Kommentierte Spiele
Bemerkenswerte Blindpartien: Aljechin - Schwartz 1926
Vabanque - 21. Dez '15
Eine Reihe mit bedeutenden Blindpartien zusammenzustellen ist sicherlich keine leichte Aufgabe. So beeindruckend hier die Massen-Blindsimultanveranstaltungen von Najdorf oder Koltanowski vom sportlichen Standpunkt sind, der künstlerische Wert der bei diesen Stunts gespielten Partien dürfte nicht allzu hoch anzusetzen sein. Nur wenige Meister schufen auch im Blindspiel Kunstwerke von bleibendem Wert.
Die folgende Partie wurde von Irving Chernev als 'The Immortal Blindfold Game' (die unsterbliche Blindpartie) bezeichnet. Auch wenn Aljechins Gegner die Eröffnung ziemlich schwach behandelt hat (er lässt sich einen Springer einmauern), so ist die mit dem 34. Zug begonnene sehr lange Kombination es doch wert, die Partie in die Reihe der klassischen Meisterwerke aufzunehmen. Auf so eine Kombination könnte jeder von uns selbst in einer chessmail-Partie (also nicht bloß sehend, sondern sogar noch mit Analysebrett und ohne Zeitdruck) noch stolz sein, wie ich meine.
Die Partie stammt übrigens aus einer Veranstaltung, wo Aljechin 15 Partie gleichzeitig blind spielte.































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Die folgende Partie wurde von Irving Chernev als 'The Immortal Blindfold Game' (die unsterbliche Blindpartie) bezeichnet. Auch wenn Aljechins Gegner die Eröffnung ziemlich schwach behandelt hat (er lässt sich einen Springer einmauern), so ist die mit dem 34. Zug begonnene sehr lange Kombination es doch wert, die Partie in die Reihe der klassischen Meisterwerke aufzunehmen. Auf so eine Kombination könnte jeder von uns selbst in einer chessmail-Partie (also nicht bloß sehend, sondern sogar noch mit Analysebrett und ohne Zeitdruck) noch stolz sein, wie ich meine.
Die Partie stammt übrigens aus einer Veranstaltung, wo Aljechin 15 Partie gleichzeitig blind spielte.
Alexander Alekhine N Schwartz London | 1926.01.15 | E62 | 1:0
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. g3 Lg7 4. Lg2 O-O 5. Sc3 d6 6. Sf3 Sc6 Die Güte dieses Zuges ist fraglich. Nach dem folgenden Zug von Weiß muss der Springer sich entscheiden. 7. d5 Sa5 Verständlicherweise möchte Schwar(t)z nicht Sb8 spielen. 8. Dd3 Schon droht b4 mit Springergewinn. b6 Schafft für den Springer ein Fluchtfeld auf b7, aber Gegenspiel erlangt Schwar(t)z auf diese Weise nicht. c7-c5 sieht besser aus, da Schwar(t)z damit nicht nur den Springer gerettet, sondern gleichzeitig auch um dasZentrum gekämpft hätte. 9. Sd4 Das Dumme ist ja, dass b7-b6 gleichzeitig das Feld c6 unheilbar geschwächt hat. Typisch Aljechin, dass er (sogar im Blindspiel) sofort den Finger auf diese positionelle Wunde legt. Sb7 Schwar(t)z spekuliert auf das Feld c5, da Weiß nach b4 a5 wegen des ungedeckten Ta1 nicht a3 spielen könnte. 10. Sc6 Dd7 11. O-O a5 Das Feld c5 soll dem Springer dauerhaft gesichert werden. 12. b3 Der Beginn einer langwierigen Vorbereitung, letztlich doch b4 zu spielen. Sc5 13. Dc2 Lb7 14. h3 Sonst könnte Schwar(t)z eventuell Sg4 nebst Se5 spielen. Tae8 15. a3 Lxc6? Ganz bestimmt nicht gut. Allerdings konnte Schwar(t)z auch kaum ahnen, dass der auf c6 entstehende Bauer dereinst das Spiel entscheiden würde. Bessere Alternativen waren Sfe4 (Weiß kann nicht zweimal auf e4 schlagen, weil letztlich der Ta1 hängt!) oder auch e7-e6. 16. xc6 Dc8 17. b4 xb4 18. xb4 Sa6 19. Ta4 Deckt b4 und bereitet ggf. Da2 vor, womit der Sa6 nach b8 gezwungen und dann mit b4-b5 eingekerkert werden kann. Schwarz ist positionell damit bereits verloren. Sb8 Er fühlt sich schuldig und begibt sich freiwillig in Kerkerhaft. Aber wie im vorigen Zug angemerkt, macht das keinen Unterschied. 