Kommentierte Spiele
Brillante Mattangriffe (V): Onischuk - Hertneck 1997
Vabanque - 14. Okt '15
Im Vergleich zu den groß angelegten Königsjagden und ebenso tiefsinnigen wie vielzügigen Kombinationen der vorangegangenen Beispiele in dieser Reihe nimmt sich die folgende Partie sehr simpel aus. Und doch handelt es sich um einen Kampf zwischen zwei GMs der Gegenwart. Gerald Hertneck kommt hier als Schwarzer gleich dermaßen schlecht aus der Eröffnung, dass sich der weiße Angriff quasi von selbst spielt. Gerechtfertigt wird die Aufnahme der Partie in diese Sammlung in meinen Augen jedoch durch den hübschen Schluss mit Damenopfer und Freibauernumwandlung im 20. Zug (!!). Der ästhetische Eindruck entsteht durch die scheinbar perfekte
Mühelosigkeit des weißen Spiels. Eine Partie, die sicher gut in eine Neuauflage des vor vielen Jahrzehnten erschienenen Buchs 'The bright side of chess' von Irving Chernev passen würde. Der Verlierer würde sie wohl allerdings eher unter 'The dark side of chess' bzw. 'The darkest side of the French defense' ablegen ... den Zug 4.... Se4 hat er danach wohl nicht wieder ausgepackt ;)































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Mühelosigkeit des weißen Spiels. Eine Partie, die sicher gut in eine Neuauflage des vor vielen Jahrzehnten erschienenen Buchs 'The bright side of chess' von Irving Chernev passen würde. Der Verlierer würde sie wohl allerdings eher unter 'The dark side of chess' bzw. 'The darkest side of the French defense' ablegen ... den Zug 4.... Se4 hat er danach wohl nicht wieder ausgepackt ;)
Alexander Onischuk Gerald Hertneck Biel | Biel | 1997.07.27 | C11 | 1:0
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sd2 Sf6 4. e5 Se4 Ein Experiment mit Folgen. Wie war das noch gleich mit den Exoten-Eröffnungen? Sie bringen doch angeblich den Gegner aus dem Konzept? So wie es hier weitergeht, stört der schwarze Bauer, der nach dem Tausch entsteht, aber gar nicht die weiße Entwicklung, sondern wird nur zum Angriffsobjekt bzw. zur Schwäche, die Schwarz Sorgen bereitet. 5. Sxe4 xe4 6. Lc4 c5 7. d5 Db6 Noch ein merkwürdiger Zug. Aber auch nach dem Tausch auf d5 hat Weiß das bessere Spiel. Ich tue mich schwer zu sagen, was Schwarz in dieser Partie eigentlich falsch macht. Ohne einen offensichtlichen Fehlgriff gerät er schnell auf die schiefe Bahn und bald auch in eine ganz hoffnungslose Lage. 8. c3 Läuferverlust durch Db4+ musste allerdings jetzt verhindert werden. Sd7 Bedroht e5. 9. f4! Weiß lässt zu, dass Schwarz den schwachen e-Bauern durch en-passant-Schlag los wird. Aber nach 9... exf3 e.p. 10. Sxf3 hätte Weiß eine überwältigende Stellung; Schwarz könnte sich kaum bewegen, und die halboffene f-Linie (nach O-O) käme noch dazu. xd5 10. Dxd5 Dg6 Deckt f7 und e4 und bedroht eventuell g2. 11. Se2 Natürlich kann sich jetzt Schwarz Dxg2 nicht leisten (Dxf7+ nebst Sg3). Andererseits droht Weiß jetzt ganz einfach Sg3 nebst Abholung des e- Bauern. Die Eröffnungsexperimente des Schwarzen sind gründlich daneben gegangen. Le7 Auf Sb6 käme natürlich jetzt und auch in den folgenden Zügen immer Lb5+. 12. Sg3 f5 war wahrscheinlich noch stärker (Dxf5 Tf1). Aber der Textzug bedroht nicht nur den e-Bauern, sondern droht auch ohne Bauernopfer f5 zu ziehen. Lh4 Diese Fesselung soll es noch vorübergehend retten. Aber sie führt letztlich nur zum Abtausch des Läufers, der einzigen einigermaßen gut postierten Figur des Schwarzen. 13. O-O Lxg3 Sonst geht ersatzlos ein Bauer bei schlechterer Stellung verloren. 14. xg3 O-O 15. f5 Dxg3 Hier bot nur Dc6 noch Hinhaltechancen. 16. Lf4 Entwicklung mit Tempo ist immer wünschenswert (und in diesem konkreten Fall präziser als sofortiges e6). Dg4 17. e6! xe6 Verliert am schönsten. Aber auch nach Sb6 18. exf7+ Kh8 19. Dxc5 Lxf5 20. Ld6 (ein Vorzug der vorherigen Einschaltung von Lf4) gehen die Lichter aus: der weiße Freibauer wandelt sich um. 18. xe6 Sb6 Sf6 macht keinen Unterschied. 19. e7+!! Sxd5 Schwarz hat keine Wahl. 20. ef8=Q+ Kxf8 21. Ld6+ Doppelabzugsschach! (Der stärkste Angriffszug im Schach, wie mal jemand schrieb.) Ke8 Auf Kg8 hätte Weiß sofort mit Tf8 mattsetzen können. Nun muss noch eine Feinheit erfolgen, damit das Matt geht: erst muss dem schwarzen König das Feld d7 verwehrt werden. 22. Lb5+ Ld7 Auf Kd8 ist das Mattbild nach Tf8# vielleicht noch hübscher?! 23. Tf8# Wirklich erstaunlich, dass man einen GM an der Wende vom 20. zum 21. Jh. so besiegen kann. Hätte ich die Partie, ohne die Namen der Spieler zu wissen, nachgespielt, ich hätte sie wahrscheinlich mindestens 100 Jahre früher datiert und als Weißen jemanden wie Blackburne oder Charousek vermutet.
