Kommentierte Spiele

Brillante Mattangriffe (XVI): Seidman - Santasiere 1939

Vabanque - 19. Dez '15
Diese Partie wollte ich schon vor längerer Zeit mal hier bringen, entschied dann aber, dass sie ohne einen Viewer, der Varianten darstellen kann, zu kompliziert zum Nachspielen ist. Denn denn Hauptvariante des weißen Opferspiels (wenn Schwarz nämlich 16... Txd7 statt Dxd7 spielt) kommt gar nicht aufs Brett, sollte aber beim Nachspielen schon genau angeschaut werden können. Jetzt, mit dem neuen Viewer geht das! Und deswegen bringe ich nun diese für mein Empfinden spektakuläre Partie. Die Protagonisten waren seinerzeit durchaus bekannte Gestalten der US-amerikanischen Schachszene.

Herbert Seidman Anthony Santasiere New York | New York | 1939 | B29 | 1:0
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. e4 c5 2. Sf3 Sf6 Eine von Nimzowitsch in die Praxis eingeführte Variante, die der Aljechin-Verteidigung ähnelt und wie diese von Seiten von Schwarz genaueste Behandlung erfordert. 3. e5 Sd5 4. Sc3 Sxc3 5. xc3 b6 Auch das wurde schon von Nimzowitsch gespielt. Allerdings hat Schwarz es schwer, zu Gegenspiel zu gelangen. 6. Lc4 e6 7. Lf4 Dc7 8. O-O Lb7 9. De2 a6 10. a4 Weiß lässt die schwarze Ausdehnung mit b6-b5 nicht zu. Sc6 11. Tad1 Le7 12. Td2 Bereitet die Turmverdopplung auf der d-Linie vor. O-O 13. Tfd1 Tfd8 14. Sg5 Provozierend! h6 Schwarz übersieht nicht das folgende Opfer, sondern seine Konsequenzen. 15. Sxf7! Kxf7 16. Txd7!! Diese Möglichkeit hat Schwarz nicht bedacht. Dxd7
Wenn nämlich Txd7 , so 17. Lxe6+! (ein drittes Opfer!) Kxe6 18. Dc4+ (stärker als Dg4+) Kf5 19. Df7+ Lf6
(Erzwungen wegen Ke4 20. f3#
bzw. Kg4 20. f3+ Kh4 21. g3+ Kh3 22. Df5# .)
20. Txd7 Sxe5 (die einzige Chance) 21. Dh5+ Kxf4 22. Txc7 und Weiß hat trotz relativem Materialgleichstand eine Gewinnstellung, da die verzweifelte Lage des schwarzen Königs bald dazu führen wird, dass Schwarz weiteres Material geben muss. Dies wäre die kritische Variante des weißen Opferspiels gewesen. In der Partie gibt Schwarz resigniert sofort die Dame, ohne sich dafür irgendwelche besseren Chancen einzuhandeln. Weiß setzt allerdings nicht minder glänzend fort.
17. Txd7 Txd7 18. Dh5+ g6
Nach Kf8 19. Lxe6 geht wegen der Mattdrohung auf f7 der Td7 verloren.
19. Lxe6+! Auch hier dieses thematische Opfer. Kxe6 20. Dxg6+ Lf6
Denn nach Kd5 folgt 21. Df7+ Ke4 22. f3#
21. Dxf6+ Kd5 22. Df5! Die letzte Feinheit. Der schwarze Turm ist bedroht, und gleichzeitig droht e6+, wodurch der schwarze König weiter in die weißen Reihen getrieben wird. Nach einer meiner Quellen gab Schwarz hier auf, nach einer anderen geschahen noch die Züge: Te7 23. e6+ Kc4 24. Dd3# Eine tolle Königsjagd!
PGN anzeigen
[Event "New York"]
[Site "New York"]
[Date "1939.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "1-0"]
[White "Herbert Seidman"]
[Black "Anthony Santasiere"]
[ECO "B29"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "47"]

1. e4 c5 2. Nf3 Nf6 {Eine von Nimzowitsch in die Praxis eingeführte Variante, die der Aljechin-Verteidigung ähnelt und wie diese von Seiten von Schwarz genaueste Behandlung erfordert.} 3. e5 Nd5 4. Nc3 Nxc3 5. dxc3 b6 {Auch das wurde schon von Nimzowitsch gespielt. Allerdings hat Schwarz es schwer, zu Gegenspiel zu gelangen.}

6. Bc4 e6 7. Bf4 Qc7 8.
O-O Bb7 9. Qe2 a6 10. a4 {Weiß lässt die schwarze Ausdehnung mit b6-b5 nicht zu.} Nc6 11. Rad1 Be7 12. Rd2 {Bereitet die Turmverdopplung auf der d-Linie vor.} O-O 13.

