Kommentierte Spiele

Leko - Anand 2000: ein weiteres spektakuläres Remis!

Vabanque - 17. Aug '15
Nachdem unser Kellerdrache zur Zeit wohl eine Kunstpause einlegt, möchte ich - ohne ihm jedoch damit in den Arm fallen zu wollen - seine Reihe um eine weitere interessante Remispartie bereichern.

Leko hatte 1998 in Dortmund gegen Shirov eine verwickelte Variante im Grünfeld-Inder vorbereitet, die in der betreffenden Partie aber nicht zum Einsatz kommen konnte, da Shirov 13. Lb4 spielte. Zwei Jahre später konnte Leko in Linares dann seine Eröffnungsvorbereitung gegen Anand endlich an den Mann bringen ... und obwohl Lekos Eröffnungsexperiment 15... f5?! einer kritischen Prüfung wohl nicht Stand hält (und meines Wissens auch von ihm nicht mehr wiederholt wurde), war es in dieser Partie beinahe erfolgreich; Anand musste sein ganzes Können aufbieten, um nicht zu
verlieren.

Die Züge 22... Lxg2!! von Schwarz und 27. Txg7!! von Weiß sind auf alle Fälle sehenswert, auch wenn sie jeweils 'nur' zum Remis reichten.

Viswanathan Anand Peter Leko Linares | Linares ESP | 6 | 2000.03.05 | D85 | 1/2-1/2
8
7
6
5
4
3
2
a
1
b
c
d
e
f
g
h
1. d4 Sf6 2. Sf3 g6 3. c4 Lg7 4. Sc3 d5 5. xd5 Sxd5 6. e4 Sxc3 7. xc3 c5 Mit Zugumstellung ist nun eine der Hauptvarianten der Grünfeld-Indischen Verteidigung entstanden. Schwarz gewährt dem Weißen ein scheinbar starkes Bauernzentrum, um es hinterher angreifen zu können. 8. Tb1 Dieser Zug wird hier am häufigsten gespielt. Er beinhaltet potenziell ein Bauernopfer. O-O 9. Le2 xd4 10. xd4 Da5+ 11. Ld2 Hier ist das erwähnte Bauernopfer. Weiß könnte natürlich den a-Bauern auch mit Dd2 decken, aber von dem nach dem Damentausch entstehenden Endspiel kann er sich kaum Vorteil erwarten, da seine zentrale Bauernmehrheit von der Damenflügelmehrheit des Schwarzen aufgewogen wird. Dxa2 12. O-O Weiß kann die momentane Abseitsstellung der schwarzen Dame nicht direkt ausnutzen und beendet erstmal seine Entwicklung. Sd7 An dieser Stelle sind nicht weniger als 10 verschiedene Züge ausprobiert worden. Der geschehene Zug möchte den Springer nach b6 bringen, um dann den Lc8 entwickeln zu können. 13. Te1 Der hier hauptsächlich gespielte Zug Lb4 ist wohl stärker. Sb6 14. Ta1 Db2 15. h3 Dies ist natürlich kein Anfänger-Verlegenheits-Randbauer-Zug, sondern geschieht, um dem schwarzen Lc8 sein bestes Entwicklungsfeld g4 zu nehmen. f5?! Dieser riskante Zug war Teil der häuslichen Vorbereitung Lekos. 16. Tb1 Spätere Analysen ergaben, dass hier Ld3! zu positionellem Vorteil für Weiß geführt hätte. Anands Versuche, die Schwäche der Diaonalen a2-g8 in Verbindung mit der Abseitsstellung der schwarzen Dame taktisch auszunutzen, fruchten nicht. Da2 17. Dc1 Jetzt droht Txb6 nebst Lc4 mit Damengewinn. Aber dieser Drohung kann Schwarz leicht begegnen. Kh8 18. Ta1 Dg8 Die Figurenstellung am schwarzen Königsflügel mutet skurril an. 19. La5?! Es droht Lxb6 mit Figurengewinn. Aber Schwarz bekommt nun vollwertiges Gegenspiel. Immer noch wäre Ld3 stärker gewesen. xe4! 20. Lxb6 xf3 21. Lxf3 Lxh3! 22. Txa7 22. gxh3 Txf3 kommt gar nicht in Frage, während 22. Lxb7 Tab8 23. Txa7 Txb7! 24. Txb7 Dd5 (Mattdrohung!) 25. gxh3 Dxb7 zum Ausgleich führt. Lxg2!! Verblüffend und originell. Wie Weiß jetzt auch den Läufer schlägt, immer wird die schwarze Dame mit einem Doppelangriff aus ihrem Versteck flitzen. 23. Kxg2! Die korrekte Antwort. Nach 23. Lxg2 Txa7 24. Lxa7 Da2! (Doppelangriff gegen a7 und f2) 25. Lb6 Dxf2+ würde die weiße Königsstellung wegen der späteren Möglichkeit Dh4 und Lh6 zerstört. Und auf 23. Txa8 Lxf3! mit offener weißer Königsstellung und schwarzen Drohungen auf den weißen Feldern wollte sich Anand ebenfalls nicht einlassen. Db3 Auch in dieser Variante ein Doppelangriff der schwarzen Dame, diesmal gegen b6 und f3. 24. Dd1 Dxb6 25. Txb7 Df6 25... Dxd4 26. Dxd4 Lxd4 27. Texe7 ist Remis, weil sich Schwarz zunächst um die Drohung Txh7 nebst Ld5+ kümmern muss. Mit dem Damenzug behält Leko noch einen Giftpfeil im Köcher. 26. Txe7 Ta1! Der ist es! Forciert verliert nun 27. Dxa1 Dxf3+ 28. Kh2 Dxf2+ 29. Kh1 Dh4+ 30. Kg1 (Kg2 Tf2+) Lxd4+. Aber auch nach der instinktiven Reaktion 27. De2 Dh4! mit der Drohung Dh1+ nebst Tg1+ (Umgehungsangriff!) sieht Weiß ganz alt aus. Es gibt aber noch einen einzigen Rettungszug, und Anand findet ihn: 27. Txg7!! Nun könnte Weiß nach 27... Dxg7 einfach auf a1 schlagen; andererseits droht aber Txh7+ nebst Ld5+. Gewinnt nun gar Weiß? Txd1 28. Txh7+ Kg8 29. Ld5+ Tf7 30. Txf7 Dg5+ Nein, dieses Schach, das den Ld5 einkassiert, rettet Schwarz. 31. Kh3 Dxd5 Auch das Zwischenschach 31... Td3+ ändert nach 32. f3 nichts. Und ein anderes Schachgebot hat Schwarz nicht. 32. Thg7+ Die 'blinden Schweine' (wie die verdoppelten Türme auf der 7. Reihe gelegentlich genannt werden, wenn sie nur schachbietend grunzen, ohne das Matt erzwingen zu können) retten nun wiederum Weiß. Der Dauerschach- Pendelverkehr zwischen g7 und h7 setzt den Schlusspunkt unter eine aufregende und von beiden Seiten gleich kreativ und hochklassig gespielte Partie.
PGN anzeigen[Event "Linares"]
[Site "Linares ESP"]
[Date "2000.03.05"]
[EventDate

