Kommentierte Spiele
Bemerkenswerte Endspiele (VIX): Jansa - Pytel 1979
Vabanque - 31. Jul '16
Da die Verlustpartie von Carlsen, die den Auftakt zur neuen Reihe bilden soll, noch nicht kommentiert ist, bringe ich hier noch einen Beitrag zur Endspielreihe.
Endlich kommt auch mal ein Turmendspiel aufs Tapet, und es ist sogar eines von einem recht häufig vorkommenden Typ.
Diesmal wäre es mir sogar ein Anliegen, dass ihr möglichst auch die langen Varianten aus den Anmerkungen nachspielt. Ja, sie sind lang (meist unvermeidbar bei Turmendspielen!), aber sie sind nicht allzu schwierig (eine sehr schwierige Analyse habe ich ausgelassen, aber an der entsprechenden Stelle darauf hingewiesen), und bieten dabei zusätzliches schönes Lehrmaterial.































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Endlich kommt auch mal ein Turmendspiel aufs Tapet, und es ist sogar eines von einem recht häufig vorkommenden Typ.
Diesmal wäre es mir sogar ein Anliegen, dass ihr möglichst auch die langen Varianten aus den Anmerkungen nachspielt. Ja, sie sind lang (meist unvermeidbar bei Turmendspielen!), aber sie sind nicht allzu schwierig (eine sehr schwierige Analyse habe ich ausgelassen, aber an der entsprechenden Stelle darauf hingewiesen), und bieten dabei zusätzliches schönes Lehrmaterial.
Vlastimil Jansa Krzysztof Pytel Bagneux | Bagneux | 1979 | C99 | 1:0
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

Eine weitere Partie, die schnell ins Endspiel übergeht. Zur Eröffnung und zum Mittelspiel habe ich daher nur ein paar ganz allgemeine Kommentare geschrieben, und lediglich das Endspiel etwas genauer unter die Lupe genommen. Nach einem Fehler des Schwarzen entsteht ein Turmendspiel mit einem freien a-Bauern bei Weiß, wie es in der Praxis sehr häufig vorkommt. Da der schwarze Turm hinter den Freibauern gelangt, kann Weiß nur vorankommen, indem er seine Königsflügelbauern opfert und mit seinem eigenen König zum Freibauern läuft. Der tschechische GM Vlastimil Jansa (geb. 1942) führt uns in lehrbuchhafter Form vor, wie so ein Endspiel zu gewinnen ist. Die beiderseitigen Ungenauigkeiten in Zeitnot mindern in meinen Augen den ästhetischen und didaktischen Wert der Partie nur geringfügig. (Vielleicht wäre das aber auch ein diskussionswürdiger Umstand.) 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 d6 8. c3 O-O 9. h3 Sa5 10. Lc2 c5 11. d4 Dc7 Das Tschigorin-System im geschlossenen Spanier, wie wir es mittlerweile auch schon öfters in den kommentieren Partien hatten. 12. Sbd2 xd4 13. xd4 Sc6 14. a3 Weiß möchte Sb4 nicht zulassen. Da7 Eine eigenartige Idee, die aber nicht notwendigerweise schlecht ist. Schwarz möchte mit dem Manöver Le7-d8-b6 zusätzlich auf d4 drücken und damit ein Klärung im Zentrum herbeiführen. Weiß schiebt die Entscheidung (d4-d5 oder d4xe5) aber so lange wie möglich auf. 15. Sb3 Ld8 16. Le3 Lb6 17. Dd2 a5 Verstärkt weiter indirekt den Druck auf den Bauern d4, der nach a5-a4 hängen würde. Wie der nächste weiße Zug zeigt, hätte Schwarz aber vorsichtiger vorher noch Ld7 oder Te8 eingeschaltet. 18. Dc3 Verliert jetzt Schwarz nicht einen Bauern auf e5, da er ja c6 decken muss? Lb7 19. xe5 Sxe5 20. Sxe5 Tfc8! Rettet den Bauern - zumindest vorerst. 21. Sc6! Dieser Zug bewirkt, dass Schwarz mit einem Isolani auf d6 verbleibt. Txc6 22. Dd2 Tac8? Sieht optisch gut aus wegen der Bedrohung von c2, aber Schwarz hätte doch besser Tc4! gespielt. Jetzt verliert er auf kuriose Weise tatsächlich einen Bauern, und dummerweise wird dieser Bauerngewinn sich auch noch als entscheidend erweisen. 