Kellerdrache - 15. Okt '15
Naja, auch eine exotische Eröffnung, wenn man die denn spielt, sollte man beherrschen. Hertneck scheint nie einen Plan zu haben. Die Partie ist strategisch am Ende noch bevor der Mattangriff beginnt. Der ist dann aber mit einer 6.0 in A und B Note durchgeführt, sprich absolut GM-würdig.
Vabanque - 15. Okt '15
Ich bin mir aber sicher, dass Hertneck gegen jeden von uns mit 4... Se4 gewinnen würde :)
Kellerdrache - 15. Okt '15
Aber nicht wegen der Eröffnung ;-))
koeppi - 18. Okt '15
Also hier muss ich leider widersprechen:
"Ohne einen offensichtlichen Fehlgriff gerät er schnell auf die schiefe Bahn", ist meines Erachtens falsch, denn 4. ... - Se4 ist im Tarrasch-System der frz. Eröffnung schon ein Fehlgriff...
Ich spiele seit zig jahren selbst französisch und treffe nur all zu oft auf das Tarrasch-System und selbst Suetin schätzt nach e5 Se4 als schwachen Zug ein.
Exote hin oder her, aber dort hat sich Hertneck im System vergriffen.
Se4 gibt es, ja, aber nicht im Tarrasch.
Nichts desto trotz hat es der Weiße schön ausgentuzt, das muss man schon sagen und das Mattbild ist auch ein Schönes. Des Wegen gibt es, trotz des meiner Meinung nach Eröffnungsfehlers von Schwarz, einen Daumen von mir, da es in der Rubrik ja um brilliante Mattangriffe geht.
"Ohne einen offensichtlichen Fehlgriff gerät er schnell auf die schiefe Bahn", ist meines Erachtens falsch, denn 4. ... - Se4 ist im Tarrasch-System der frz. Eröffnung schon ein Fehlgriff...
Ich spiele seit zig jahren selbst französisch und treffe nur all zu oft auf das Tarrasch-System und selbst Suetin schätzt nach e5 Se4 als schwachen Zug ein.
Exote hin oder her, aber dort hat sich Hertneck im System vergriffen.
Se4 gibt es, ja, aber nicht im Tarrasch.
Nichts desto trotz hat es der Weiße schön ausgentuzt, das muss man schon sagen und das Mattbild ist auch ein Schönes. Des Wegen gibt es, trotz des meiner Meinung nach Eröffnungsfehlers von Schwarz, einen Daumen von mir, da es in der Rubrik ja um brilliante Mattangriffe geht.
Vabanque - 18. Okt '15
Dann hätte ich wohl besser schreiben sollen: 'ohne einen WEITEREN Fehlgriff' ;)
Allerdings führt nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 (statt Sd2) Sf6 4. e5 Se4 zu genau der gleichen Stellung, wenn Weiß jetzt auf e4 tauscht. Also kein Tarrasch-spezifisches Problem, oder?
Nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Le7 5. e5 ist auch schon Se4 gespielt worden. Damit hat Tartakower als Schwarzer mal eine schöne Partie gegen H. Steiner gewonnen. Muss sie mal raussuchen, könnte das entweder in der Exoten-Reihe oder vielleicht auch in dieser hier bringen, da die Partie mit einem Mattangriff endete (der aber sicher nicht 5... Se4 zu verdanken war).
Allerdings führt nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 (statt Sd2) Sf6 4. e5 Se4 zu genau der gleichen Stellung, wenn Weiß jetzt auf e4 tauscht. Also kein Tarrasch-spezifisches Problem, oder?
Nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Le7 5. e5 ist auch schon Se4 gespielt worden. Damit hat Tartakower als Schwarzer mal eine schöne Partie gegen H. Steiner gewonnen. Muss sie mal raussuchen, könnte das entweder in der Exoten-Reihe oder vielleicht auch in dieser hier bringen, da die Partie mit einem Mattangriff endete (der aber sicher nicht 5... Se4 zu verdanken war).
koeppi - 18. Okt '15
Se4 ist im Franzosen immer ein heikles Thema... aber auch immer eine "Überraschung" für Weiß, denn auch wenn der Zug seine Schwächen hat, so muss ihn Weiß auch erstmal widerlegen und viele fangen dabei an zu stolpern...
Ich spiele es auch, aber in abgewandelter Weise...
1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sc6 4. Sf3 Sf6 5. Lg5 Le7 6. e5 Se4
Ich spiele es auch, aber in abgewandelter Weise...
1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sc6 4. Sf3 Sf6 5. Lg5 Le7 6. e5 Se4
Vabanque - 18. Okt '15
Ja, nach Einschaltung eines oder mehrerer Zugpaare kann sich die Beurteilung eines Zuges leicht ändern!
So wie Hertneck es hier gespielt hat, ist Se4 vermutlich am ungünstigsten.
Aber sehen wir es doch so: Hätte er nicht so gespielt, hätte die Partie vermutlich keinen so hübschen Schluss gehabt. Wer als GM so schön verlieren will, ist ja fast verpflichtet, in der Eröffnung schon zweifelhafte Züge zu machen ;)
So wie Hertneck es hier gespielt hat, ist Se4 vermutlich am ungünstigsten.
Aber sehen wir es doch so: Hätte er nicht so gespielt, hätte die Partie vermutlich keinen so hübschen Schluss gehabt. Wer als GM so schön verlieren will, ist ja fast verpflichtet, in der Eröffnung schon zweifelhafte Züge zu machen ;)