"2000.02.28"]
[Round "6"]
[Result "1/2-1/2"]
[White "Viswanathan Anand"]
[Black "Peter Leko"]
[ECO "D85"]


1. d4 Nf6 2. Nf3 g6 3. c4 Bg7 4. Nc3 d5 5. cxd5 Nxd5 6. e4 Nxc3 7. bxc3 c5

{Mit
Zugumstellung ist nun eine der Hauptvarianten der Grünfeld-Indischen
Verteidigung entstanden. Schwarz gewährt dem Weißen ein scheinbar starkes
Bauernzentrum, um es hinterher angreifen zu können.} 8. Rb1 {Dieser Zug

wird
hier am häufigsten gespielt. Er beinhaltet potenziell ein Bauernopfer.}

8...
O-O 9. Be2 cxd4 10. cxd4 Qa5+ 11. Bd2 {Hier ist das erwähnte Bauernopfer.

Weiß
könnte natürlich den a-Bauern auch mit Dd2 decken, aber von dem nach dem
Damentausch entstehenden Endspiel kann er sich kaum Vorteil erwarten, da

seine
zentrale Bauernmehrheit von der Damenflügelmehrheit des Schwarzen

aufgewogen
wird.} 11... Qxa2 12. O-O {Weiß kann die momentane Abseitsstellung der
schwarzen Dame nicht direkt ausnutzen und beendet erstmal seine

Entwicklung.}
12... Nd7 {An dieser Stelle sind nicht weniger als 10 verschiedene Züge
ausprobiert worden. Der geschehene Zug möchte den Springer nach b6

bringen, um
dann den Lc8 entwickeln zu können.} 13. Re1 {Der hier hauptsächlich

gespielte
Zug Lb4 ist wohl stärker.} 13... Nb6 14. Ra1 Qb2 15. h3 {Dies ist

natürlich
kein Anfänger-Verlegenheits-Randbauer-Zug, sondern geschieht, um dem

schwarzen
Lc8 sein bestes Entwicklungsfeld g4 zu nehmen.} 15... f5 $6 {Dieser

riskante
Zug war Teil der häuslichen Vorbereitung Lekos.} 16. Rb1 {Spätere Analysen
ergaben, dass hier Ld3! zu positionellem Vorteil für Weiß geführt hätte.

