Kommentierte Spiele
Brillante Mattangriffe (IV): Krejcik - Krobot 1908
Vabanque - 12. Okt '15
Vorliegende Partie hätte auch in die Serie 'Glanzpartien unbekannter Spieler gepasst'. Zu Lebzeiten war der Wiener Josek Krejcik (1885 - 1957) allerdings eine recht bekannte Figur gewesen, vor allem durch seine schachhumoristischen Schriften. Aber auch am Brett galt er als gefürchteter Kombinationsspieler. Seine Erfolge feierte er allerdings weniger in der Turnierarena, sondern hauptsächlich in Kaffeehäusern. Auch
die folgende Partie wurde im Wiener Café Viktoria gespielt.
Es handelt sich hierbei um Kaffeehausschach im besten Sinne, verwegen und
fantasievoll. Der 18. Zug von Weiß gehört zu den verblüffendsten Zügen, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Als ich die Partie zum ersten Mal nachspielte, konnte ich zunächst einfach nicht glauben, dass so ein Zug möglich sein sollte. Es dauerte lange, bis ich seinen Sinn begriff.
Bei euch Nachspielenden hier wird es nicht so lang dauern, da ich den Zug
ja mittlerweile verstanden habe und erläutern kann :)































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die folgende Partie wurde im Wiener Café Viktoria gespielt.
Es handelt sich hierbei um Kaffeehausschach im besten Sinne, verwegen und
fantasievoll. Der 18. Zug von Weiß gehört zu den verblüffendsten Zügen, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Als ich die Partie zum ersten Mal nachspielte, konnte ich zunächst einfach nicht glauben, dass so ein Zug möglich sein sollte. Es dauerte lange, bis ich seinen Sinn begriff.
Bei euch Nachspielenden hier wird es nicht so lang dauern, da ich den Zug
ja mittlerweile verstanden habe und erläutern kann :)
Josef Emil Krejcik Konrad Krobot Cafe Viktoria | 1908.02.14 | C22 | 1:0
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1. e4 e5 2. d4 xd4 3. Dxd4 Sc6 4. De3 Die Eröffnung werde ich hier nicht kommentieren, da dieses Abspiel (wohl mit Recht) veraltet ist, und wahrscheinlich für niemanden noch interessant sein dürfte. g6 5. Ld2 Lg7 6. Sc3 Sge7 7. O-O-O O-O 8. f4 a6 Schwarz fasst zunächst den richtigen Plan, mit b7-b5-b4 einen Bauernsturm gegen die weiße Rochadestellung einzuleiten. 9. Sf3 f5? Nun bleibt er aber nicht konsequent dabei und spielt einen Zug, der seine Königsflanke nur schwächt. 10. Lc4+ Kh8 11. Sg5 Droht Qualitätsgewinn mittels Sf7+. De8 12. xf5 Nun kann Schwarz nicht mit dem Springer wiedernehmen, da dann nach Damentausch auf e8 und anschließendem Sf7+ nebst Sd6+ mindestens die Qualität verlorenginge. Txf5 Etwas besser war aber gxf5, da Weiß nun ein Tempo für den Angriff gewinnt. 13. g4 Tf8 14. Dh3 Die brutale Mattdrohung ist nicht zu übersehen. h6 15. Thg1 Ein Zug, der sich später als sehr nützlich herausstellen wird. b5 Schwarz führt den im 8. Zug gefassten Plan endlich aus, aber nun ist es bereits viel zu spät. 16. Sxb5! Um das Feld c3 für den Läufer frei zu machen ... xb5 17. Lc3 ... wonach wegen der Fesselung des Lg7 jetzt unmittelbar Dh6# droht! h5 Sg8 war hier etwas besser. Georg Marco wies seinerzeit in der 'Wiener Schachzeitung' in einer scharfsinnigen Analyse nach, dass darauf 18. Tde1 gewinnt. Er berücksichtigte aber nur die schwarze Antwort Sce7, während Schwarz mit bxc4!? die Dame geben und damit eine viel zähere Verteidigung aufbauen kann, die erst einmal geknackt werden müsste. - Der geschehene Zug sieht aber eigentlich ganz gut aus, da Weiß das erstrebenswerte 18. gxh5 wegen d7-d5 mit Angriff auf die weiße Dame jetzt nicht gut spielen kann (19. Dh4? Sf5 mit Vorteil für Schwarz). 18. Td6!! Wie ich schon im Vorspann schrieb, rief dieser Zug bei mir beim ersten Durchspielen nur ungläubiges Kopfschütteln hervor. Aber nach dem zum vorigen Zug Gesagten ist er nun eigentlich ganz logisch: Weiß verhindert durch Blockade, dass Schwarz d7-d5 spielen kann! Außerdem droht jetzt unmittelbar Dxh5+! gxh5 Th6#, wieder unter Ausnutzung der Fesselung des Lg7! Und wenn Schwarz den Lc4 nimmt (bxc4), so richtet der weiße Turm nach 19. gxh5 gxh5 (erzwungen) 20. Th6+ Kg8 21. Txh5 ebenfalls großen Schaden an (es droht Th8+ nebst Matt auf h8 oder h7). Der freche Turm muss also genommen werden. xd6 19. xh5 Jetzt kann Schwarz nicht mehr mit d7-d5 stören, und Weiß kann schalten und walten, wie er will. xh5 20. Lxg7+ Kxg7 21. Sf7+ Nun sieht man, wie nützlich der Turmzug nach g1 war. Zieht der schwarze König nun nach h7, so setzt Dh5 matt, zieht er nach f6, so erfolgt das Matt sehr hübsch durch Dh4+ nebst Sxd6#. Sg6 22. Txg6+! Das letzte Opfer. Weiß spielt danach mit 2 Türmen weniger! Sein verbleibendes Material reicht aber zum Mattsetzen, während das schwarze Material zu gar nichts taugt. Kxg6 Immerhin droht Schwarz jetzt aber plötzlich Matt in einem Zug durch De1#! Freilich kommt er nicht mehr dazu, diese Drohung auszuführen. 23. f5+ Nach der Partie fand ein kiebitzender Zuschauer heraus, dass Weiß hier um 2 Züge schneller mattsetzen konnte. Ich überlasse dem Leser herauszufinden, wie. Kf6 Auf Kg7 käme Dg3+ und Matt auf g6 oder g5. 24. Dh4+ Kxf5 Wieder darf er nicht nach g7. 25. Dg5+ Ke4 26. Sxd6+ Kd4 Oder Kf3 Dg3#. 27. c3# Wieder ein schönes 'zentrales' Matt.