20. b5 Nun spielt Schwar(t)z faktisch mit einer Figur weniger. h6 21. Ta7 e5 22. Kh2 Aljechin möchte nach f2-f4 nicht durch Sh5 gestört werden. Kh7 23. f4 Te7 24. xe5 Txe5 25. Lf4 Tee8 26. Sd5 Wegen der Bedrohung von c7 muss dieser Springer genommen werden. Sxd5 27. Lxd5 Die Mehrzahl von uns hätte hier wohl mit dem Bauern zurückgeschlagen, um den Doppelbauern aufzulösen. Aljechins Zug aber ist viel stärker, wie sich zeigen wird. Der scheinbar rückständige Bauer c4 wird bald eine entscheidende Rolle spielen; aber wesentlich ist zunächst, dass der weißfeldrige Läufer aktiviert wird. Man beachte übrigens, dass das Schlagen mit dem Läufer nur möglich ist, da dank Kh2 der König den Bauern h3 deckt! Dd8 28. h4 Plant den Gegner mittels der Opfion h4-h5 weiter zu beunruhigen. De7 Natürlich muss nun Weiß etwas für seinen e-Bauern tun. 29. e3 Aber nun hat der Lf4 kein Feld, worauf Schwar(t)z mit seinem nächsten Zug abzielt. Kh8 Ein tückischer Zug! Oberflächlich betrachtet entschärft er nur das in der Luft liegende h4-h5. Aber tatsächlich droht Schwar(t)z nun ganz konkret g6-g5 mit Gewinn des Lf4! Vielleicht übersieht es der Blindspieler ja? 30. Kg2 Nein! Auch als Blindspieler übersieht Aljechin so etwas nicht. f5 Spielt Schwar(t)z nämlich jetzt 31. Te1 Kh7 32. e4 Le5 33. xf5 xf5 34. c5!! Dass der rückständige Bauer zu solcher Aktivität gelangen würde, hätte wohl niemand vermutet. Er muss geschlagen werden, da die Drohung cxb6 anders nicht abzuwehren ist. xc5 35. b6 Tc8 Anders ist c7 nicht zu decken. 36. Dc3! Tfe8 37. Lxe5 xe5 38. Dxe5!! Weiß opfert zunächst einen ganzen Turm. Dxe5 39. Txe5 Txe5 40. Txc7+ Txc7 41. xc7 Te8 Erzwungen. 42. cb8=Q Txb8 43. Le6! Die Pointe der gesamten Kombination. Der c-Bauer kostet den schwarzen Turm, und Weiß behält eine Mehrfigur. Dabei musste Aljechin aber noch ausrechnen, dass der freie schwarze c-Bauer gestoppt werden kann. Kg6 Deckt den f-Bauern. Auch auf 44. c7 Tf8 45. c8=Q Txc8 46. Lxc8 c4 47. La6 c3 48. Ld3 Bis dahin musste Aljechin es 'sehen', als er 34. c5!! zog. Nun ist es geschafft und Schwar(t)z könnte eigentlich guten Gewissens aufgeben. Kf6 49. Kf3 Ke5 50. Ke3 h5 51. Lc2 Zugzwang regiert! Kf6 52. Kf4 Kg7 53. Kxf5 Kh6 Aber vielleicht fällt der Blindspieler ja noch in die Falle 54. Kf6?? patt? 54. Kf4 Natürlich meistert Aljechin diese letzte kleine Hürde spielend. Er kann nun bequem die schwarzen Bauern einsammeln. Schwar(t)z war endlich überzeugt und gab auf. Wohl zu Recht bezeichnete Aljechin diese Partie als eine seiner besten Leistungen im Blindspiel.
freak40 - 22. Dez '15
Eine phantastische Partie...und dazu Blind-Simultan!!!
Deine Kommentierung zu loben, hieße Eulen nach Athen tragen.
Ich hätte gerne mehr....so 2-3 Partien....pro Tag ;-)))
Gruß
Deine Kommentierung zu loben, hieße Eulen nach Athen tragen.
Ich hätte gerne mehr....so 2-3 Partien....pro Tag ;-)))
Gruß
Vabanque - 22. Dez '15
Wenns hoch kommt, schaff ich alle 2-3 Tage eine kommentierte Partie ... und das ist schon viel, denn ich muss ja nebenbei auch noch was arbeiten ;)
Und im Ernst, diese Menge wäre für den durchschnittlichen Leser hier (wobei ich denke, dass es den gar nicht gibt) auch eine glatte Überforderung.
Und im Ernst, diese Menge wäre für den durchschnittlichen Leser hier (wobei ich denke, dass es den gar nicht gibt) auch eine glatte Überforderung.
Kellerdrache - 22. Dez '15
Beeindruckend wie Aljechin das komplette Brett Im Auge behält. Erst wird am Damenflügel angegriffen, dann am Königsflügel, dann wieder am Damenflügel und schlieslich im Zentrum. Und all das behält er im "Blick" ohne Ansicht des Brettes. Da soll es doch tatsächlich Leute geben die meinen er könne heute nicht mithalten. Albern! Schlieslich würde ihm der ganz Theoriestand auch zur Verfügung stehen.
Sag deinem Chef doch Du hättest für seinen Unsinn keine Zeit und müsstest dich um eine anspruchsvolle Leserschaft kümmern. Freak und ich würden es ihm danken ;-))
Sag deinem Chef doch Du hättest für seinen Unsinn keine Zeit und müsstest dich um eine anspruchsvolle Leserschaft kümmern. Freak und ich würden es ihm danken ;-))
Vabanque - 22. Dez '15
Da ich (mittlerweile) selbständig bin, müsste ich mir das schon selber sagen, bzw. meinen Kunden :-))
Aljechin könnte heute locker mithalten, vor allem bei der Leidenschaft, mit der er sich ins Schach gestürzt hat. Freilich, ob er bei der heute im Gegensatz zu damals natürlich zahlreicheren Konkurrenz auch Weltmeister werden würde, ist eine andere Frage ... aber er wäre ganz bestimmt immer vorne dabei.
Aljechin könnte heute locker mithalten, vor allem bei der Leidenschaft, mit der er sich ins Schach gestürzt hat. Freilich, ob er bei der heute im Gegensatz zu damals natürlich zahlreicheren Konkurrenz auch Weltmeister werden würde, ist eine andere Frage ... aber er wäre ganz bestimmt immer vorne dabei.