Anands
Versuche, die Schwäche der Diaonalen a2-g8 in Verbindung mit der
Abseitsstellung der schwarzen Dame taktisch auszunutzen, fruchten nicht.}

16...
Qa2 17. Qc1 {Jetzt droht Txb6 nebst Lc4 mit Damengewinn. Aber dieser

Drohung
kann Schwarz leicht begegnen.} 17... Kh8 18. Ra1 Qg8 {Die Figurenstellung

am
schwarzen Königsflügel mutet skurril an.} 19. Ba5?! {Es droht Lxb6 mit
Figurengewinn. Aber Schwarz bekommt nun vollwertiges Gegenspiel. Immer

noch wäre Ld3 stärker gewesen.} 19... fxe4 $1
20. Bxb6 exf3 21. Bxf3 Bxh3 $1 22. Rxa7 {22. gxh3 Txf3 kommt gar nicht in

Frage, während 22. Lxb7 Tab8 23. Txa7 Txb7! 24. Txb7
Dd5 (Mattdrohung!) 25. gxh3 Dxb7 zum Ausgleich führt.} 22... Bxg2!!

{Verblüffend und originell. Wie Weiß jetzt auch den Läufer schlägt, immer

wird die schwarze Dame mit einem Doppelangriff aus ihrem Versteck

flitzen.} 23. Kxg2! {Die korrekte Antwort. Nach 23. Lxg2 Txa7 24. Lxa7
Da2! (Doppelangriff gegen a7 und f2) 25. Lb6 Dxf2+ würde die weiße

Königsstellung wegen der späteren Möglichkeit Dh4 und Lh6 zerstört. Und

auf 23. Txa8 Lxf3! mit offener weißer Königsstellung und schwarzen

Drohungen auf den weißen Feldern wollte sich Anand ebenfalls nicht

einlassen.} 23... Qb3 {Auch in dieser Variante ein Doppelangriff der

schwarzen Dame, diesmal gegen b6 und f3.} 24. Qd1 Qxb6 25. Rxb7 Qf6 {25...

Dxd4 26. Dxd4
Lxd4 27. Texe7 ist Remis, weil sich Schwarz zunächst um die Drohung Txh7

nebst Ld5+ kümmern muss. Mit dem Damenzug behält Leko noch einen Giftpfeil

im Köcher.} 26. Rexe7 Ra1! {Der ist es! Forciert verliert nun 27. Dxa1

Dxf3+ 28. Kh2 Dxf2+ 29. Kh1 Dh4+ 30. Kg1 (Kg2 Tf2+) Lxd4+. Aber auch nach

der instinktiven Reaktion 27. De2 Dh4! mit der Drohung Dh1+ nebst Tg1+

(Umgehungsangriff!) sieht Weiß ganz alt aus. Es gibt aber noch einen

einzigen Rettungszug, und Anand findet ihn:} 27. Rxg7!! {Nun könnte Weiß

nach 27... Dxg7 einfach auf a1 schlagen; andererseits droht aber Txh7+

nebst Ld5+. Gewinnt nun gar Weiß?} Rxd1 28. Rxh7+ Kg8 29.
Bd5+ Rf7 30. Rbxf7 Qg5+ {Nein, dieses Schach, das den Ld5 einkassiert,

rettet Schwarz.} 31. Kh3 Qxd5 { Auch das Zwischenschach 31... Td3+ ändert

nach 32. f3 nichts. Und ein anderes Schachgebot hat Schwarz nicht.} 32.

Rhg7+ {Die 'blinden Schweine' (wie die verdoppelten Türme auf der 7. Reihe

gelegentlich genannt werden, wenn sie nur schachbietend grunzen, ohne das

Matt erzwingen zu können) retten nun wiederum Weiß. Der Dauerschach-

Pendelverkehr zwischen g7 und h7 setzt den Schlusspunkt unter eine

aufregende und von beiden Seiten gleich kreativ und hochklassig gespielte

Partie.} 1/2-1/2
Kellerdrache - 17. Aug '15
Ein familiärer Krankheitsfall hindert mich momentan am Kommentieren. Von daher bin ich überhaupt nicht böse, dass Vabanque hier quasi mal ausgeholfen hat ;-)). Übrigens eine wunderschöne Partie - der schwarze Gegenangriff mit Lxh3 und Lxg2 ist schon ein Kunstwerk. Leko hat eigentlich ja eher den Ruf so ein positioneller Vertreter zu sein, aber wie man sieht beherrscht er zur Not auch die scharfe Gangart.
Vabanque - 17. Aug '15
Oh, dann gute Besserung - wen es auch unbekannterweise betreffen mag.

Leko hat den Ruf eines langweiligen Positionsspielers, aber auch von ihm gibt es scharfe Angriffspartien - genau wie es von Petrosjan oder Capablanca welche gibt.

Das wäre ja wieder mal eine neue Reihe: 'Angriffspartien von Positionsspielern' ;)
cutter - 17. Aug '15
Wirklich eine sehr schöne Partie. Danke.