Kommentierte Spiele
Wie spielt man gegen Gambit ? Nr. 3
Kellerdrache - 28. Mär '16
Wer Russisch spielt hat schnell den Ruf ein Langeweiler zu sein. Gelassen wert man alle Versuche des Gegners ab Verwicklungen herbeizuführen und leitet in blutleere Mittelspielstellungen über. So zumindest die herrschende Meinung. Hier sieht es anders aus.
Weiß spielt Cochrane-Gambit, was übrigens gar keinen so schlechten Ruf hat, und Schwarz nimmt die Aufforderung zum wilden Tanz dankend an. Die vorliegende Partie hat zwar keinen einsamen Höhepunkt mag aber durch das aggressive Spiel beider Seiten zu unterhalten.































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Weiß spielt Cochrane-Gambit, was übrigens gar keinen so schlechten Ruf hat, und Schwarz nimmt die Aufforderung zum wilden Tanz dankend an. Die vorliegende Partie hat zwar keinen einsamen Höhepunkt mag aber durch das aggressive Spiel beider Seiten zu unterhalten.
Vitolinsh, Alvis Dautov, Rustem Sokolsky mem | Minsk | 1988 | C42 | 0:1
8








7








6
5
4
3
2








a
1

b

c

d

e

f

g

h

1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. Sxe5 d6 4. Sxf7 Kxf7 Ein Figurenopfer in der Eröffnung sieht schon sehr wagemutig aus. Bedenkt man, dass Weiß aber zwei Bauern für den Springer bekommt und eine Leichtfigur ca. 3 Bauern wert sein soll, dann haben wir hier auch nur ein einfaches Bauernopfer. Für den Minusbauern hat man die schwarze Rochade zerstört, der König steht nicht sehr sicher, Entwicklungsvorsprung oder bessere Zentrumkontrolle hat man aber erstmal nicht. 5. d4 c5 Ein Zug, den man selber vermutlich nie am Brett finden würde. Schägt Weiß den c-Bauern kann man wegen der auf der Grundreihe ungedeckt stehenden Dame nicht zurücknehmen. Außerdem droht ja auch noch Lc4+. Dautov nimmt all das in Kauf um aktiv ins Spiel zu kommen. 6. xc5 Sc6 jetzt wäre ...dxc5 möglich, da der Sc6 die Dame deckt. 7. Lc4+ 7. cxd6 Lxd6 würde zwar das Materialverhältnis ausgleichen, aber bei besserer Entwicklung für Schwarz. Das kann nicht in Vitolinsh Interesse sein. Le6 8. Lxe6+ Kxe6 und das soll gut sein ? Kein Mehr-Material und der König in der Mitte 9. O-O d5 Dautov bietet seinem Gegner sozusagen an Linien auf seinen König zu öffnen. Es widerspricht allen schachlichen Instinkten. Wer so spielt lädt Verwicklungen ein und gießt literweise Öl ins Feuer. 10. e5 ein eigenartiger Zug. Der Bauer kann nicht gut genommen werden. Aber wieso nicht auf d5 nehmen ? Se4 11. Dg4+ Kf7 12. Df5+ Ke8 Der schwarze König steckt in der Mitte und Weiß hat jetzt einen Freibauern auf e5. Wenn er sich jetzt noch endlich entwickelt stünde er doch klasse, oder ? 13. Sc3 Mir gefiel Sd2 besser. Das erlaubt dann aber Dg5, was wegen des doppelten Angriffs auf d2 den Damentausch erzwingt. Sd4 14. Dh3 Dautov drohte 14...Sxc3 15.bxc3 Se2+ nebst Sxc3 Dd7 Abtausch ist im schwarzen Interesse. Ohne weiße Dame gäbe es keinen Angriff mehr und die Bauern c5 und e5 sehen beide schwächlich aus 15. e6 Ich habe diesen Zug nicht voll verstanden. Vermutlich geht es um die Öffnung der e-Linie und Weiß hofft mit Hilfe einer Fesslung Material zu gewinnen Dxe6 16. Dd3 Sxc3 17. xc3 Dxc3 Se2+ würde ja die Dame verlieren Se2+ 18. Kh1 Sxc1 19. Txc1 Kf7 20. Tce1 Dc6 Wir haben immer noch das Materialverhältnis vom Anfang - zwei Bauern für eine Figur - und es wird langsam Zeit die Kompensation nachzuweisen. Positionell sind die c-Bauern allesamt schwach. 21. Df5+ Kg8 22. Te6 Dd7 23. De5 Lässt man das Gegenüber der Damen bestehen wird es nach Te8 schnell ungemütlich Lxc5 24. f4 h5 Wie sonst soll man den Turm auf h8 mitspielen lassen ? 25. f5 Lf8 26. f6 Df7 27. Tf3 Th6 Weiß findet keinen Weg entscheidend einzudringen. 28. Tg3 Tg6 29. Txg6 Dxg6 30. Dxd5 Df7 Nicht nur hat Weiß immer noch sein Minusmaterial, die schwache Grundreihe lässt weiteren Materialtausch kaum vermeiden. Vitolinsh gab entnervt auf
Vabanque - 28. Mär '16
Hm, gegen einen GM so ein Gambit zu spielen, grenzt fast schon an schachlichen Selbstmord. Auch wenn es rechnerisch einem Bauern entspricht, finde ich (auch vor dem Hintergrund der eigenen Spielerfahrung) das Materialverhältnis 2 Bauern gegen Leichtfigur als deutlich ungünstiger, als es ein geopferter Bauer wäre. Selbst 3 Bauern sind im Mittelspiel meist kein ausreichender Ersatz für einen Offizier.
Natürlich beweist Dautov hier mit seinem 'gut zentralisierten König' eiserne Nerven, aber man sieht auch nie eine einzige Möglichkeit für Weiß, an diesen König ranzukommen.
Natürlich beweist Dautov hier mit seinem 'gut zentralisierten König' eiserne Nerven, aber man sieht auch nie eine einzige Möglichkeit für Weiß, an diesen König ranzukommen.
Kellerdrache - 29. Mär '16
Ja, das mit den Materialverhältnissen ist so eine Sache, vor allem wenn man solche Richtwerte wie Springer und Läufer = 3 Bauern zu absolut sieht. Als Mittelwert mag das so ungefähr stimmen. In einem normalen Mittelspiel würde ich dir recht geben, dass die Figur stärker ist, im Endspiel wären die drei Bauern, wenn sie denn verbunden sind sogar stärker als die Figur.
Viele dieser Schach-Faustregeln sind mit Vorsicht zu geniesen. Was hab ich von einem Läuferpaar wenn ich nicht weiß wie ich es ausnutzen soll ? Ungleichfarbige Läufer sind also Remis ? Ich denke Carlsen würde sich erst mal zeigen lassen ob man denn auch verstanden hat wieso ;-))
Viele dieser Schach-Faustregeln sind mit Vorsicht zu geniesen. Was hab ich von einem Läuferpaar wenn ich nicht weiß wie ich es ausnutzen soll ? Ungleichfarbige Läufer sind also Remis ? Ich denke Carlsen würde sich erst mal zeigen lassen ob man denn auch verstanden hat wieso ;-))
Vabanque - 29. Mär '16
Zur weit verbreiteten Schachmeinung 'ungleiche Läufer = Remis' gibt es ein paar schöne Gegenbeispiele aus der GM-Praxis, z.B. die 8. Partie des WM-Matchs Topalov-Anand (2010), wo Topalov ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern gewann.