23. Lxb6! Dxb6 24. Dxa5! Das geht, weil nach Txc2?? die schwarze Dame hinge und nach dem Damentausch (wie er gleich in der Partie stattfinden wird) nicht bloß der weiße Lc2, sondern auch der schwarze Lb7 hängt. Manchmal beruhen solche 'kleinen Kombinationen' einfach nur auf der 'zufälligen' momentanen Positionierung gewisser Figuren. Dxa5 25. Sxa5 Txc2 26. Sxb7 Txb2 27. Sxd6 Td8 28. e5 Se8 29. Tab1 Txb1 30. Txb1 Sxd6 31. xd6 Txd6 32. a4! Nun nutzt Weiß die schwache schwarze Grundreihe aus: bxa4 scheitert am Matt. Weiß würde natürlich gerne axb5 spielen. Dann hätte er zugleich die ideale Turmstellung in solchen Positionen (hinter dem Freibauern!) b4 Die beste Chance von Schwarz: Weiß verbleibt nur der Randbauer als Mehrbauer. Wird dieser zum Sieg reichen, zumal der schwarze Turm nun hinter den weißen Freibauern gelangen wird? 33. Txb4 Td1+ Sonst Ta1 nebst Tb1 34. Kh2 g6 Mattsetzen darf man sich natürlich auch hier nicht lassen; es würde die Aufgabe von Weiß allzu sehr erleichtern. 35. Kg3 Zeitnot war wohl der Grund, warum Weiß hier nicht sofort a5 spielt, und Schwarz dies nicht ausnutzt, indem er mit Ta1 gleich hinter den Bauern geht. Kg7 36. a5 Ta1 37. Tb5 Nun haben wir eine sozusagen klassische Endspielstellung erreicht, die in ähnlicher Form oft vorkommt, weswegen ich diese Partie als außerordentlich lehrreich einschätze. Schwarz hat, wie schon erwähnt, die 'gute' Turmstellung erreicht, Weiß aber immerhin die zweitbeste, nämlich neben dem Bauern, von wo er ihn zwar nicht beim Vorrücken unterstützen kann (das wird später der weiße König tun), aber immerhin selber Bewegungsfreiheit behält (vor dem Bauern wäre diese sehr begrenzt) und den schwarzen König in seinen Aktionen beschränken wird. h5 38. Kf4 Ta2 39. Ke3 h4 Den Sinn des schwarzen Bauernvorstoßes werden wir gleich einsehen. 40. Td5 Einen Zug vor der Zeitkontrolle kann sich Weiß nicht mehr zu Kd4 entschließen und schenkt damit seinem Gegner ein wertvolles Tempo, das ihn möglicherweise hätte retten können. Kh6 41. Kd4! Ohne Bauernopfer kommt Weiß in derartigen Stellung nicht voran. Er muss ohne Rücksicht auf Verluste zu seinem eigenen Freibauern laufen, um ihn zu unterstützen. Da schwarz mit h5-h4 die weißen Bauern festgelegt hat, läuft die Aktion sogar auf ein doppeltes Bauernopfer hinaus, was dem Schwarzen später - nach dem unvermeidlichen Verlust seines Turms gegen den weißen a-Bauern - noch Gegenchancen geben wird, da seine Bauernmehrheit am Königsflügel, unterstützt vom eigenen König, dem Weißen durchaus gefährlich werden kann. Txf2 42. Kc5 Txg2 43. a6 Te2 44. a7 Te8 45. Kc6 f5 46. Tb5
Am einfachsten. Jansa glaubte, dass 46. Ta5 Kg5 47. a8=Q Txa8 48. Txa8 Kf4 49. Kd5 g5 nur zum Remis führen würde, nämlich 50. Tf8 Kg3! 51. Txf5 g4! und Weiß muss letztlich seinen Turm gegen den schwarzen h-Bauern geben. Dass in der Stellung ein studienartiger Gewinnweg versteckt ist, der mit 50. Ta4+! beginnt, sah damals niemand. Heute werden solche Irrtümer in der Stellungseinschätzung mit Hilfe von Engines aufgedeckt. Tüftler können den Gewinn ja gerne ausanalysieren. Kein Pragmatiker wird sich jedoch in einer Partie auf eine Gewinnmethode einlassen, wo er ständig darauf angewiesen ist, den einzigen Zug zu finden. Die von Jansa gewählte Methode ist viel einfacher und instruktiver. Nach dem Textzug droht Tb8 mit sofortigem Exitus.
Ta8 47. Kb7 Txa7+ Schwarz entschließt sich, den Turm sofort zu geben. Ein Ausweichzug hätte ihm ein Mehrtempo beschert, das ihn hier allerdings nicht mehr gerettet hätte, z.B. Te8 48. Ka6! Weiß erreicht damit, seinen König heranzubringen und gleichzeitig seinen Bauern dennoch umzuwandeln Kg5
48. Kxa7 Kg5 49. Tb4! Hindert den schwarzen König am Vordringen. Ebenso gut war Tb6, um den schwarzen König an den Bauern g6 zu binden. f4 50. Tb5+! Schneidet den schwarzen König endgültig von seinen Bauern ab. Kf6 51. Kb6 g5 52. Kc5! Weiß kann jetzt das Vordringen des schwarzen Königs erlauben. Ke5 53. Kc4+ Ke4 54. Txg5 f3 Den wird Schwarz tatsächlich noch verwandeln können, aber Weiß erobert dann den schwarzen h-Bauern und gewinnt mit seinem eigenen h-Bauern. 55. Tg8 f2 56. Tf8 Ke3 57. Kd5 Nun unternimmt der weiße König zum Abschluss noch eine kleine lustige Rundfahrt, und verbindet damit das Angenehme mit dem Nützlichen. Ke2 58. Ke4 f1=Q 59. Txf1 Kxf1 60. Kf3 und Schwarz gab auf. Eine Lehrstunde vom bekannten Schach-Trainer. oder Te6+ 49. Ka5 Te1 50. Tb4 Te5+ 51. Ka4 Te1 52. Tb3 Te4+ 53. Ka3 Te1 54. Tb2 Te3+ 55. Ka2 das bekannte, aber immer wieder witzige Treppenverfahren!
