ist quasi so etwas wie Orang-Utan mit Schwarz. Mit Weiß ist das ja schon eher zweifelhaft, aber mit Schwarz - als mit einem Minustempo - eigentlich fast schon tollkühn. Im 'Blitzen' habe ich das ab und an auch versucht, bin aber meist gnadenlos eingegangen, sogar gegen wirklich nicht sehr starke Spieler :))
Hasenrat - 02. Mai '15
Wie ich jetzt las, versuchte jüngst Vachier-Lagrave mit Schwarz gegen Carlsens Réti-Aufgalopp in Schamkir einen ähnlichen Aufbau:
1. Sf3, Sf6; 2. g3, b5; 3. Lg2, Lb7; 4. Sa3, a6 - ging auf dem Königsflügel aber hernach baden.
Gut, wenn die jungen Leute auch auf Topniveau unerschrockene Phantasie besitzen.
Colorado77 - 02. Mai '15
Karpov hat schon klasse Partien gespielt, fand seine Technik super!

Hier die Partie, naja...

Kann mir bitte mal jemand sagen, wieso Weiss statt 8.Sbd2?! nicht 8.e5 ! spielt?

Nach 8...Sd5 gewinnt Weiss doch einen Bauern mit 9.axb5 nebst Abtausch auf a8, und was hat Schwarz dafür?
hiphappy - 03. Mai '15
So auf den ersten Blick:

Nach 8. .. Sg4 muss Weiß sich erstmal um f2 kümmern, gewinnt daher keinen Bauern, bleibt aber mit der Schwäche auf e5 zurück.
Vabanque - 04. Mai '15
8. e5 Sg4 9. 0-0 deckt f2. Weiß droht dann ziemlich unangenehm h2-h3.

Weiß hat die Eröffnung einfach viel zu zahm behandelt, völlig auf Sicherheit bedacht. Da braucht er sich nicht zu wundern, wenn er gegen 1... a6 nichts herausholt.

@Colorado: Ja klar, Karpov war bzw. ist ein virtuoser Techniker im Schach. Natürlich bewundere ich das ebenfalls. Aber begeistern kann mich allein Technik nicht. Das Merkwürdige ist, dass es von Karpov ja auch gar nicht mal so wenige Partien gibt, wo er im Angriff gewonnen hat. Aber selbst bei denen fehlt mir was, sie scheinen mir merkwürdig steril und gesichtslos. Eine Partie von Karpov, die mich völlig umgehauen hat, habe ich bis jetzt noch nicht gesehen.
Kellerdrache - 04. Mai '15
Man hat Bobby Fischer mal gefragt welche Schachmeister man sich denn besonders ansehen sollte wenn man sein Schach verbessern soll. Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern wen er alles so erwähnt hat aber auffällig war das Aljechin darin komplett fehlte. Fischer bewunderte Aljechin durchaus meinte aber dessen Spiel würde ohne die überragende Kreativität und Kombinationskunst überhaupt nicht funktionieren und wäre daher für den normalen Spieler ungeeignet.
Karpovs Schach ist sicher vom Unterhaltungswert nicht ganz vorne aber lernen kann man von ihm sicher mehr als z.B. von Tal und Kasparov, die ich beide ganz bestimmt hoch einschätze. Bei den hunderten von Partien wird man sicher auch ein Paar mit Kombinationen finden, aber die perfekte Technik, das Positionsgefühl und die eisernen Nerven sind eben was für ihn typisch ist.
Vabanque - 04. Mai '15
Da bringst du einen interessanten Aspekt ins Spiel.