cutter - 12. Okt '15
Das sind ja echte Perlen, die du da findest. Danke für die anschauliche Kommentierung.
Auf die Schnelle habe ich Sh8+ als Matt-Idee gefunden, ohne allerdings alle möglichen Antworten geprüft zu haben...
Grüße cutter
Auf die Schnelle habe ich Sh8+ als Matt-Idee gefunden, ohne allerdings alle möglichen Antworten geprüft zu haben...
Grüße cutter
Kellerdrache - 13. Okt '15
Ganz großes Kino ! Kaffeehaus hin oder her, der Königsangriff hätte auch jedem Weltmeister zur Ehre gereicht. Td6 hab ich beim Nachspielen selbst nach deinem Zaunpfahl-winken im Kommentar zum 17. Zug nicht gefunden. Wunderbar ! Ich wette bei manchem Zuschauer dieser Partie ist der Kaffee kalt geworden an diesem Tag.
P.S. Wenn sich jemand fragt wann den die nächste, abschliesende Partie meiner Remis-Reihe kommt: Die liegt fertig kommentiert auf meiner Festplatte. Da sie ein paar längere Varianten enthält wollte ich eigentlich warten bis der neue pgn-viewer im Einsatz ist. Aber vielleicht dauert das ja noch. Dann müsstet ihr doch noch eure Bretter entstauben.
P.S. Wenn sich jemand fragt wann den die nächste, abschliesende Partie meiner Remis-Reihe kommt: Die liegt fertig kommentiert auf meiner Festplatte. Da sie ein paar längere Varianten enthält wollte ich eigentlich warten bis der neue pgn-viewer im Einsatz ist. Aber vielleicht dauert das ja noch. Dann müsstet ihr doch noch eure Bretter entstauben.
Vabanque - 13. Okt '15
@Kellerdrache: Ja, genau das hatte ich mich neulich gefragt (wann das nächste glanzvolle Remis denn kommt). Aber ich weiß nicht, ob ich mich auch noch fragen soll, wann der neue Viewer kommt ;)
@cutter: Sh8+ in welchem Zug meinst du?
@cutter: Sh8+ in welchem Zug meinst du?
cutter - 13. Okt '15
Ich dachte 23. Sh8+, aber das war ein falscher Gedanke. Eher geht es mit Dg3+ oder Dd3+ weiter. Habs aber ohne Brett nicht gerafft...
Vabanque - 13. Okt '15
Ah, verstehe. Nee, 23. Sh8+ ist es sicher nicht.
koeppi - 18. Okt '15
Es ist Sonntag, bescheidenes Wetter... Zeit für die kommentierten Partien...
Wieder mal eine sehr gelungene Kommentierung...
das Manöver Td6 hab ich in ähnlicher Weise schon mal gespielt, allerdings auf e6 / f3, um den Gegner zu lähmen, hier diente der Zug nicht nur der Lähmung, sondern viel mehr als Verstärkung des Angriffes... und ist daher umso bemerkenswerter...
Und zur Frage, das "schnelleren", aber m.M. nach nicht schöneren, Matts... da wäre wohl Dg3+ wirkungsvoller gewesen...
Wieder mal eine sehr gelungene Kommentierung...
das Manöver Td6 hab ich in ähnlicher Weise schon mal gespielt, allerdings auf e6 / f3, um den Gegner zu lähmen, hier diente der Zug nicht nur der Lähmung, sondern viel mehr als Verstärkung des Angriffes... und ist daher umso bemerkenswerter...
Und zur Frage, das "schnelleren", aber m.M. nach nicht schöneren, Matts... da wäre wohl Dg3+ wirkungsvoller gewesen...
Vabanque - 18. Okt '15
Ja stimmt, 23. Dg3+ führt zu Matt in 3 Zügen. Wenn man es mal gesehen hat, ist es ganz einfach, aber wie du richtig schreibst, nicht schöner.