49. Tb8 Te1 50. a8=Q Ta1+ 51. Kb5 Txa8 52. Txa8 Dadurch, dass nicht der König, sondern der Turm auf a8 nehmen konnte, steht der weiße König nun nahe genug, um die schwarze Bauernmacht einzudämmen Kf4 53. Kc4 g5 54. Kd3 Kg3 55. Tg8 g4 56. xg4 xg4 57. Ke2 h3 58. Kf1 Kf3 59. Kg1 g3 60. Tf8+ Kg4 61. Th8 und wie Schwarz auch spielt, er büßt letztlich beide Bauern ein.
Kellerdrache - 31. Jul '16
Ein sehr schönes Endspiel. Mit Präzision und Weitblick gespielt.
Turmendspiele sind für den Praktiker eine der schwierigsten Aufgaben im Schach. Zum Einen geht Aktivität vor allem, zum anderen muss man oft genug ganz prosaisch zählen wie beim Äpfel-kaufen auf dem Markt.
Schön wie in dieser Partie ein einziges Tempo den Unterschied zwischen Sieg und Unentschieden oder sogar Verlust macht. So präzise zu spielen, vor allem nachdem man sich schon durch die Eröffnung und ein kompliziertes Mittelspiel gekämpft hat, ist eine Leistung die man nicht unterschätzen sollt.
Ich habe im Leben schon einige bessere bis klar gewonnene Stellungen vergeben weil mir in der 5.Stunde nicht mehr die volle Konzentration zur Verfügung stand.
Turmendspiele sind für den Praktiker eine der schwierigsten Aufgaben im Schach. Zum Einen geht Aktivität vor allem, zum anderen muss man oft genug ganz prosaisch zählen wie beim Äpfel-kaufen auf dem Markt.
Schön wie in dieser Partie ein einziges Tempo den Unterschied zwischen Sieg und Unentschieden oder sogar Verlust macht. So präzise zu spielen, vor allem nachdem man sich schon durch die Eröffnung und ein kompliziertes Mittelspiel gekämpft hat, ist eine Leistung die man nicht unterschätzen sollt.
Ich habe im Leben schon einige bessere bis klar gewonnene Stellungen vergeben weil mir in der 5.Stunde nicht mehr die volle Konzentration zur Verfügung stand.
Sam0907 - 31. Jul '16
Sehr interessante Partie - ja - ein Tempo kann viel ausmachen. Diesbezüglich folgt in Kürze auch von mir eine Partie, wo nur ein einziger Tempovorsprung perfekt zum Sieg geführt wird.
Vabanque - 31. Jul '16
Wobei es ja gar nicht so sicher ist, ob Schwarz in der Variante mit 43... Tc2+ wirklich Remis erreicht. Ich konnte zwar keinen Gewinn finden, aber das sagt nichts.
Mag nicht einer von euch weiteranalysieren? ;)
Mag nicht einer von euch weiteranalysieren? ;)
Kellerdrache - 01. Aug '16
Vermutlich ist es schon remis. Stellt man sich die Schlußstellung vor mit dem weißen König ein Feld weiter weg geht der verbleibende weiße Bauer ja fliegen. Also wäre die Frage ja nur ob es von a8 aus einen schnelleren Weg zu den Bauern gibt als den in der Partie. Bisher hab ich nichts gefunden. Allerdings sieht man auf einem kleinen Taschenschach (bin im Urlaub) auch nicht so viel ;-)).
Vabanque - 01. Aug '16
Ja, wenn Weiß dann so spielt wie in der Partie, erreicht er nur Remis. Es könnte aber doch einen anderen Gewinnweg geben. So wie es ja auch in der Anmerkung zum 47. Zug von Schwarz der Fall ist. Würde dann Weiß auf (47... Te8) sofort umwandeln, stünde wieder der weiße König auf a8 und wäre damit ein Feld weiter entfernt. Aber es gibt eben die raffinierte Möglichkeit, 48. Ka6 zu spielen und so umzuwandeln, dass letztlich nicht der weiße König, sondern der weiße Turm auf a8 zu stehen kommt und der K schon näher dran ist.
Vabanque - 01. Aug '16
Im Übrigen ist hier schon wieder ein Fehler in der Überschrift; es muss natürlich die römische Zahl IX sein.