Es stimmt, ich habe es auch meist so empfunden, dass ich aus den Partien von Aljechin, Tal oder Kasparov kaum etwas gelernt habe. Diese Partien sind zwar hochinteressant, aber äußerst kompliziert. Selbst nach längerer Beschäftigung versteht man sie nicht wirklich, und nachmachen kann man den Stil sowieso nicht ;)

Aber lernt man aus Karpovs Partien jetzt unbedingt so viel mehr? Wenn ich beim Nachspielen halb einschlafe, lerne ich auch nichts ;)
Damit will ich sagen: Ohne die Faszination ist der Lerneffekt ebenfalls gering.
Ich hatte früher mal, in alten Büchern aus der Vor-Karpov-Zeit, gelesen, von allen Weltmeistern hätten Botwinnik und Euwe die lehrreichsten Partien gespielt, wegen der glasklaren Logik. Dann habe ich also begonnen, mich mit den Partien dieser Beiden zu beschäftigen ... aber ich kam nicht weit. Obwohl Botwinniks und Euwes Partien immer noch deutlich lebhafter sind als die von Karpov, erscheinen sie mir doch überwiegend sehr, sehr trocken. Ich habe die ach so lehrreichen Bücher also wieder aus der Hand gelegt und lieber wieder zu einem Band Tal oder Bronstein gegriffen ...
Kellerdrache - 04. Mai '15
Für mich war, ach was "ist", der strategische Teil des Schachspiels immer noch der am schwierigsten zu lernende. Taktische Bilder lernt man quasi durch Erfahrung automatisch. Es hängt dann von der Rechenfähigkeit ab ob man sie beherrscht.
Aber zu lernen woran man die wesentlichen Elemente einer Stellung erkennt und wie man sie verbessert, das kann man z.B. von eher "langweiligen" Spielern wie Capablanca oder Karpov am besten lernen. Natürlich ist das manchmal auch mühsam und zäh, aber das sind die wichtigen Dinge in der Schule ja auch. Ich werde mal sehn ob ich ein Exemplar finde was unterhaltsam, lehrreich und einfach genug ist damit ich es verstehe.
Colorado77 - 04. Mai '15
Eine wundervolle Karpov Partie war die von Biel 1992 vs. Schirow im Anti-Meraner:

chessgames.com/perl/chessgame?gid=1068925

Lehrreich, wie Schirow auf den weissen Feldern bankrott ging...

Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage, dass Kasparov nicht ausschließlich, aber sehr sehr viel von seiner Eröffnungsvorbereitung und der seiner Sekundanten, die er bezahlen konnte, abhängig war/profitierte!

Eine ganz andere (taktische!) Partie, Drachen, 1974 vs. Kortschnoj:

chessgames.com/perl/chessgame?gid=1067858
Colorado77 - 04. Mai '15
So letztes Beispiel, WIE man Manöver sich merken kann....

La7 wurde ein Klassiker, mit dem Manöver gewann ich auch mal eine Partie ;-)

Stichwort "Linienverstellung" / Prophylaxe / Gegner Gegenspiel nehmen:

Geschlossener Spanier, Schwarz wird die a-Linie zugemacht, seine Türme ohne Wirkung, in der Zwischenzeit organisiert Karpov einen Königsangriff mit den Leichtfiguren.

Karpov vs. Unzicker, Nizza 1974:
chessgames.com/perl/chessgame?gid=1067846
Vabanque - 04. Mai '15
Natürlich profitierte Kasparov sehr viel von seiner Eröffnungsvorbereitung, genau wie alle anderen Top-GMs der neueren Zeit auch ... das ist doch jedem bekannt.

Aber das zu schreiben, und zwei Zeilen darunter eine (sehr bekannte) Partie von _Karpov_ zu posten, die _ausschließlich_ auf Eröffungsvorbereitung basiert, finde ich dann schon irgendwie wieder witzig ... ich bezweifle ja überhaupt nicht, dass Karpov in der Lage war, taktisch zu spielen und das gelegentlich (eigentlich gar nicht so selten) auch bewies, aber gerade dieser Erfolg ist doch einzig und allein einer vorbereiteten theoretischen Neuerung geschuldet. Ich glaube sogar mal gelesen zu haben, dass Karpov die Schlussstellung in seiner Vorbereitung bereits auf dem Brett gehabt haben soll ... nichtsdestoweniger eine tolle Partie, ohne Frage!
Colorado77 - 04. Mai '15
Mag sein, dass Karpov das schon in seiner Heimanalyse auf dem Brett hatte, weiss ich nicht. Die Partie soll zeigen, dass auch er schöne taktische Partien spielen kann, genauso wie das Finale aus der Schirow-Partie.