Rfd1 Rfd8 14. Ng5 {Provozierend!} h6 {Schwarz übersieht nicht das folgende Opfer, sondern seine Konsequenzen.}
15. Nxf7! Kxf7 16. Rxd7!! {Diese Möglichkeit hat Schwarz nicht bedacht.} Qxd7 ({Wenn nämlich} 16... Rxd7 {, so} 17. Bxe6+! {(ein drittes Opfer!)} Kxe6 18. Qc4+

{(stärker als Dg4+)} Kf5 19. Qf7+
Bf6 ({(Erzwungen wegen} 19... Ke4 20. f3#) ({bzw.} 19... Kg4 20. f3+ Kh4 21. g3+ Kh3 22. Qf5# {.)}) 20. Rxd7
Nxe5 {(die einzige Chance)} 21. Qh5+ Kxf4 22. Rxc7 {und Weiß hat trotz relativem Materialgleichstand eine Gewinnstellung, da die verzweifelte Lage des schwarzen Königs bald dazu führen wird, dass Schwarz weiteres Material geben muss. Dies wäre die kritische Variante des weißen Opferspiels gewesen. In der Partie gibt Schwarz resigniert sofort die Dame, ohne sich dafür irgendwelche besseren Chancen einzuhandeln. Weiß setzt allerdings nicht minder glänzend fort.}) 17. Rxd7 Rxd7 18. Qh5+ g6

({Nach} Kf8 19. Bxe6 {geht wegen der Mattdrohung auf f7 der Td7 verloren.}) 19. Bxe6+! {Auch hier dieses thematische Opfer.} Kxe6 20. Qxg6+
Bf6 ({Denn nach } 20... Kd5 {folgt} 21. Qf7+ Ke4 22. f3#) 21. Qxf6+ Kd5 22. Qf5! {Die letzte Feinheit. Der schwarze Turm ist bedroht, und gleichzeitig droht e6+, wodurch der schwarze König weiter in die weißen Reihen getrieben wird. Nach einer meiner Quellen gab Schwarz hier auf, nach einer anderen geschahen noch die Züge:} Re7 23. e6+ Kc4 24.
Qd3# {Eine tolle Königsjagd!} 1-0
Hasenrat - 19. Dez '15
Oh! Diese Partie spricht mich vorweg besonders an aufgrund des Spielführers der schwarzen Steine - ist doch Santasiere's folly eine meiner saisonalen Leib- und Mageneröffnungen!
Vabanque - 19. Dez '15
Ist das nicht 1. Sa3?
Hasenrat - 19. Dez '15
:O
Nach meiner Kenntnis der verkappte/verzögerte Orang-Utan 1. Sf3 ..., 2. b4 ...
Vabanque - 19. Dez '15
Ja, stimmt wohl. 1. Sa3 hat einen anderen Namen, ich komm jetzt nicht drauf.

Warum 1. Sf3 2. b4 aber einen anderen Namen haben muss als 1. b4, erschließt sich mir eigentlich auch nicht.
shaack - 19. Dez '15
Sehr interessante Partie, vielen Dank!
Vabanque - 19. Dez '15
Ich sage Dank für den neuen Viewer, der diese übersichtliche Darstellung erst ermöglich hat.
Mit dem alten Viewer müsstest du das, was jetzt in den grauen Kästen ist, alles im Kopf nachvollziehen!!
Hasenrat - 19. Dez '15
@Vabanque
Weil 1. Sf3 die Hauptvariante 1. ... e5 ausschließt!
Also exklusive Zugumstellungen sind doch manchmal schon sehr entscheidend für fundamental andere Eröffnungstypen, oder?
cutter - 20. Dez '15
Tolle Partie!
Wenn das alles durchgerechnet war, müsste es ja fast eine Fernpartie gewesen sein... Jedenfalls große Klasse!
Vabanque - 20. Dez '15
So weit ich weiß, war es sicher keine Fernpartie.

Die Frage ist natürlich, wie in solchen Fällen immer: Wie weit musste Weiß es sehen?
Hasenrat - 20. Dez '15
Sehr schön nachzuspielen - vielen Dank an den Präsentator & Kommentator und an den Bereitsteller der neuen Technik!

Das ist genau das, wenn Schachspielen mich an Flippern erinnert - nämlich mittels Serienschachgeboten den gegnerischen König über's Brett zu flippern ... und ohne genau zu wissen, wo es endet - das bringt's voll! ;-)
Vabanque - 20. Dez '15
Naja ... ich glaube, in diesem Fall wusste Weiß schon (zumindest ab einem gewissen Punkt), wo es endet ;)
Hasenrat - 20. Dez '15
Selbstverständlich! Der letzte Halbsatz bezog sich auf meine persönlichen dumpf-rohen Spieltrieb-Instinkte, die ich im Schach auslebe ... ;)
Vabanque - 20. Dez '15
Oh weh ... der feinsinnig-literarische Hasenrat als Spieler mit dumpf-rohen Instinkten, die er dann auch noch auslebt ... ts ts ... wo und wie soll das denn enden ;)
Hasenrat - 20. Dez '15
... in wenig feinsinnig gespielten Verlustpartien. ;)
Kellerdrache - 21. Dez '15
Sehr schöne Partie und auch die Varianten würdig des neuen Viewers. Im Ernst ohne die Variante nachspielen zu können ist es nicht nachvollziehbar warum Schwarz mit der Dame zurück nimmt.
Vabanque - 21. Dez '15
Und deswegen musste die Partie so lange warten :)