Für Freunde des orthodox. Damengambit hier noch eine Musterpartie, wie man als Weisser das DG behandeln kann - Minoritätsangriff:

chessgames.com/perl/chessgame?gid=1068679

Eine Partie "wie aus einem Guss" ;-)
Vabanque - 05. Mai '15
Genau das ist der Grund, warum ich als Schwarzer nie orthodoxes Damengambit spiele ... gegen den Minoritätsangriff habe ich noch kein wirksames Gegenmittel gefunden ... ich sehe ihn fast als einen forcierten Gewinnplan mit Weiß gegen das Damengambit. Das Schlimme ist, dass Schwarz kein Gegenspiel erhält, und damit gerät die Partie im besten Fall zu einer mühsamen Verteidigung, im schlimmsten Fall zu einem Debakel.

Die ganze Diskussion Kasparov oder Karpov ist natürlich letztlich fruchtlos, da hier persönliche Vorlieben und Geschmacksfragen die wohl größte Rolle spielen. Das ist dann etwa so wie bei Beatles oder Stones, Mozart oder Beethoven, Renoir oder van Gogh, Hesse oder Kafka etc.

Mir ist weder Kasparov noch Karpov sonderlich sympathisch. Aber das will nichts besagen, denn von allen Schachweltmeistern finde ich nur Tal, Spassky und Anand sympathisch - und vielleicht würde sich auch das ändern, wenn ich sie persönlich kennen würde bzw. gekannt hätte. (Während sich die Einschätzung umgekehrt bei all den anderen, die ich nicht sehr sympathisch finde, freilich auch im Fall des persönlichen Kennenlernens ändern könnte.)

Die schachlichen Leistungen von Karpov sind ja unbestritten. Siege, die mit reiner Technik erfochten wurden (falls es das überhaupt gibt), sind genauso legitim wie Siege, die Phantasie und Kreativität erforderten. Letztere schätze ich für mich persönlich halt höher ein, da mich am Schach die künstlerische Seite am meisten reizt.

Übrigens scheint in der Schachgeschichte ja mit schöner Regelmäßigkeit immer ein Kreativer einen Techniker auf dem Schachthron abzulösen - und umgekehrt.

Welcher kreative Spieler wird letztlich den Techniker Carlsen ablösen?
Vabanque - 05. Mai '15
P.S. Ich habe in dieser Rubrik ja auch schon mal eine Karpov-Partie gebracht, sogar mit sehr ausführlichem Vorspann:

/forum/topic.html?key=27bc1ee923023b90f&sv=3

So wie ich das damals geschrieben habe, kann mir sicher keine Parteilichkeit vorwerfen ;)
Kellerdrache - 05. Mai '15
Es gibt ja auch nicht-schachliche Eigenschaften, die die Weltmeister von anderen hervorragenden Spielern unterscheiden, z.B. die Nervenstärke. Leute wie Fischer, Karpov und Kasparov sind nicht nur gute Schachspieler sondern können auch hervorragend mit Druck umgehn.
Als deutscher Schachfreund muß man nur bis H wie Hübner schauen um ein Gegenbeispiel zu sehn. Schachliches Können war zur Bestzeit bestimmt Weltklasse, aber unter dem nervlichen Druck konnte er es oft nicht abrufen.
Vabanque - 05. Mai '15
Hübner ist auch ein Spieler, der in meinen Augen hochinteressantes Schach gespielt hat. Allerdings sind Hübner-Partien meist derart kompliziert, dass ich mit der Kommentierung ziemlich überfordert wäre. Zur Weltspitze gehörte er in seinen besten Tagen auf alle Fälle, doch wie du richtig bemerkst, war das Versagen seiner Nerven im kritischen Augenblick auch schon fast legendär.